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BLOG vom 27.11.2007


Aufschüttungen: Landschaften unter Druck und Dreck (1)
Autor: Heiner Keller, Ökologe, Oberzeihen CH (ANL AG, Aarau)
 
Manchmal platzt mir der Kragen. Schleichend steigert sich das Unbehagen über sichtbare und augenfällige Verfehlungen und Ungerechtigkeiten in der Landschaft. Dann kommt der entscheidende Punkt, der Moment, wo der Frosch ins Wasser springt – oder eben nicht: Wehre ich mich, oder lasse ich es sein? Wenn ich mich für Letzteres entscheide, dann muss ich wegsehen, schweigen, umblättern und mich nicht mehr ärgern. Aber: So lange ich mich ärgern kann, lebe ich noch. Und weil der Ärger ja auch schon da ist, geht es los. Am Sonntag hat man am besten Zeit und Musse für E-Mails an die zuständige Gemeinde und verschiedene kantonal-aargauische Amtsstellen. Auch die Kopie an die lokale Presse darf nicht fehlen, weil dies die Beachtung und Behandlung des Anliegens wesentlich fördert:
 
Der Brief an die Behörden 
Im Gebiet Sulzbann bis Oberzeihen auf Gemeindegebiet Densbüren AG werden aktuell wieder diverse Böschungen und Dellen mit Aushubmaterial überschüttet. Ich habe mich vor Jahren schon gegen diese unkontrollierte Art der Humusentsorgung im Sulzbann eingesetzt. Damals erhielt ich zur Antwort, dass die Terrainverbesserungen durch den zuständigen Gemeinderat von Densbüren „bewilligt“ wurden. Weil sich die Aufschüttungen nicht im Siedlungsgebiet befinden, ist meiner Meinung nach nicht der Gemeinderat für die Bewilligung zuständig (siehe Anlage). Es würde mich sehr wundern, wenn für die aktuellen Deponien Bewilligungen des Kantons vorliegen würden. Ich sehe mich deshalb veranlasst, Anzeige wegen illegaler Deponien zu erstatten. Ich meine, die Gemeinde Densbüren ist in diesem Fall verpflichtet, die Tatbestände zu erfassen und die Schuldigen zu bestrafen. Sollte dies nicht der Fall sein, bitte ich Sie höflich, mir die zuständige Stelle zu melden.
 
Aktuelle Aufschüttungen von mehr als 100 m2 Flächen finden Sie an der
  • Sulzbannstrasse, 647.500/256.600 nördlich Bifang in Zone für Landschaftsschutz (Terrainveränderungen sind untersagt);.
  • Sulzbannstrasse, 647.700/256.400;
  • Strasse nach Oberzeihen, 648.675/256.850. 
Auf Wunsch liefere ich auch Bilder oder stelle mich für einen Augenschein zur Verfügung. Ich habe nichts gegen eine geordnete Deponie von Humus im Kulturland. Was aber hier, an der alten Grenze zwischen Aarau und dem Fricktal abgeht, hat mit geordnet und bewilligt nichts zu tun. Ich bin nicht gewillt, mich in dieser Angelegenheit weiter vertrösten zu lassen.
 
Wilde Deponien mit Tradition
Die Sache mit den unbewilligten Deponien entlang meines Arbeitswegs hat Tradition. Immer wieder wurde in dieser Gegend Material abgelagert und Holz verbrannt. Nach verschiedenen Interventionen war jetzt eine Zeitlang insofern Ruhe, als sich die Ablagerungen auf kleine Flächen und eher versteckte Orte reduzierten. Im Herbst 2007 begann es wieder. Zuerst klein am Waldrand, dann am Feldrand, und dann ging es immer weiter. Lastwagenweise wurde Material angekarrt und mit völlig untauglichen Mitteln im Acker und auf Wiesen verteilt.
 
Im Aargauer Jura sieht man immer wieder, wie Aushubmaterial irgendwo deponiert wird. Wegen der regen Bautätigkeit ist das Tun so gang und gäbe, dass sich kaum jemand daran stört. Dabei sind Deponien von mehr als 10 × 10 Metern ausserhalb der Bauzonen im Aargau bewilligungspflichtig. Und zwar durch den Kanton. Das Deponieren von Material auf Landwirtschaftsflächen trägt nur in den wenigstens Fällen und bei korrekter Ausführung zur Steigerung der Ertragsfähigkeit der Böden bei. Häufig schaden sie, veröden interessante Landschaftsformen und passen nicht ins natürliche Bodengefüge. Warum wird es dann dennoch immer wieder gemacht? Schlitzohrige Unternehmer umgehen Deponiegebühren und Bewilligungsverfahren, damit sie billiger offerieren oder ihren Gewinn steigern können. Die zuständigen lokalen Behörden werden ausgetrickst, indem die Deponie möglichst in einer andern Gemeinde liegt. Besonders gesucht sind abgelegene Orte, jenseits von Bezirksgrenzen, dort, wo noch Landschaft ist.
 
Reporter mit Erfahrung
Der Zeitungsmann der Aargauer Zeitung reagierte auf mein sonntägliches E-Mail: Wann können Sie mir die Sache zeigen? Sofort, auf dem Heimweg nach Zeihen? Haben Sie Zeit? Natürlich, ich bin Reporter, ich bin draussen und nicht im Büro.
 
Ich staune, dass es das noch gibt und vereinbare den Treffpunkt Post Densbüren. Der Mann kommt draus; er sieht sofort, worum es geht: Wissen Sie, im Freiamt, wo ich vorher tätig war, habe ich auch schon darüber geschrieben. Genützt hat es nichts. Aber hier? Wirklich eine schöne Gegend. Mache mal ein paar Fotos. Da hat es ja noch Teer drin. Möglich, das Material stammt ja auch vom Strassenrand von Gemeindestrassen. Wer hat das abgelagert? Sicher die Gemeinde. Ich kann Ihnen schon sagen, was die Gemeinde sagt: Nur eine Zwischendeponie, wird bei Gelegenheit wieder beseitigt. Ich muss lachen: Schauen Sie doch einmal am Waldrand nach. Ausgeebnet. Schauen Sie, wie deponiert wurde: Würden Sie Material, das sie wieder aufladen möchten, auch so in einer Mulde verteilen? Er macht Fotos und wir fahren weiter. Die Ereignisse überstürzen sich. Wo ich dem Reporter nur die Situation der bisherigen Aufschüttungen zeigen wollte, stehen Lastwagen und Bagger auf der Strasse, versperren uns den Durchgang. Ich habe somit Gelegenheit, auszusteigen, dem Reporter die Gegend zu erklären und die Beschriftung an den Fahrzeugen zu lesen: Deiss, Herznach. Ja, jetzt hat die Anzeige einen Namen.
 
Brief an Unternehmer 
Ich gehe nach Hause und setze mich wieder an den Computer, schreibe ein E-Mail:
 
Sehr geehrter Herr Deiss
Ich bin schon ein wenig enttäuscht von Ihnen. Nachdem wir schon früher, als Ihre Firma noch ISO-zertifiziert war – wieso sind Sie es nicht mehr? – wegen illegaler Deponien und Verbrennungsaktionen im Sulzbann Kontakt hatten, deponieren Sie jetzt einfach Material im Fälmet oberhalb Oberzeihen. Ich nehme nicht an, dass Sie dafür eine Bewilligung haben. Ich stelle fest, dass die Deponie völlig dilettantisch ausgeführt wurde und sicher nichts zur Bodenverbesserung beiträgt. Ich sah mich deshalb gezwungen, bei der Gemeinde Densbüren eine Anzeige zu machen.
 
Am Dienstag wird immer noch gebaggert und angekarrt. Nachher ist fertig. Dem Zeitungsartikel vom Donnerstag, 22.11.2007 (AZ Aarau: „Zu viel gewurstelt im Kulturland“) entnehme ich, dass der zuständige Gemeinderat an einer Stelle einen Baustopp verfügte und dass der Gemeinderat zusammen mit dem kantonalen Departement Bau-, Verkehr und Umwelt (beachten Sie die Reihenfolge) das weitere Vorgehen entscheiden werden.
 
Die Kolumne dazu
Immerhin habe ich jetzt schon fast mehr erreicht als früher. Damit die Sache nicht vergessen geht, nutze ich meine Kolumne „Fricktaler Stimmen“ am Samstag, 24.11.2007 (AZ Frick) zu einer weiteren „Aufklärung“ unter dem Titel „Landschaft unter Dreck“:
 
Im Jura wird regelmässig Aushubmaterial auf Feldern und Wiesen deponiert. Die Bautätigkeit liefert Dreck und Skrupellosigkeiten machen unbewilligte Aufschüttungen zu normalen Bestandteilen der Landschaft. Fremdes Material auf Landwirtschaftsflächen trägt nur in seltenen Fällen zur Steigerung der Ertragsfähigkeit der Böden bei. Häufig schadet es, verödet interessante Landschaftsformen und zerstört das natürliche Bodengefüge. Flächen von mehr als 100 Quadratmetern brauchen eine Bewilligung des Kantons.
 
