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BLOG vom 25.04.2007


Hagneckkanal im Grossen Moos: Zurechtweisung der Aare
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Bei meinen unbeholfenen Versuchen, das Flusssystem Aare zu ergründen und zu erforschen, war eine gravierende Lücke zu schliessen: der Aare-Hagneck-Kanal. Er gilt als Schlüsselelement der Juragewässerkorrektionen. Denn die Aare wurde vor rund 130 Jahren von Aarberg im Berner Seeland nach Westen in den Bielersee abgeleitet, mit dem sie zuvor selber nie Kontakt gesucht hatte, denn sie floss auf einer kürzeren Linienführung nordwärts via Meienried (im Bürenamt des Kantons Bern), wo sie sich mit der Zihl vereinigte, via Büren an der Aare und dann Solothurn entgegen. Der Bielersee, der Neuenburgersee und der Murtensee wurden durch Verbindungskanäle zu einem System des Ausgleichs zusammengeschlossen, so dass die Überschwemmungsgefahren vermindert werden konnten (Blog vom 13. April 2007: Aarefahrt Solothurn–Biel: Vom Sumpf nur noch eine Spur).
 
Das „Grosse Moos“
Ich reservierte den Samstag, 19. April 2007, zum Kennenlernen dieses 8 km langen Kanals, erwartete nicht allzu viele neue Erkenntnisse und war am Ende umso mehr überrascht von der Fülle an Einsichten und Erlebnissen, die ich am Abend gesammelt hatte. Im Wesentlichen habe ich das nach der Trockenlegung um bis zu 1,5 m abgesenkte, ausgedehnte Berner Seeland erlebt, dem man einst „Grosses Moos“ sagte, als es vor der 1. Juragewässerkorrektion noch das grösste Sumpfgebiet der Schweiz war, das immer wieder von Überschwemmungen ertränkt wurde. Der Name hat sich bis heute erhalten.
 
Unter der sengenden Sonne auf den Dämmen wandernd, erlebte ich die befreiende Weite des ausgetrockneten Mooses, das zur Kulturlandschaft wurde, in der Bauern bereits das erste Heu maschinell einheimsten. Der Winterweizen stand beinahe einen halben Meter hoch. Der Raps blühte und färbte grosse Flächen gelb ein. Velofahrer und Reiter gingen ihren Vergnügen nach, und hinter einem Wäldchen („Beich“) übten sich unsichtbare Schützen gelegentlich auch im Serienfeuer. Von einem heimtückischen Moor, das an die Schilderungen von Annette von Droste-Hülshoff und an Theodor Storm erinnert, ist da nichts mehr zu spüren.
 
Eine biologische Aufwertung wäre dringend; doch das dafür nötige Land ist schwierig zu beschaffen, weil es im Besitz von Bauern oder Flurgenossenschaften ist. Ein Biotopverbund als Gemeinschaftswerk des freiburgischen Verbands der Gemeinden des Seebezirks und des bernischen Regionalplanungsverbands Erlach–östliches Seeland EOS nimmt sich dieser wichtigen und delikaten Aufgabe als Gegenpol zur Intensivlandwirtschaft und auch zu den Industriezonen an (wie insbesondere in Cressier NE mit seiner seit 1966 bestehenden Erdölraffinerie von Petroplus, die auf einer Fläche von rund 60 Hektaren etwa ¼ des Bedarfs an fossilen Brennstoffen in der Schweiz bereit stellt). Der planerische Irrsinn mit der vom damaligen CVP-Bundesrat Joseph Deiss um 2005 geförderte Absicht, ausgerechnet im Grossen Moos (in Galmiz FR) ein riesiges Biotechunternehmen des US-Pharmakonzerns Amgen zu errichten , zeigte, wie labil und zerstörerisch unglückliche politische Konstellationen im Umfeld des verwirrten neoliberalen Zeitgeists sein können. Dennoch hat das Grosse Moos den Hauch des Geheimnisvollen und wegen der morsch gewordenen Dämme, die auf Torfschichten ein unzuverlässiges Fundament haben und bei jedem der bevorstehenden Hochwasser den Dienst aufgeben können, auch den Charme des Unberechenbaren behalten. Aber das dürfte wohl kaum irgendwo als Vorteil empfunden werden.
 
