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BLOG vom 09.08.2007


Unterseebootfahrt nach Stein a. Rhein mit Kapitän Schnitzer
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Bodensee besteht, wie schon der erste Blick auf die Landkarte lehrt, aus 2 Teilen: aus dem 476,6 km2 grossen Obersee mit dem nach Nordwesten weisenden Überlingersee einerseits und dem 64,4 km2 umfassenden Untersee (inklusive Zellersee und Gnadensee) anderseits. Der Untersee, das zentrale Ereignis dieses Blogs, ist durch den so genannten „Schwanenhals“ bei Gottlieben TG als engster Stelle des Bodensees mit dem Obersee verbunden. Dieser untere Seeteil mit dem Abfluss franst gegen Stein am Rhein SH, Radolfzell D und Markelfingen aus; im Zentrum davon ist die Insel Reichenau auf deutschem Gebiet. Und wenn es sich bei dem Zugang dazu um den Schwanenhals handelt, müsste es sich bei diesem reich strukturierten Gebilde um den Schwanenkopf handeln mit dem Untersee als Schnabel. Der eigentliche Untersee ist der südliche Teil dieses Bodensee-Anhängsels.
 
Ein Boot, das auf dem Untersee verkehrt, ist meines Erachtens ein Unterseeboot. In dem Sinne ist ein Boot, das sich unter der Wasseroberfläche tummelt, kein Unterseeboot, sondern ein Unterwasserboot. Bei einem Unterseeboot auf dem Untersee kann es sich neben all den anderen Möglichkeiten durchaus um ein grosses Gummiboot handeln, das zum Beispiel durch 2 starke „Honda 45 HP“-Motoren angetrieben wird und Sonnensegel besitzt. Der Kapitänsstand ist mit allem elektronischen Zubehör ausgestattet wie einem Satelliten-Navigationsgerät, das ständig die aktuelle Position, die Fahrt in km/h und den gefahrenen Kompasskurs angibt und ausserdem ständig die Wassertiefe misst (1 m genügt), sodann mit einem Schiffskompass, einem Tourenzähler zur Kontrolle der Motoren und all den Hebeln, die beim Navigieren zu betätigen sind, usf. Wenn man die Gashebel nach vorne schiebt, wird das Boot schneller; auf Wunsch legt es gut 40 km pro Stunde zurück. Wenn ich mich richtig erinnere, muss man bei Flugzeugen den oder die (je nach Anzahl der Triebwerke) Hebel ebenfalls nach vorne schieben, um mehr Schub zu erzeugen. So sind Piloten und Kapitäne beliebig austauschbar.
 
Techniker mit Sinn fürs Gesunde
Noch wesentlich interessanter als das erwähnte „Gummiboot“ mit seinen UV-Licht-resistenten High-Tech-Schläuchen in Orange und Schwarz, einem soliden Glasfaser-Kunststoff-Rumpf (der auch noch fahrtüchtig wäre, sollte alle Luft aus allen sechs Schlauchkammern entwichen sein), und dem weiteren Zubehör wie die bequemen weissen, mit Schaumgummi gepolsterten Sitze und Liegeflächen ist der Kapitän, der auf Verlangen alle möglichen Schifffahrtsbrevets vorweisen kann und früher auch als Privatpilot im Einsatz war. Man fühlt sich da in besten Händen: Es handelt sich dabei um Dr. Johann Georg Schnitzer, der einst auch Getreidemühlen und dergleichen technisches Gerät konstruierte; denn der Mensch lebt ja nicht vom Schifffahren und Fliegen allein – es muss ja auch gesund und vollwertig gegessen sein.
 
Das Multitalent Schnitzer übte früher über mehrere Jahrzehnte hinweg – von 1954 bis 1997 – den Zahnarztberuf aus. Und weil er ein exzellenter Beobachter und analytischer Denker ist, fiel ihm auf, dass das Gebiss der Menschen umso spröder und lotteriger wird, je leerwertiger sie sich ernähren. Kurz: Industriekost schadet dem Kauapparat. Wobei gleich anzufügen ist, dass die Industrie durchaus in der Lage ist, Futter herzustellen, welches des Kauens nicht mehr bedarf, womit das Problem in der bewährten Art einer gewinnträchtigen Verschlimmbesserung gelöst wäre.
 
