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BLOG vom 06.08.2007


Einschnitt über Tripolis im Gestein des Unteren Hauensteins
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Haut man eine tiefe Kerbe in einen Stein, ergibt sich daraus logischerweise ein Hauenstein. Von solchen Zusammenhängen habe ich im Blog vom 30. 12. 2006 berichtet: Olten (03): Verwehte der Möhlin-Jet die Herren von Ifenthal? Der etwa 26 km lange Juraübergang Unterer Hauenstein, der (Olten–)Trimbach SO via das Dorf Hauenstein (Bezirk Gösgen SO) und Läufelfingen BL sowie Buckten BL (Nähe Sissach BL) verbindet, ist heute eine bequeme, zweispurige Asphaltstrasse; die Passhöhe befindet sich auf 691 m ü. M. Die stellenweise recht steile Jurasüdseite wird oberhalb des Eisenbahnerdorfs Trimbach (rund 400 m ü. M.) durch eine Haarnadel mit 2 rund 1 km langen Armen bewältigt, der alte Passtrick: Verteilt man eine Höhendifferenz auf eine längere Strecke, nimmt die Steilheit ab. Insgesamt sind knapp 300 m zu überwinden.
 
Das Cheibenloch
Strassenbauten waren früher Handarbeit, die zusammen mit kräftigen Tieren geleistet werden musste, und der Verkehr beschränkte sich auf die wesentlichen Verschiebungen von Gütern und Menschen. Man musste dementsprechend grössere Steigungen in Kauf nehmen. Der Untere Hauenstein war ein wichtiger Übergang für den weiträumigen Nord-Süd-Verkehr und soll angeblich schon von den alten Römern bewältigt worden sein, worauf römische Münzenfunde aus dem Gebiet „Cheibenloch“ hindeuten.
 
Bei jenem „cheiben“ Loch handelt sich, wie der Helvetismus andeutet, um ein Loch, das Schwierigkeit bereitete. „Es cheibe Züüg“ ist eine Angelegenheit, die in lästiger Art Probleme macht; doch kann etwas auch „cheibe guet“ sein, also besonders gut. Das mundartliche Adjektiv „cheibe“ (ähnlich dem ostschweizerischen „choge“) wechselt also chamäleonartig die Bedeutung, aber ein Cheibeloch ist unzweifelhaft ein schwieriges Loch. Ich habe das bei einer kleinen Exkursion vom 22. Juli 2007 bestätigt gefunden. Der Bach, der von Hauenstein via Chäppelifluh dieses Loch ausgefressen hat, reisst bei starken Niederschlägen noch immer viel 50 Mio. Jahre altes brüchiges Kalkstein-Material aus dem Faltenjura mit sich. Eine vom Cheibenloch nach Westen führende Waldstrasse war mit Baumleichen und Kalkbrocken bedeckt und gesperrt, eine cheiben ruppige Gegend.
 
Der Weg zum Felseinschnitt unterhalb des Dorfs Hauenstein
Um meine Gesundheit nicht zu „vercheiben“ (zu ruinieren), begab ich mich auf die moderne Passstrasse zurück und hinunter bis dort, wo ein Hof mit der Tafel „Duleten“ gekennzeichnet ist. Etwa 200 m weiter unten führt eine einspurige, mit einem Fahrverbot belegte Strasse steil bergan, dem Gebiet Rüteli/Chäppeliflue entgegen. Jenes Gebiet heisst Lindenrain. Es ist im Wesentlichen eine offene Wiese, die nach wenigen Wanderminuten erreicht wird und oben weniger abschüssig als unten ist. Die Strasse führt jetzt rechts am Waldrand entlang, am Fusse der Felsen von Rüteli und Flüeli. Wo sie in ein Waldstück eintaucht, verhindert eine mit Stacheldraht verzierte Bahnbarriere das Weitergehen – ohne dass da oben Bahngeleise auszumachen wären ... Ich nehme an, dass da einfach ein Bauer seinen Frieden haben wollte.
 
Ich zweigte, vorbei an vielen zu grossen Rollen verbundenen 1 Meter langen Holzspälten, notgedrungen in den Waldweg nach links ab, und genau das erwies sich in jeder Beziehung als sinnvoll. Verschiedene lichthungrige Pflanzen wie Brennnesseln mit Schlagseite versuchten, den Weg zurückzuerobern. Am Boden waren bald einmal abgeschmirgelte Steinplatten, geeignet für den Hufschlag der Pferde, zu sehen, ein Karrenweg also, der für Pferdewagen angelegt war. Der etwa 300 oder 400 m lange, für Pferdewagen geeignete Weg mit den noch schwach erkennbaren Fahrrinnen führt dort in mässiger Steigung aufwärts, ein Grenzfall für schwer beladene Fuhrwerke. Dann beschreibt er eine schwache Rechtskurve und führt in einem steilen Gelände in einen tiefen Felsspalt hinein, der künstlich gehauen worden ist. Dieses Strassenbauwerk ist eindrücklich, eine Erinnerung an alte Verkehrsbeziehungen der mühseligen Art. Wegen des ursprünglich noch stärkeren Gefälles des Wegs (20 bis 24 %) mussten hier Haspel und Seilwinden eingesetzt werden, damit die Fuhrwerke heraufgezogen oder hinuntergelassen werden konnten. Den Pferden war das nicht zuzumuten. Und dennoch war dieser Weg attraktiver als die Hauptroute des Unteren Hauensteinübergangs, welche durch das „Rinthal“ (Rintel) hinauf nach dem Oberen Erlimoos und weiter nach Wisen SO und Zeglingen BL führte; dieser so genannte Römerweg ist länger und hat eine grössere Höhendifferenz zu überwinden.
 