In Aarberg
Meine Exkursion hatte ich in der Mitte des Vormittags in Aarberg begonnen, wo die Aare aus dem bernischen Hügelland heraustritt und der Hagneckkanal seinen Anfang nimmt. Das baulich geschlossene, rechteckige Städtchen, das sich um einen ausgedehnten Platz, den ehemaligen Gassenmarkt, schart, steht auf einer kleinen Erhebung mitten im „Grossen Moos“ über dem Hochwasserpegel. Es hatte also früher eine Insellage, konnte sich einigermassen sicher fühlen, bis 1798 die Franzosen einmarschierten; sie waren dabei, das Ende der Alten Eidgenossenschaft zu besiegeln.
 
Die Häuserzeilen stammen zwar in der Regel aus dem 18. und 19. Jahrhundert, haben aber ihren spätmittelalterlichen Charme bewahrt und sind gleichzeitig den heutigen Bedürfnissen angepasst. Das Amtshaus im nachgotisch geformten Schloss, Ende des 17. Jahrhunderts als Landvogtsitz erbaut, akzentuiert den dörflich-städtischen Innenraum. Gleich nebenan steht die Kirche. Sie ist hinsichtlich ihrer Besitzaufteilung ein Unikum: Das Chor gehört dem Staat Bern; das Schiff hingegen ist Eigentum der Kirchgemeinde Aarberg, und der Turm mit der Jahrzahl 1526 gehört der Einwohnergemeinde Aarberg.
 
Am Westausgang des Orts ist eine der schönsten Holzbrücken, die es gibt. In den letzten Wochen habe ich imposante Holzbrücken in Büren an der Aare, Olten und die etwas an den Strassenrand gedrängte alte Holzbrücke von Malix GR gesehen, doch keine hat die Wucht der 60 m langen Aarberger Brücke aus bis 80 cm dicken und 17 m langen Fichten und Eichenstämmen; Christian Salchli soll der Baumeister gewesen sein. Das Bauwerk stammt aus dem Jahr 1568 und steht in keinem Verhältnis mehr zur alten Aare, die noch aus Restwasser genährt wird und eher ein Bach denn ein veritabler Fluss ist. Das vierjochige Dreieckshängewerk der Brücke wird von mächtigen aufgemauerten Flusspfeilern getragen, die auf der Flussoberseite mit Eisenpanzern versehen sind, den Bedürfnissen vor dem Bau des Hagneckkanals entsprechend. Sie stehen jetzt auf dem Trockenen.
 
Vor etwa 2 Jahren ist der alte Aarelauf unter der Brücke, der stark überwachsen war, gerodet und mit kleinen Inselchen und Massnahmen zur Wasserbeunruhigung versehen worden; diese Renaturierung ist wirklich sehr gut gelungen und soll nun altaare-abwärts noch weitergeführt werden. Sogar eine rosarote, sich im Wasser spiegelnde Flamingogruppe als Eisenplastik belebt das Bild.
 
Dort unten fischte Ueli Blatti aus Lyss in Begleitung seines Sohns Martin, allerdings ohne etwas zu fangen. Es gebe in der Alten Aare neben Alets und Bachforellen einen grossen Hecht, der aber schlauer als „wir Fischer“ sei. Ich sprach mit dem Fischer, ein wetterfester, zupackender Allrounder, auch über die Geschichte des Städtchens Aarberg, das wahrscheinlich um 1220 von Graf Ulrich IV. von Neuenburg gegründet, 1358 dann an Bern verpfändet und 2 Jahre später verkauft wurde. Im Gasthof zum Löwen („im Löie“) seien ein Buch über „Aarberg anno dazumal“ und verschiedene Stiche aufgehängt, die man mir sicher gern zeigen werde, erfuhr ich. Dann könne ich ja gleich dort zu Mittag essen, fügte ich bei. „Ja, da essed d’Ihr aber guet – guet-bürgerlich“. Ueli Blatti nahm das Handy aus einer der vielen Taschen seiner Freizeitjacke und meldete mich gleich an. Man möge bitte das Buch bereitlegen.
 
