Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     18. November 2017, 09:26 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 08.07.2007


Tessin-Reise (9): Extrem im Süden ist der Schmugglerzaun
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der südlichste Punkt der Schweiz ist kein Wallfahrtsort, sondern eine wenig bekannte Grösse. Ich hatte bisher noch nie davon gelesen, doch auf der Karte ist er leicht zu finden: Südlich von Chiasso liegt hinter dem Bosco Penz das eingemeindete, in Rebberge gebettete Dörfchen Pedrinate, und südöstlich davon schliesst ein Hügel mit dem Namen Moreggi (545 m ü. M.) das Schweizerland ab. An dessen Südost-Ende ist der Punkt 75B, den ich besuchen wollte.
 
In der Nähe des Verkehrskreisels in Pedrinate gibts einen Parkplatz. Im nahen kleinen Brunnen mit den beiden höhenmässig verschobenen, gerundeten Trögen tankten wir frisches Wasser, und Eva packte eine Zwischenverpflegung aus dem Kofferraum ein: Tessiner Brötchen, Käse, salzige Wurstscheiben (Mortadella nostrano), das meines Erachtens Richtige für Wanderungen: Flüssigkeit, Kalorien, Salz. Eine Anwohnerin mittleren Alters stellte gleich neben uns ihren Wagen ab, und ich fragte sie, nach Süden zeigend, ob das der Moreggi sei und ob sie mir den Weg zum Punto estremo Sud della Svizzera beschreiben könne. Sie schaute ungläubig auf meine Karte, beklagte, dass sie ihre Brille vergessen habe, und von einem solchen Punto hatte sie noch nie gehört. Ich begnügte mich mit meiner Karte und dem Ortsplan Chiasso beim Parkplatz, der bis zum Südende der Schweiz reicht. Und es sieht wegen der blauen Einfärbung des angrenzenden italienischen Gebiets so aus, als ob unmittelbar hinter der Grenze nicht etwa die Lombardei, sondern das Mittelmeer beginnen würde.
 
Meine Karte 1:25 000 „Mendrisio“ stammt aus dem Jahr 1957, und es war mir nicht gelungen, im Mendrisiotto ein neueres Modell zu kaufen. Offensichtlich haben sich hier die Strassenführungen in den letzten 50 Jahren stark verändert. Die Strasse nach Como (Chiasso–Drezza), die als Hauptverkehrsweg am Kreisel von Pedrinate vorbeiführt, ist in meiner Landkarten-Antiquität jedenfalls nicht eingezeichnet. Wir folgten dieser Strasse etwa 400 m weit und fanden linkerhand einen Wanderwegweiser, der nach „Moreggi“ weist. Er führte uns in einen Wald. Der ansteigende Weg könnte auch ein Bachbett sein. Die Urtümlichkeit dieses Gebiets störte mich nicht, im Gegenteil.
 
Was es an jenem südlichsten Punkt denn überhaupt zu sehen gebe, fragte Eva noch bei unserer Exkursion ins Niemandsland. Ich antwortete: „Sicher ein Grenzstein“ – und sonst wohl gar nichts, die Aktion habe einen eher symbolischen Charakter, fügte ich noch bei. Weiter oben, im Gebiet Coste an einer Wegkreuzung, wies ein weiterer Wanderwegweiser Richtung „Moreggi“; wir mussten etwas nach rechts abbiegen. Und es war für mich geradezu eine Erleichterung, dass wenige Minuten später der Wegweiser „Punto estremo Sud della Svizzera“ auftauchte. Ich lobte meinen Orientierungssinn. So einen Weghinweis hätte man doch schon in Pedrinate finden müssen.
 
Der Waldweg erwies sich als Umrundung des Moreggi-Hügels im Gegenuhrzeigersinn. Wir bogen, die vorgezeigte Spur haltend, in einen breiteren, frisch maschinengemähten Weg ein, der uns plötzlich mit einer Palisade aus aufrechten, über 2 Meter hohen Eisenstangen mit Doppel-T-Profil konfrontierte: So sieht die Landesgrenze aus! Wir folgten nach dem Grenzstein 76 dieser in einen Betonsockel eingelassenen Stangenreihe ostwärts. So hatte ich mir die Grenze nicht vorgestellt. Ich erinnerte mich an die Mauer, welche die Israeli zur weiteren Unterdrückung, Aushungerung und Vertreibung der Palästinenser in die Landschaft gestellt haben, und ebenfalls an die Mauer, die von den USA gegen Mexiko errichtet wird, nachdem sie dieses Nachbarland in die Armut getrieben haben und jetzt eben viele notleidende Flüchtlinge kommen.
 
