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BLOG vom 08.05.2007


Warum selbst der Oberfricktaler Eisenweg zu rosten anfing
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Platzregen. Nieselregen. Dauerregen. Gewitterregen. Regen wie aus Kübeln. Der Regenarten sind unzählige. Doch am Samstagnachmittag, 5. Mai 2007, habe ich, unmittelbar nach einer Phase von 5 trockenen Sonnenwochen, eine neue Regenart kennen gelernt: Den alles durchdringenden Regen. Am Autoradio hörte ich, wie alle Leute das Nass begrüssten und zum „Aufsteller der Woche“ adelten. Ich fühlte nach.
 
Es begann beim Gemeindehaus in Zeihen (AG, Bezirk Laufenburg) auf Einladung der Regionalorganisation Dreiklang.ch mit dem Eintauchen in die örtliche Archäologie. Unter der Führung des orts- und geschichtskundigen Gemeindeschreibers Franz Wülser starteten wir hernach zum 1,5 km langen Naturlehrpfad Summerhalde auf der bewaldeten Hochfläche östlich des Dorfs und zum ebenfalls dort verlaufenden Eisenweg. Es regnete. Es goss. Meine Barbourjacke, die als wasserdicht gilt, wenn man sie regelmässig imprägnieren würde, liess das erste Wasser ablaufen, direkt auf die Hose, denen ich wegen des hohen Kunststoffanteils mehr Wasserrückkhaltevermögen zugetraut hätte, ehrlich gesagt. Wie nasse Lappen schwappten sie um meine Beine. Dann kam noch mein Lederhut mit Krempe dran. Seine Abneigung gegen Wasser war erschöpft. Und schliesslich stieg, wahrscheinlich wegen eines feuchtigkeitsbedingten internen Kurzschlusses, auch noch meine elektronische Nikon-Kamera aus. Das wunderte mich nicht.
 
Das Blockhaus über dem Eisenwerkplatz
Unter solchen Voraussetzungen begaben sich 13 Personen, die meisten mit Schirm ausgerüstet, in Richtung Eisenweg, der im September 2005 eröffnet worden war und der von Wölflinswil über Herznach, Ueken, Zeihen und bis auf den Homberg führt, ein Kulturlehrpfad mit 9 Informationsschwerpunkten zum Thema „Fricktalischer Erzbergbau“, welcher schon vor dem Jahr 1200 begonnen haben muss. Und in den letzten Jahren kam auch ein anderer Hinweis auf frühe menschliche eiserne Aktivitäten in Zeihen zum Vorschein, an dem wir vor dem Einspuren in den Eisenweg vorbei kamen:
 
Anfang Dezember 2001 beobachtete Gemeindeschreiber Wülser in der Baugrube für ein Blockhaus im Zeiher Gebiet Stauftel-Hohbächli Fragmente von römischen Leistenziegeln und eine Anhäufung von Kalkbruchsteinen: Offensichtlich wurde eine Mauerecke eines römerzeitlichen Gebäudes mit den Aussenmassen 8×14 Meter angeschnitten. Andrea Schaer und David Wälchli von der Kantonsarchäologie Aargau haben darüber im „Zeiher Heimatblatt 2002“, herausgegeben von der Kulturkommission Zeihen, ausführlich berichtet, und dieser Reportage sind einige Angaben entnommen, da meine bei Regen niedergeschriebenen stenografischen Notizen fast ebenso schwierig zu entziffern sind wie Hieroglyphen aus der Vorzeit. Das Notizpapier begann sich aufzulösen.
 