Das Aarekraftwerk Aarberg trennt das Wasser
Da es noch nicht ganz Mittag war, besuchte ich vorher noch das Kraftwerk Aarberg in der Nähe der Zuckerfabrik, wo das Pflichtwasser, das der Alten Aare zugeteilt ist, vom Dotierkraftwerk durch ein unscheinbares Stauwehr reguliert und die natürliche Dynamik simuliert wird. Eine Kleinturbine produziert etwas Strom. In der Nähe befindet sich eine technokratische Fischtreppe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Fische diesen Zickzack-Kurs zwischen abgewinkelten, verschränkten Beton-Querrinnen absolvieren können, ohne ständig den Kopf und den Schwanz anzuschlagen. Und Biber schon gar nicht. Da lobe ich mir das naturnahe Umgehungsgewässer beim Aarekraftwerk Rupperswil-Auenstein AG; vielleicht lassen sich die BKW-Ökologen einmal davon inspirieren, zumal der Strom aus dem KW Aarberg mit dem Qualitätszeichen „naturemade star“ vergoldet ist und umweltbewusste Kunden das geadelte Produkt „1 to 1 energy water star“ von den BKW oder einem der regionalen Versorgungspartner beziehen können.
 
Die grösste Elektrizitätsmenge (jährlich 80 Mio. kWh) wird vom 1963–1968 erstellten nahen Laufkraftwerk Aarberg (installierte Leistung: 15 MW) der BKW FMB Energie AG und des Elektrizitätswerks der Stadt Biel produziert, dessen Unterlauf der Hagneckkanal ist. Das Gefälle beträgt 12 m. Oberhalb des KW (Gebiet Rappeflue, Richtung Radelfingen) ist die Aare, wie so oft, ein Stausee.
 
Im Gasthof zum Löwen
Damit war die Zeit zum Mittagessen im Gasthof zum Löwen in Aarberg an der nach Bargen führenden Murtenstrasse 17 gekommen. Ich war ja angemeldet, wurde dort erwartet und von der Wirtin Beatrice Schenk-Trachsel mit orientalisch anmutendem Charme herzlich willkommen geheissen. Sie führte mich ins gepflegt aufgedeckte „Löie-Säli“ mit den alten Stichen und Fotos im Obergeschoss, die unter anderem einstige Hochwassersituationen zeigen. Zudem brachte sie mir auftragsgemäss das Buch „Aarberg dazumal“ von Ernst Gäumann mit den alten Karten und Texten, dem ich einige Angaben entnehmen konnte.
 
Das Tagesmenu sei eine Spargelcremesuppe, Entrecôte und Pommes frites für „füfzehni achzg“ (CHF 15.80), für Schweizer Verhältnisse ausserordentlich attraktiv. Ich sah noch die Speisekarte durch und entschied mich für einen Gemischten Salat und ein Büetzersteak – ein übergrosses Stück vom Schweinshals mit Kräuterbutter. Ich liebe dieses von Fett durchzogene, kernige Fleisch. Allerdings war diese Portion zu viel des Guten für mich, und eine nette Serviertochter packte mir den grossen Rest das Steaks in eine Folie ein; ich hatte keinen Hund vorgeschoben, sondern sagte wahrheitsgetreu, ich würde es mir zum Abendessen nochmals kurz anbraten; so etwas Feines dürfe man doch nicht fortwerfen. Die freundliche Dame erachtete das als intelligente Lösung, und so hatte ich einige Stunden später nochmals ein gutes Essen.
 
