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BLOG vom 22.08.2007


Blossgelegte lange, gerade, krumme u. fehlende Nasen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Das Hudelwetter hält an. Ich habe die Nase voll. Die Fee erschien mir, genau wie in Johann Peter Hebels Fabel „Drei Wünsche“. Die Liese kriegte eine Bratwurst an die Nase gehängt, kaum wurde ihr Wunsch nach einer Bratwurst in der Pfanne erfüllt. Hans ärgerte sich sehr und verwünschte die Wurst an Lieses Nase. Der dritte Wunsch befreite sie von ihrer Nasenwurst.
 
„Ich wünsche mir Sonnenschein“, bat ich die Fee. So geschah es. Mir wurde bald furchtbar heiss – und als die Sonne nicht unterging, sondern wie eine vergessene Glühbirne durch Tage und Nächte weiterbrannte, wurde ich sehr bange und äusserte meinen 2. Wunsch: „Liebe Fee, bitte lösche den Sonnenschein.“ So geschah es. Aber es war draussen stockdunkel selbst am helllichten Tag. „Lasse die Natur das Wetter bestimmen“, bat ich die Fee kleinlaut. Die Fee machte mir eine lange Nase, doch erfüllte sie meinen 3. Wunsch sogleich. So hält das Hudelwetter weiter an …
 
Ich unterdrücke den Impuls, dem Hudelwetter meinerseits eine lange Nase zu machen, weil ich dank ihm mein heutiges Thema gefunden habe: Die blossgelegte Nase. Auch will ich es nicht herausfordern, sonst wird es erst noch ein ausgewachsener Zyklon – schnaubend und brüllend –, wie der Sturm über Hermann Hesses Heimatstadt Calw D in seiner gleichnamigen Novelle verheerend losprasselte.
 
Warum nicht mit meiner eigenen Nase beginnen, schliesslich liegt sie mir am Nächsten in der Mitte des Gesichts? Ich beschaue sie erstmals nach langer Zeit wieder kritisch im Spiegel. Eine geradlinige Durchschnittsnase, bemerke ich. Vielleicht sind die Nasenflügel etwas zu weit, um als klassische Nase zu gelten. Mein Grossvater, erinnere ich mich, trug eine charaktervolle Bündnernase: einen wuchtigen Zacken.
 
Alle 3 Wochen muss ich auf meinem Nasenbügel ein hartnäckig nachwachsendes Haar zupfen. Zum Glück ist es dort das einzige, ganz im Gegensatz zur Vielfalt jener in meinen Nasenlöchern. Warum wachsen sie dort – und auch in den Ohrlöchern – bei wachsendem Alter scheinbar rascher und werden länger? Dank meiner Gesichtserkerpflege halte ich sie unter Kontrolle.
 
Das sind alles Bagatellen in der Weltgeschichte der Nasenträger. Kleopatra soll eine ausgeprägt lange und gekrümmte Nase gehabt haben, die Caesar ins Auge gestochen hat. Die Historiker aber sehen darin nicht das hervorragende Motiv für Caesars Liaison mit ihr, sondern jenes ihrer Macht als Regentin.
 
Eine lange Nase, so scheint es folglich, ist ein Attribut der Macht und des Reichtums und erst noch ein Zeichen der Virilität, wenn nicht gar adeliger Herkunft. Dies sticht mir ins Auge beim Betrachten des Hochzeitsportraits von Giovanni di Nicolao Arnolfini und seiner Frau, 1493 von Jan van Eyck gemalt (heute im der National Gallery in London ausgestellt). Auch Charles de Gaulle hat seinen dominanten Ehrenplatz in dieser Galerie, wiewohl – aus verständlichen politischen Gründen – nicht in der National Gallery. Pablo Picasso darf sich diesbezüglich auch sehen lassen. In seinem Selbstporträt „Yo” (Ich) aus dem Jahr 1901 verstärkte er sogar seinen Naseneindruck. Bleibe dahingestellt, ob Schnäuze grosse Nasen betonen oder davon ablenken (Hitler, Stalin usf.), denn das bedingte eine den Rahmen dieses Blogs sprengende Untersuchung.
 
Hier sei nur am Rande bemerkt, dass den Marmordarstellungen der Antike meistens die Nasen oder wesentliche Teile davon fehlen, was nachweisbar weniger eklatant auf Busen zutrifft. Ich frage mich warum, ohne mich darüber zu beklagen.
 
Nasen in aller Formenvielfalt triumphieren besonders in der Karikatur, wie Beispiele von Honoré Daumier und Ronald Scarle veranschaulichen. Das deckt auf, wie aufschlussreich das Studium der Naseologie ist. Leider steckt dieser Zweig der Physiognomie noch in den Kinderschuhen. Warum entwachsen Nasen erst in der Pubertät? Vermutlich damit wir einander besser unterscheiden können, viel besser als die Chinesen und Japaner.
 
Frauen haben ein ganz anderes Verhältnis zur Nase. Die Plastikchirurgie nimmt sich ihrer an. Diese Kunstchirurgie macht aus allen Nasen Stupsnasen und ist besonders beliebt unter begüterten Frauen aus dem Mittleren Osten, wo Nasen einst als Schattenspender galten. Ich sehe mich hier genötigt, meine „Nasenbloglegung“ zu beschliessen, denn solchen Nasen fehlten genau das, was den Wert der Nase ausmacht: Charakter.
 
Hinweis auf einen Ratgeber-Beitrag im Textatelier.com über die Nase
Ihre Meinung dazu?

 
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