Das ebenfalls zerfallene Gebäude enthielt einen Portikus-ähnlichen, schmalen Raum (Portikus: Säulenhalle als Vorbau an der Eingangsseite) und einen 9×6,5 m grossen Innenraum mit 2 Feuerstellen, deren Verwendungszweck vorerst allerdings noch im geschichtlichen Dunkeln verborgen lag. Wahrscheinlich war es laut Wülser eine römische Werkstätte zur Eisenverarbeitung, worauf eine kleine Schlackengrube mit Eisenschlacken, die ausserhalb des Gebäudes gefunden wurde, hinweist. Die Funde von Kochgeschirr und Feinkeramik dürften von den hier tätig gewesenen Handwerkern stammen. Vielleicht gehörte das Haus als Aussenstation zum römischen Gutshof „von Mei“ bei Bözen AG. Offenbar war wegen des Hangdrucks Wasser ins Haus eingedrungen – ich konnte nachfühlen, wie ihm zumute gewesen sein musste. Das beeinträchtigte die Statik, und das einfache Gebäude, das offenbar ein Werkplatz war, wurde kurz nach dem Bau wieder aufgegeben, wahrscheinlich im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts. Aber gar aus der La-Tène-Zeit (ab etwa 550 v. u.Z.–0), dem 2. Abschnitt der europäischen Eisenzeit und der Bronzezeit (14.–9. Jahrhundert v. u.Z.) stammen Keramikfunde von der gleichen Stelle.
 
Und nun steht dort das stattliche Blockhaus mit einem langen Balkon im Obergeschoss von Hansueli und Edith Christen aus 140 Weisstannen und einigen Douglasien aus dem Zeiher Wald.
 
Pflanzen kennen lernen
In Zeihen ist nicht alles Eisen, wie man sieht; dort wachsen auch vielfältige Pflanzen: Weiter oben im Wald ist der Naturlehrpfad, wo auf über 40 Orientierungstafeln an imprägnierten Baumstämmen heimische Baum- und Straucharten vorgestellt werden (ein Beiblatt dazu kann auf der Gemeindekanzlei Zeihen bezogen werden). Sogar eine Flaumeiche mit graubrauner, rissiger Rinde ist dort angesiedelt; sie liebt zwar trockene steinige Hügel und Felsen, dürfte den Regen aber ebenfalls genossen haben. Zudem werden an dem von einem Trax aufgerissenen Strässchen, dessen Böschung bergseitig etwas Einblick in den Untergrund freigibt, Informationen zu naturnahen Lebensräumen, zum einstigen Bohnerzabbau sowie zu Geschichte und Geologie vermittelt. Denn die an der Summerhalde und im Bergli wunderschön in Blüte stehenden Trockenwiesen sind ein idealer Lebensraum für seltene Pflanzen, vor allem Orchideen.
 
Den Lehrpfad begleiten hier und dort auch kleine Malmkalk-Wände (Weisser Jura), der letzten Meeresablagerung über den Birmenstorfer Schichten und dem von der Zementindustrie begehrten Mergel (Gemisch aus Sand und Ton). Der Malm ist ein Hinweis drauf, dass sich das Meer absenkte und die Strömung ruhiger wurde – die Ablagerung von hellgrauen bis blaugrauen Mergeln erfolgte schön gleichmässig. Bei den Birmenstorfer Schichten ihrerseits handelt es sich um wetterfeste Kalke, die viele Versteinerungen enthalten, vor allem versteinerte Schwämme.
 
Was sind Änzlöcher?
Bei den Änzlöchern, die bei diesem Wetter zu Änzweihern werden könnten, kehrte man wieder zur Eisengeschichte des oberen Fricktals zurück. Der Drang nach Eisen führte dazu, dass im Mittelalter die Wälder übernutzt waren; zur Verhüttung des Erzes war die 15fache Menge an Holz nötig. Auch die erwähnten Änzlöcher weisen auf alte Bohnerzabbaustellen hin: das Wort „Ents“ bedeutet im alten Fricktaler Dialekt frisch ausgebeutetes Erz. Damit korrigierte Franz Wülser die Ausführungen im Buch „Mythologische Landschaft der Schweiz“, 1997 herausgegeben von Kurt Derungs, edition amalia. Darin steht zu lesen, die Löcher hätten eine tiefere mythologische Bedeutung – der Name soll auf Riesen verweisen. Wülser: „Hier ist der Verfasser wohl selbst einer gehörigen ‚Ente’ auf den Leim gekrochen.“ Wahrscheinlich eine Riesenente.
 
