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BLOG vom 29.05.2007


Strahlendes bei Melodien vom Glockenturm in der Urschweiz
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Einmal mehr hat sich bewährt, dass ich meinen eigenen Beobachtungen mehr traue als den wissenschaftlichen Wetterprognosen. Sonst wäre ich am Pfingstsonntag, 27. Mai 2007, daheim geblieben: Regen, Regen, vielleicht eine kleine Aufhellung am Nachmittag wurden prophezeit. Das Gegenteil war der Fall: Ein schöner Tag mit markanten Wolkenbildern ohne nennenswerten Niederschlag, für einen kleinen Ausflug in die Urschweiz wie gemacht. Der Regen kam erst am Abend, als wir längst wieder zurückgekehrt waren.
 
Wo 37 Glocken musizieren
Das erste Ziel war das Glockenspiel oberhalb der Tellskapelle in CH-6452 Sisikon am Vierwaldstättersee am „Weg der Schweiz“, der rund um den Urnersee (Teil des Vierwaldstättersees) von Brunnen – Flüelen – Isleten – Rütli und Treib führt. Ich kenne die Gegend recht gut, habe in jungen Jahren einige Monate in Altdorf UR gearbeitet und den Weg von Seelisberg (mit Abstecher hinunter zum Rütli) und dann bis Bauen schon 1991 abgeschritten, wie es sich für einen wackeren Eidgenossen gehört. Die Urnersee-Gegend trieft vor nationaler Symbolik schillerscher Prägung. Sie ist eine markante, wild-romantische Seeschlucht, die neben der Gotthardbahn nur gerade von der 1864/65 eröffneten und immer wieder ausgebauten Axenstrasse (N4) am Ostufer mit ihren Tunnels und Steinschlaggalerien zum Schutz gegen Steinschlag bewältigt worden ist.
 
Vom Hotel Tellsplatte an der Axenstrasse (zwischen Sisikon und Flüelen) kann man auf einem breiten Weg zur Tellskapelle hinunter wandern. Eine Kuh mit Durchfall hatte ihn gerade garniert – es gibt also nicht allein auf dem Rütli auf der anderen Seeseite Kuhfladen, die formal unsere Wähenkultur begründet haben mögen, eine persönliche Vermutung von mir. Neben dem Weg zur Tellskapelle hatte ein Bauer die Wiese mit Jauche überzogen („bschüttet“ sagen wir in unserer schönen Mundart) – ein heimeliger Duft, den wir als anheimelnden Stallgeruch empfinden und in den Zusammenhang mit dem Vegetarismus bringen.
 
Und solche Attribute müssen sein, denn kübelweise Milch braucht unsere Schokoladenindustrie für ihre Milchschokolade, ein weltweit anerkannter Trick zur Verwertung der schweizerischen Kuhmilchströme, die von allen Alpen fliessen. Und so haben sich denn 18 dankbare Unternehmungen der Schweizer Schokoladeindustrie von Alprose SA, CH-6987 Caslano, bis Villars, CH-1701 Fribourg, zusammengefunden, um uns tapferen, emsigen Schokoladeessern das besagte Glockenspiel zu schenken, das schon eher ein Turmbau mit 37 Glocken mit den Tönen e1 – e4 ist, wofür 6000 kg Bronze eingesetzt worden ist. Die Glocken aus der Aarauer Giesserei H. Rüetschi AG hängen auf 4 Ebenen im bzw. am Turm, und sie können ab morgens 9 Uhr zu jeder vollen Stunde während der ersten 10 Minuten in Betrieb gesetzt werden. Um 11 Uhr amtete ich als erster Programmierer und liess „Im Aargäu send zwöi Liebi“ (Im Aargau sind 2 Verliebte) erschallen, zumal wir ja soeben aus dem Aargau herangefahren waren. Der Klang dürfte das Tal zwischen Fronalpstock und (auf der anderen, östlichen Urnerseeseite) dem Niederbauen-Kulm ausgefüllt haben, eine tönende Werbung, die mir die Aargau-Tourismusorganisationen hoffentlich verdanken werden. Aus lokalgeografischen Gründen liess ich dann noch „Vo Luzärn gäge Wäggis zue“ (Von Luzern nach Weggis) bimmeln, dass es eine Freude war. Andere Leute entschieden sich dann für „S’isch mer alles ei Ding“ (Es ist mir alles egal), als ich das Steuerpult freigegeben hatte.
 