Dem Hagneckkanal entlang
Im Aarberger Brockenhaus an der Radelfingerstrasse 1 fand ich einige Literatur übers Seeland, so etwa die Gute Schrift Nr. 245 „Geliebtes Seeland“ von Otto Zinniker. Jetzt war es an der Zeit, am Hagneckkanal einen Verdauungs- und Erkundungsmarsch zu veranstalten. Ich parkierte das Auto etwa in der Kanalmitte, bei der Walperswilbrügg, und wanderte rechtsufrig auf dem Damm Hagneck entgegen. Als Protest gegen die grassierenden masslosen Anti-Raucher-Kampagnen zündete ich einen „Rio 6“-Stumpen von Villiger an, genoss ihn in vollen Zügen (allerdings ohne Lungenzüge) und liess mich von der sengenden Sonne förmlich braten. Sie stach geradezu herunter. Was zuerst ein Feldweg war, wurde im unteren Teil zu einer staubigen Naturstrasse. Aber ich hielt tapfer durch, zumal ich mit meinen 70 Jahren noch nicht so altersschwach wie die 130 Jahre alten Dämme des Hagneckkanals bin, bei denen bei grossen Hochwassern an mehreren Stellen die Gefahr von Dammbrüchen besteht. Der Kanal gilt seit je als Sorgenkind. „Die Natur hätte es anders gemacht“, pflegt der Aargauer Ökologe Heiner Keller bei solchen Gelegenheiten jeweils zu sagen: „Sie wartet nur darauf, bis der Mensch in seinen Aktivitäten nachlässt, und dann hat sie wieder freie Hand.“
 
Zudem behindern Büsche und Sandablagerungen die Abflusskapazität des Kanals, was sich bei Hochwasser verheerend auswirken kann. Eine amtliche Analyse, welche von der bernischen Baudirektorin, Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer, welche am 17.10.2006 in Täuffelen vorgestellt worden ist, hat überdies ergeben, dass heimtückische Sickerströmungen auftreten können, die einen Damm durch innere Erosion und Auswaschungen am Böschungsfuss massgebend schwächen.
 
Meiner persönlichen Ansicht nach ist dieser Hagneckkanal mit den auf Sand und Torf gebauten Wällen die eigentliche Schwachstelle des gesamten Juragewässerkorrektionswerks. Denn die Aare, die manchmal mit voller Wucht aus dem Berner Oberland heranrauscht und ihr Geschiebe bis in den Bielersee stösst, ist hier in einem wahrhaft labilen Korsett. Auf den Dämmen haben sich manchmal tiefe Risse gebildet.
 
So weit ich bei dieser Hitze noch klar denken konnte, raffte ich mich doch zur Überlegung auf, dass die Regulierungseingriffe nach menschlichem Gutdünken in die Natur tatsächlich immer wieder der Nachbesserungen bedürfen. Das ist auch bei der Linth-Korrektion zwischen Walen- und Zürichsee nicht anders; auch am Escherkanal (Näfels bis Walensee) sind die Dämme nicht mehr bei bester Gesundheit und Stabilität. Die Natur ist eben auf Veränderungen angelegt, und diese machen erfahrungsgemäss auch vor menschlichen Bauwerken nicht halt. Ein paar Jahrhunderte raffen fast alles hinweg – das ist der Lauf der Zeit, die, ähnlich wie wir Lebewesen, ständig am Nagen ist. Die künstlichen Entwässerungen des Grossen Mooses haben grosse Landflächen für die menschliche Nutzung freigegeben – dort unten, wo natürlicherweise das Wasser wäre. Und wenn nun einer der Dämme bricht, der dem Wasser die Höhenlage ermöglicht, ist die Katastrophe umso grösser.
 
In Hagneck BE
Nach einer endlos scheinenden Wanderung, obschon es knapp eine Stunde war, tauchte endlich das Dorf Hagneck (Amtsbezirk Nidau) auf, das etwa 400 Einwohner zählt. Der Hagneckkanal (1873–78 erbaut) führt mitten durch das Gemeindegebiet. Bei der Brücke, über welche die Strasse und die Biel-Täuffelen-Ins-Bahn führen, endet der Uferweg. Im eingeschnittenen Seerücken vor mir tat sich eine grosse Rutschstelle auf, in der Baumaschinen herumstanden. Ich stieg zur Strasse auf, um mich zu orientieren, wie ich an den Bielersee und damit zum Hagneckkanal-Delta kommen würde.
 
