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BLOG vom 07.05.2007


Mit Krücken unterwegs: In Freuden mit Stöcken wandern
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Mit Krücken irgendwelcher Art mochte ich mich noch nie so richtig anfreunden. Früher sah man oft gehbehinderte Menschen mit einem Stock mit gebogenen Querhölzern zum Stützen in den Achselhöhlen oder aber in den Unterarmen; sie dienten auch zum Führen des Stocks. Auch Brillen sind Krücken für Leute, deren Augenlicht nachgelassen hat, weil das Augentraining vernachlässigt worden ist. Ich schliesse mich da nicht aus. Krücken sind also nützliche Erfindungen. Allerdings konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen, dass sich jemand ohne Not eine Krücke zulegen würde.
 
Doch ist man irgendwo auf Wanderwegen oder auch nur auf landläufigen Trottoirs unterwegs, begegnet man immer häufiger körperlich offensichtlich gesunden, zügig daher schreitenden Leuten mit Walkingstöcken oder einem Wanderstock. Ich glaube ohne weiteres, dass der Einbezug der Arme beim aufrechten Gang nützlich sein kein, wie es ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte, in deren Verlauf so manches schief ging, der Fall gewesen sein soll. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben wir Menschen vor 6 bis 8 Millionen Jahren den Gang auf allen Vieren aufgegeben und dabei das Gefühl gehabt, das Aufrichten sei ein evolutionärer Fortschritt. Würde ich heute auf allen Vieren durchs Dorf Biberstein tappen, würden die Leute etwas komisch aus der Wäsche schauen, wie ich annehme. Mit dem Aufrichten haben wir uns immerhin Rückenprobleme, Krampfadern, Senk- und Plattfüsse eingehandelt. Aber dafür haben wir Hände und Arme frei, um Einkaufswägeli zu schieben und die Schnäppchen in den Kofferraum umzubeigen. Und die Lungenventilation soll beim Stehen auch noch verbessert sein.
 
Gleichwohl legten und legen wir uns technische Hilfsmittel zu, um beim Aufrechtgehen die für die Fortbewegung unnütz gewordenen Vorderpfoten wieder ins Geschehen einzubeziehen. Die Erfindung ist so neu auch wieder nicht, denn der berühmte Spazierstock gehörte in vorangegangenen Jahrhunderten zum modischen Zubehör, der oft wunderschön verziert war und im Rhythmus der Schrittabfolge geschwungen wurde, im Idealfall ohne den Boden zu berühren, was der optischen Erscheinung Abbruch getan hätte. Damit wurde die Eleganz des Fussgängers, die sich in den Bewegungen und gewiss auch in der Bekleidung ausdrückte, noch optisch unterstrichen. Man gab etwas auf sein Äusseres, wie alte zeichnerische Darstellungen beweisen. Charlie Chaplin schwang den Spazierstock kunstvoll und karikierte damit die bürgerliche Gesellschaft.
 
Neben dem Spazierstock gibt es auch den Gehstock schon lange. Vor allem durfte er beim oft beschwerlichen Reisen im Mittelalter nicht fehlen. Der Pilgerstab gehört wohl in dieses Kapitel. Der Gehstock half beim Durchqueren von schwierigem, glitschigem Gelände, bei der Überquerung von Gräben, Bächen und dergleichen und diente obendrein als Verteidigungswaffe gegen angreifende Menschen oder Tiere – ein Mehrzweckwerkzeug also.
 
In seinem Bericht „Bummel durch Europa“, den er 1878 antrat, schrieb Mark Twain im Kapitel „Luzern“, die meisten Leute trügen Wandertracht und führten Alpenstöcke mit: „Allem Anschein nach gilt es in der Schweiz selbst in der Stadt als zu gefährlich, ohne Alpenstock zu gehen (...) Ist seine Schweizer Rundreise beendet, wirft er diesen Besenstiel nicht weg, sondern schleppt ihn mit nach Hause bis in den fernsten Winkel der Erde, obwohl es ihn mehr Geld und Mühe kostet, als ein Säugling oder ein Reisebegleiter ihn je kosten könnten. Nämlich der Alpenstock ist seine Trophäe; sein Name ist in ihn eingebrannt; und falls er mit ihm einen Berg erklommen, einen Bach übersprungen oder eine Ziegelei durchquert hat, werden die Namen dieser Örtlichkeiten ebenfalls eingebrannt. Denn er ist sozusagen seine Regimentsfahne: Er kündet von seinen Errungenschaften (...) Und wohlgemerkt, der Respekt, den man einem Menschen in der Schweiz zollt, hängt von seinem Alpenstock ab.“
 
