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BLOG vom 03.03.2008


Luchse regulieren Rehbestand – zu erfolgreich für die Jäger
Autor: Heiner Keller, Ökologe. Oberzeihen AG (ANL AG, Aarau)
 
Die Jäger im Solothurner Jura haben ein Problem: In den ausgedehnten Wäldern konnten sie während Jahren ungestört ihrer Leidenschaft, der Jagd zur Regulierung des Rehwilds, frönen. Rehe gab es mehr als genug. Kein Jagdtag musste ohne reiche und ohne grossen Aufwand erlegte Beute abgeschlossen werden. Die Pfründe der Jagdgesellschaften waren diesen sogar so viel wert, dass der Kanton in den letzten Jahren die Jagdpachten ohne Murren der Jägerschaft erhöhen konnte.
 
Mit dem einvernehmlichen Frieden ist es jetzt vorbei. Eine „Massierung“ von 11 bis 15 erwachsenen Luchsen zwischen dem Roggen und Olten und im Gebiet Weissenstein/Thal bewirkte, dass der Wildbestand um 50 Prozent oder mehr abgenommen hat. Betroffen seien vor allem Rehe, aber auch Gämsen (www.szonline.ch, 29.02.2008).
 
Die Betroffenheit der Rehe würde wohl niemanden interessieren, wären da nicht noch die Jäger: Der Luchs hat ihnen ihre Aufgabe, nämlich im Dienste der Öffentlichkeit ein „biologisches Gleichgewicht“ herzustellen und den Wildbestand gesund zu erhalten, abgenommen. Statt sich am Erfolg zu freuen – das Jagen ist nach Aussagen der Jäger ja schliesslich viel mehr als nur Schiessen – kommt Neid und Missgunst gegenüber den paar wenigen Luchsen auf. Die Jäger bezeichnen die Räubersituation im Jura als „überhitzt“ und fordern Massnahmen: Luchse müssen reduziert werden, damit sich die Beute so erholen kann, dass die Jäger auch wieder etwas davon haben. Schliesslich zahlen sie dafür ja ihre Revierpachten.
 
Die Freizeitjäger
„Die Sache mit der Jagd“ (Heribert Kalchreuter, BLV Verlagsgesellschaft, 1978) ist schon interessant. Die Jäger berufen sich gern auf „ökologische Zusammenhänge“ und darauf, dass sie für das Funktionieren unserer Lebensräume unentbehrlich seien. Zum Thema „Freizeitjagd und Wildbestand“ schreibt Kalchreuter: „Satt und wohlgenährt zieht der Waidmann unserer Tage auf die Jagd. Er ist wirtschaftlich ganz unabhängig vom Wild; Industrie, Handel, Gewerbe, Dienstleistungen ernähren ihn durch ein vielfach verflochtenes Wirtschaftssystem. Entsprechend ist sein Einsatz auf der Jagd. Sie soll ja Erholung oder Hobby sein. Das Wild soll dabei unter vertretbarem Zeitaufwand zu erbeuten sein, und dazu muss es häufig vorkommen. Findet der Erholungsjäger wenig Wild, so lässt sein Interesse an diesem Jagdgebiet viel rascher nach als das der Jäger früherer Stufen, der Nahrungs- und Marktjäger. Insbesondere für einzeln und versteckt lebendes Wild bedeutet diese Art der Bejagung keine Bestandesbedrohung. (...) Ähnlich geht es dem Rehwild, besonders in Waldrevieren. Wie viele Jäger können sich lediglich übers Wochenende Zeit zur Jagd nehmen? Und selbst dieses ist nicht immer frei. Oder es ist verregnet. Oder man wird durch Spaziergänger gestört. Oder das Stück steht zu weit vom Hochsitz entfernt, springt aber schon beim ersten Versuch des Anpirschens ab. Der Erholungsjäger hat darin ja nicht mehr die tägliche Übung seiner steinzeitlichen Vorfahren. Kommt er leer heim, was tut’s? Daheim auf dem Tisch steht der Schweinebraten! Und das Bier, um das beklemmende Gefühl, den Abschussplan wieder nicht erfüllt zu haben, hinunterzuspülen.“
 
Dieser Schilderung eines Experten ‒ Kalchreuter war im Jagdreferat des deutschen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten tätig – ist nichts beizufügen. Sie entlarvt fadenscheinige Argumente der Jäger. Jagd ist ein Hobby, und die Jäger bewegen sich ausserhalb der natürlichen Kreisläufe der Natur. Die Kontroverse um den Luchs im Solothurner Jura ist ein weiterer Beweis für diese Tatsache.
 
Die Regulationen
Die natürlichen Verhältnisse zwischen Räuber, Beute und Pflanzen sind relativ einfach und bezüglich der Grossraubtiere – zu denen auch der Luchs zählt – gut untersucht. Wenn es viele Rehe hat, kann der Bestand der Luchse zunehmen. Mehr Luchse fressen logischerweise eine grössere Anzahl Rehe, bis deren Bestand sinkt. Je weniger Rehe es hat, desto weniger Luchse können sich von ihnen ernähren. Räuber rotten ihre Beute nicht aus. Die Luchse wandern ab, suchen sich eine andere Beute oder sterben. Ihr Bestand nimmt ab, bis sich die Anzahl der Rehe wieder vermehrt. Dann kann der Zyklus wieder von vorne beginnen. Und jetzt kommt der Nutzen für den Naturwald: In Zeiten, wo es wenig Rehe hat, können mehr junge Bäume aufwachsen (Naturverjüngung). Bis es wieder viele Rehe hat, sind die jungen Bäume dem Verbiss entwachsen.
 