Bohnerzschürfstelle Summerhalde
Bei der Bohnerzschürfstelle Summerhalde verwies der Exkursionsleiter, der ständig wie frisch geduscht aus den nassen Kleidern schaute, ohne deswegen an Mitteilungsfreude einzubüssen, auf die 1494 erfolgte Gründung des Hammerschmiedebunds hin, der das spärliche Holz auf die Werke aufteilte. Die Verhüttung wurde dann an den Rhein verlegt; besonders Laufenburg hatte eine bedeutende Funktion als Metropole des Eisens.
 
Von den 36 Werken waren nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) nur noch deren 13 übrig, und die Technologie wurde verbessert. Konkurrenz war ebenfalls da: 1684 wurde in Albbruck ein neues Werk gebaut, das nicht zum Hammerbund gehörte und somit auch keine Beschränkungen hatte; es wurde von Basler (Merian und Burckhardt) und Bieler Unternehmern gegründet. Zudem gab es laut Wülser eine modern anmutende Wirtschaftsförderung: Das Werk wurde von der vorderösterreichischen Regierung mit Bauholz und Geländeüberlassungen gefördert; es profitierte auch von Zollerleichterungen; auf Erz wurden keine Zölle erhoben.
 
Zudem gab es auf der Summerhalde die Sahlerischen Gruben. Johann Theobald Sahler aus Badenweiler betrieb als Inhaber das Werk Wehr zwischen 1690 und 1740 (bei Unterbrüchen); Schlacken-Untersuchungen könnten wohl noch genauere Auskünfte geben, ob das Bohnerzvorkommen bereits schon zu römischen Zeiten ausgebeutet worden war. Zwischen den Inhabern des Werks Wehr und jenes des Werks Albbruck (Hurter und Co.) kam es zu einem Grenzstreit. Heinrich Hurter war ein begüteter Schaffhauser Bürger und als ziemlich aggressiver Unternehmer bekannt; seine Konzession hatte er von Bern erhalten.
 
Flurnamen mit Bezug zum Eisengewerbe
Die Exkursionsteilnehmer, die tropfen- und manchmal kübelweise in die Geschichte der Eisengewinnung eingeführt wurden, hielten durch; ihr Interesse wurde eher gesteigert als weggespült. Auch unser Blogger Heinz Scholz, der mit leicht lädiertem linkem Knie über Stock und eisenhaltiges Gestein mitwanderte, behielt seinen sprichwörtlichen Wissensdurst bei, und keine Pflanze am Weg wie das Salomonssiegel, der Waldmeister, die Mispel, Taubnesseln, die Ährige Teufelskralle, die Knoblauchsrauke, der Rotklee, der Bärlauch oder das Maiglöckchen entging seiner stets wachen Aufmerksamkeit. Eingedenk eines Leonardo-da-Vinci-Zitats: „So wie das Eisen ausser Gebrauch rostet und das stillstehende Wasser verdirbt oder bei Kälte gefriert, so verkommt der Geist ohne Übung.“
 
Franz Wülser seinerseits leistete auch körperliche Arbeit. Er trug in seinem Rucksack schwere Schaustücke aus dem Eisenreich mit und fütterte die Leute unter den roten, purpurfarbenen, blauen und schwarzen Regenschirmen mit immer neuem Wissen und Anschauungsmaterial. So wies er auf verschiedene Zeiher Flurnamen hin, die einen Bezug zum Eisengewerbe haben:
 