Doch diese Eisenpfahlwand an der Grenze zu Italien taugt zu nichts, denn für Eva war es ein leichtes, zwischen den Pfählen durchzuschlüpfen, und ich selber schaffte diese ungewohnte Form des Grenzübertritts ebenfalls locker; ich brauchte nur den Bauch etwas einzuziehen. Zudem gab es Pfähle, die oben V-förmig auseinandergezwängt waren, so dass auch grössere Güter hin und her verschoben werden können. Und bald erreichten wir eine Stelle, wo die Eisenpalisade aus mehr Löchern denn Zaun besteht. Ich sagte noch, dass dieser Durchgang vielleicht zur Ermöglichung von Wildwechseln so eingerichtet worden sei. Schliesslich müssten auch die aus Italien in die Schweiz einwandernden liebenswürdigen Bären irgendwo die Grenze passieren können. Diese Äusserung führte dazu, dass Eva von nun an laufend nach Bären Ausschau hielt.
 
Und dann endlich hatten wir den südlichsten Punkt erreicht, den Grenzstein „75B“, neben dem ein Holzbrett mit der Inschrift „Punto estremo Sud della Svizzera“ auf einen Pfahl montiert ist. Auf der anderen Seite des Steins erinnert ein von einem Pfeil durchdrungener Holzapfel von etwa 50 cm Durchmesser an den von Friedrich Schiller gemeldeten Tellenschuss und damit daran, dass es sich lohnt, im Interesse der Freiheit gewisse Risiken einzugehen und dafür zu kämpfen.
 
Diese Holzdekorationen sind wie auch der Zaun etwa 1 m hinter dem Grenzstein, also auf italienischem Boden. Ich habe nach unserer Heimkehr das Bundesamt für Landestopographie, das für die Vermarkung (und nicht etwa Vermarktung) und den Unterhalt der Landesgrenze zuständig ist, angefragt, was es damit auf sich habe. Der Landesgrenzen-Koordinator Daniel Gutknecht schrieb mir: „Der Zaun im Süden des Tessins ist auf italienischem Boden und wurde seinerzeit von den Italienern gebaut. Der Zweck war damals die Verhinderung der Schmuggler, vielleicht auch der Flüchtlinge. Der Unterhalt dieses Zaunes ist Sache der Italiener.“ Für weitere Informationen verwies er mich an die Oberzolldirektion, deren Informationsleiter Clemente Milani mir bestätigte, dass dieser Schutzzaun „La ramina di confine“ von den italienischen Behörden in den 1890er-Jahren etappenweise zur Behinderung des Schmuggels aufgestellt wurde, also zur Bekämpfung von Fiskaldelikten und anderweitiger Kriminalität. An den Maschendraht, von dem wir nichts mehr gesehen haben, wurden sogar Glocken (Klingeln) gehängt.
 
Herr Milani fügte freundlicherweise folgenden Textauszug in Italienisch bei:
 
La „ramina" di confine
Premetto che la cosiddetta ,Ramina' non è una demarcazione del confine (Grenze), ma una barriera fiscale italiana (eine fiskalische Barriere) e so trova sempre in territorio italiano, pochi metre oltre il confine (wenige Meter jenseits der Grenze).
I primi tratti (die ersten Streckenabschnitte) della rete (des Gitterzauns) di confine vennero eretti già nel lontanissmo 1890 nella regione di Pizzamiglio. La „vera ramina" fu voluta dal ministro delle Finanze italiano Giovanni Giolitti nel 1926. La reta, chiamata fiscale, aveva lo scopo di impedire il contrabbando; era pure munita di campanelli, in mondo che se veniva toccata scattava immediamente l'allarme (mit Berührungsalarm-Vorrichtung). Il regime fascita (das faschistische Regime) la potenziò per impedire l'espatrio clandestino e durante la seconda Guerra Mondiale (während des 2. Weltkriegs) divenne un vero e proprio simbolo (ein eigenartiges Symbol) del regime (des Regims) ed un autentico (...).
 
Der Hinweis auf die Glocken am Zaun und der Begriff rete (Gitter) bedeuten also, dass die Eisenstangen mit Draht verbunden und also abgedichtet waren. Vom Gitter ist nichts mehr zu sehen. Im heutigen Zustand aber nützt der Zaun nichts mehr. Stellenweise sind die Gitterstäbe wesentlich höher, und weiter östlich, im Gebiet Laghetto, stehen Eichenschwellen, die ein Schrägdach aus Metall erhalten haben, auf einem Glied.
 
Wir waren also unverhofft in ein Gebiet geraten, das zweifellos viele Kriminalgeschichten erzählen könnte – alle Anzeichen deuten daraufhin. Und das vermittelt diesem menschenleeren Ort den Zauber des Unheimlichen. Und diesen wollten wir noch etwas geniessen. Auf der Schweizseite des grenznahen Strässchens, wenige Meter vom berühmten Grenzstein 75B entfernt, ist ein klobiger Holztisch mit ebensolchen Bänken. Es war etwa 1 Uhr mittags, und Eva klaubte das mitgeschleppte Picknick aus dem Rucksack und stellte mit Schrecken fest, dass sie die belegten mit den unbelegten Brötchen verwechselt hatte. Also assen wir trockenes Tessinerbrot, tranken dazu Wasser aus Pedrinate und verzehrten je einen Apfel, der weit weniger umfangreich als der Holzapfel nach Tellenart vor uns war – aber immerhin war das Gebot der Einheit gewahrt.
 