Wenn man die Zusammenhänge richtig interpretiert, stellt man fest: Es ist nicht nur der Räuber, der die Anzahl der Beutetiere bestimmt, sondern in viel stärkerem Mass sind es die Rehe, die die Anzahl der möglichen Luchse begrenzen. Und: Der Wald profitiert von Phasen mit wenig Rehen.
 
Wenn die Jäger so ökologisch wirken würden wie sie es bei Abstimmungskämpfen jeweils kundtun, müssten sie sich auch solchen Zyklen anpassen. Das, was der Luchs in den Jurawäldern des Kantons Solothurn bewirkt – der Rehbestand hat abgenommen –, ist ein ganz natürlicher Teil eines solchen Zyklus’. Statt jetzt Luchse zu eliminieren – und damit den Rehbestand künstlich auf dem Niveau, der ihrem Jagdverhalten und -können entspricht, zu halten, müssten sie ganz normal weiter Rehe schiessen. Mit dem weiteren Rückgang des Rehbestandes löst sich die „Überhitzung“ der Räuber von selbst. Wald und Jäger könnten sich in der Zeit mit minimalem Rehbestand erholen, bis die fetten Jahre für die Jagd wieder kämen.
 
Das Luchs-Management
Ganz anders geht es im Kanton Solothurn: Auf Druck der Jägerschaft hat der Kanton Solothurn vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) die Bewilligung erhalten, in der Region Thal 2 Luchse zu fangen und in andern Kantonen auszusetzen, sofern die neuen Kantone entsprechende Freilassungsbewilligungen erteilen -schliesslich hat es ja dort auch Jäger. Die Bewilligung für den Fang wurde aufgrund eines breit abgestützten Gesuchs, basierend auf wissenschaftlichem „Monitoring der Luchse im nördlichen Jurakompartiment“, in dem alle betroffenen Jura-Kantone vertreten sind, erteilt. Der solothurnische Jagd- und Fischereiverwalter Marcel Tschan hofft, dass beide Luchse umgesiedelt werden können. Die Fallen stehen; bis Ende April müssen die Luchse gefangen und umgesiedelt sein, sonst läuft die Bewilligung ab. Findet sich kein Platz, müssen die geschützten Luchse getötet werden. Ähnliche Forderungen für Luchsreduktionen gibt es bereits aus den Kantonen Waadt und Bern. Die Freizeitjäger wollen sich künstlich ihre jährliche Rehe sichern.
 
Naturschützer können und wollen sich eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema nicht leisten. Eine Kritik führt sofort zu einer heftigen Kontroverse mit den einflussreicheren Jägern. Mit ihnen macht man gern gemeinsame Sache und muss dafür halt auf einige Luchse verzichten. Die Jäger im Kanton Solothurn sind ins „Luchs-Management“ eingebunden.
 
„Die Akzeptanz des Luchses bei den Solothurner Jägern sei gross, aber lokal sei der Bestand der Wildtiere tatsächlich sehr hoch. Wir wollen nicht, dass die Jäger im Frust wildern, denn dass das vorkomme, sei eine Tatsache“ sagte Irène Froehlicher, Präsidentin Pro Natura Solothurn. Sie hofft auf die andern Kantone, damit die Solothurner Luchse eine neue Bleibe finden: „Mit einer Tötung hätten wir auch ein Problem“ (szonline, 29.02.2008).
 
Im September 2007 haben die Kantone St. Gallen, Zürich, beide Appenzell, der Thurgau sowie das Bundesamt für Umwelt beschlossen, im Frühling 2008 1 oder 2 weitere Luchse in der Nordostschweiz (zwischen Sargans und dem Speer) anzusiedeln. Diese Region braucht mindestens ein weiteres Tier, um eine überlebensfähige Population mit einer genügenden genetischen Durchmischung zu garantieren (Toggenburger Tagblatt, 29.02.2008).
 
Die Tiere werden im Rahmen des normalen Grossraubtier-Monitorings weiterhin überwacht. Die Kosten für die Umsiedlung sowie für die Überwachung der Luchse (mit einem Sender wieder in die Freiheit) trägt der Bund. Die Kantone unterstützen die Arbeiten mit ihrer Wildhut (Linth-Zeitung 27.02.2008).
 
Das ist die Sache mit der Jagd und der Natur in der Schweiz im 3. Jahrtausend. Unbesehen von wissenschaftlichen Kenntnissen, von Notwendigkeiten, Wohlstand und Tatsachen, basteln wir uns die kleine Welt im Wirtschaftswald zusammen. Dort, wo eine kleine Luchspopulation ihre positive Wirkung auf die Umwelt zaghaft entwickelt, greift der Mensch zu Gunsten der Freizeitjäger ein. Wo die Luchspopulation (noch) so serbelt, dass sich die Jäger noch nicht vehement wehren müssen, lässt man 1 bis 2 Luchse frei. In der Hoffnung, dass nachher alles so bleiben werde, wie man es haben möchte: Jederzeit und überall gerade so viel, wie es braucht.
 
Ich weiss nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll: Freuen, dass man etwas macht zur Erhaltung der Tierwelt und der Natur oder ärgern, dass die Natur nur schwer begreift, was die Gesellschaft eigentlich von ihr erwartet.
 
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