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BLOG vom 19.07.2007


Trauerfeier im Bündnerland: Die Unsterblichkeit der Liebe
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Etwa 500 m tiefer unten ist Chur. Diese Hauptstadt des Kantons Graubünden ist von der Kirche Malix aus nicht zu sehen. Dafür weitet sich der Blick von hier, vom Fuss des Dreibündensteins, einem Ausläufer der Stätzerhornkette, zu Maladers im Schanfigg, ferner zu einem der Churer Hausberge, dem Montalin, sodann zum Churerjoch und zum Faulberg. Im der Tiefe, nicht einsehbar, ist Passugg. Dort fliesst die Rabiusa vorbei, die ihr Wasser von der Lenzerheide her anliefert und sich stellenweise tief ins lockere Gestein eingefressen hat.
 
Es ist der 17. Juli 2007, 14 Uhr. Ich stehe in einer grossen Menschenansammlung vor der reformierten Kirche Malix (Kreis Churwalden), begrüsse Bekannte, stelle mich Unbekannten vor. Durch die rundbogigen Schalllöcher des schlanken Turms mit dem Spitzhelm über Wimpergen (vor Wind schützenden Mauerzinnen) ruft das Glockengeläute. Auf einer der Glocken steht: „ICH RUFFE EUCH ZUM HAUS DES HERREN DAS WORT GOTTES ANZUHÖREN“; sie stammt aus dem Jahr 1750. Nach einigen Minuten schwingen die Klöppel der beiden Glocken aus. Die Glockentöne werden unregelmässig, treten jetzt vereinzelt auf. Noch ein lauter Schlag wie ein letztes Aufbäumen. Dann herrscht Ruhe. Dieses Ausklingen erinnert mich an die letzten Monate von Beat Spycher („Spychi“), dessen Asche, auf dem Friedhof gleich neben der Kirche, bestattet werden soll. Sein Leben erlosch langsam, über Monate hinweg. Ein letzter Versuch, das Unabwendbare abzuwenden, dann kam die Erlösung.
 
Weit über 100 Personen begeben sich zum Friedhof, wo der Malixer Pfarrer „Fürchtet euch nicht“ aus dem Matthäus-Evangelium rezitiert und durch diese Anweisung dem Anlass Struktur verleiht. Den biblischen folgen persönliche Worte, eigene Erinnerungen. Die Trauernden begeben sich nacheinander zur hölzernen Urne, nehmen Abschied. Rosen begleiten die Urne in den kühlen Boden. Die Verwandten und Bekannten versammeln sich alsdann in der spätgotischen Kirche, unter dem Netzgewölbe des Chors und im Schiff mit unregelmässigen, zugeschrägten Pfeilern. Farben markieren die Rippen an der Diele und Striche täuschen am Chorbogen die Fugen von Mauersteinen vor. So weit der erste Eindruck. Nicht alle, die gekommen sind, finden in diesem architektonisch bemerkenswerten Raum Platz.
 
Der Pfarrer begibt sich auf die hölzerne Kanzel, spricht mit lauter, wohltrainierter Stimme, hochdeutsch. Er zerstreut Zweifel am Ratschluss Gottes, der es zuliess, dass ein Vater von 2 kleinen Kindern im Alter von 44 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilen darf – eine bei jeder Abdankung schwierige Gratwanderung für Pfarrherren. Warum? Die Frage bleibt unbeantwortet. Wir wissen und begreifen es nicht. Der zierlichen Frau des Verstorbenen, Pia Allemann, in der viel Kraft steckt, dankt er für ihren aufopfernden Beistand, gerechtfertigte Worte der Anerkennung für die lange Zeit des gemeinsamen Leidens, bei der sie auch tatkräftige Unterstützung von ihren im angebauten Haus wohnenden Eltern, Ruth und Werner Allemann-Pfosi, fand.
 
Ergreifend sind die formvollendeten musikalischen und gesanglichen Einlagen von Marcus Abplanalp aus Zizers GR, einem Arbeitskollegen von Spychi, welch letzterer als Schriftenmaler und Autolackierer ausgebildet war. Aus tiefer Ergriffenheit heraus entstanden 2 Lieder, die Marcus sang und sich dazu auf dem elektronischen Klavier begleitete. Er hatte seine Ferienreise auf der Route Napoléon, die er mit seiner Frau Mary unternommen hatte, um 2 Tage abgekürzt, damit er dem zum Freund gewordenen Kollegen die letzte Ehre in musischer Art erweisen konnte. Eines der Lieder handelt vom „Easy Walker“, dem leichtfüssigen Wanderer, der an Hindernisse stiess und doch immer weitergehen muss und weitergeht. Bis das Schicksal das endgültig verhindert.
 
Ein wahrscheinlich kaum schulpflichtiges Mädchen in der vordersten Reihe schaut mit grossen fragenden Augen und verängstigtem Gesichtsausdruck zum Musiker hinüber, kämpft mit dem Weinen, möchte tapfer bleiben, versucht, sich unter Kontrolle zu halten. Als das traurige, mit Herzblut gesungene Lied crescendoartig anschwillt und Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung musikalisch spürbar werden, rinnt dem Kind eine runde Träne über die rechte Wange, über die Lippe und bleibt wie ein Wassertropfen am Kinn hängen. Eine ebenso ergriffene Verwandte aus der nächsten Reihe schiebt dem Mädchen ein Papiertaschentuch zu. Viele andere Angehörige, Verwandte und Freunde benutzten das Schneuztuch ebenfalls. Die Akustik des Kirchleins verstärkt die Geräusche.
 
Dann sprechen 2 Freunde von Spychi, Andres Fischer und Martin Wälti, über ihren Freund, über ihren besten Freund. Sie betonen das. In bewegten und bewegenden Worten schildern sie ihren Spychi als unerschütterlichen Optimisten, der bei aller Ausweglosigkeit immer daran glaubte, dass sich wieder eine Tür öffnen werde. Die Angehörigen wissen, was sich hinter diesen Worten verbirgt: Der junge Mann musste seit Monaten künstlich ernährt werden, erhielt Chemotherapien und Antibiotikabehandlungen, die ihn jedes Mal zusätzlich schwächten. Die Schmerzen, wären sie unbehandelt geblieben, wären wohl kaum noch zu ertragen gewesen.
 
Die Familienangehörigen klammerten sich an Hoffungen, überbrückten damit die Ausweglosigkeit. Als ich Spichy am 15. April 2007 zum letzten Mal sah, sass er blass, ausgemergelt, krank in einem bequemen Lehnstuhl. Er erhielt eine Nahrungsinfusion. Eine Einstichstelle hatte sich entzündet. Ständig kam eine neue Pein hinzu. Er klagte nicht. Ich fragte ihn, ob er wenigstens noch ein paar Schritte ums Haus herum machen könne. „Kein Problem, ohne Weiteres.“ Sein Weg aber war vorgezeichnet, definitiv.
 
Spychi war früher immer voller Humor und bei Anlässen ein begnadeter Entertainer. Er regte zum Lachen, zum Schmunzeln an, und manchmal, so erinnerte sich Martin, sei einem das Lachen im Halse stecken geblieben, wenn Spichy die Leute unterhielt. An diesen Erinnerungen und Würdigungen war alles echt, wahr. Alles wurde aus tiefem Empfinden heraus dargestellt, und deshalb ging es zu Herzen. Es deckte sich mit meinem eigenen Erleben.
 
Der Organist spielt das „Ave Maria“ von Johann Sebastian Bach – bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde des Todes.
 
Die Feierstunde ist beendet. Man trifft sich im Restaurant Belvédère in Malix, stärkt sich, löscht den Durst. Ein heisser Tag, selbst auf rund 1100 m Höhe. Das Leben geht weiter. Eva freut sich, den Wirt, Remo Stecher, wiederzusehen, ein ehemaliger Schulkollege. Wenn sie von Knaben auf dem Schulweg geplagt worden war, bot er ihr Schutz an. Das hat sie ihm nie vergessen.
 
Ja, das war Malix mit seinen Leiden, mit seinen schönen Seiten, ein zur Wohngemeinde herangewachsenes und tatsächlich gewachsenes Dorf mit seinem Bestand an wetterfesten Bündnern, die mich als Unterländer sofort und schon immer akzeptiert haben. Viele Gäste verabschieden sich bald gezwungenermassen. Sie müssen heuen oder helfen irgendwo beim Einbringen des trockenen Grases nach einer langen Nässeperiode, und das bedeutet bei dieser Topografie Handarbeit, Anstrengung. Wir fahren dem Unterland entgegen, ins tiefer gelegene Gebiet, vorbei an Chur und den Churfirsten mit Silhouetten in verschiedenen Grautönen, durch die Linthebene Zürich entgegen.
*
Die Distanz zum Bündnerland vergrössert sich. Mir bleibt der Spichy präsent. Bei einem Besuch in unserem Haus sah er einmal meine grosse Wasserpfeife aus Arabien. Sie hat 4 verschiedenfarbige, dekorative Schläuche, auf welche die Namen meiner Familienangehörigen gestickt sind, und auf dem 5. steht „Gast“. Und es war Spichys grosser Wunsch, mit uns einmal eine Wasserpfeife rauchen zu können. Es sollte leider nicht mehr dazu kommen. Die dafür nötige Musse stellte sich leider nicht ein. Gestalten wir unser Leben richtig?
 
Ich weiss nicht, ob es unserem Gast um den kühlen Rauch ging oder vielmehr ums Erleben von Geselligkeit, einer Art von Verbundenheit. Wahrscheinlich war eher letzteres der Fall. Und genau diese für ihn wichtige Zuwendung hat Spychi in den letzten Monaten von allen Seiten erleben dürfen. Ein Trost.
 
Der Pfarrer hatte einige Male festgestellt, die Liebe sei es, die den Tod überdauere, und was man an Liebe ausgesandt habe, sei unsterblich. Fürwahr, man sollte nicht zu sparsam mit dieser Liebe umgehen. Ob indessen die Liebe und deren Früchte unsterblich sind, weiss ich nicht. Möglicherweise dauern sie nur so lange wie die Erinnerung wach bleibt. Auch Erinnerungen verblassen. Bei Menschen allerdings, an die man gern denkt oder zurückdenkt, halten sie länger an. Spichy war einer von ihnen.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über eine Trauerfeier
19.04.2005: Stille Beerdigung gleich neben dem Zofinger Heiternplatz
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