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BLOG vom 23.10.2007


„Werkstattgespräche mit Schriftstellern“: Heinrich Böll
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
„Werkstattgespräche mit Schriftstellern“ heisst der Titel einer Sammlung von Gesprächen mit 15 deutsch schreibenden Schriftstellern von Horst Bienek (ebenfalls ein Autor), vom Carl Hanser Verlag 1962 veröffentlicht. Diese Werkstattgespräche fielen mir heute in die Hand, ausgerechnet nachdem ich zum 1. Mal in der Vorwoche Heinrich Bölls „Hierzulande – Aufsätze zur Zeit“ (dtv Band 1028, erschienen 1962) gelesen hatte. Deswegen las ich auch Horst Bieneks Werkstattgespräch mit Böll. In seinem Gespräch mit Böll befragte Bienek ihn über die Beweggründe, Vorgehensweise, Voraussetzungen und Engagement, die sein Schreiben wegleitete und antrieb – kurzum Kernfragen zum „schöpferischen Prozess“. In diesem Aufsatz, anders kann es nicht sein, lasse ich mich von Böll ansprechen und bringe ihn, wohl vermessen, mit mir da und dort in Bezug.
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Zur Frage, ob er Vorstudien zu einem grösseren Werk betreibe, antwortete Böll: „Es ist ein Irrtum, zu glauben, jeder Autor mache Milieustudien. Ich glaube, er muss nur die Elemente des menschlichen Lebens kennen, und die muss er, so scheint mir, bis zu seinem 21. Lebensjahr kennen, im Zustande verhältnismässiger Unschuld und Naivität.“
 
Seine Aussage klingt in mir nach. Tief in einer Schublade liegt meine eigene naive Abhandlung zum „Schöpferischen Klima“ vergraben, mein Versuch, mich in meiner Umwelt zurechtzufinden und die Elemente des künstlerisch zugewandten Menschseins zu orten. Ich habe diesen langen, verästelten Text seit der Niederschrift herzlich selten angeblättert, und wenn, nur um festzustellen, ob sich meine Ansichten verändert haben. Sie haben sich nicht nennenswert verändert.
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Welche Form (Romane, Kurzgeschichten usf.) bevorzuge Böll? Er beherrschte viele, wie es seine Romane bezeugen, etwa „Wo warst du, Adam?“ oder Kurzgeschichten, wie „Wanderer kommst du nach Spa“.– „…die Kurzgeschichte ist mir die liebste“, antwortete Böll. Ich glaube, dass sie im eigentlichen Sinn des Wortes modern, das heisst gegenwärtig ist, intensiv, straff. Sie duldet nicht die geringste Nachlässigkeit, und sie bleibt für mich die reizvollste Prosaform, weil sie auch am wenigsten schablonisierbar ist.“
 
Ich empfinde gleich ihm und fahre gern auf dieser dichterischen „Schmalspurbahn“. Dies ist nicht im abwertenden Sinn gemeint. Vielmehr meine ich damit die vielen Bahnhöfe, die Zwischenhalte der Strecke entlang. Zwischen jeder gibt oder gäbe es eine Kurzgeschichte: wie sich die Landschaft verändert, bald einem Flussverlauf entlang, bald um eine enge Kurve, einmal aufwärts, einmal abwärts, bei Regen, Nebel oder Sonnenschein.
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Hier verlasse ich die „Werkstattgespräche“. Jeder ernsthafte Schreiber entwickelt seinen eigenen Stil. Zum Ausklang zitiere ich noch Bölls Aussage „Motive sind für mich Interpunktion, denn Interpunktion sind Satzzeichen, rhythmische Zeichen.“
 
In seinen Aufsätzen „Hierzulande“, setzt Böll mit dem Semikolon rhythmische Akzente oder Kontrapunkte im musikalischen Sinn (laut Duden: „Technik des musikalischen Satzes, in der mehrere Stimmen gleichberechtigt nebeneinander geführt werden), wie in diesem Beispiel bemerkbar, aus seinem Aufsatz „Über mich selbst“ (1938 geschrieben): „Geboren bin  ich in Köln, wo der Rhein seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufliesst, wo weltliche Macht nie so recht ernst genommen worden ist, geistliche Macht weniger ernst als man gemeinhin in deutschen Landen glaubt; wo man Hitler mit Blumentöpfen bewarf, Göring öffentlich verlachte, den blutrünstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu präsentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden Kölner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer weissen, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, dass der bürgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten würde; geboren in Köln, das seines gotischen Domes wegen berühmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein müsste; das die älteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; Bürgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so berühmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Strasse manchmal von Grösse und Weisheit.“
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Hier hat sich Heinrich Böll gleichzeitig zu seinem Menschsein bekannt. Er bekannte sich als Katholik. In seinem „Brief an einen jungen Katholiken“ (1958) schrieb er: „Um diese Zeit, im Sommer 1958, waren die meisten meiner Schulkameraden längst aus den verschiedenen katholischen Jugendgruppen in der HJ (Hitlerjugend) oder ins Jungvolk übergewechselt; ich begegnete ihnen manchmal, wenn sie an der Spitze ihrer Gruppe gerade sang: ,wenn das Judenblut vom Messer spritzt …’, ich erwiderte das entschuldigende Lächeln nicht.“
 
Im gleichen Aufsatz findet sich der Satz: „Für mich, als ich in ihrem Alter war, war es eine sittliche Gefahr hohen Grades, als der Vatikan als erster Staat mit Hitler einen Vertrag schloss; diese Anerkennung war weitaus folgenreicher als heute etwa die diplomatische Anerkennung Pankows durch Bonn wäre. Bald nach Abschluss dieses Vertrags zwischen dem Vatikan und Hitler galt es als schick, in SA-Uniform zur Kommunionbank zu gehen, als schick und modisch, sondern auch logisch, und wenn man nach der heiligen Messe dann zum Dienst ging, durfte man wohl getrost singen: ,Wenn das Polenblut, das Russenblut, das Judenblut …’; dreissig Millionen Polen, Russen, Juden haben den Tod erlitten, lieber Herr M.“
 
Nach wie vor und heute wieder, bedürfte die katholische Kirche mehr, viel mehr solcher Katholiken wie Heinrich Böll! Er war in der Zeit des II. Weltkriegs aufgewachsen und war 6 Jahre Soldat. Als Übersetzer konnte er seine Menschenwürde bewahren – und das, was er als „Wirklichkeit“ sah und verabscheute, in der Nachkriegsliteratur verankern. Seinen Aufsatz „Der Zeitgenosse und die Wirklichkeit“ muss man sich ebenfalls zu Herzen nehmen, jetzt, da wir nicht einen Krieg haben, sondern viele Kriege überall zugleich, weltweit.
 
Wer schreibt heute noch wirklich engagiert „unpopuläre Aufsätze“ in unserer Zeit des sich fortzu verwirklichten Unheils? Stattdessen werden wir vom Schwachsinn der Celebs (der Berühmtheiten) überflutet und sind von einer heillosen Sittenlosigkeit sondergleichen, die sich seuchenartig ausbreitet, bedroht.
 
Wie Horst Bienek im Gespräch das Wort „Engagement“ aufgreift, sagt Heinrich Böll: „Ich glaube, dass der Schriftsteller, der sogenannte freie Schriftsteller, eine der letzten Positionen der Freiheit ist. Wo die Freiheit bedroht ist, ist die Sprache bedroht und umgekehrt.“
 
Wer weiss heute als 21-Jähriger noch, was Menschlichkeit wirklich ist? Trotz Heinrich Böll und den vielen anderen engagierten Autoren.
 
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