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BLOG vom 09.12.2007


Quai Anatole France, Paris: „Je vous ferai un cadeau“
Autor: Emil Baschnonga, Schriftsteller und Aphoristiker, London
 
Es muss eine Bewandtnis haben, weshalb ich am letzten Samstagnachmittag vom Pariser „Marché aux Puces“ mit 2 Bänden – I und V – der Gesamtwerke von Anatole France beladen, dem Quai Anatole France bei der Seine zum Stelldichein mit meiner Frau entlang schlenderte. Ich hatte diese Werke nach dem Mittagessen im „Marché Biron“ erstanden. Der Händler war ziemlich beschwipst und rief mir nach: „Je vous ferai un cadeau – Euro 15 mon dernier prix!“ Dieses Angebot war unwiderstehlich. Dafür kriegte ich 5 Kilo Literatur – erst noch mit Holzschnitten von Carlègle und Roubille ausgestattet. Die Gesamtausgabe erschien 1925, ein Jahr nach dem Tod von Anatole France.
 
Ich mag mich entsinnen, dass ich einst Anatole Frances „Thaïs“, kaum flüchtig angeblättert, wieder zur Seite gelegt hatte. Dieser Roman schien mir zu verwickelt, und ich war zu jung und hitzig, um viel Verständnis für die asketischen Wüsten-Mönche links und rechts vom Nil übrig zu haben.
 
Anatole France, 1844 als Sohn eines Buchhändlers in Paris geboren, hatte als Bibliothekar immer genug Zeit zum Schreiben und ist als Romancier wohlbekannt und geschätzt. Der literarische Durchbruch gelang ihm mit dem Roman „Le Crime de Sylvestre Bonnard“. In rascher Folge erschienen „La Revolte des Anges“, „Le Lys Rouge“, „Les Dieux ont Soif“ usf. 1896 wurde Anatole France Mitglied der „Académie Française“. 1921 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Es ist kennzeichnend für mich, dass ich seine Aufnahme im Jahr 1920 in die „Libri prohibiti“ (verbotene Bücher) des Vatikans als ebenbürtige Auszeichnung schätze.
 
Zu Anatole France sei hier noch vermerkt, dass er auch ein Poet (den „Parnassiens“ zugeordnet) war und ausserdem als Sozialkritiker viele zeitkritische Aufsätze schrieb.
 
Mir war auch entgangen, dass Anatole France nebenbei ein gewiegter Aphoristiker war, also ein Mann ganz nach meinem Herzen. Davon einige Kostproben, eingedeutscht:
 
Wenn 50 Millionen Leute eine Dummheit sagen, bleibt es dennoch eine Dummheit.
 
Leute, die keine Schwächen haben, sind furchtbar; man kann aus ihnen keine Vorteile ziehen.
 
Um Grosses zu vollbringen, müssen wir träumen und handeln.
 
Es ist besser, wenig zu verstehen als viel misszuverstehen.
 
Es sind bloss die Armen, die bar bezahlen, weil sie keinen Kredit erhalten.
 
Leihe nie ein Buch aus, denn du bekommst es nicht mehr zurück; die einzigen Bücher in meiner Bibliothek sind Leihgaben.
 
Von allen sexuellen Verwirrungen ist Keuschheit die seltsamste.
 
Zur Poesie
Ganz einfach, weil ich dieses Jahr ein Libellen-Blog geschrieben habe (30.07.2007: „Freude: Da flattert um die Quelle, die wechselnde Libelle“) wähle ich hier 1 Strophe seines Gedichts „Der Tod einer Libelle“ – ihr zierlicher und gebrechlicher Leib vom Nadelstich eines Schülers durchstochen – belasse ich in der Originalsprache des Dichters:
“Le fin corsage vert fut percée d’une épingle;
Mais la frêle blessée, en un farouche effort,
Se fit jour, et, prenant ce vol strident qui cingle,
Emporta vers les joncs son épingle et sa mort.” 
Da ich Affen besonders mag – und einige meiner Affengeschichten vom Textatelier.com in die Rubrik „Glanzpunkte” aufgenommen worden sind, etwa „Als Steine von Bäumen fielen“ und „Kleideraffen und die Form eines Kuchens“, füge ich hier die letzte Strophe aus dem nächsten Gedicht von Anatole France ein:
 
„La mort du singe“ (Der Tod eines Affen)
Statt in Versen zu übersetzen, schildere ich, stark verkürzt, diesen tristen Affentod: Der Affe darbte im Gitterkäfig, weitab von seiner sonnigen und laubigen Heimat schlotternd unter grauem Himmel mit eingesackten Augen ausdruckslos und hoffnungslos. Als es dunkel wurde, träumte er von seinen Geschwistern im Wald, wie sie sich an Nüssen erlabten und unter den Palmen schliefen.
 
Hier ist der letzte Vers dieses Gedichts in der Sprache des Dichters: 
“Puis une vague nuit pèse en son crâne épais.
Laissant tomber sa nuque et ses lourdes mâchoires,
Il râle. Autour de lui croissent les ombres noires:
Minuit, l’heure où l’on meurt, lui versera la paix.” 
Behelfsmässig übersetzt: Dann lastet die neblige Nacht auf seinem dicken Schädel. – Er liess seinen Nacken fallen und seinen schweren Kiefer. – Er röchelt. Rund um ihn fluten die schwarzen Schatten: – Mitternacht, die Stunde des Todes kam und brachte ihm den Frieden.
*
Ei, wie Anatole France mir die langen Winterabende verkürzen wird, wie ich, mich im Sessel räkelnd, die Welt vergesse.
 
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