Pickelten hier die alten Römer?
Wahrscheinlich ist der Felsdurchbruch schon von den Römern, nach einzelnen Quellen aber erst unter den Froburgern im Mittelalter gehauen worden. In der Dorfchronik „Trimbach“ von Beat Vögtli (1975) heisst es dazu, der Obere Hauenstein (in der Gemeinde Langenbruck BL zwischen Balsthal und Waldenburg) sei der wichtigere Weg, die Hauptheerstrasse also, gewesen: „Die grössere Bedeutung erreichte der Untere Hauenstein erst später, im Mittelalter, als der Weg durch den Felseinschnitt geführt wurde. Seine Bedeutung stieg mit der Eröffnung des Gotthardweges über die stiebende Brücke durch die Schöllenen und mit dem Bau der ersten Basler Rheinbrücke im Jahre 1223 durch Bischof Heinrich von Thun. Als wichtiges Zwischenstück der Durchgangsroute Deutschland–Italien wurde der Passweg über den Unteren Hauenstein neu angelegt. Das war um 1200 herum. Die Grafen der Froburg und wohl auch der Abt des Klosters St. Urban liessen den Felsgürtel der Käppeliflue unterhalb des Dorfes Horwen (= Sumpf) ,aushauen’. 1237 tauchte darauf zum erstenmal der Name ,Hauenstein’ auf.“
 
An der Oberseite des Felsdurchbruchs, der heute nicht ganz steinschlag-sicher ist, wie Kalksteinbrocken auf dem Boden belegen, ist eine Informationstafel mit einem Übersichtsplan der Ausgrabung 1993 aufgestellt. Darauf ist auch zu erkennen, wo die Balkennuten und das Grenzgatter waren. Ein Vollidiot, der den Namen vollauf verdient, hat die Beschriftung der Tafel mit königsblauer Sprayfarbe verschmiert, so dass sie zum Teil unleserlich ist. Immerhin habe ich darauf noch lesen können, dass der Untere und der Obere Hauenstein und alle anderen Jurapässe seit altersher benützt wurden. Die beiden Hauenstein-Übergänge dienten wie auch der Bözberg unter anderem als Verbindung zwischen Augusta Raurica und dem Mittelland. Neben den erwähnten römischen Münzen belegen das auch eine Weihe-Inschrift aus einem Passheiligtum für den Unteren Hauenstein. Dazu ist generell beizufügen, dass ein gutes Strassennetz der Sicherung der römischen Herrschaft mit ihren grandiosen Ausmassen diente.
 
Laut dieser Informationstafel war in der Chäppeliflue schon bei der Bildung des Faltenjuras ein Felsspalt entstanden, der dann in römischer Technik zum Felsdurchbruch ausgehauen, also vergrössert worden ist. Doch stammen schriftliche Nachrichten darüber erst aus dem Mittelalter. Nach einer Urkunde von 1206 war bereits damals ein „Ablass-Seil“ in Betrieb – das Wort hat diesmal nichts mit der katholischen Geschäftemacherei „Ablasshandel“ zu tun.
 
Nach einem Bericht von 1250 liess das Kloster St. Urban Wein aus dem Elsass in Fässern über den Unteren Hauenstein transportieren. Und im Jahr 1471 ist von einem „Hengseil“ (wohl ein Seil, zum etwas daran hängen) die Rede. Zwischen 1565 und 1585 erfolgten unter der Leitung eines Konrad Strub Erweiterungsarbeiten im Felsdurchbruch und andere Wegverbesserungen. 1567 war der beschriebene Weg zum Lindenrain hinunter so ausgebaut, dass auf das Ablass- bzw. Hengseil verzichtet werden konnte. Damals wurde auch ein Grenzgatter (zwischen Basel und Solothurn) eingebaut. Im letzten Jahr vor der Eröffnung der zwischen 1827 und 1830 erbauten Passstrasse über den Unteren Hauenstein wurden rund 10 000 Fuhrwerke durch den Felsdurchbruch geschleust, was auf die grosse Bedeutung dieser Verbindung hinweist.
 