Nach dem gepflegten kleinen Gemeindehaus, das wie ein spartanisches Zollhaus aus dem vorletzten Jahrhundert aussieht, führt ein Strässchen über den Seerücken und seewärts. Bei der Abzweigung war gerade in einer geräumigen Halle der Dorftreff mit Flohmarkt im Gange. Ich erstand mir noch einen Tannenspitzengelee und eine Rüebli-Orangen-Marmelade, die das Markenzeichen „Natur pur“ trugen und mir von einem älteren Mann beschrieben wurden, der mir auch noch seine ganze Familie vorstellte. Seine Frau musterte mich kritisch und schien sich zu überlegen, ob ich dieser Delikatessen würdig sei. Die Konfitüren in den kleinen Gläschen hätte ich notfalls als Wegzehrung verwenden können. Denn bis zum See beziehungsweise zum Elektrizitätswerk mit Werkkanal (1899 eröffnet) war es nochmals eine Viertelstunde.
 
Im Seerücken, das heisst im Kanaleinschnitt zwischen der erwähnten Brücke Hagneck und dem Kraftwerk, hatte sich in der Nacht zum 1. März 2007 eine grössere Rutschung ereignet. Dabei rutschten von dieser Seitenmoräne des Rhonegletschers auf einer Länge von 180 m etwa 15 000 Kubikmeter Molassefels und Lockermaterial sowie ganze Bäume ins untere Ende des Hagneckkanals; 5000 m3 wurden allein aus dem Abflussprofil herausgefischt. Seit dem 12. April 2007 sind die Räumungsarbeiten im Gange, und noch immer waren schwere Bagger auf der Baustelle, wo es Wechsellagerungen von hartem, weissem Sandstein und verwittertem Mergel gibt. Ein „Gradall“-Raupenteleskopbagger kann bis 8 m tief ins Wasser greifen, und er hat eine Reichweite von 15 m. Auf diese Weise wurde im Auftrag des Wasserwirtschaftsamts des Kantons Bern die ursprüngliche Abflusskapazität wieder hergestellt. Zudem wird versucht, durch Umschichtungen von Material stabilere Böschungen zu erstellen. Auch wird die nach dem Rutsch fast senkrecht abfallende obere Hangkante etwas abgeflacht.
 
Beim Wasserkraftwerk Hagneck
Und weiter unten, gegen den See, sind die umfangreichen Anlagen des Kraftwerks Hagneck, das auf eine 1891 durch den Kanton Bern an die Gemeinden am Bielersee erteilte Bewilligung, in Hagneck die Wasserkraft der Aare zu nutzen, zurückgeht. Das Kraftwerk nahm im Juli 1900 seinen Betrieb auf. Das Stauwehr Hagneck seinerseits ist ein Bestandteil der 1. Juragewässerkorrektion. Das Wehr dient dazu, die Eintiefung der Aare durch Erosion zu verhindern und den Grundwasserspiegel zu regulieren. Das Kraftwerk wurde in den 1970er-Jahren erneuert und soll in den kommenden Jahren vollständig neu gebaut werden.
 
Zuerst begab ich mich über das Wehr, wie durch einen vergitterten Laufkäfig, in dem mir Velofahrer entgegenkamen, gegen den Landwirtschaftsbetrieb Burg mit Wohnhaus und 2 langen Ställen und einem Unterstand fürs Vieh. Der Überlaufkanal führte gerade kein Restwasser mehr, denn seit fast 3 Wochen hat es nicht mehr geregnet. Alles Wasser aus dem trägen Aare-Hagneck-Kanal wurde dem KW zugeleitet. Bis zum seichten Seeufer waren es noch ein paar Schritte. Dort sind dekorative Bäume, und ein rotes Paddelboot zog vor ihnen gemächlich vorbei. 2 schöne, sommerlich-luftig gekleidete Mädchen, die mit dem Mountainbike angefahren waren, unterhielten sich im Schatten.
 