Zahnarzt Schnitzer aber mochte sich nicht darauf kaprizieren, Zahnlöcher mit dem quecksilberhaltigen Gift Amalgam zu stopfen, das von den übrigen Zahnärzten hoch verehrt wurde und für das sie auf die Barrikaden, auch solche aus Sondermüll, gingen (und das nicht einmal dann verschwand, als die ersten Schadenersatzklagen auftauchten). Dr. Schnitzers Sache war es auch nicht, sich mit der Reparatur der durch Zivilisationskost entstandenen Zahnschäden zu begnügen. Er setzte vielmehr bei der Ernährung selbst an, kämpfte gegen Weissbrot und Industriezucker und für eine vollwertige, natürliche, artgerechte Kost, ohne Rücksicht darauf, dass er damit die zahnärztlichen Existenzgrundlagen auf Spiel setzte. Denn wovon soll ein Zahnarzt leben und sich sein tägliches Brot verdienen, wenn die Menschen gesunde Zähne haben? Er lehrte die Leute, Gerichte und Brote aus Getreidekörnern mit Keim und Randschichten herzustellen und konstruierte dank seines metallbauerischen Wissens und Könnens das zugehörige Gerät zum Zerkleinern des Vollwertigen und Gesunden. Später fand er heraus, dass weitere verbreitete, zur Blüte gelangte Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes die gleichen Ernährungsfehler zur Ursache haben wie der Gebissverfall, und dass diese durch die gleichen Ernährungskorrekturen in den meisten Fällen ausheilen. Er wurde zum Rufer in der Wüste des Denaturierten, empfahl und empfiehlt: Ernährungsumstellung! Zurück zum Frischen, Naturbelassenen, Ganzheitlichen! Und überraschend viele Leute, die es hören wollten, hörten es. Nur die Wissenschaft hielt sich die Ohren zu. Man kann sich die Gründe dafür lebhaft vorstellen. Weil deshalb auch der Gebissverfall weiter fortschritt und das Ausmass einer degenerativen Organauflösung erreichte, entwickelte Schnitzer parallel zur Vorbeugung auch seine zahnärztlichen Methoden zu einer hochpräzisen, dauerhaften Gesamtsanierung des zivilisationsgeschädigten Kauorgans weiter (siehe sein Buch „Zahnprobleme und ihre Überwindung“).
 
Von Konstanz nach Westen
Aber in diesem Blog geht es weniger um die Ernährungswissenschaft, über die im Internet unter www.dr-schnitzer.de und in seinen Büchern www.dr-schnitzer-buecher.de detailliert und aus erster Hand gelesen werden kann, sondern um eine kommune Schiffsreise von Konstanz durch den besagten Schwanenhals, vorbei an Gottlieben, Ermatingen, Mannenbach-Arenenberg (vis-à-vis der Insel Reichenau), Berlingen, Steckborn, Mammern, Eschenz bis Stein am Rhein unter der Burg Hohenklingen. Am deutschen Ufer grüssten Gaienhofen, Hemmenhofen, Wangen und Kattenhorn mit der Wasserburg. Ich war wirklich froh, dass die Schifffahrt übers Wasser führte, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass in den teilweise nicht sehr beeindruckenden Untersee-Wassertiefen von wenigen Metern so viel zu sehen gewesen wäre: Am Bodensee haben sich Naturschönheiten, Städtchen, Schlösser und Burgen in grosser Zahl versammelt. Und der reflektierende See gibt sich alle Mühe, diese idyllischen Bilder zum Spiegelereignis zu verdoppeln.
 