Schlitzohrige Unternehmer umgehen Deponiegebühren und Bewilligungsverfahren. Sie offerieren billiger und steigern ihren Gewinn. Blöd ist, wer in der eigenen Gemeinde auf eigenem Landwirtschaftsland illegal Material deponiert. Er riskiert, dass ihn jemand anzeigt. Der Gemeinderat kennt die erteilten und fehlenden Bewilligungen und veranlasst im besten Fall die Wiederherstellung des alten Zustandes. Den Behörden wird ihre Aufgabe wesentlich erschwert, wenn die Aufschüttung, weitab vom Aushub, in einer abgelegenen Landschaft einer anderen Gemeinde liegt. Der ortsansässige Gemeinderat muss es zuerst merken, muss abklären, muss einschreiten und sich mit Ausreden herumschlagen. Es gibt aufwändige Verfahren, Arbeit, Ärger und bestenfalls eine geringe Busse mit einer nachträglichen Bewilligung.
 
Damit die Spiesse bei diesem Räuber- und Polizeispiel gleich lang bleiben habe ich auch für die Gemeinderäte einen Tipp: Veranlassen sie den allfälligen Baustopp dort, wo der Aushub herkommt. Ein Baustopp wegen Nichteinhaltung von Auflagen tut den Bauherren weh. Die Wettbewerbschancen für die schwarzen Schafe unter den Unternehmern sinken. Das Ganze funktioniert leider nur, wenn die Gemeinderäte über die Grenzen hinweg eng zusammenarbeiten und rasch handeln. Das sind sie für die Erhaltung der Landschaft und die Durchsetzung von Bauauflagen nicht gewohnt. Unternehmen nutzen diese Schwäche über Jahre hinweg aus.
 
Zusätzlich braucht es aufmerksame Augen. Mischen Sie sich ein und reklamieren Sie, wenn Ihnen die Juralandschaft lieb ist. Sonst geht die Entwicklung weiter wie bis anhin: Schöne Studien über Potentiale und Stärken der Region, über Regionale Naturparks und „Landschaft unter Druck“ werden produziert. Im Nachhinein lässt der Bund akribisch dokumentieren, was sich alles verändert hat. Dass Natur heute unter dem Dreck von Aufschüttungen verschwindet, übersieht man. Stoppen Sie jetzt, der Jura verdient es.
 
Das Verfahren läuft
Von den zuständigen Behörden, dem Gemeinderat und den kantonalen Amtsstellen habe ich nichts mehr gehört. Ich kenne jetzt schon die Antwort auf weitere Fragen: In einem laufenden Verfahren wollen sie nicht Stellung nehmen. Damit weiss auch niemand offiziell, wo was geht und wo was nicht passiert, verheimlicht wird. Erstaunt einem da, dass die Landschaft unter Druck ist, wie dies die Bundesämter für Raumentwicklung (ARE) und Umwelt (BAFU) in regelmässigen Abständen wort- und papierreich kundtun (Pressemitteilung Ittigen, 15.11.2007)? Der Landschaftswandel in der Schweiz schreitet regelmässig voran, und zwar gemessen an bestimmten Veränderungen auf Luftbildern und Landkarten. Die ganze Sache beschreibt sehr vereinfacht und mit sehr wenigen Kriterien die Vergangenheit, Sachen, die schon passiert sind. Mit immer gleichem Ergebnis stellt man fest, dass es immer weniger Landschaft hat. Je weniger Bäume man zählt, desto genauer und akribischer dokumentiert man die restlichen Exemplare – und lamentiert. Schade, dass man Geld und Kraft nicht dort einsetzt, wo es passiert. Nämlich hier, heute und in der Landschaft.
 
Also maile ich halt wieder. Ich mache Fotos von allen Deponiestellen (letzte Woche ist tatsächlich eine neue dazu gekommen) und schicke diese wieder an die gleichen Orte wie zu Beginn, als mir der Kragen platzte. Ich bin gespannt, ob und was für eine Antwort ich von den offiziellen Stellen erhalte.
 
Übrigens: Es ist auf dem Land nicht so, dass niemand etwas weiss, wenn die Behörden nichts sagen. Gerüchte und inoffizielle Informationen verbreiten sich schnell. Man muss nur die Ohren offen halten und etwas warten können. Und dann ist ja noch der Arbeitsweg: Normalerweise kann ich 2 Mal am Tag beobachten, was passiert.
 
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