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BLOG vom 15.10.2007


Elias Haffter: Erlebnisse eines netten thurgauischen Arztes
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Dr. Elias Haffter (1851–1909) war ein sehr beliebter Arzt in Frauenfeld (TG, Schweiz). Über sein Leben erfahren wir sehr viel aus seinen Briefen, die an Freunde oder an seine Schwester Susanna gerichtet waren. Es ist das Verdienst von Anna Roth, die ein Lebensbild aus seinen Briefen und Erinnerungen im Verlag von Huber & Co. in Frauenfeld 1910 publiziert hat. Aus dem Buch „Ein Lebensbild aus Briefen und Erinnerungen“, das mir kürzlich in die Hände fiel, möchte ich einige der interessantesten Anekdoten bekannt geben.
 
Patientin zweimal gefragt
Dr. Haffter besuchte während seiner Assistenzzeit in Münsterlingen anlässlich einer Visite eine Patientin gedankenverloren zweimal und fragte jedes Mal: „Wie geht`s?“ Die Patientin schlagfertig: „Immer no glich wie vorig, Herr Doktor.“
 
Schweizer Patrioten
Als Divisionsarzt wollte er des Öfteren von seinen Rekruten dies wissen: „Hand er Patriotismus?“ (Habt ihr Patriotismus?). Verschämt oder sehr entschieden antworteten dann die Nichtwissenden: „Nei, gwüss nöd“ oder „Nein, durchaus nicht!“ Sie waren nämlich der Meinung, es handle sich um eine Krankheit oder ein Ungeziefer. Ein „Ja“ zur vaterländischen Gesinnung konnte also Haffter den jungen Burschen nicht entlocken.
 
Bissiger Köter
„Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein.“ Dieser Spruch traf besonders auf Dr. Haffter zu. Er war ein herzensguter Mensch, nicht nur gegenüber Patienten, sondern auch zu Tieren. Der bissigste Köter erkannte ihn als Tierfreund und liess sich von ihm streicheln. War der Arzt irgendwo auf Kur, hatte er bald einen Hund im Schlepptau. In Engelberg freundete er sich mit dem Hund „Ami“ an. Er brachte dem Hund sogar bei, den Schlüsselbund, den er in den Teich warf, wiederzubringen. Ein anderer Kurgast beobachtete die Szene und warf ebenfalls seinen Schlüssel in das Gewässer und befahl dem Hund zu apportieren. Dieser weigerte sich, denn Ami gehorchte nur Dr. Haffter. Der Schlüsselbund musste dann zum Ergötzen eines grösseren Publikums vom Portier herausgefischt werden.
 
Klagen über Unterwäsche
Wenn es nötig war, trat Haffter auch als Erzieher auf. Er rügte besonders Menschen, die modisch sehr schick angezogen waren, aber darunter zerissene oder unsaubere Unterwäsche trugen. Anna Roth: „Da konnte er denn entweder ärgerlich losfahren über die Unordentlichkeit oder die Putzsucht, oder den Jungfern (meist Fabrikarbeiterinnen) zureden, ihr Geld statt für Hüte und Blumen und Federn lieber für ordentliche Wäsche auszugeben ...“
 
Er öffnete den Hemdkragen
Haffter: „Bei der Rückkehr vom Walde begegneten wir einem sehr fröhlich betrunkenen alten Mann, mit dem wir uns in ein Gespräch einliessen; dabei entdeckte ich bei ihm einen tiefgelegten Kropf. Ich öffnete ohne weiteres seinen Hemdkragen, untersuchte ihn und sagte ihm, er könnte einmal plötzlich ersticken, namentlich wenn er sich toll und voll trinke. Das schien ihn nüchtern zu machen, und er dachte offenbar über das Gesagte nach, wie ich meinte; denn er stand regungslos da. Als ich etwa 20 Schritte weiter gegangen war, rief er mich zurück. Als ich folgsam zu ihm hintrat, um den wohltätigen Effekt meines Vortrages zu konstatieren, sagte der Homo mit komisch-ernster Miene: ,Hescht mr de Chrage uf gmacht, so chasch mer e jetzt au wieder itue’ Natürlich besorgte ich das Verlangte in Geduld und Demut.“
 
Holte Wasser vom Brunnen
Schon in meiner Arbeit „Kurioses über Mediziner und Forscher“ www.textatelier.com/index.php?id=3&typ=3&navgrp=3&link=319 in der Rubrik „Glanzpunkte“ im Textatelier.com brachte ich die folgende Episode, die zeigt, wie unglaublich menschenfreundlich und hilfsbereit Ärzte in der Vergangenheit waren. Heute würde wohl keinem Arzt mehr einfallen, dem Patienten vielleicht einen Kaffee zu bringen, ihn umzubetten oder ihm den Kopf zu waschen (vielleicht nur mit Worten, wenn der Patient nicht gehorcht). Aber das wäre zu viel verlangt. Heute gibt es ja tüchtige Krankenschwestern oder Pfleger, die solche Arbeiten übernehmen. Der Arzt muss sich auf andere Dinge konzentrieren. Er muss beispielsweise darüber nachsinnen, ob er die richtige Diagnose gestellt und dann die richtigen Massnahmen ergriffen hat. Nach den dramatischen Erlebnissen von Heiner Keller im Kantonsspital Aarau (siehe: „Alle Blogs“) muss man auch dies bezweifeln. Vielleicht haben manche Ärzte mehr das Füllen der Krankenhauskasse als das Wohl der Patienten im Sinn.
 
Hier die Geschichte: Der Menschenfreund Haffter scheute sich keineswegs, auch Arbeiten zu übernehmen, die nicht gerade Aufgaben des Arzts waren. So holte er einmal selbst Wasser aus dem Ziehbrunnen, um die Tochter einer kränkelnden Frau zu schonen. Ein anderes Mal scheute er sich nicht, dem Kranken das Bett bequem zu machen. Er reinigte so manchen Patienten oder half beim Ankleiden. „Eine solche Kammerjungfer habe sie noch nie gehabt“, meinte eine ältere Patientin, der er nach einer Kropfoperation sogar die Zöpfe flocht. Dazu Anna Roth: „Es war ihm, besonders ehe tüchtige Krankenschwestern zur Hand waren, Gewissenssache, schwerer Kranke z. B. selbst zu wickeln, zu baden usw. Einmal war er direkt in Lebensgefahr bei einer solchen Arbeit. Er hatte in Hüttlingen einen Typhuskranken, einen kräftigen jungen Mann, den er täglich selbst badete. Eines Tages nun wehrte sich der Delirierende mit aller Kraft und versuchte, den Kopf des Arztes unter das Wasser zu drücken, und nur mit verzweifelter Anstrengung gelang es Haffter, sich loszumachen.“
 
Reise nach Rom
1894 reiste Dr. Haffter in Gesellschaft von 3 weiblichen Familienangehörigen nach Rom. Ein Patient auf dem Lande, ein Grossvater, hörte davon und meinte trocken: „O, de dumm H...l, dass er nit elei goht!“  Nach der Rückkehr erfuhr der Arzt von dieser Äusserung. Als er den Patienten beim nächsten Krankenbesuch von seinen Erlebnissen berichtete und auch erwähnte, dass er auch bei einer Papstaudienz war, wollte der neugierige Grossvater unbedingt wissen, was denn der Heilige Vater zu ihm gesagt hat. Darauf antwortete der Mediziner: „Dr. Haffter, Sie sind en dumme H...l, dass Sie nicht allein reisen.“
 
Internet:
 
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