-- Cholgrube heisst das Gebiet bei der Verzweigung Eichwaldstrasse-Rüttene: also eine Grube für die Köhlerei, wo die Holzkohle brannte. Das ist möglicherweise ein Hinweis auf die Eisenverhüttung, obschon der Name erstmals 1816 in Dokumenten aufgetaucht ist.
-- Fondel könnte vom lateinischen fondere = fliessen, schmelzen abgeleitet sein.
-- Blaiacherrebe: Dieser Flurname wurde bereits 1517 urkundlich erwähnt. Er wird vom mittelhochdeutschen „blai, blowen“ = schmelzen, aufblasen abgeleitet. Hier stand also ein Schmelzofen mit einem wasserbetriebenen Blasbalg, was heisst, dass das Wasser auch eine Funktion bei der Eisenerzeugung hatte ... Noch heute können dort auf dem Feld glasartige Eisenschlacken gefunden werden. Im „Jahrzeitenbuch Herznach“ ist nachzulesen, dass um 1517 ein Acker „lyt ob der Pleijen“ in Betrieb gewesen sei. Die Schlacken stammen nach Alfred Amsler, Geologe in den 30er-Jahren, der die Publikation „Die alten Fricktaler Eisenindustrien“ verfasst hat, aus oolothischem Wölflinswiler Erz und nicht aus Zeiher Bohnerz.
 
Auf dem Chapf
Wir waren im Uhrzeigersinn östlich des Dorfs Zeihen Richtung Oberzeihen mit seinem national bedeutenden Ortsbild gewandert und erreichten das Gebiet Chapf, was von „gaffen“ (etwas verwundert oder beeindruckt anschauen) abgeleitet sein soll. Im Zeiher Flurnamenbuch wird das Wort allerdings auf das althochdeutsche chapf = rundliche Kuppe, Bergvorsprung, meist Aussichtspunkt, zurückgeführt. Geologisch ist hier die Grenze Malm/Tertiär. Diese jüngsten Juraschichten sind hier vor der Jurafaltung vor etwa 10 Mio. Jahren abgelagert worden; allerdings konnte das Wülser nicht aus eigener Anschauung bestätigen. Wolken und Regen betteten den Tafeljura mit Schinberg, den Frickberg, den Kettenjura mit Strihen, Asperstrihen, Wasserfluh (Wasserflue) und Würz in einen zarten Nebelschleier ein. Auf dieser Hochebene zwischen Zeihen und Oberzeihen war ein Bauer am Bestellen seines Ackers.
 
Auf der Eichwaldebene erläuterte der freischaffende Historiker Dr. Linus Hüsser, auf den Homberg hinweisend, dass jener Hügel früher als Festung gedient habe. Beidseits davon waren 7,5-cm-Kanonen in einfachen Nischen installiert, die heute, wo die Zeiten friedlicher anmuten, Fledermauskolonien sozusagen als Tagesinternat dienen. Auch der Armeeschiessplatz Eichwald, der einst von Hans Bachmann heftig bekämpft wurde und der heutzutage noch an gut 30 Tagen im Jahr benützt wird und sich zu einem Naturschutzgebiet entwickelt hat, wurde erwähnt. Und so ist es um diesen Stein des Anstosses in mancherlei Beziehung etwas ruhiger geworden.
 
Oberzeihen, das uns gerade zu Füssen lag, gehörte bis 1852 zu Herznach, seither zu Zeihen (Niederzeihen, Niderzaijen), das in vorderösterreichischer Zeit ein Berner Herrschaftsgebiet war.
 
Noch um die Jahrhundertwende gab es in Zeihen mit dem milden Klima (und ich meine das jetzt nicht etwa politisch) gegen 40 Hektaren Reben und 141 Rebbesitzer mit insgesamt 576 Parzellen. Dann drang die Reblaus auch nach Zeihen vor, und der Mehltau setzte ab 1910 ebenfalls ein. Seither gibt es in Zeihen keine Rebflächen mehr, obschon die meteorologischen Bedingungen geeignet wären.
 
Oberhalb von Oberzeihen ist das Gebiet Röti mit dem rötlichen Boden, daher der Name. Der eisenhaltige Boden ist auf die anschliessenden Schichten der rötlich-braunen Helicidenmergel zurückzuführen. Dort ist auch eine Überschiebungszone des Tafel-/Faltenjuras festzustellen. Die Malmkalkschichten der so genannten Effinger-Formation des ehemaligen Jurameers, das es noch vor etwa 135 Millionen Jahren gab, lagern über der Juranagelfluh des Tertiärs (Erdneuzeit vor Beginn des Quartärs). Ich beurteilte die Farbe als rostrot – der säuerliche Regen bringt schliesslich jedes Eisen zur Oxidation.
 