Die Bootsfahrt führte zuerst einmal an ausgedehnten Feuchtgebieten mit viel Schilf und Wasservögeln vorbei, wobei die Schwäne in der Schwanenhals-Umgebung (Seerhein) natürlich die Vorherrschaft und auch das Sagen haben. Das Wollmatinger Ried–Untersee–Gnadensee westlich von Konstanz auf der deutschen Seite ist seit der Mitte der 1970er-Jahre als so genanntes Europareservat ein Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung und für die herumtrampelnde Öffentlichkeit weitgehend gesperrt. Dort können sich etwa 300 Vogelarten wie Schwarzhalstaucher, Rohrdommeln, Kolbenenten, Flussseeschwalben usw. weitgehend ungestört entwickeln. Ein kleineres „Riet“ (diesmal mit T) liegt auf der Schweizer Seite: Espen Ermatingen-Gottlieben dient unter anderem den Amphibien zu Laichzwecken, eine gute Sache, und der auenähnliche Bewuchs ist schön anzusehen.
 
In fast regelmässigen Abständen tauchen am Untersee, in dessen Mitte die Landesgrenze CH–D verläuft, wunderschöne Dörfer mit vielen Fachwerkbauten und Palästen auf, die alle in verträumter Stimmung auf den See hinaus schauen; vom Boot aus ist man also Auge in Auge mit ihnen. Ein solcher Prachtbau ist das neugotisch umgebaute Schloss Gottlieben TG aus dem 13./14. Jahrhundert beim gleichnamigen ehemaligen Fischer- und Bauerndorf, in dem während des Konstanzer Konzils der Reformator Johannes Hus und der abgesetzte, 1419 verstorbene Gegenpapst Johannes XXIII. gefangen waren. Der Prachtbau wird seit 1950 von der Sängerin Lisa Della Casa (geboren 1919) und ihrem Gatten, Dragan Debeljevic, bewohnt; die Berühmtheit lebt heute zurückgezogen. Sie spielte u. a. die Gräfin in „Capriccio“ von Richard Strauss, und leider beendete die schwere Erkrankung ihrer Tochter das Scherzhafte in ihrem Leben.
 
Gottlieben hat ein ausgezeichnetes Ortsbild mit der entsprechenden touristischen Bedeutung, Balsam für die Seele.
 
Ermatingen mit dem berühmten Riegelbau Kehlhof und der Ansammlung von Schlössern (Hard, Wolfsberg, Lilienberg und Hubberg) gilt als eines der ältesten Dörfer im Kanton Thurgau. Das Fischerdorf ist auch durch seine Pfahlbaufunde bekannt. Doch wäre es sträflich, diese angenehm überbaute Landzunge auf die Pfahlbauer und die Groppenfasnacht zu reduzieren; da ist auch noch viel malerische Bausubstanz vorhanden.
 
In Berlingen steht mit der reformierten Kirche, 1842 von Johann Nepomuk Keller erbaut, eine der ersten neugotischen Bauten der Schweiz, wobei allerdings einige klassizistische Bauelemente dazu gekommen sind. Besonders reintönig aber sind hier die aneinander gebauten Fachwerkhäuser. Der Maler Adolf Dietrich (1877–1957) konnte sich hier, an seinem Wohnort, reich inspirieren lassen. Seine Malstube hat ihn überlebt – sie ist noch zu besichtigen.
 
Unser Kapitän Schnitzer drosselte das Tempo immer, wenn sonst die Zeit zum Staunen über die Schönheiten am Ufer zu kurz gewesen wäre; er hat also auch reiseleiterische Qualitäten. Und so eine Verlangsamung drängte sich natürlich vor Steckborn auf, schon wegen des auffälligen Turmhofs (1320) mit dem geschweiften Kuppeldach und den zierlichen Spitztürmchen. Der Reichenauer Abt Diethelm von Castell hatte dieses Bauwerk als Wahrzeichen äbtischer Macht in die Stadt, die es damals schon gab, hineinbauen lassen. Heute ist darin ein Ortsmuseum eingerichtet, wie an der Fassade zu lesen ist. So hat sich das Protzgehabe eines Klostervorstehers am Ende doch noch günstig ausgewirkt.
 
