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BLOG vom 01.07.2007


Tessin-Reise (5): Der Überblick vom Monte Generoso aus
Autor: Walter Hess, Biberstein (Textatelier.com)
 
Im ganzen bergigen Tessin gibt es keinen Punkt, der einen besseren Überblick über den Südkanton und die anschliessende Landschaft bieten würde als der 1704 m hohe Monte Generoso o Calvagione. Von Capolago aus (neben dem SBB-Bahnhof ist der MG-Bahnhof) kann man sich für 38 CHF (retour, mit Halbtaxabonnement: 19 CHF) mit einer Zahnradbahn der Ferrovia Monte Generosa SA (www.montegeneroso.ch) zur Bergstation schieben lassen. Die moderne Bahn, der man ihre Berggängigkeit nicht ansieht, fährt manchmal im Stunden-, manchmal im Halbstunden-Takt und macht über Mittag etwas Pause und früh Feierabend (letzte Talfahrt um 17.30 Uhr).
 
Wir kamen am 27. Juni 2007 gerade richtig zur Abfahrt um 11.49 Uhr, stiegen in den fast vollbesetzten Doppeltriebwagen ein, an dem ein weiterer Wagen hing. Die im unteren Teil sehr steile Fahrt (bis 22 %) auf den Berg hinauf, die insgesamt über 9 km Geleise führt, dauert etwa 40 Minuten. Das Schmalspurtrasse (600 mm) mit der in den Schwellen verankerten einfachen und in steileren Bereichen doppelten Zahnschiene zwischen den Geleisen (System Abt) führt über einen zuerst brüchigen Steilhang himmelwärts. Aber immerhin hat der Untergrund seit 1890 gehalten; wahrscheinlich hat sich da die offensichtliche, flächendeckende Tessiner Frömmigkeit ausbezahlt. Anfänglich wurde die Bahn noch mit Dampf betrieben – der Dampfzug fährt gelegentlich noch zum Entzücken der Eisenbahnromantiker, zu denen ich mich auch ein wenig zähle. Diese seit 1982 elektrifizierte Zahnradbahn ist übrigens die einzige in der Schweiz, die südlich der Alpen dem Alpinismus huldigt.
 
Ganz bis zum Gipfel schafft es die Bahn natürlich nicht. Endsation ist genau 100 m unter dem absoluten Höhepunkt, wo auch das Restaurant-Hotel Vetta (= Kulm) steht, das seit 1973 sogar mit einer mechanisch-biologischen Kläranlage ausgerüstet ist, wie eine Orientierungstafel mit berechtigtem Stolz kundtut. 2 Restaurants gehören ebenfalls zur Anlage, eines mit Fremdbedienung, das andere mit Selbstbedienung. Zudem gibt es dort oben viele Attraktionen wie einen auf 600 m verkürzten Planetenweg, ein kleines Kirchlein aus Stein mit farbigen Glasscheiben, die sogar einen schmalen Blick ins Freie gestatten. Und in 20 Wander-Minuten Entfernung ist eine Bärenhöhle, in die man kriechend eintauchen muss, mit den Ausgrabungen von Knochen ganzer Sippschaften von Höhlenbären, die vor 35 000 bis 45 000 Jahren noch die unbeeinträchtigten Landschaftsschönheiten genossen haben, die vor allem aus Eis und Schnee bestanden haben dürften. Falls sie nicht gerade mit dem Höhlenleben und dessen Erhaltung beschäftigt waren. Auch Werkzeuge, die dem Neandertaler zugeschrieben worden sind, erweisen sich als Magnete für Touristen, die ja ständig auf der Suche nach der eigenen Geschichte sind.
 