Die weiss gekleidete Jungfrau
Endlich liess der Regen etwas nach, so dass die Entstehung eines neuen Jurameers nicht erwartet werden konnte. Und so erzählte Franz Wülser in aufgehellter Stimmung die Sage von der weissen Jungfrau in der Röti. Denn schliesslich fand die von der rührigen Regionalorganisation Dreiklang (www.dreiklang.ch) organisierte Wanderung im Rahmen einer Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Sagenhafte Landschaft“ statt.
 
Alte Zeiher, denen eine gewisse Fantasie nicht abzusprechen war, wussten zu berichten, dass vor langer Zeit im Gebiet Röti einem Bauern jeweils in der Morgen- und in der Abenddämmerung eine wunderschöne, weiss gekleidete Jungfrau zu erscheinen pflegte. Sie trug einen Blumenkranz im Haar und sang im Dahinschreiten den Liedvers „Wohl zu der Englein Schar“. Der Bauer erzählte sein Erlebnis dem Pfarrer von Herznach und erhielt von diesem den Rat, er solle, sobald ihm die Jungfrau wieder erscheine, den Vers wiederholen und dazu eine Fortsetzung zu singen: „... und selig bei dir sein.“ Der tapfere Bauer befolgte diesen Ratschlag. Die Jungfrau wurde erlöst und erschien fortan nicht mehr.
 
Ich bedauerte den Eingriff des Pfarrers ausdrücklich, zumal trotz Abenddämmerung deshalb auch uns diese weisse Jungfrau nicht erschien; ich habe genau hingesehen. Laut der neuesten Ausgabe des Zeiher Heimatblatts soll allerdings an dieser Stelle der Rötigeist hausen. Aber auch er liess sich bei diesem Wetter nicht blicken, wofür ich ein gewisses Verständnis hatte. Hoffentlich wird nicht auch ihm von kirchlicher Seite der Garaus gemacht. Denn in jenem Gebiet gehts religiös zu und her, wie wir gleich sehen werden.
 
In der Waldkapelle
Durch einen schmalen Weg durchs tropfnasse Gebüsch, der jeden Moment zuzuwachsen drohte, wurden wir zur Waldkapelle Eichchrüz (Eich-Chrütz) geführt, an einen regengeschützten Ort. Wir wussten das zu schätzen. Dabei handelt es sich um einen Holzbau, der von aussen an eine Heuscheune erinnert. Wer eintritt, sieht sich aber mit einem auf der Vorderseite offenen Raum konfrontiert, der mit Devotionalien, insbesondere Heiligenbildchen, überhäuft ist. Eine solche Hypertrophie an Heiligenscheinen stelle ich mir den Wohnraum einer streng katholischen Wohngemeinschaft ganz in der Nähe des Vatikans vor.
 
Dominant ist ein Kreuz aus Mägenwiler Muschelkalkstein aus dem Jahr 1874, der Ersatz für das alte Holzkreuz. Die Andachtsstätte, die laut Blanche Merz im Buch „Orte der Kraft in der Schweiz“ als Kraftort gilt, wurde aufgrund eines Gelöbnisses von Johann Wendolin Bürgi (1834–1906) erstellt. Denn dieser fromme Mann war beim Bau eines Gebäudes im Eichwald von herunterstürzenden Balken schwer verletzt worden. Als Dank für die gute und rasche Genesung liess er ein grosses Kreuz errichten. Und der legendäre Zeiher Hans, ein Herznacher und Zeiher Dorforiginal – er bezeichnete sich selbst als „letzter Besenbinder des Fricktals“ –, sammelte in den 1930er-Jahren Geld, damit die Stätte der Besinnung überdacht werden konnte. Doch spielten laut Franz Wülser durchaus eigennützige, praktischen Bedürfnissen entsprungene Absichten mit. Bei seinen Beizentouren zwischen Oberzeihen und Herznach benötigte er des Öfteren eine überdachte Übernachtungsmöglichkeit.
 
Rückblick auf unruhige Zeiten
Wir waren über dieses Dach ebenfalls froh, ohne hier gleich einzuschlafen. Denn es stand ja noch das Eisenbergwerk Herznach auf dem Programm, zu dem wir nun gekräftigt abstiegen, nicht ohne einige Blicke auf die neuen Wohnbauten-Anhäufungen von Ueken zu werfen; diese Gemeinde ist bevölkerungsmässig rekordverdächtig gewachsen. Wir kamen an einem Grenzstein Bern/Österreich vorbei, an der Grenze Herznach/Densbüren, die auch eine Bezirksgrenze (Aarau/Laufenburg) ist. Linus Hüsser zeigte einige grössere geschichtliche Zusammenhänge auf, und ich führte mit ihm ein persönliches Gespräch über die Habsburger, die sich oft gegen die Franzosen verteidigen mussten, ihrerseits aber ständig bemüht waren, ihren Machtbereich zu vergrössern und sei es auch einfach durch Einheirat, eine friedliche Methode des Landgewinns. Hüsser sagte mir auch, dass Kriege oft auch klimatisch bedingt gewesen seien, etwa wenn es in kalten Zeiten an Nahrung mangelte, waren sie häufiger. Was werden uns die sich jetzt abzeichnenden Klimaveränderungen wohl an weltweiten Auseinandersetzungen bringen?
 
Die Ammonitensammlung Schertenleib
In Herznach begrüsste uns die dominante, auf einer Anhöhe gelegene behäbige Kirche St. Nikolaus mit ihrem spätgotischen Käsbissenturm, die zusammen mit dem Pfarrhaus einen ummauerten kleinen Kirchenbezirk bildet. Aber weil da kein Käse zum Anbeissen vorhanden war, umrundeten wir diese Anlage und steuerten gleich dem ehemaligen Eisenbergwerk zu, wo uns Exkursionsleiter Wülser mit einem Geheimnis vertraut machte, das ich hier ausdrücklich nur an Textatelier.com-Nutzer unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitergeben will: Die Ammonitensammlung Schertenleib. Der Herr Schertenleib, nach dem sie benannt ist, wohnte in Thalheim im Schenkenbergertal und brachte den durstigen Grubenarbeitern im staubigen Eisenbergwerk oft kistenweise Bier. Die Harasse wurden dann von den dankbaren Arbeitern mit Ammoniten angereichert, die der edle Spender sammelte. Ein stattlicher Teil der Sammlung ist nun nach Herznach zurückgekommen, und die Schnecken werden bestimmt, wobei es sogar möglich ist, sie in Männchen und Weibchen aufzuteilen.
 
Wir durften durch ein Gitter sogar einen Blick in die Unterwelt des Eisenerzbergwerks werfen, wo die 30 bis 40 km langen Gänge, die zum Teil eingebrochen sind, ihren Anfang haben. Der vordere Teil soll dem Publikum zugänglich gemacht werden, und hier werden auch die Ammoniten ausgestellt werden. Im Herbst 2007 soll wieder ein Bergwerkfest stattfinden (8. und 9. September).
 
Die Herznacher Bergwerk-Geschichte
Die Geschichte des Bergwerks Herznach begann 1919, als im Rahmen geologischer Untersuchungen oberhalb von Herznach Eisenoolith gefunden wurde. Ein Jahr später wurde ein 370 m langer Versuchsstollen angelegt, der auf einen abbauwürdigen Erzvorrat von etwa 30 Millionen Tonnen mit einem Eisengehalt zwischen 28 und 33 % hinwies. 1937 nahm das Bergwerk den Betrieb auf; das Erz wurde vorerst im Ruhrgebiet verhüttet, da es in der Schweiz keinen Hochofen gab.
 