Wo alles geschmückt ist: Stein am Rhein
Nach dem idyllischen Ferienort Mammern verengt sich der Untersee bei Öhningen D mit dem wuchtigen ehemaligen Chorherrenstift zum Rhein, und nach Stein am Rhein CH ist es nicht mehr weit. Der Rhein hat hier seine Grenzfunktion verloren; der Kanton Schaffhausen wölbt sich ins nördliche, deutsche Gebiet hinein, bis hinauf zum Randen.
 
Das Städtchen Stein am Rhein hat den Fluss von beiden Seiten wie eine Zange im Griff. Wir folgten dem Rat der charmanten, lebhaften, aus Äthiopien stammenden Frau Azeb Schnitzer und kehrten gleich im Hotel Rheinfels am nördlichen Brückenkopf ein; die Zeit zum Mittagessen war gekommen. Wir hatten auf der Terrasse einen freien Blick auf den Rhein und über den Fluss zu den Fachwerkhäusern am Südufer (eines mit blau bemalten Balken, das mir besonders gefiel). Das Hotel Rheinfels, ein mittelalterliches Gradhaus (Wasserzoll- und Lagerhaus z. B. für Salz) mit dem Fachwerkvorbau auf der Rheinseite, bestand schon im 13. Jahrhundert. Nach der Aufhebung der Inlandzölle (1848) und dem Niedergang der Rheinschifffahrt zur Zeit des Eisenbahnbaus (1873) wurde das Gebäude von der Zunft „Zum Kleeblatt“ an den Hutmacher Jakob Graf verkauft, der es zusammen mit seinem Sohn ins Gasthaus „Zum Rheinfels“ umgewandelt hat. Und davon konnten wir jetzt profitieren.
 
Wir genossen in dieser geschichtsschwangeren Atmosphäre Fischspezialitäten (Egli, Zander, Wels) und tranken einen Truttiker Weissburgunder (Pinot Blanc) mit Barrique-Hintergrund. Und Herr Schnitzer degustierte eine Gazpacho Andaluz, die er zu den gesundheitsfördernden Gerichten zählt und für die er auch ein Rezept z.B. in seinem Buch „Bluthochdruck heilen“ bekannt gibt (www.dr-schnitzer.de/bhd002.htm). Die kalte Suppe, die ausschliesslich mit frischen rohen Vegetabilien zubereitet wird, hielt seinem kritischen Urteil stand.
 
Die Altstadt
Anschliessend war der Besuch der berühmten mittelalterlichen Altstadt fällig. Der Schaden, den am 22. Februar 1945 ein amerikanisches Bombardement anrichtete, ist seit langem behoben. Beim Bombenabwurf wurden das westliche Untertor („Benediktenturm“) und angrenzende Bürgerhäuser stark beschädigt, 1948 aber wurde der Turm mit den alten Steinen wiederhergestellt. Im „Dörfli“, an der Ober- und Untergasse, am Metzgergässli und an der Schifflände zerstörten 250 kg schwere amerikanische Sprengbomben ganze Häuserfronten. 9 Menschen verloren damals das Leben. Die von einer rücksichtslosen Brutalität geprägten US-Krieger mit der Lizenz zum Zerstören und Töten hatten schon immer ein feines Gespür dafür, wo kulturelle Werte zu vernichten sind (siehe Nationalbibliothek in Bagdad usf.) – selbstverständlich wird von den ausgesprochenen und auch etwas eifersüchtigen Kulturbanausen mit ihren Defiziten anschliessend jeweils keine Wiedergutmachungszahlung geleistet. Wer die Kühnheit hätte, eine solche zu fordern, erhielte die Quittung durch eine Zuordnung zur Achse des Bösen mit den damit verbundenen Kollektivstrafen durch die Wertegemeinschaft. Weil noch niemand Gründe für diesen Bombeneinsatz in Stein am Rhein ausmachen konnte, nehme ich an, dass es sich schon damals um reine Zerstörungslust handelte, wie sie das Kriegsmonster USA noch heute kennzeichnet, mehr denn je. (In diesen Tagen wurde übrigens gerade der Atombombenabwürfe auf Hiroshima, 06.08.1945, bzw. Nagasaki, 09.08.1945, gedacht. Bis heute forderten die Bombenabwürfe zirka 250 000 Opfer, auch wegen der Spätfolgen der atomaren Strahlung wie Leukämie oder verschiedenen Arten von Krebs. Strategisch war auch dieses gigantische Kriegsverbrechen nicht zu begründen.)
 
