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BLOG vom 24.04.2007


„Nosche jan“ in Lörrach: Raffinierte afghanische Spezialitäten
Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D
 
Den meisten Leuten ist Afghanistan durch die unseligen Kriege und Besatzungen bekannt (1,5 Millionen Kriegstote, 5 Millionen Afghaner flüchteten nach Pakistan). Kaum einer weiss etwas über den in Zentralasien liegenden Staat, der zwischen Persien, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, China und Pakistan liegt; nur die Taliban haben es zu Berühmtheit gebracht. Das faszinierende und schöne Land hat nicht nur eine jahrtausendlange Kultur, sondern auch eine originelle Kochkunst zu bieten.
 
Bisher hatte ich noch keine Ahnung, wie sich die afghanischen Speisen zusammensetzen. Am 19. April 2007 hatte ich Gelegenheit, die raffinierte afghanische Küche kennenzulernen. Anlass war unser regelmässiger „Stammtisch“, ein Treff mit ehemaligen und noch aktiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Firma Novartis.
 
Wir trafen uns im Restaurant Tchopan in der Schwarzwaldstrasse 2 in D-79539 Lörrach. Dieses afghanische Spezialitäten-Restaurant wird von der Familie Amir seit fast 2 Jahren in Lörrach betrieben. Vorher führte die Familie 13 Jahre lang ein Speiselokal in Kandern. Wie mir Mohammed Amir am Telefon bestätigte, kommen viele Gäste auch aus der Schweiz und dem Elsass. Zum Erfolg des Restaurants trugen auch die Internetwerbung und die Mund-zu-Mund-Propaganda bei. Es werden auch Speisen für Familien- und Betriebsfeste geliefert. Ein Nebenzimmer mit orientalischem Flair steht für Familienfeste und Hochzeitsfeiern zur Verfügung.
 
Im Büchlein „Schlemmerreise mit dem Gutscheinbuch“ (www.gutscheinbuch.de) informierte ich mich als neugieriger Blogger schon vorab, was das Lokal zu bieten hat. Da konnte ich schwarz auf weiss lesen, dass die afghanische Küche raffinierter als die indische und pakistanische und ideenreicher als die iranische sei.
 
Als ich ins Restaurant eintrat, wurde ich von einer dezenten orientalischen Hintergrundmusik und wunderschönen orientalischen Einrichtungen überrascht. Wie ich mir sagen liess, ist das Lokal ganz im Stil des Heimatlandes der Betreiber eingerichtet. Wer Lust hat, kann sich an herrlich geschnitzten braunroten Tischen auf afghanischen Stühlen oder wie in 1001-Nacht auf orientalischen Sitzkissen niederlassen, und die für uns fremdartigen Köstlichkeiten geniessen.
 
Besonders eindrucksvoll war für mich die geschmackvolle Ausstattung des Gastraums. Bei den Gästen dürften die Wandteppiche, die herrlich gestickten Kissen, Holzsäulen und Bilder von schönen Landschaften, einem Hirten mit seinen Schafen (Tchopan bedeutet „Hirte“) oder ein Bild mit afghanischen Reitern, einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Ein aus Perlen geschaffenes Bild an der Wand am Ende des schmalen Gastraumes fiel mir besonders auf. Darauf war eine Buddha-Statue in einer Felsennische abgebildet. Diese ähnelte einer solchen aus Bamyan. Die riesigen Statuen wurden ja von den Taliban aus religiösen Gründen 2001 gesprengt. Mir kam auch in den Sinn, dass ein schweizerisches Team eine Rekonstruktion durchführen wollte. Bisher ist es bei den Plänen geblieben. Persönlich habe ich damals diese sinnlose Zerstörung von Kulturgut sehr bedauert.
 
Blick in die Speisekarte
Dem Gast fällt es sicher schwer, aus der reichhaltigen Auswahl von 90 verschiedenen landestypischen Getränken und Speisen das für ihn schmackhafteste Gericht zu wählen. Die meisten Gerichte sind mit Reis, der Hauptnahrung der Afghanen. Hier eine kleine Auswahl:
 
Kalte Heimatgetränke: Dooch ist ein Joghurtgetränk mit frischen Gurken und Pfefferminze, verdünnt mit stillem Wasser. Keschmesch ahb ist ein Getränk mit Rosinen, Mandeln, Pistazien, eingelegt in stillem Wasser. Ahbe Limo ist frisch gepresster Zitronensaft, verdünnt mit stillem Wasser, verfeinert mit Rosenwasser. Ahbe Ahm, ein Getränk aus Ost-Afghanistan, besteht aus Mangosaft mit Joghurt und Pistazien.
Tees: Es gibt Grün- und Schwarztee mit Kardamom.
 
Vorspeisen: Hackfleischplättchen mit Lauch, Zwiebeln und Orientgewürzen, verfeinert mit Knoblauchjoghurtsauce (Tchablikabab, pikant).
Frittierte Teigtasche, gefüllt mit Moong-Bohnen, Zwiebeln, frischem Koriander, frischer Pfefferminze (Sambosa, pikant). Im Angebot sind noch weitere vegetarische Vorspeisen mit Auberginen und Zucchini.
 
Hauptgerichte: Es gibt viele Reisspezialitäten mit Lamm, Geflügel, Fisch (frittierte Forellen), Rind, aber auch vegetarische Reisspezialitäten.
 