Der Tellensprung
Mit den heimatlichen Glockenklängen im Ohr stiegen wir zur Tellskapelle hinunter, um wieder einmal unseren Nationalhelden Wilhelm Tell für seinen Sprung aus dem Nauen (Schiff) von Landvogt Gessler zu beglückwünschen, eine bewegende Szene am steinigen Ufer des bewegten Sees. Hier soll schon 1388 eine Kapelle gestanden haben, wenn uns das Historische Lexikon der Schweiz nicht anlügt, ein Wallfahrtsort. 1589/90 wurde die Kapelle erweitert oder neu gebaut. 1879 entstand die heutige Kapelle, welche bis 1882 mit den 4 Tell-Fresken des Basler Historienmalers Ernst Stückelberg ausgeschmückt wurde. Da ist alles gesagt: Der Apfelschuss und der Pfeil in Gesslers Brust, in der Hohlen Gasse von Tell abgefeuert, fehlen nicht. Gessler trieb in der Talschaft Uris die Steuern für die Grafen von Habsburg ein und pflanzte seinen Hut auf einer Stange auf dem Dorfplatz von Altdorf auf, um den Herrschaftsanspruch zu betonen. Tell verweigerte den Gruss und das (Friedrich von Schillers) Drama nahm seinen Lauf.
 
Die veranschaulichte Geschichte vom Tyrannenmord wirkt authentisch und vertieft unseren Glauben an die Schweizer Geschichte, den Rütlischwur inklusive. Weitere Tellskapellen gibt es in Bürglen (hinter Altdorf), dem vermutlichen Geburtsort Tells, und an der Hohlen Gasse in Küssnacht am Rigi. Allein schon diese Vielzahl von Tellen-Kapellen sind für uns ausreichend Beweisstücke für die Existenz unseres Freiheitshelden.
 
Ihn könnten wir gerade heute wieder dringend brauchen, weil Bundesrat Samuel Schmid und sein Friedensgeneral Christophe Keckeis die Schweizer Armee Nato-tauglich und damit dem US-Kommando unterstellen wollen. Deshalb möchte auch ich gelegentlich pfeifend meinen Protest ausdrücken, ohne mich zur rechtsextremen Szene zu zählen. Mir wäre das Gessler-(Habsburger-)Regime noch vergleichsweise lieber als das amerikanische.
 
Die Riesenkristalle aus dem Planggenstock
Von Sisikon nach Flüelen am oberen Ende des Urnersees ist es wenig mehr als ein kräftiger Tellensprung. In der Alten Kirche Flüelen nahe beim Bahnhof und Hafen wollten wir noch die Ausstellung der Riesenkristalle, die an der Nordostwand des Planggenstocks/Göscheneralp von den Strahlern (Mineraliensuchern) Franz von Arx aus Gurtnellen und Paul von Känel aus Reichenbach im Kandertal gefunden worden waren: Marktschreierische Grossplakate („Eine Weltsensation. Riesenkristalle aus der Göscheneralp/Kanton Uri“) an den Aussenwänden des aus dem Jahre 1664 stammenden, für Ausstellungszwecke umfunktionierten Gotteshauses machten auf die Rauchquarzfunde aufmerksam.
 
Wir waren um die Mittagszeit dort und mussten froh sein, dass wir am zweitletzten Tag der ersten Ausstellungsphase überhaupt hereingelassen wurden. Eva sagte beim Schlangestehen, sie würde am liebsten umkehren, und ich gab die Durchhalteparole aus. Paul von Känel, dessen Sammlung ich schon einmal in seinem „Kristallkeller“ in Reichenbach BE gesehen hatte, amtete als Türsteher. Wir kennen uns seit langem (eine Schwester meiner Frau, Greti, war mit Pauls verstorbenem Bruder Martin von Känel verheiratet). Das monate-, ja jahrelange Leben unter Tage hat den zur Berühmtheit gelangten Paul vielleicht etwas wortkarg gemacht, und zudem waren die vielen Gäste und die damit verbundene Betriebsamkeit des Guten etwas zu viel. Er konnte mir keine Auskunft geben, wie viele Leute die Ausstellung in den beiden Monaten April und Mai 2007 ungefähr besucht haben; er wisse es nicht, sagte er. Seine Frau Gaby begrüsste uns herzlich; sie bediente die Kasse (Eintrittspreis: 10 CHF pro erwachsene Person). Und dann hatten wir es ins Allerheiligtum geschafft.
 