In Stein am Rhein waren vor allem Konstrukteure in Form talentierter Baumeister und Maler am Werk. Wohin immer man blickt, hat man ein faszinierendes Bild vor sich. Was Menschen zu schaffen imstande sind, wenn nicht destruktive Kräfte alles zerschlagen, zeigt sich in diesem fabelhaften Städtchen aufs Eindrücklichste. Das Obertor an der Nordseite, der Diebs- oder Hexenturm im Südwesen und Teile der Stadtmauer sind erhalten geblieben. Markante Fachwerkbauten wie der „Falken“, der bis zur Reformation „Abtshaus“ hiess und früher das Wohn- und Bauernhaus des Klosterbauern war, beleben das Bild, gerade weil hier die Nordfassade in ihren Proportionen etwas gestört ist. Und zu den Fassadenmalereien kommen häufig noch üppige Blumendekorationen – ein grenzenloses Schmuckbedürfnis. Vor einem dekorativen, fast ebenerdigen Erker blühte eine Sonnenblume.
 
Eine stimmungsvolle, landesweit einzigartige Baugruppe hat sich zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert um das „Alte Klosterspital Bürgerasyl“ gebildet; heute ist es ein Verwaltungs- und Begegnungszentrum mit Alterswohnungen. Das alte Spital, das schon 1362 erstmals schriftlich erwähnt wurde, war ursprünglich im Eigentum des Klosters und beherbergte Arme, Kranke, Wöchnerinnen, Behinderte und Reisende; eine kleine Ausstellung mit lebensgrossen Figuren wie Landstreichern in der Bettlerstube, die auch als Ausnüchterungszelle diente, hält diese Erinnerungen wach; auch eine Durchreiche für Speisen gibt es hier. 1476 ging das Bürgerasyl in den Besitz der Stadt Stein am Rhein über. Im 19. Jahrhundert, als die Fürsorge zur Staatsaufgabe wurde, wandelte sich der Bau zum städtischen Alters- und Waisenheim. Die entsprechenden Aufgaben verlor es 1963 mit dem Bau des neuen Altersheims.
 
No e Wili
Das Altstadtzentrum (Rathausplatz-Umgebung) wurde allerdings gerade von der Infrastruktur (Zuschauerbänke, Bühne, Technik wie Scheinwerfertürmen und Werbetafeln) für das Freilichtspiel „No e Wili“ (Noch ein Weilchen) mit etwa 300 Mitwirkenden (Regie: Jean Grädel) optisch förmlich erschlagen. Das Theaterstück hat Lokalbezug: Der Bäckergeselle konnte laut der Steiner Mordnachtlegende den 1478 versuchten feindlichen Angriff der Österreicher und Hegauer, des umliegenden Adels also, mit dem Schlüsselwort „No e Wili“ verzögern und dadurch abwenden. Den gleichen Namen wie das Schauspiel trägt auch ein Altstadthaus, das zuerst Feuerteufel (weil der Besitzer bei der Reparatur eines versehentlich geladenen Geschützes den Tod fand) und dann Unterer Rehbock hiess.
 
Rund um den Stadtbrunnen (Marktbrunnen) aus dem 16. Jahrhundert, der damals zusammen mit 6 anderen der Wasserversorgung diente, stehen die schönsten Häuser am Rathausplatz, so etwa das spitzgiebelige Haus „Vordere Krone“ und die Häuser „Zum Hirschen“, „Zur Krone“, „Steinerne Traube“ und „Zur Sonne“. Aber der verbleibende, nicht von Theater-Infrastruktur zugedeckte Rest an altstädtischem Charme lohnte den Besuch des Marktplatzes mit dem ständigen Festbetrieb noch immer.
 