Der Zwang zur Wanderung vom Ende der Bahngeleise zur Aussichtsplattform aus eigener Kraft ist eine sinnvolle Lösung. So wird man gezwungen, den bequemen Weg, der meistens eine Steintreppe ist, zu begehen, eine Übung zur Beweglichkeitsförderung. Die Stufen aus flachen mit Pflaster verfugten Natursteinen sind mit vielen runden Kotkügelchen von den Schafen, die hier herumklettern und den Leuten mit ihren Ohren zuwinken, dekoriert und parfümiert. Und wenn man nach ein paar Minuten beim Triangulationspunkt auf dem Kulm, der den Namen nun wirklich verdient, angelangt ist und von der Rundum-Aussicht fast erschlagen wird, darf man vom erhabenen Gefühl beseelt sein, den Aufstieg aus eigener Kraft bewältigt zu haben. Angenehme Wanderwege (51 km sind rund um den Monte Generoso markiert) ermöglichen diesen Aufstieg an sich problemlos; allein uns fehlte wieder einmal die Zeit.
 
Ein Kapitel Geologie
Beim kurzen Aufstieglein zum Gipfel bekommt der Kurzwanderer eine Lektion in Geologie. Der M. Generoso ist ein warmer Kalksteinberg mit etwa 15 cm mächtigen Schichten und vielen Höhlen. Jede Schicht, von feinen Kieselstreifen markiert, hat sich innert etwa 750 Jahren abgelagert. Die abgeplatteten Steine eignen sich bestens zum Bauen. Laut einer geologischen Beschreibung im Heft „La geologia e il Monte Generoso“ von Carlo Noseda (FMG SA, 1997) stammt die Kieselerde vor allem vom kieselartigen Gerippe der auf dem Grund des Ablagerungsbeckens des Moltrasino-Kalks lebenden Schwämme. Sie also sind für die Schichtungen verantwortlich.
 
Der Weg von der Bahnstation zum Gipfel folgt ziemlich regelmässig einer Kalkfelsbank, die reich an schwarzem Kiesel ist. Die hier 30 bis 100 cm dicken Schichten sind aus dünneren Schichten entstanden, das heisst sie wurden zusammengepresst. Oft sind Fossilienspuren zu erkennen, die von Würmern hinterlassen worden sind; das sind so genannte Bioturbationen, mit denen sich die Ichnologie befasst, die nichts mit Egoismus zu tun hat. Die steinernen Würmer im Generoso-Gebiet, die garantiert nicht mehr herumkriechen, wurden der Art „Nereites icnofacies“ zugeordnet. Hinter einem Felssporn ist ein prächtiges Beispiel von „Slumping“, das heisst man kann die Folgen des Abgleitens von nicht konsolidierten (nicht verfestigten) Sedimenten entlang eines Abhangs in der Meerestiefe beobachten – und das alles zuoberst auf einem Berg!
 
Eine Broschüre von Francesco Bianchi-Demicheli orientiert über „Die Karsterscheinungen am Monte Generoso“; sie kann wie andere Publikationen am Bahnschalter in Capolago gekauft werden. Daraus erfährt man, dass der Ausdruck Karst die Gesamtheit der Erscheinungen bezeichnet, die in Kalkgebieten ober- und unterirdisch dank der chemischen und mechanischen Einwirkung des Wassers entstanden sind. Und ein solches und besonders interessantes Karstmassiv ist der Monte Generoso, der vorwiegend aus dem kieselhaltigen Kalkstein aus dem Lias (jüngste Abteilung der erdgeschichtlichen Jura-Formation) entstanden ist. Auch die unterirdische, vom Wasser geformte Kalksteinwelt weist z. B. mit ihren Höhlen Formen auf, die nur aus dem Einfallsreichtum der Natur heraus entstanden sein können.
 
