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BLOG vom 21.08.2007


Von Operationen an gesunden Füssen und Highheel-Rennen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Oft ist es doch so, dass wir unseren Gehwerkzeugen wenig Aufmerksamkeit entgegenbringen. Patienten verstecken bei ärztlichen Konsultationen oft ihre Füsse, und Ärzte halten es nicht immer für notwendig, diese zu untersuchen. Bei Risikopatienten wie Diabetikern, Patienten mit Durchblutungsstörungen und schwachem Immunsystem sollte eine Fussinspektion obligatorisch sein. Es scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben, dass malträtierte Füsse Eingangspforten für Bakterien und Pilze sein können. Deshalb ist es wichtig, eine aktive Vorsorge gegenüber Infektionen zu betreiben, damit die Erreger unseren Füssen nichts anhaben können.
 
Wie ich schon in meinem Blog „Georg Eckle: Erinnerungen an einen Pionier der Fusspflege“ vom 14. Februar 2007 erwähnte, zeigen Menschen lieber ihren Hintern als ihre Füsse bei diversen Fotoaufnahmen. Das ist schier unglaublich. Ich persönlich würde niemals meinen Hintern einem Fotografen entgegenstrecken, sondern lieber meine Füsse zeigen.
 
Auf Strandwanderungen, am Swimmingpool oder in Freibädern kann man die Füsse von Jung und Alt sehr gut studieren. So sah ich kürzlich auf Mallorca viele Füsse, die im schlechten Zustand waren. Ich erblickte Füsse mit Schwielen, Hornhaut, Druckstellen, Hallux valgus, eingewachsenen und eingerollten Nägeln und so manchen Nagelpilz. Mir fiel auf, dass meistens die gestyltesten Frauen mit diesen Fussmängeln behaftet waren. Ihnen ist die Gesichts- und Haarpflege wichtiger als alles andere. Es gibt inzwischen auch Männer, die unangenehm auffallen. Sie pflegen sich nicht immer unten herum, sei es an den Füssen oder anderswo.
 
Aber das wird sich bald ändern. Der neueste Trend aus den USA wird auch zu uns herüberschwappen und viele zu Fussfetischisten machen. In diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Dummheiten (alles ist möglich, wenn man Geld hat) lassen sich junge Frauen gesunde Zehen und Füsse operieren, damit ihre zarten Beinwerkzeuge in die passenden Designer-Schuhe bzw. Highheels (Schuhe mit hohen Absätzen) passen.
 
Highheel-Rennen
Wenn ich schon die Highheels erwähne, dann sollte man eine verrückte Sache, die kürzlich in Moskau ablief, erwähnen. Dort meldeten sich 100 Frauen zu einem Wettrennen mit Highheels. Die Absatzhöhe musste mindestens 9 cm betragen. Als Siegprämie winkten 100 000 Rubel (etwa 3000 Euro). In der Online-Ausgabe von „focus“ wurden Fotos von den Teilnehmerinnen publiziert. Auf einer Nahaufnahme waren auch die Beine und Füsse einer Frau zu sehen. Da bekam man das kalte Grausen. Die Füsse wiesen dicke Adern und Höcker auf. Auch die Zehen waren nicht gerade schön. Dafür hatte die Dame als Blickfang Tattoos auf den Beinen. Da sahen wohl die wenigsten auf die Füsse.
 
Bei dem Rennen stürzten einige Damen, aber über Fussverletzungen wurde kein Wort verloren. Das gleiche passierte am 18.08.2007 bei einem Stiletto-Rennen in Berlin. Da stürzte auch eine Frau, die Absätze brachen, und die Trägerin lag wie benommen da. Ich glaube, sie hat sich ganz gehörig verletzt.
 
Die Absätze wurden vor diesem bescheuerten Rennen genau vermessen. Sie mussten mindestens eine Höhe von 7 cm und eine Breite von 1,5 cm haben. Die stolze Siegerin erhielt einen Einkaufsgutschein für 10 000 Euro. Sie grinste siegestrunken in die Kamera. Welche Schäden solche Schuhe verursachen können, wurde bekannt, als die Schauspielerin Sarah Jessica Parker, bekannt aus der Serie „Sex And The City“, ihre körperlichen Schäden durch zu langes Tragen von hochhackigen Schuhen bei den Dreharbeiten bekannt gab. Sie sagte, sie habe jetzt mit starken Knieproblemen zu tun.
 