Die Ausstellung im abgedunkelten Kircheninnern war wirklich schön, stilvoll arrangiert. Die Riesenkristalle neben losen Fluoriten wurden von hinten beleuchtet und entfalteten ihre Reinheit, ihren Glanz, ihre Kraft und Faszination, der sich niemand entziehen kann. Es sind gewaltige, bis zu 150 kg schwere Einzelkristalle, manchmal mehr als 1 m lang, deren Auffinden und Bergung hohe Ansprüche stellte, auch solche an den Zufall. Auf einem Zwischenboden der Kirche wurde in einem Dokumentarfilm, den ich zum Teil schon am Fernsehen DRS gesehen hatte, die harte Arbeit der Strahler, wie man in der Schweiz Mineraliensucher nennt, in den Kriechgängen des Planggenstocks über dem Göscheneralp-Stausee gezeigt. Auf einer Felsbank des vorgelagerten Granitgipfels hatte Paul Bruchstücke von Rosafluorit gefunden, die den Weg ins Berginnere wiesen. Selbst das Filmen war in dieser Engnis bei Temperaturen um den Nullpunkt und grosser Feuchtigkeit kein Kinderspiel. Ein Martyrium aber waren die monatelangen Grabarbeiten der tapferen Maulwürfe im unterirdischen Steinbruch bei ungewissem Ausgang des Abenteuers zweifelsohne.
 
Das Kirchenkino war unterhalb der kaum zu sehenden Deckenbilder der Alten Kirche von Flüelen eingerichtet, die unter anderem das Martyrium des heilig gesprochenen Georgs zeigen, der auf einem hölzernen Schaffottbau kniet und den Todesstreich erwartet (signiert mit Joseph Ignaz Weiss, 1758). Die Themen der Deckenbilder sind zudem die Auferstehung Christi, daneben Jesus als Kinderfreund und der Heiland am Ölberg. In kleinen seitlichen Nebenfeldern sind die beiden Kirchenpatrone St. Georg und Nikolaus sowie der Landesheilige Bruder Klaus aus der Ranft dargestellt, während das 4. dazugehörige Bild weitgehend zerstört ist.
 
Aber diesmal ging es nicht um Religionsgeschichten, sondern um tatsächliche Naturwunder, genau genommen um Rauchquarzkristalle, die bei hoher Temperatur in einer wässrigen Lösung vor 19 bis 14 Millionen Jahren durchschnittlich 1/10 000 Millimeter im Jahr unendlich langsam gewachsen sind; sie bestehen aus Siliziumdioxid (SiO2). Selbst die Glasi Hergiswil dürfte das in dieser Qualität nie schaffen ...
 
Innerschweizer Küche in Beckenried
Auf der Autobahn A2 strebten wir alsdann zum verspäteten Mittagessen dem langgezogenen Ferien- und Erholungsort Beckenried (Nidwalden) zu, weil dort das direkt am Vierwaldstättersee gelegene Restaurant Rössli (von Christine und Josef Lussi) eine gepflegte, naturverbundene Küche mit regionalen Gerichten pflegt. Wir liessen uns im Panoramasaal am vordersten Eckfenster nieder und genossen den Blick auf den See und das Dorf mit der klassizistischen Pfarrkirche „St. Heinrich“ (1790–1807 von Niklaus Purtschert erbaut).
 
Das Nidwaldner Mai-Menü liess tatsächlich keine Wünsche offen: einschmeichelnde Spargelrahmsuppe, frischer Frühlingssalat mit Bärlauch-Hüttenkäse, rosa gebratenes Lammentrecôte an markantem Rotweinjus mit gebratenen neuen Kartoffeln sowie grünen Spargeln und als Dessert ein Erdbeer-Pannacotta auf einer Kiwisauce: alles frisch, reichlich und wohl deshalb urchig, dazu von Mirjam perfekt und mit Sinn für ein Spässchen serviert – und preiswert war das festliche Essen obendrein (57 CHF).
 
Draussen herrschte ein reger Schiffsverkehr; auch alte Vierwaldstättersee-Raddampfer wie die „Uri“ oder „Schiller“ kamen vorbei, die man einst verschrotten wollte. Rudel von Motorradfahrern machten am Hafen einen Zwischenhalt. Die Spiele der Sonne mit der Landschaft und den Wolkenbergen waren fulminant.
 
Die Autobahn A2 führt oberhalb der Beckenrieder Bauzone vorbei. Die Strassenbrücken, die den Landschaftsformen am Fusse des Brisen angepasst sind, rahmen das Dorf gegen oben ein. Die Lust, dorthin zu gelangen, war bei mir bescheiden; also fuhren wir durchs Niederdorf dem See entlang nach Buochs. Dort begab ich mich noch zur Einmündung der kanalisierten Engelberger Aa, warf durch die kristallklare Luft einen Blick zum Rigi hinüber und hatte das Gefühl, diesem in mehrfacher Beziehung strahlenden Pfingstsonntag doch einige einprägsame Erlebnisse abgerungen zu haben – ganz auf der Schokoladenseite, wohin man sich ja immer begeben sollte.
 
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