Pflanzenliebender Prinz der Berge
Der kalkhaltige Untergrund hat zusammen mit dem günstigen Klima am Monte Generoso die Entwicklung von über 800 Pflanzen begünstigt; hier finden sich auch ausgesprochen seltene Arten. „Die Vegetation des Monte Generoso“ ist von Angelo Valsecchi ebenfalls in einer Broschüre beschrieben. Darin steht, der Artenreichtum habe dazu geführt, dass der Berg im 18. Jahrhundert auf den Namen „Prinz der Berge“ (Princeps montium) hörte. Heute ist der Generoso im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) eingetragen. Hier wachsen alpine Arten (wie Pedicularis gyroflexa und Achillea clavenae) neben mediterranen (Asphodelus albus, Serapias vomeracea usw.) und atlantischen (wie Ilex aquifolium, Hedera helix und Calluna vulgaris). Diese sensationelle Vielfalt der Vegetation wird durch das insubrische Klima – die Niederschläge sind über die Vegetationszeit gleichmässig verteilt – begünstigt; auch der häufige Föhn und trockene, milde Winter tragen dazu bei.
 
Aber wegen der überwältigenden Sicht in die Ferne muss man sich schon zwingen, die kleinen Schönheiten überhaupt wahrzunehmen. Selbst ein geübter Beobachter stösst hier an seine Grenzen, besonders wenn man sich auch noch an der Wolkenparade erfreut.
 
Von der Bahn aus erlebt der Passagier den dichten Waldgürtel, der den Berg umrundet, vor allem bis auf eine Höhe von etwa 1300 m. Oben ist der Berg wegen der intensiven früheren Abholzung kahl – also ein Kahlkopf, im lokalen Dialekt Genor genannt, daher der Name Generoso, der kahlköpfige Berg. Die Wälder unterhalb der Glatze sind der Bahnlinie entlang von der Hopfenbuche (Ostrya carpinifolia) und weit weniger von der Edelkastanie (Castanea staiva) geprägt; mir sind vor allem die vielen Hopfenbuchen aufgefallen, deren Holz für ihren grossen Brennwert berühmt ist. Diese Buchen schaffen lichte Wälder, die anderen Pflanzen eine Chance geben (Linden, Feldulmen, Goldregen, Feldahorn, Heckenkirschen sowie auch kleinen Pflanzen wie dem Kriechenden Gemswurz (Doronicum pardalianches) oder dem Blauen Steinsamen (Buglossoides purpurocaerulea). Ganze Hänge sind von verschiedenen Farnarten wie dem Schriftfarn, dem Streifenfarn und dem Gemeinen Tüpfelfarn monoton bewachsen.
 
Der Blick in die Weite
Ganz oben auf dem Monte Generoso wird man sich wieder Zeit einräumen: Der Blick auf das oberitalienische und Tessiner Seengebiet, zur meistens etwas im Smog-Dunst liegenden lombardischen Tiefebene mit den Industriestädten wie Milano und Como bis zum Apennin und auf unsere altbewährte Alpenkette vom Finsteraarhorn über die Jungfrau, das Matterhorn und bis zum Monte Rosa ist überwältigend (Webcam: http://www.montegeneroso.ch/de/26/webcam.aspx).
 
Während unseres Besuchs zur Mittagsstunde bauten sich gewaltige Gewitterwolken als unförmige Kolosse in Weiss bis Dunkelgrau über den Bergen auf, und sie verdunkelten die Landschaft abschnittweise mit ihrem Schatten. Und als ob dies alles noch nicht genug wäre, sind rund um die Aussichtskanzel im grossen Format die kunstvollen Panoramatafeln von Edoardo Francesco Bossoli (1830–1912) montiert, der einer Luganeser Familie entstammte und als der führende Illustrator der Schlachten des italienischen Risorgimente gilt; beim Risorgimento (Wiedergeburt, Renaissance) handelt es sich um die Epoche zwischen 1815 und 1870, die auf einen unabhängigen Nationalstaat Italien (anstelle der eigenstaatlichen Fürstentümer und Regionen) abzielte. Bossoli war auch ein berühmter Landschaftsmaler und eben Schöpfer einer ganzen Serie von Alpenpanoramen, die auch zur Förderung des beschaulichen Tourismus beitrugen und es wohl noch immer tun. Die Panoramen sind für mich immer wertvolle Hilfsmittel zur Nachhilfe in Geografie.
 