Am Unteren Hauenstein wurden Radrinnen von Karren an folgenden Stellen entdeckt (Zitat von der erwähnten Orientierungstafel):
– In Läufelfingen in der Schlyffi: im Bett des Homburgerbachs 2 bis 20 cm tiefe Rinnen mit einer Spurweite von 103 cm;
– Im „Alten Hauenstein“ nördlich unterhalb der Passhöhe: in grossen Gesteinsbrocken, die von einer verwitterten Muschelkalkbreccienschicht stammen: 2 bis 45 cm tiefe Rinnen mit einer Spurweite von 111 cm;
– unterhalb des Neuhofs: im Bett des Läufelfingerbachs 2 bis 10 cm tiefe Rinnen mit einer Spurweite von 103 cm;
– Am Nordende des Felsdurchbruchs bei der Chäppeliflue, wo sich die Informationstafel befindet: Überreste von Fahrrinnen, die von Baumeister Giovanni Ross jun. aus Trimbach am 1./2. Februar 1993 freigelegt und wieder sorgfältig überdeckt wurden. Es handelt sich um 3 nacheinander entstandene Karrengeleise: Das älteste in der Mitte wurde bei einer Wegkorrektur aufgegeben und eingeebnet, indem man die Rinne sorgfältig mit kleinen Kieselsteinen auffüllte. Das nächstfolgende Karrengeleise entstand bergseits und das 3. talseits – im Zusammenhang mit einer griffigen „Bsetzi“ (Art Pflasterung) für den Hufschlag der bis zu 8 Tieren in den Zug gestellten Vorspannpferde.
 
Nach der Tafel-Inschrift müssen die 1990 im „Alten Hauenstein“ entdeckten Karrengeleise in römischer Zeit entstanden sein. Dies belegen die in vielen antiken Fahrtrasses beobachtete Spurweite von 108 bis 111 cm, die tief eingeschnittenen Rinnen sowie der Verwitterungszustand der Gesteinsbrocken, der nach dem Urteil von erfahrenen Geologen wie Prof. Fr. René Hantke von der ETH Zürich eine Zeitspanne von vielen Jahrhunderten voraussetzt.
 
In Hauenstein
Ich spazierte nach dieser verkehrsgeschichtlichen Lektion hinauf zum Dorf Hauenstein, wo neben der breiten Strasse ausladende Parkplätze sind. Der „Löwen“ war geschlossen; er wird zurzeit gerade als WG (Wohngemeinschaft) genutzt; auf dem Dach sind Bauprofile für Dachlukarnen angebracht, so dass also der Zerfall dieses stattlichen Bauwerks wahrscheinlich verhindert wird. Ich setzte mich in die Gartenwirtschaft des Restaurants „Sonne“, das sich gleich nebenan befindet, und bestellte einen Apfelmost. Der aus Italien stammende Wirt namens Fazari, der seit 8 Jahren hier ist, kannte das Römerwerk in wenigen hundert Metern Distanz nicht, erzählte mir aber von Tripolis in Trimbach, von dem ich noch nie gehört hatte. Er führte mich mit einer Polizeistreife zusammen; die beiden Beamten erfrischten sich soeben hier. Und der eine, der besonders geschichts- und ortskundige Polizist, erzählte von der Barackenstadt, die im Rahmen mit dem Bau des Hauenstein-Basiseisenbahntunnels (1912–1916) entstanden war. Die Siedlung umfasste Wohnbaracken für die meist aus Italien und auch aus der Türkei stammenden Arbeiter, eine Schule, viele Kantinen, ein Kino, Tanzlokale und sogar eine eigene Poststelle (mit eigenem Stempel, ein gefundenes Fressen für Philatelisten). Es war eine wild wuchernde Wohn- und Vergnügungsstadt ohne planerische Ordnung und ohne genügende Infrastruktur. Erst als die Zustände katastrophal wurden, richtete Trimbach eine Kanalisation und eine Kehrichtabfuhr ein.
 
Der Name Tripolis für dieses Barackendorf wird in den Zusammenhang mit dem italienisch-türkischen Krieg gebracht (1911/12), bei dem italienische Truppen im wirklichen Tripolis einwanderten und Tripolitanien (heute Libyen) eroberten – und so eroberten sie eben auch Trimbach, diesmal in friedlicher Mission für beschränkte Zeit. Heute ist von Tripolis bei Olten im Gegensatz zur libyschen Hauptstadt nichts mehr zu sehen. Das provisorische Dorf existiert nur noch in der Erinnerung.
 
Der Hauenstein hat, wie man sieht, eine facettenreiche Geschichte, bei der die Römer immer eine wichtige Rolle spielten. Dass die „Sonne“ Hauenstein zur Pizzeria wurde, wundert deshalb nicht.
 
Hinweis auf Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
(Reproduktionsfähige Fotos können zu all diesen Beschreibungen beim Textatelier.com bezogen werden.)
 
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