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BLOG vom 23.08.2007


Mathon GR: Türme, Glocken und Blumen im Chorgestühl
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Von Mathon im Schweizer Kanton Graubünden ist bekannt, dass es einst als „Dorf der schönen Glocken“ bezeichnet wurde. Der ansehnliche Kirchturm steht noch da, doch haben wir nur noch eine Glocke sehen und hören können. Glocken sind für uns immer eine Attraktion, auch deshalb, weil Primo gelegentlich ein Glockenlied aus seiner Jugend anstimmt, in dem gefragt wird „Sind die Glocken all‘ da?“ Ein Kanon, vierstimmig, der den Kindern erklären kann, wie verschiedene Glocken zu einem Geläut zusammenfinden.
 
Mena hörte jeweils sofort, wenn in Mathon geläutet wurde. Sie rannte dann, wie von einer Tarantel gestochen, vors Haus. Ich musste nachkommen. Hier sahen wir die Bewegungen der Glocke, und wir ahmten mit unseren Armen den Klöppel nach, der die Glocke anschlägt. Am Mittag und am Abend spielten wir dieses 5 Minuten dauernde Spiel und achteten besonders auf das Ausklingen und die Klangwellen, die lange noch zu uns hinüber schwangen, auch als es schon zu läuten aufgehört hatte. Mehrmals zitierte Mena dann Grossvaters Erfahrung, wie er als kleiner Bub und Leichtgewicht den Glockenstrick in der Bergkirche von Hallau SH ziehen durfte und überraschend von der Glocke emporgezogen wurde. Zum Gaudi seiner grösseren und standfesteren Cousins. Und immer wieder fragte sie, wer hier in Mathon die Glocke schwinge. Vermutlich ein elektrischer Motor.
 
Ich weiss nicht, ob uns Nachbarn bei diesem Ritual beobachtet haben. Vielleicht erinnerten wir sie dann an die Schwarzwalduhr und an den Kuckuck, der zur festen Stunde aus seinem Verschlag hervorkommt.
 
Auch die architektonische Ausstrahlung der ungleichen Türme von Lohn und jene der alten Mathoner Kirche St. Antonius zogen uns an. Schon bei der Anfahrt, kurz nach Zillis im Schams, als das Postauto auf den vorgegebenen Serpentinen fuhr, machten sie auf sich aufmerksam. Selbstbewusst, aber auch einladend, schauten sie auf uns herunter.
 
Von unserem Ferienhaus in Mathon konnten wir die alten Wege, die der hügeligen Landschaft angepasst sind, überblicken. Heute dienen sie der Anfahrt moderner Landmaschinen, um die Felder zu bewirtschaften. Die Fahrbereiche für die Räder sind betoniert, das Innere des Wegs dem Gras überlassen. Eine feinfühlige Lösung, die der Landschaft einen künstlerlischen Anstrich gibt. Man könnte meinen, hier sei ein Landschaftskalligraph tätig gewesen. Die geschwungenen Linien aller Wege erinnern auch an Darbietungen an Turnfesten, wenn die Teilnehmenden Stoffbänder schwingen. Ich schaute immer wieder auf sie hinunter. Und sie lockten mich, zu ihnen zu kommen.
 
Die einjährige Nora hatte hier ihren Spass, wenn sie vom Grossvater im Kinderwagen so dem Abhang entlang chauffiert wurde, dass sie die Hände ausstrecken und die Grashalme auffangen konnte. Sie lachte auch, wenn diese ihre Backen kitzelten. Auf diesen Wegen blieben wir immer wieder stehen, betrachteten die Blumen, ihre Farben, ihre Formen. Besonders gegen den Abend hin, wenn die Sonne schon etwas von ihrer Stärke abgegeben hatte, leuchtete das Blau der kleinen Glockenblumen wundervoll. Hier fand ich wieder einmal meinen Liebling, das Zittergras, von dem der Dichter Karl Heinrich Waggerl schrieb: Warum am lichten Sommertag / das Zittergras wohl zittern mag? / Im Erdreich fühlts den Höllenwurm, / in Lüften Gottes Atemsturm. / Du Mensch, mit deinem Hirngewicht, du spürst das nicht.
 
Der Blick auf dem Rückweg gehörte dann jeweils nur noch dem alten Turm von St. Antonius, diesem standfesten, charaktervollen und sehr alten Bauwerk. Er steht da, als wolle er alle hinaufziehen, die des Weges kommen. Eigenartig schön ist dieser Turm auch wegen seines allseitig offenen Glockenfensters, das die Durchsicht zum Himmelsblau zulässt. Auf Mathons Homepage ist zu erfahren, dass die Kirche, zu der der eindrucksvolle Turm gehört, schon im Jahre 831 beschrieben worden sei. Heute ist sie nur noch eine geschützte Ruine, strahlt aber Würde aus.
 
Im VOLG-Laden erkundigte ich mich einmal an der Kasse, wann die Kirche geöffnet sei. Da war zufällig die Organistin, Frau Vögeli, auch am Einkaufen. Wir wurden einander bekannt gemacht, konnten ein Treffen vereinbaren. Während sie das Orgelspiel übte, durften Primo, Mena und ich die Kirche besuchen und ihrem Spiel zuhören.
 
Mena ist an allem interessiert, aber auch ein Sommervogel, der gerne herumhüpft. So bat ich die Mama, mir die Ente, Menas Kuscheltier, mitzugeben. Ich stelle immer wieder fest, dass sie sich für etwas Unbekanntes, in ihren Augen auch Geheimnisvolles, öffnen kann, wenn ihr die Ente Sicherheit gibt. Daran kann sie sich halten und sich ohne Scheu etwas Neuem ausliefern. Während dem Orgelspiel begann sie dann leise zu singen.
 
Wichtig war ihr auch der Sitzplatz. Das hölzerne Gestühl ist im Chor mit Blumen und Ranken geschmückt, und davon war sie angetan. Sie suchte sich die in ihren Augen schönste Blume, eine geöffnete Tulpe aus. Hier nahm sie Platz und ich musste mich neben sie setzen. Kaum war das Spiel aus, wollte sie sofort nach Hause, um mit dem Grossvater zusammen solche Blumen und Dekorationen zu malen.
 
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