Bossolis Monte-Generoso-Panorama (Lithographie) ist auf dem Berggipfel in einer 2,5-fach vergrösserten Version zu sehen. Dazu liest man auf einer Orientierungstafel ebenso zutreffend wie stimmungsvoll: „Angesichts der umfassenden Vereinigung zwischen dem Kreis der Alpen und dem der Voralpen wie auch der italienischen Ebene, eingebettet zwischen den Seen und dem nördlichen Apennin, scheint sich der Raum zum Wohle unserer Augen und unseres Gemüts auszuweiten. Und die Umgebung breitet alle Formen ihres vielfältigen Reichtums vor uns aus.“
 
Das Panorama hat neben seinem offensichtlichen künstlerischen Wert, wie gesagt, auch einen erheblichen Nutzwert. Denn die zu überschauende Landschaft ist derart gross, dass man für eine Bestimmung dessen, was sich vor dem Auge des Betrachters auftut, schon dankbar ist. Und nicht nur über das Irdische, sogar darüber hinaus auch über das Überirdische kann man sich hier informieren, nicht allein am Planetenweg. Denn auf einer anderen, nahen Monte-Generoso-Erhebung steht eine Sternwarte, die zu den modernsten der Schweiz gehört. Ihr Teleskop hat einen Durchmesser von 61 cm. Tagsüber kann dank eines besonderen Filters die Sonne beobachtet werden. Falls es nicht gewittert.
 
Die Talfahrt
Als wir um 13.30 Uhr zur Rückfahrt starteten, setzte tatsächlich ein kurzes, harmloses Hagelwetter ein, wahrscheinlich vom Tourismusbüro Ente Turistico del Mendrisiotto e Basso Ceresio in CH-6850 Mendrisio (www.mendrisiotourism.ch) als Event organisiert ... (von dort erhielt ich viele Unterlagen).
 
Die elektrische Lokomotive wurde von einer hübschen, blonden Dame mit modischer Sonnenbrille chauffiert. Die zupackende Lokführerin stellte auch die klobigen Weichen mit den Zahnstangen von Hand. Sie bewegte die Hebel am Steuerpult, nachdem die Treppe eingefahren und alle roten Lämpchen erloschen waren, nach vorne und zurück, als ob es sich um das Mittelteil eines Steuerrads handeln würde. Der Triebwagen knarrte, zischte und pustete, das er wohl noch vom alten Dampfbetrieb mitbekommen hat.
 
Ich warf noch schnell einen Blick ins abgelegene Muggiotal, das ich gleich anschliessend noch von unten ansehen wollte. Via die Haltestellen Bellavista (1222 m), wo 1867 Dr. Carlo Pasta das erste Generoso-Hotel („Pasta“) baute und damit den Generoso-Tourismus einleitete (der Hotelkasten ist inzwischen ausrangiert), und San Nicola (707 m) sowie durch kurze Tunnels und einen Kehrtunnel bremste und hustete sich die Bahn mit etwa dreifachem Schritttempo in die Tiefe, gelegentlich einen Seufzer von sich gebend, wenn sie an Bahnen im Mittelland oder gar an den TGV dachte. Und dennoch waren wir bald in Capolago auf 284 m ü. M. zurück, einem ehemaligen Handelsumschlagplatz am Südende des Luganersees. Hier wurde lange vor unserer Ankunft der berühmteste Früh-Barockbaumeister geboren, Carlo Maderno (1556–1629), der vor allem in Rom tätig war.
 
Nach Rom wollte ich seinetwegen nicht reisen, sondern mich stattdessen mit der lokalen Kulturgeschichte befassen, besonders auch mit der wohnbaulichen. Wir fuhren mit unserem Prius via Mendrisio nach Castel S. Pietro, Morbio Inferiore und dann tiefer ins Muggiotal (Valle di Muggio), auf das wir gerade hinunter geschaut hatten, um in Ehrfurcht und gebührendem Respekt zum Monte Generoso hinauf zu schauen, der seine Glatze gerade mit einem Hut zu bedecken schien.
 
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