Der Hagneckkanal ist im Delta V- bzw. keilförmig aufgeteilt, wobei das Dreieck im V abgesperrt war. Dafür war es möglich, hinten am Maschinenhaus vorbeizugehen, eine Treppe aus Waschbeton hinab zu steigen und dem Unterwasserkanal (dem Kraftwerk-Ausfluss) entlang bis an den Bielersee zu gehen. Es schien mir aus der Distanz, bei der vorderen Landzunge sei ein Rollstuhlfahrer mit Blick gegen mich; auf der gegenüber liegenden Seeseite grüsste Ligerz. Doch als ich mich annäherte, sah ich, dass es sich um einen älteren Mann in einem Liegestuhl alter Bauart handelte, der im Schatten einer hohen Linde in einem Roman vertieft war. Er hat hier 2 Bootsanlagestellen und ein kleines Häuschen.
 
Ich erkundigte mich, ob ich denn in ein Privatgrundstück eingedrungen sei. Er verneinte und schien sich sogar über meine Ankunft zu freuen. Er fische gern, sagte er und erzählte vom Rückgang des Fischbestands, weil das Wasser zu sauber sei und die Fische folglich zu wenig Futter hätten. Als es in Nidau noch eine Metzgerei an der Zihl gab, habe es dort von Weissfischen gewimmelt. Jetzt aber nehme man aus dem Abwasser heraus, was den Fischen als Nahrung dienen könnte, und dafür lasse man Hormone, Arzneimittel- und Chemikalienrückstände im Wasser drin, welche den Fischen nur schadeten, sagte der Mann, der dieses Idyll schon seit Jahrzehnten fast täglich belebt. Früher habe er nichts für die Bootsanlegestelle bezahlen müssen, erinnerte er sich, inzwischen müsse er jährlich 600 CHF pro Bootsplatz abliefern. Ja, Boote seien teuer geworden, auch wegen der Abgasprüfungen, die teurer als jene bei Autos seien. Immerhin würden die Boote vom Kraftwerkpersonal gratis auf die Höhe des Hagneckkanals gehisst, man müsse sich nur rechtzeitig anmelden.
 
Der Mann hatte Brotwürfel auf den Boden geworfen, die von einer Stock- und einer aufrecht watschelnden Laufente schmatzend verzehrt wurden. Die Tiere seien zahm und ihm mit Namen bekannt; sie gehören dazu.
 
Ich hatte noch einen Rückweg vor mir, der mir lang vorkam, und wie beim Kraftwerk Hagneck, so war auch mein Wasserhaushalt sehr eingeschränkt. Ich spürte das an einem Druck im Kopf und konnte diesen Mangel im Dorf Hagneck problemlos beheben und das Anzeichen für Austrocknung beseitigen. Und der Damm beim Hagneckkanal, der ebenfalls keine überschüssige Flüssigkeit hatte, würde bei dieser Trockenheit unter meinem Gewicht gewiss nicht einsinken. Er hielt problemlos stand. Junge Leute hatten sich für eine Party eingerichtet.
 
Das Grosse Moos kam mir noch viel, viel grösser und die Wälle noch viel länger vor – Attribute einer weiten geglätteten Welt, die auch grosse Projekte hervorzubringen pflegt. Wenn das nur auch in Zukunft gut geht.
 
Endlich hatte die Klimaanlage in meinem Auto Schwerarbeit zu leisten. Doch auf der Rückfahrt dem rechten Bielerseeufer entlang über Täuffelen, Mörigen, Sutz-Lattrigen, Ipsach und Nidau, wo alle Bäume gleichzeitig blühten, brachte sie es fertig, mich und das restliche Schweinehalssteak auf Normaltemperatur abzukühlen.
 
Alles wartet auf Regen – aber bitte nur so viel wie im Hagneckkanal Platz findet.
 
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