Geldsegen für Chirurgen in Sicht
Constance Briscone gab 23 400 Dollar aus, um ihre gesunden Zehen formgerecht zu operieren, wie in Spiegel Online am 22. Juni 2007 zu lesen war. Bei dieser Gelegenheit saugten die Operateure auch noch Fett ab. Nun ist sie glücklich und zufrieden und kann ihre Lieblingsschuhe tragen. Immer mehr Kunden entwickeln eine regelrechte Hysterie, um auch Operationen am Fuss machen zu lassen. Alle wollen in den Highheels ihre nun angeblich schönen Füsse zeigen.
 
Der Chirurg Dr. Ali Sadrieh aus Beverly Hills ist wegen des Geldsegens, der in seine Kasse strömt, geradezu euphorisiert. Er behauptete: „Toes is the new Nose“ (Zehen sind heute das, was früher Nasen waren). Nun, Zehen können nicht riechen und so manche Nase passt nicht in einen Schlappen. Scherz beiseite, es gibt wohl jetzt in den USA weniger Nasen zu operieren als Füsse. Da kann sich so mancher Chirurg eine goldene Nase verdienen.
 
Inzwischen sind auch die Prominenten sensibilisiert, wohl durch eine entsprechende Werbung der Schönheitschirurgen. Bisher wurden die Füsse der Stars bei Oskarverleihungen und diversen Veranstaltungen nicht so sehr beachtet und wohl auch von ihnen selbst nicht. Aber das hat sich jetzt geändert. Alle blicken auf die Füsse. Prominente, die Fotos von ihren Beinen und Füssen erblicken, sind plötzlich überzeugt, sie hätten eklige, scheussliche Zehen. Und die müssen weg, das heisst, sie müssen umgeformt werden. So ein Wahnsinn!
 
Verantwortungsvolle deutsche Schönheitschirurgen lehnen Operationen an gesunden Füssen ab. Zu Spiegel Online sagte Prof. Dr. Werner Mang aus Lindau Folgendes: „Diese Operationen sind unsinnig, genau so idiotisch wie der Wunsch, sich für eine schlankere Taille Rippen entfernen oder sich Silikon in den Po oder die Waden spritzen zu lassen.“ Er warnt vor möglichen Folgeschäden.
 
Die bereits erwähnte Constance Briscone (sie ist Engländerin) fand in Grossbritannien keinen Chirurgen, der ihr die Zehen richtete. Sie flog in die USA, wo sie einen willigen und geldgierigen Chirurgen fand. Obwohl sie nach der Operation Schmerzen ertragen und auch Krücken benutzen musste, fand sie das Opfer wert. Sie hat sogar ihre Freundinnen beschwatzt, doch einen solchen Eingriff machen zu lassen.
 
Was sagte ein Podologe dazu?
Ich sandte den Spiegel-Bericht an Günter Eckle, Podologe aus Göppingen D, und bat um eine Stellungnahme. Er schrieb mir dies: „Mit Asterix möchte ich hierzu sagen: ,Die spinnen die Amerikaner!’ Es entspricht zwar ganz dem (Zeit)-Geist dieser Menschen, die dem Wahn verfallen sind, dass heute alles machbar ist. Wenn ich gehässig wäre, würde ich mich schadenfroh über die auszuhaltenden Schmerzen freuen.
 
Man muss sich im Klaren sein, dass unsere Füsse die Basis sind, das Fundament, mit dem wir auf der Erde stehen und gehen. Wird an einem Punkt das Fundament verändert, hat das seine Konsequenzen auf den Gang und auf das Stehen der Person. Der Betroffene geht und steht nicht mehr so wie vorher – wenn er Glück hat, kommt er mit der neuen Situation zurecht. Aus diesem Grund raten wir auch den Patienten, wenn, durch ständige Schmerzen bedingt, an eine Fuss-OP gedacht wird, abzuwarten, bis ein hoher Leidensdruck zu diesem Schritt verhilft. Es soll ja Menschen geben, die sich selber verstümmeln oder verstümmeln lassen.
 
Leider hat das, was aus Amerika kommt, für manche Menschen eine gewisse Faszination, so dass ich befürchte, dass dieses kranke Denken und Handeln über kurz oder lang auch zu uns kommt!“
 
Das hat sich in der Vergangenheit leider bewahrheitet. Alles, was aus den USA zu uns kam und kommt, wird als das Nonplusultra angesehen und gnadenlos übernommen. Und der nächste Wahnsinn kommt bestimmt.
 
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