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BLOG vom 20.04.2007


Insiderbericht: Prämierung bester Eigenheime Englands
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Auch dieses Jahr 2007 organisierte die Londoner Zeitung „Evening Standard“ einen Wettbewerb, um die besten Eigenheime zu prämieren. Mein Blick fiel zufällig auf den Artikel, der die Leser aufforderte, sich als Preisrichter an diesem Anlass zu bewerben. Warum auch nicht? So beschrieb ich, auf rund 100 Wörter beschränkt, meine Beweggründe, weshalb ich mitmachen wollte. Ich gebe nachstehend meinen Antrag auf Englisch wieder:
 
„As a Swiss living for over 30 years in London I am keen to follow contemporary architectural trends, not ignoring the jewels from the past.
 
7 years ago I had our home built across the road on a former tennis court. We extended the structure of the well-built former coach house – blending the old structure with the new addition, separated by a glass slope over the entrance in the middle. Now we can enjoy the sun reverberating through our home.
 
From our flat across the road I could watch the building grow, and inject new ideas just-in-time. Naturally, I paid special attention to insulation and to the ,strategic positioning’ of windows and patio doors on both ends of the building so as to harness as much natural light as possible.”
 
Am 5. Februar 2007 wurde ich zur 2. Vorwahl der Teilnehmer im Nordcliffe House, dem Sitz der „Associated Newspaper”, eingeladen. Ich hatte keine Ahnung von diesem hochmodernen Gebäude an der Derry Street, knapp 50 Meter hinter der Metro-Station „High Street Kensington“ im Londoner Zentrum versteckt. Ein Atrium überspannt das 6-stöckige Gebäude, umringt von den Büroräumlichkeiten hinter Glasfenstern im Innenhof. Es war schon nach Geschäftsschluss, als ich dort erschien. Die meisten Journalisten waren bereits ausgeflogen, als Schub um Schub die Jury-Aspiranten im Lift zum 6. Stock befördert wurden. „Befördert“ tatsächlich, denn dort haust wie immer „hoch oben über anderen“ die Geschäftsleitung. Dort gibt es noch Executive Offices und geschmackvoll dekorierte Empfangsräumlichkeiten.
 
An diesem 1. Anlass ging es darum, ein bisschen Tuchfühlung miteinander zu nehmen und mehr übers Umfeld der Jury-Funktion zu erfahren. Einige Redakteure der Sektion „Homes & Property“ des „Evening Standard“ und andere Fachspezialisten zogen uns nach und nach zur Beurteilung als potentielle Jurymitglieder diskret ins „Verhör“. Unter den Anwärtern waren auch ein Perser, beruflich ein Revisor, mit dem ich plauderte, auch eine Schweizerin, die als Spezialistin für sammelwürdige Banknoten in einem bekannten Londoner Auktionshaus arbeitet, eine Biologin und allerlei mit dem Bauwesen verhaftete Geschäftsleute, teils selbstständig, teils im Firmenkader arbeitend.
 
Getränke und Canapés wurden angeboten, ehe der Leiter dieses Wettbewerbs uns in die Aufgabenbereiche einführte. Für uns galt es (soweit wir als Jury-Mitglied zu urteilen hatten), aus 10 Eigenheim-Kategorien etwa das „beste Familienheim mit bis zu 5 oder mehr Schlafzimmern“, den „besten Umbau“ (etwa von ausgedienten Kirchen, Spitälern, Schulgebäuden usf.) oder aber das „beste neue Appartement“ zu wählen.
 
Die Bauherren, worunter viele Grossfirmen wie Barratt, in Gefolgschaft von Architekten, hatten bereits insgesamt 100 Dossiers mit der Beschreibung ihrer Neubauten mitsamt Grundrissen, Raumaufteilung, Ausstattung der Räumlichkeiten, zusätzlich mit Farbaufnahmen bereichert, eingereicht.
 
In den folgenden Wochen werden, so wurde uns mitgeteilt, diese Dossiers zuerst von der separaten professionellen Jury gesichtet und beurteilt, verbunden mit der Besichtigung der Wohngebäude in und ausserhalb von London. Erst dann kämen wir – die aus der Leserschaft gepflückte Jury – zum Zuge. Wir spielen folglich die 2. Geige.
 
Einige Wochen später kriegte ich meine Aufnahme in die Jury bestätigt. 2 Kategorien wurden mir zugeteilt: „bester Umbau“, und „bestes Eigenheim mit 5 und mehr Schlafzimmern“. So trat ich schliesslich vorgestern meinen 9 bis 5 Uhr (unbezahlten und dennoch ehrenvollen) Arbeitstag an, wiederum im 6. Stock des Nordcliffe House. Etliche Bewerber, konnte ich feststellen, waren zuvor aus dem Rennen geschieden. Wir begrüssten einander jovial: „Nice to see you again!“ Das kittete das Gefühl der Zusammengehörigkeit. (Der Perser, die Biologin u. a. waren mit dabei, die Schweizerin hingegen fehlte.)
 
In kleinen Gruppen zu je 4 oder 5 Personen verteilten wir uns an die 5 Rundtische. Ich bezog meinen Platz am Tisch, der mit „Umbau“ markiert war. 2 bedrohlich grosse Kartonschachteln mit 11 dicken Dossiers der Baufirmen erwarteten uns neben dem Tisch. Es galt, diese innerhalb von knapp von 2 ½ Stunden auszuwerten.
 
Ein systematisches Vorgehen erwies sich bald als unmöglich. Wir tauschten zuerst untereinander die Dossiers aus und konnten den Text nur überfliegen und die Fotos flüchtig ansehen. Wir alle kritzelten unsere Notizen hastig auf ein Blatt Papier und hielten damit die Plus- und Minuspunkte eher arbiträr (der Beliebigkeit überlassen) und subjektiv fest bezüglich qualitative Ausstattung, optimale Raumaufteilung und Ausstattung, und – unvermeidlich – auch den Punkt „value for money“.
 
Der letztere Punkt bereitete mir immer wieder und mehr und mehr Schwierigkeiten. Zwar war es innovativ und eindrücklich, was man nicht alles aus einem einstigen lang gezogenen Schuppen – zwischen 2 Liegenschaften irgendwo im Londoner Stadtzentrum eingezwängt – machen konnte. Ich selbst hätte dort einfach 2 Eisenbahnwagons auf dem äusserst schmalen Streifen Land eingeschoben und entsprechend zur 2-Zimmer-Wohnung umfunktioniert, mit Küchenwinkel, Duschraum/WC, Wohn- und Esszimmer kombiniert plus Schlafraum Das hätte keine £ 1,2 Millionen gekostet. Halt, ich muss mich vorsichtig äussern, denn uns allen wurde strengste Geheimhaltungspflicht auferlegt. Dieses Embargo wird erst anlässlich der offiziellen Prämierung im Ballraum des Dorchester Hotels am 18. Mai 2007 gelüftet … Ich nehme an, dass für diesen Sonderfall eine besondere Kategorie geschaffen wird.
 
Als schwierig und problematisch erweist sich immer wieder der Umbau einer Kirche aus der viktorianischen Zeit, denn weder die hohen Fenster noch der Dachfirst und der Turmaufbau dürfen dabei verändert werden. Zuerst müssen kostenaufwendig die teils lecken Giebel und viel altes Gebälk ersetzt werden. Den komplexen Sicherheitsvorschriften (worunter dem Brandschutz) gilt es Genüge zu tun, ehe 4 Stockwerke im Innenraum eingefügt werden können. Vor 10 Jahren hätte sich ein solcher Umbau wohl für eine Kapelle gelohnt. Jetzt aber, wo die Liegenschaftspreise in die Stratosphäre gewachsen sind, weitaus höher als der höchste Kirchturm, werden solche Kirchen kostspielig umgebaut. Ein Stockwerk zerteilt ein gotisch-hohes Fenster. Das muss als innenarchitektonisch zum „Feature“ verwandelt werden. Ein Podium wurde davor gesetzt, gerade ausreichend für einen Diwan. Mit etwas marokkanischem Dekorum (wie Kissen und Vorhängen) mag das ja hingehen.
 