Wir kauten im Bewusstsein, dass es an jenem 29. Juni 2007 keine Schweizer gab, die in ihrem Land südlicher tafelten und kamen uns wie Weltrekordhalter im Südessen vor, auch wenn das Menu der Bedeutung dieses Rituals nicht ganz angemessen war. Wenigstens ein Schluck Merlot hätte die Feierstunde untermauern müssen. Selbstverständlich wäre diese spartanische Mahlzeit durch das Auftauchen einer Schmugglerbande oder doch wenigstens eines Kleinkriminellen geadelt worden. Ich hätte das als Dessert empfunden, besonders wenn es mir möglich gewesen wäre, mit solchen Leuten ein paar freundliche Worte über ihre Motive zu wechseln. Aber es hat nicht sollen sein.
 
Gemächlichen Schritts wanderten wir Richtung NO weiter, kein Mensch, weit und breit. Der Zaun verlor sich im Dickicht des italienischen Walds, wohl dem Rand des Regionalparks Spina Verde von Como, und er tauchte erst vor Laghetto als Eichenschwellen-Variante wieder auf. Dort ist ein altes, etwas baufälliges Ökonomiegebäude bei einem Rebberg und zudem eine Art bewohntes Zollhaus, in dem einiger Betrieb war. Man befindet sich hier in einer Lichtung des bewaldeten Penz-Hügels (Collina del Penz), der sich westwärts bis zur Campagna in Seseglio erstreckt. Verbreitet sind hier die Edelkastanien, die gerade ihre verdorrten Blüten, die wie aufgedröselte Schnüre aussehen, verloren hatten, sodann die eingeschleppten Robinien, aber auch Waldföhren, Stieleichen, Hängebirken und Süsskirschen.
 
Wir kamen an der Stelle vorbei, wo sich die mykologische Gesellschaft „Carlo Benzoni” aus Chiasso eingerichtet hat. Sie will in diesem Gebiet 480 unterschiedliche Pilzarten gefunden und dokumentiert haben. Die Gesellschaft hat die Raststelle „Sosta dal fungiatt” eingerichtet und verbreitet auf Lehrtafeln ihr pilzkundliches Wissen. Skulpturen von überlebensgrossen Pilzen und einer Schnecke gehören dazu.
 
Und noch stand eine Attraktion bevor: Der Punto Panoramico (562,1 m ü. M.), der Aussichtspunkt östlich von Laghetto, zu dem Holztafeln weisen. Eine Holzplattform neben einem grossen Holzkreuz führt über den Abhang hinaus, und von hier aus geniesst man einen sensationellen Überblick über Chiasso, das sich zur Grossagglomeration aufgeschwungen hat und in dem immer umfangreichere Bahngeleiseanlagen für den Güterverkehr sorgen, schwungvolle Schneisen im Bauchaos. Im Hintergrund runden die Berge wie der Monte Minisfreddo, der M. San Giorgio, der Caviano, der Monte Generoso, der M. Bispino, der M. Palanzone und viele andere das gewaltige Bild ab.
 
Inzwischen ist es mir gelungen, im Hinblick auf die Niederschrift dieses Reiseberichts die neueste Ausgabe der „Mendrisio“-Karte zu beschaffen, und wer diese mit der 50 Jahre älteren kartographischen Darstellung dieses Gebiets vergleicht, erkennt, wie ungeheuer dieses Gebiet in den 5 Jahrzehnten überbaut worden ist. Der Landschaftsraum Chiasso-Balerna-Coldrerio-Mendrisio bis Riva San Vitale ist eine einzige stark industrialisierte und mit riesigen Strassen und Bahnanlagen durchschnittene Bandstadt. Im Westen ist das italienische Varese dabei, sich bis zum südlichen Luganersee-Ende hinauf zu fressen, und die Laveggio-Ebene rund um Stabio ist ebenfalls dabei, sich mit Bauten aufzufüllen. Das sind geradezu dramatische Änderungen im Süden des Schweizer Südkantons.
 
Und man ist dankbar, dass es noch die stillen Orte in stillen Tälern gibt, und auch der Moreggi-Hügel beim südlichsten Punkt hat all den Wucherungen der globalisierenden Zeit widerstehen können. Wir folgten den Wanderwegweisern „Pedrinate“ und kamen ins Dörfchen zurück, das neben Strassenbauten seinen Charakter hinter den Geleiseanlagen von Chiasso und dem Basco Penz ebenfalls einigermassen bewahren durfte.
 
Vielleicht sorgen ein paar Schmuggler und andere dubiose Gestalten dafür, dass sich niemand so recht in den Bereich der Landesgrenze getraut, was sich am Ende als aktiver Landschaftsschutz auswirken würde. Man mag daraus schliessen, dass selbst sie einen gewissen Nutzen haben.
 
Hinweise auf weitere Tessin-Beschreibungen von Walter Hess
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier