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BLOG vom 23.07.2007


Kirche Zillis GR: Viel skurriler Betrieb im hölzernen Himmel
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Redensart, wonach es wie im hölzernen („hölzigen“) Himmel zugegangen sei, bezeichnet chaotische Zustände, ein grosses Durcheinander. Einen solchen hölzernen Himmel mit einem unergründlichen Tohuwabohu gibt es in der Kirche St. Martin in Zillis (Kanton Graubünden). Die in 153 Felder aufgeteilte flache Holzdecke ist ein Tummelplatz für Bestien und Spukgestalten wie fischschwänzige Löwen, Elefantenfische, Drachen und musizierende Nereïden als Sinnbilder des Bösen (zu denen auch Bären und Wölfe gehören – mit all den Folgen bis heute), sodann brave Engel und biblische Gestalten, welche die Scheusslichkeiten zu neutralisieren haben. Die Eschatologie (die Gesamtheit religiöser Vorstellungen, wie es sie im Mittelalter gab) durchwirkt diesen hölzernen Himmel, der tatsächlich schon seine Faszination hat. Beachtenswert sind auch die Ornamente pflanzlicher und geometrischer Art: Akanthusblätter, Flechtband, Rosetten, Blütenstauden, Sterne und Mäander.
 
Selbst die Kirchenbesucher – pro Jahr sollen es ihrer etwa 50 000 sein – hängen in merkwürdigen Positionen in der Kirche herum; sie liegen eher auf den Holzbänken als sie darauf sitzen, weil sich das Wesentliche ja direkt über ihnen abspielt, und sie verdrehen die Köpfe, als ob es sich um Lockerungsübungen im Rahmen einer Gymnastikstunde handeln würde. Wer als Himmelsbetrachter eine normale Position behalten will, kann sich eines handlichen Spiegels im A5-Format aus einer Schachtel bedienen und damit die Skurrilitäten in eine kurze Sichtdistanz holen. Die Geheimnisse dieser zweidimensionalen Holzdecke ohne Perspektive und ohne Beachtung der Grössenverhältnisse, eine Art Bilderbibel für mittelalterliche Betrachter, sind nicht bis in ihre letzten Einzelheiten zu lüften.
 
Diese bäurisch-alpinen Malereien in der Kirche von Zillis im Schamsertal (an der Route über den Splügenpass nach Oberitalien und über den San Bernardino ins Tessin), wenig oberhalb der berühmten Viamalaschlucht, stammen aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Der 1. Bau der St. Martinskirche selber ist wesentlich älter. Er wurde schon 831 in einem karolingischen Güterverzeichnis erwähnt; und das Kirchlein wurde um 1100 neu gebaut. Damals fehlte wahrscheinlich das Geld für eine gewölbte Decke, und man behalf sich mit einer Holzkassettendecke, deren Felder mit einfachen Zeichnungen ausgefüllt wurden. Ich weiss das von einer Tonbildschau im Postgebäude Zillis, wo eine Ausstellung über die Kirchenbau- und Talgeschichte besucht werden kann. Daraus ging hervor, dass die Malereien wahrscheinlich billiger als die Holzdecke gewesen seien, deren Rahmengerüst am Dachstuhl befestigt ist. Der heutige, 1509 errichtete gotische Gewölbeanbau liess die Kassettendecke unverändert, weil die vorgesehene Einwölbung des Schiffs glücklicherweise nicht zu finanzieren war. Der letzte Bauteil stammt von Baumeister Andreas Bühler, einem Österreicher, und sah eine anschliessende Deckenwölbung eindeutig vor.
 
Dieses Kirchlein Zillis (die so genannte „Sixtina der Alpen“) gehört heute, nachdem es Jahrhunderte lang praktisch übersehen wurde, zu den populärsten Baudenkmälern der Schweiz; die Renovation von 1938–1940 und die Monografie von Erwin Poeschel (1941) schufen die Voraussetzungen für die Bekanntheit. Eine weitere Restaurierung erfolgte 1972.
 
Die Heilsgeschichte am Rande des Abgrunds
Die Ornamentmuster erzählen die Heilsgeschichte und die Martinslegende. Sie sind von einem urtümlichen, bedrohlichen, stürmischen und chaotischen Ozean (dem Weltmeer, dem mare saeculi) umrahmt, der die Erdscheibe begrenzte, als die Erde als Scheibe wahrgenommen wurde. Zu Wasser und zu Lande tummeln sich die aus der mythischen Vorzeit überlieferten Fabel- und Zwitterwesen (halb Mensch, halb Tier, Missgeburten, Werwölfe usw.), die Angst erwecken wollen. Wahrscheinlich sind das symbolische Spiegelbilder menschlicher Irrungen und Verwirrungen: Was wir direkt oder mit Hilfe kleiner Spiegel betrachten können, hält uns selber den Spiegel vor. Dämonen, die sich gegenseitig zerfleischen, weisen wahrscheinlich auf das selbstzersetzende Verhalten der Menschheit und insbesondere einiger Machthaber hin. Da wird musiziert, gebissen, gefoltert, gekämpft. Die 4 Ecken sind von posaunenden Engeln besetzt, den Symbolen der 4 Winde, die wohl zum Jüngsten Gericht rufen. Die mahnende Aussage ist erkennbar: Gefahren bestehen für den Menschen dann, wenn er von der Mitte abweicht; dann wird er aus einer äusseren Zone abstürzen – ins Verderben.
 
Der innere Zyklus zeigt die 3 Könige des Alten Testaments (David, Salomon und Rehabeam), gefolgt von 2 Frauengestalten (Synagoge und Ecclesia), welche das Alte und das Neue Testament symbolisieren. Weitere Themen sind die Verkündigung an Maria, die Heimsuchung, die Verkündigung an die Hirten, die Geburt Christi bis hin zur Dornenkrönung; dann endet die biblische Geschichte abrupt. In weiteren Feldern wird das Leben des Kirchenpatrons Martin dargestellt, der auch im Talwappen erscheint.
 
Das Betrachten des romanischen, wegen seiner Formensprache und auch farblichen Schlichtheit eindrücklichen Kunstwerks aus Holz gestaltet sich selber als ein Kunststück; denn für den Betrachter auf dem Kirchenboden oder auf einer Kirchenbank stehen die 153, insgesamt 17 m langen Bildfelder auf dem Kopf. Er müsste sich um 180 Grad drehen, um die Bilder richtig zu sehen, und dabei rückwärts auf das Chor zuschreiten. Doch dann wird die Geschichte Jesu von hinten nach vorn erzählt. In diesem hölzernen Himmel scheint tatsächlich einiges durcheinander geraten zu sein; auch frühere Instandstellungsarbeiten hatten angeblich dazu beigetragen. Ob die jetzige Anordnung im Sinne der Erfinder ist, bleibe dahingestellt. Wer die Bilderbibel richtig lesen wollte, müsste sie im Geiste um 180 Grad drehen und sich auf den Boden legen. Aber das Lesen wird ihm immer noch Mühe bereiten.
 
Die Decke ist so konstruiert, dass die einzelnen Bilder, die in einer Werkstatt auf Holztafeln gemalt wurden, durch Leisten im Deckgebälk befestigt werden konnten. Die Namen der Maler (wahrscheinlich waren es deren 2: Meister und Schüler) sind unbekannt, aus den dargestellten Menschentypen, ihrem Habitus und ihrer Miene wird geschlossen, dass es sich um Bündner handelte.
 
153
Selbst die Zahl 153 ist symbolkräftig: Sie ist das Resultat der Multiplikation 9×17 und ist auch das Ergebnis der Addition aller Zahlen von 1 bis 17 (nach Augustinus eine Schlüsselzahl) und entspricht der Anzahl der Fische, die sich beim österlichen Fischzug der Jünger (Joh. 21,11) im Netz verfangen hatten, das Simon Petrus auf Geheiss Christi ausgeworfen hatte. Das mittelalterliche Denken („Nichts ist bei Gott leer und zeichenlos“) schlägt hier kräftig durch und macht uns zu schaffen. Der Individualismus wurde als anmassende Gotteslästerung empfunden. Die Kirche, dann der Staat und die Gemeinde sowie die Zunft waren die bleibenden Werte. Der Mensch ist ein Bestandteil davon, kein Einzelwesen. In der heutigen, auf Gleichschaltung ausgerichteten Globalisierung, Voraussetzung für eine zentrale Führung, läuft die Entwicklung ebenfalls wieder darauf hinaus, wobei noch die sich konzentrierende Wirtschaftsmacht hinzu gekommen ist.
 
Laut Ernst Murbach (im Schweizerischen Kunstführer, herausgegeben von der Gesellschaft für schweizerische Kunstgeschichte) besteht der einmalige Wert und die Bedeutung der Bilderdecke von Zillis „im originalen Zustand der Malereien an Ort und Stelle, in der nahezu vollständigen Erhaltung, im umfassenden Bildprogramm, in der überreichen Ornamentik und in der Art der Holzkonstruktion“.
 
Jan Hackaert
In der Begleitausstellung in der Post, die man eigentlich vor der Kirche besuchen sollte, wird man auch mit dem Werk des niederländischen Malers Jan Hackaert (1628–1699?) bekannt gemacht, der als Landschaftsmaler die Schweiz bereiste. Der Auftrag dazu erteilte ihm der kultivierte und wohlhabende Sammler von Landkarten und topografischen Ansichten Laurens van der Hem (1621–1678), der in Erfahrung bringen wollte, woher der Rhein als Lebensstrom Hollands eigentlich kommt.
 
Hackaert soll sich im Jahre 1655 während 6 Wochen im Schamsertal aufgehalten haben, und dabei zeichnete er viele Schweiz-Ansichten, wobei die Tafeln 21–34 (von 42) der Viamala und dem Schams gelten und das Kernstück bilden. Die ehemalige Raniabrücke „Punt da Tgiern“ am Südeingang zur Viamala muss Hackaert als besonders wichtig erachtet haben – er zeichnete sie gleich 3 Mal: aus der Ferne, von vorne und von der Seite. Auch für den verstorbenen Zilliser Historiker Chriostoph Simonett galt der 1473 erbaute Flussübergang als schönste alte Brücke des Kantons Graubünden (bitte beachten Sie dazu das Blog Auf Säumerspuren: Überlebensübung im Verlorenen Loch vom 22.07.2007).
 
Das Schams (Schons)
Das Schams ist ein schönes, lichtes Tal, das viele kleine Schönheiten birgt und sie dem interessierten Gast bereitwillig öffnet. Überall finden sich Menschen, die sich Zeit für Fremde nehmen, wenn sie sich für ihren Lebensraum interessieren. Die Schamser erschienen mir wie die Nachkommen von hilfsbereiten Säumern, die sich sorgfältig ums Transitgut kümmerten. Die Touristen sind eine moderne Variante dieses Guts, um das man sich sorgfältig bemüht, genau wie um die Instandhaltung der Wege. So war es schon immer. Im Jahr 1770 berichtete ein Zeuge, wie Männer aus den Dörfern die Wege im Winter freischaufelten und begehbar machten. Und die Dienstleistung der Ruttener, wie man sie nannte, war unbeschränkt: „Liegen Reisende halb todt und erfroren unterwegs, so laden sie solche auf Schlitten und führen sie in die Herberg; werden sie von Schneelauenen (Lawinen) zugedeckt, so grabt man sie heraus.“
 
Vielleicht kommt, wer im Schamsertal stirbt, in einen hölzigen Himmel. Es würde mich nicht wundern. Denn dort ist Platz für alle Kuriositäten.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Bündnerland von Walter Hess
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