Desserts: Aftab (Orangensaft mit Vanilleeis und Sahne), Firnie (Milchpudding mit Rosenwasser und Pistazien), Kalibie (Eis mit Kardamom und Pistazien), Pat-schah (frische exotische Früchte mit Pistazieneis und Sahne).
 
Ich wählte als Getränke Dooch und Ahbe Ahm (jeweils 2,60 Euro) und als Hauptgericht Zamarodpalau (Basmati-Reis mit Blattspinat, dazu Lammfleisch, verfeinert mit Masala) für 13,50 Euro aus. Das 1. Getränk mit Joghurt und Gurke war etwas gewöhnungsbedürftig, aber passte gut zur Hauptspeise. Später folgte Ahbe Ahm, das bereits erwähnte Getränk mit Mango.
 
Die anderen Gäste waren mit den Speisen und Getränken ebenfalls sehr zufrieden. Für mich ungewohnt waren die orientalischen Gewürze. Neugierig, wie ich bin, wollte ich unbedingt eine Speise mit Kreuzkümmel probieren. Meine Tischnachbarin, die sich Zirapalau (Lamm, zubereitet mit Kreuzkümmel und Erbsen in Currysauce) auftischen liess, bemerkte meinen gierigen Blick und liess mich naschen. Es schmeckte köstlich. Ich revanchierte mich und gab ihr eine Kostprobe von meiner Speise. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, waren alle Gäste von den Gerichten begeistert. Das Lokal kann ich mit bestem Gewissen weiter empfehlen.
 
Was mich besonders freute, war Folgendes: Alle Speisen, die im Tchopan aufgetischt werden, enthalten keine Gelatine, Geschmacksverstärker, Farbstoffe und Konservierungsstoffe. Das ist wirklich eine Besonderheit. Die typischen Speisen können nach Wunsch scharf, pikant oder mild gewürzt zubereitet werden.
 
Der Gast ist ein Freund Gottes (Mehman Doste-e Khoda-st)
„Der Gast ist ein Freund Gottes“, sagen die Afghanen. Kein Gast verlässt das Haus ohne dass ihm etwas zum Essen angeboten wird. Als unehrenhaft und unhöflich gilt, wenn zu wenig aufgetischt wird.
 
Ich fragte mich während des Essens, wie die Afghanen leben und was sie sonst so essen. In der Zeitung zum Deutsch-Afghanischen Schüleraustausch wurde ich fündig: Auf den Tisch kommt, was in der jeweiligen Region wächst. Im Norden und Nordwesten des Landes in Zentralasien gibt es Gerichte mit Getreide, Reis, Zucker, Öl, Fleisch und Milch. Im Süden und Osten des Landes kommen insbesondere Mehlspeisen auf den Tisch. Wer es sich leisten kann, der speist 3-mal am Tag.
 
Interessant ist, was der Afghane so über den Tag isst. Zum Frühstück gibt es meist Fladenbrot, Tee oder Milchtee, Milch, Eier, Marmelade. Das Mittag- und Abendessen besteht aus warmen Speisen mit Fleisch, Reis, Brot und Gemüse. In den meisten afghanischen Familien wird am Boden gespeist. Wie mir Frau Amir sagte, wird eine meist weisse Tischdecke auf den Boden gelegt; darauf werden die einzelnen Speisen in Schüsseln gestellt. Die Familienmitglieder oder Gäste setzten sich dann auf Sitzkissen und lassen es sich schmecken. Gegessen wird mit dem Löffel oder der rechten Hand. Dabei werden 3 Mittelfinger zu einem Löffel gewölbt und dann zum Mund geführt.
 
Weitere Infos: Afghanistan hat 29 Millionen Einwohner und eine Fläche von 652 225 Quadratkilometern. Es werden 57 verschiedene Sprachen gesprochen. Es gibt über 200 verschiedene Dialekte. 99 % der Bevölkerung sind Muslime.
 
Das afghanische Volk kam im 20. Jahrhundert in die Mühlen des Kalten Krieges. Zunächst wurde das Land von den Russen besetzt (1979–1989) – während dieser Zeit wurden die Taliban von der USA finanziell unterstützt, um die Russen aus dem Land zu treiben –, dann nach Rückzug der Russen gab es Machtkämpfe im Land. Später, nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon, marschierten die Amerikaner und Briten ein, jagten die Taliban und zerstörten angeblich viele Ausbildungslager der „Al-Kaida“ und Luftabwehrstellungen von Osama bin Laden. Besonders kritisiert wurde der Einsatz von Streubomben, bei denen viele Zivilisten getötet oder verwundet wurden. Viele der Afghanen sind mit der amerikanischen Kriegsführung unzufrieden.
 
Das Volk muss bei solchen Auseinandersetzungen immer bluten und leiden. Es bleibt zu hoffen, dass in Afghanistan bald Frieden einkehrt und der Vielvölkerstaat ein freies Land und von den westlichen Kriegsmächten in Ruhe gelassen wird.
 
Internet
http://d-r-k.lernnetz.de/fliegen13i8b.htm  (Afghanische Speisen mit Rezept für Bürk)
(Zeitung zum Deutsch-Afghanischen Schüleraustausch. Infos: Länderbeschreibung, sowjetische Besatzung, Geschichte Afghanistans, Einmarsch der US-Truppen, der Islam, Amerikas Geopolitik in Bezug auf Afghanistan, Schulsystem, Kultur, Drogen, Unterschiede zwischen Afghanistan und Deutschland.
 
Hinweis auf weitere Blogs mit Afghanistan-Bezug
08.11.2005: „Happy slapping” und „Bitch slapping“ breiten sich aus
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