Das Mittelalter ist hier Alltag, ist hier Gegenwart; es wird gelebt. Die Häuserfronten erzählen unermüdlich Geschichten. So hält es auch das Haus zum Weissen Adler, dessen Fassadenmalerei (1522/23) zu den frühesten der Renaissance in der Schweiz gehören. Die dortigen Kunstwerke werden Tobias Schmid zugeschrieben, sind in eine Scheinarchitektur eingebunden und enthalten Szenen aus Moralfabeln, aus Boccacios „Decamerone“ sowie 2 Parabeln aus den „Gesta Romanorum“. Der Passant muss eine Bild gewordene Laienpredigt über sich ergehen lassen; Tugend und Laster werden ihm vor Augen geführt. Die vielen erker- und freskengeschmückten Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind eine Augenweide. Berühmt sind auch die Fresken am „Roten Ochsen“ von Andreas Schmucker (1615), die Szenen aus dem Alten Testament und der antiken Mythologie zeigen. Und zur Abwechslung ist einmal ein Zitronenbaum an eine Fassade gemalt – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
 
Die Aufzählung könnte beliebig weitergeführt werden, niemals aber einen eigenen Augenschein ersetzen. Und dieser kann mit einem hausgemachten Apfelstrudel mit Vanillesauce im Klosterstübli ergänzt werden. Das ist eine süsse Stärkung in einer lauschigen Altstadtnische im Hinblick auf die Rückreise.
 
Hochbetrieb auf dem Wasser
An der Schifflände Stein am Rhein stiegen wir wieder ins Boot ein und flogen auf dem Wasser nach Konstanz zurück. Der Kapitän musste allerdings auf der Hut sein, da ein grosser Schiffsverkehr herrschte, die Freizeit- und Vergnügungsplattformen (Schnitzer-Ausdruck) auf 1 bis 2 Rümpfen waren zu sommerlicher Hochform aufgelaufen. Schifffahrtszeichen (grüne Pfeile), die Wasserstrassen markieren, welche nicht verlassen werden dürfen, mussten ebenfalls respektiert werden. Die mit Korbwifen (geflochtene, etwas gedrehte Körbe auf Holzpfählen) zwischen Ermatingen und Gottlieben, welche die Wasserstrasse im Wasser markieren, sind mit ihrem Biodesign wirklich eine Attraktion, von Menschen mit Schönheitssinn geflochten.
 
Am Spätnachmittag jenes Sonntags, des 5. August 2007, war die Luft klar, die Sicht uneingeschränkt, und die Magie dieser Landschaft im Licht der 2 Sonnen (inkl. der Reflexsonne auf dem Wasser) entfaltete sich zum Feuerwerk. Der Fahrtwind erfrischte den Körper, und das grosse Wasser mit den von den Booten erzeugten Wellen, auf denen unser Boot manchmal hart aufschlug und Wasserfontänen erzeugte, wirkte dennoch beruhigend. Die Seen, die Ausgleichsorgane im Wasserkreislauf sind, haben auch eine ausgleichende Wirkung auf die Stimmung.
 
Johann Georg Schnitzer erinnerte sich bei dieser Gelegenheit bei gedrosselten Motoren an seinen Grossvater, der als Schiffskoch die ganze Welt bereist hatte und sogar als Küchenchef auf die kaiserliche Yacht gerufen wurde, wenn Kaiser Wilhelm II. sie zu nutzen geruhte. Sein Grossvater war offenbar ein Geniesser und erkannte: „Einmal gut gelebt gedenkt einem lange!“
 
Diese Erzählung kam im Wissen daher, dass wir an jenem Bootstag rund um den Untersee unsere Gedenkzeit an das gute Leben wesentlich verlängert haben.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
(Reproduktionsfähige Fotos können zu all diesen Beschreibungen beim Textatelier.com bezogen werden.)
 
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