1941 wurde die Jura-Bergwerke AG gegründet, die das Bergwerk fortan betrieb. Hauptaktionärin war die Ludwig von Roll’schen Bergwerke AG. In jenem Jahr förderten 139 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb 211 783 Tonnen Erz, die grösste Jahresabbaumenge in der Geschichte. 1942 wurde ein trichterförmiger Betonsilo, der heute als eine Art Hotel auf höherer Ebene dient, mit einem Fassungsvermögen von 1000 Tonnen in Betrieb genommen. Von hier aus transportierte laut Hüsser eine 4,2 km lange Seilbahn das Erz nach Frick. Dort wurde es auf die Bahn verladen und ab Basel mit Schiffen ins Ruhrgebiet verfrachtet. Eine geringe Menge kam nach Choindez im heutigen Kanton Jura, wo die Von-Roll-Werke ab 1943 versuchsweise einen Hochofen betrieben.
 
Nach dem Wortlaut der vom Dreiklang herausgegebenen Informationsbroschüre „Eisenweg“ erhielt die Schweiz als Gegenleistung für das nach Deutschland gelieferte Herznacher und Sarganser Erz Rohstahl und andere wichtige Güter. Der Erzexport spielte also im 2. Weltkrieg eine kriegswirtschaftlich wichtige Rolle. Nach dem Krieg aber kam der Abbau in Herznach praktisch zum Erliegen; 1946 waren noch 5 Arbeiter tätig, die sich vor allem um den Grubenunterhalt kümmerten. Doch dann war Erz wieder zur Fütterung des Hochofens Choindez gefragt, und auch der Export nach Deutschland setzte wieder ein; 1955 erreichten 36 Arbeiter mit 56 664 Tonnen die höchste Fördermenge der Nachkriegszeit. 1966 wurde der Ofen Choindez abgestellt, und damit war das Ende des Herznacher Erzabbaus besiegelt. Die Grube wurde 1967 aufgegeben, nachdem ihr 1,7 Mio. t Erz entnommen worden waren. Also sind laut Hüsser zwischen Herznach und Wölflinswil noch schätzungsweise 25 Mio. t Erz vorhanden – etwa so viel, wie die heutige Industriegesellschaft weltweit innert etwa 2 Monaten verbraucht bzw. verschwendet.
 
Beim ehemaligen Bergwerk sind schmale Geleise, eine kleine Bahn für den Personentransport, Weiher und ein grosser regenfester Schirm, unter den man sich setzen kann. In der Person von Vreni Doppler, Dreiklang-Sekretärin, erschien dort doch noch eine Fee. Sie brachte Würste, Brot und Getränke mit, damit auch der innere Flüssigkeitsbedarf gedeckt werden konnte.
 
Epilog mit Eisenkraut
Daheim trocknete ich die Kamera im 40 °C warmen Backofen, und meine Frau kochte mir eine grosse Tasse Eisenkrauttee, die ich aus Versehen umwarf – und wieder war alles nass. „Was ist nur mit dir los?“, fragte Eva. Sie hatte gerade den Essraum gereinigt. Für das Missgeschick mit dem Tee fühlte ich mich verantwortlich. Nicht aber für den Regen, gegen den zwar auch nichts einzuwenden war, auch wenn dieser noch so willkommen sein mochte. Er war bloss genau im falschen Moment gekommen. Warum nächstes Mal nicht etwas früher?
 
Eisenkraut wurde früher bei der Eisenverhüttung und von Schmieden als Zutat verwendet – es wurde dem Löschwasser zugefügt, und der Stahl wurde härter (Quelle: Wolf-Dieter Storl, Ethnobotaniker). Und nach der 4-stündigen Eisenweg-Erfahrung war auch ich abgehärtet genug, um Suggestivfragen wie die obige an mir abprallen zu lassen. Und da das Flüssige an diesem Tag so reichlich sprudelte, liess Nachschub für den vergossenen Verveine-Tee nicht lange auf sich warten.
 
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