Die Skistöcke haben ebenfalls verschiedene Funktionen, weniger hinsichtlich der Repräsentation. Sie helfen bei der Tempobeschleunigung, beim Aufstehen nach Stürzen, beim Finden des Gleichgewichts und unterstützen den Bewegungsablauf. Hier hat man es mit 2 Stöcken zu tun wie beim Nordic Walking (ursprünglich: Pole Walking = Skistockwandern), das in Finnland aus einer Trainingsmethode der Langläufer herausgewachsen ist und dem Ganzkörpertraining in der freien Natur dient. Es läuft dem Jogging gerade den Rang ab. Man liest, dadurch würden die Gelenke geschont und die Verbrennung von Fett sei grösser. Es findet hier also genau das Umgekehrte dessen statt, was vernünftige Autokonstrukteure endlich anstreben – einen geringeren Treibstoffverbrauch nämlich ...
 
Ich habe mich eigentlich nie gross um Stöcke gekümmert. Wenn ich durch die Natur spaziere oder wandere, geht es mir nicht allein um Fitness-Aspekte, sondern um einen viel umfassenderen Genuss. Ich möchte eine Landschaft mit ihren wechselnden Stimmungen erleben, die Pflanzen-Schönheiten und die Insekten am Wege betrachten, Düfte bewusst aufnehmen, Vogelstimmen und Geräusche des fliessenden Wasser hören, auf Temperaturreize achten und mich auch den vielgestaltigen menschlichen Hinterlassenschaften und Aktivitäten zuwenden. Als ich Mitte Februar 2007 an einem stürmischen Nachmittag oberhalb des Benkerjochs wanderte, hörte ich ein Knarren und Knacken im Stamm einer alten Buche, die sich offenbar anschickte, von der stehenden in die liegende Position überzuwechseln. Ich habe eine Zeitlang gewartet, um dieses Schauspiel mitzuerleben; aber offenbar war der richtige Zeitpunkt noch nicht da. Wer sich auf den richtigen Stockwinkel und die vorgeschriebene Fussarbeit konzentrieren muss, verpasst viel.
 
Alles in allem: Für mich ist das Wandern viel mehr als ein Sporttraining, als ein Bewegungskonzept, denn die Reduktion auf die Bewegung und Muskelspiele erfüllt meine höheren Ansprüche nicht. Ich möchte anhalten, beobachten, über Stock und Stein klettern und Entdeckungen machen können. Und dabei möchte ich möglichst wenig durch allerhand mitgeschlepptes Gerät behindert werden. Allein schon meine Kamera als ständige Begleiterin wird mir oft lästig.
 
Und dennoch habe ich soeben 2 Teleskop-Wanderstöcke aus „hochfestem“ Aluminium mit Wolfram/Carbid-Flexspitze gekauft: Die Stöcke können also zusammengeschoben werden und sind dann besser zu transportieren. Beim Bergaufgehen kann man eine Antishock-Funktion ausschalten, damit die Stöcke stabiler sind und die Kraft bestens ausgenutzt werden kann; beim Bergabgehen kann man die erwähnte Funktion einschalten und geniesst dann die stossdämpfende Wirkung, wie es in der Gebrauchsanleitung sinngemäss heisst.
 
Bei unserer Wanderung im Bergsturzgebiet von Goldau hatte Eva ihre Walkingstöcke dabei, und beim steilen Abstieg durch den nassen Wald mit den glitschigen Steinen war ich dankbar dafür, dass sie mir einen Stock überliess und ich einen zusätzlichen Halt fand. Da ich mit den Kniegelenken keine Probleme habe, fällt dieses Argument für mich kaum ins Gewicht (für diese soll sich bei einer 8-stündigen Bergwanderung eine Entlastung um bis zu 250 Tonnen ergeben – bei mir wahrscheinlich wesentlich mehr). Bei der Wanderung auf noch teilweise vereisten Rigi-Strassen hätten rutschfeste Stöcke einen guten Halt geboten.
 
Wie man sieht, kann ich noch kaum wertvolle Erfahrungen weitergeben, ausser jene im Sportmarkt, wo man mir die Komperdell-Stöcke aus dem österreichischen Mondsee für 59 CHF pro Stück überliess – unter dem auf der Rechnung zu lesenden Motto: „More Sport for your Money!“. Die Trekking-Teller, die das Einsinken der Stöcke verhindern sollen, und die Gummikappen für die Spitzen sind montiert. Und an geeignetem Wanderwetter fehlt es auch nicht – denn zum Wandern ist jedes Wetter geeignet.
 
Statt zu wandern, habe ich gerade die wertvolle Zeit mit der Niederschrift dieses Tagebuchblatts verschwendet. Doch braucht der Mensch ja auch etwas Gehirntraining.
 
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