Besser geht es mit dem Umbau von alten „Tenement Blocks“ – Mietskasernen, um 1900 von Wohlfahrtsorganisationen für Arbeiter errichtet. In dem uns vorgelegten Fall erkannte ich „value for money“. Die Badezimmer sind schlicht weiss gekachelt und zweckgerecht ausgestattet. Die Zimmerdecken sind hoch geblieben, während sie in vielen Neubauten beinahe erdrückend tief hängen. Hier habe ich auf meinem Spickzettel bloss das Wort „Bravo!“ gesetzt. Die Preise für diese Wohnungen sind einigermassen erschwinglich geblieben, geeignet für die unterbezahlten Krankenschwestern und Lehrer.
 
Zwischenhinein gesellte sich einer der Jury-Fachexperten zu uns, um unsere Fragen zu beantworten. Jeder von ihnen hielt es mit seiner eigenen Mühle und lobte die neuen Gebäude, die ihm zuvor zur Begutachtung zugewiesen wurden, himmelhoch, koste es was es wolle.
 
Nur noch eine ½ Stunde bis zum Mittagessen … Die Vorspeise wurde schon auf die Anrichte getragen … An unserem Tisch, und an den anderen ebenfalls, verebbte merklich das Interesse an Neubauten. Die Jury am Nachbarstisch hatte schon ihre Aufgabe erfüllt und strebte entschlossen der Vorspeise zu, füllte Gläser mit Wein.
 
Nein, wir wollten nicht länger werweissen. Wir verwarfen und versenkten die Dossiers in die Schachteln, da wir bloss 2 bis 3 in die Ränge bringen mussten. Die Dame mir gegenüber beäugte besorgt, wie sich schon wieder ein Arbeitstisch leerte. Rasch einigten wir uns, stimmten ab und verteilten Noten zwischen 4 (ungenügend) und 10 (unübertrefflich) in der Reihenfolge der Auswertungskriterien. Wir verteilten viele 10, 9, 8. Dennoch waren wir die letzte Gruppe, die das Buffet erreichte. Aber wir gingen nicht leer aus: Die Portionen waren genau abgezählt.
 
Die auf eine Stunde beschränkte Mittagspause verlängerte sich um eine ½ Stunde. Endlich bezogen wir wiederum die Rundtische. Zum Glück waren einige meiner Jurykollegen von der „Umbau“-Gruppe an meinem Tisch, der diesmal dem „bestes Eigenheim mit 5 und mehr Schlafzimmern“ galt. Wir wussten jetzt alle, wie man ungleich zügiger vorankommt. Nach 3 Stunden, genau 5 Uhr nachmittags, hatten wir unsere Urteile zu dieser Kategorie gefällt. Diesmal waren wir drittletzte Gruppe, die erschöpft das Feld räumte. Die Fachexperten waren froh, dass wir auf ihre Vorschläge eingegangen sind. Die Politik der reibungslosen Entscheidungsfindung hatte gesiegt.
 
Draussen auf der Strasse konnte ich endlich meinem Drang nach Nikotin nachgeben und eine Zigarette rauchen. Es ist lange her, seitdem ich einen klassischen 9-bis-5-Uhr-Arbeitstag geleistet hatte (viele meiner Arbeitstage beginnen heute früher und enden später) und mich wie einst als „Commuter“ (Pendler) in der dicht gedrängten „District Line“ auf den Heimweg machte.
 
Wirklich, ich habe mir das mit den bevorstehenden Prämierungen verbundene Festessen im Dorchester Hotel voll und ganz verdient. Obendrein habe ich hinter die Kulissen geguckt und verstehe jetzt die Marktdynamik auf dem Liegenschaftsmarkt etwas besser. Das Preistreiben wird in England (im Gegensatz zu den USA) weiterhin anhalten, weil sich gegenwärtig viele superreiche „Celebs“, Russen, Inder und wohl bald auch Chinesen in London einnisten. Einem Normalverdiener ist der Einstieg ins Eigenheim verbaut.
 
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