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BLOG vom 04.03.2008


Slow Food Schweiz: Zwetschgentörtli rettet eine Landschaft
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Geschichte vom Posamenter-Zwetschgentörtli aus der Bäckerei Schmid in Zunzgen (Kanton Basel-Landschaft) ist für die Slow-Food-Aktivitäten bezeichnend. Ich erzähle sie hier in der Version des Vorstandmitglieds Raphael Pfarrer nach; der so heisst und ein bisschen so aussieht, aber den Beruf nur als Name führt.
 
Dort, im Baselbieter Tafeljura, gibt es einen so genannten Zwetschgen-Gürtel, das heisst einige Dörfer wie eben Zunzgen erfreuen sich, vor allem den Talmulden und Bächen entlang, noch richtiger alter Hochstamm-Zwetschgenbäume mit den traditionellen Sorten Hauszwetschge, Bühler und Fellenberg. Diese Bäume haben alle die Ausrottungsaktionen, wie sie auch die Landwirtschaft insgesamt betreffen, überstanden und gehören zu den Dörfern und zum Landschaftsbild. Der Gefahr, dass sie Niederstammplantagen weichen müssen, begegnete Slow Food kürzlich mit der Kreation eines Posamentertörtlis, welches das inhärente Dörrzwetschgenmus auf der Oberseite in der Form eines Schweizerkreuzes sichtbar werden lässt – das Zwetschgenkonzentrat gereicht ihm also zur Zierde.
 
Oder anders herum: Für dieses Törtli braucht es grosse Mengen schmackhafter Dörrzwetschgen (die Zwetschgenmasse ist mit 26 % deklariert). Und dafür lassen sich die alten Zwetschgen zu einem anständigen Preis vermarkten. Das währschafte Gebäck ist delikat; das säuerliche Zwetschgenkonzentrat ist sehr aromatisch. Und auch der Zweck ist gut.
 
Das bedingte „Recht auf Genuss“
So ist denn eben dieses Gebäck eines der Symbole für die Slow-Food-Philosophie, die vom Grossverteiler Coop tatkräftig unterstützt wird: Das „Recht auf Genuss“ wird hochgehalten; doch sollen die Lebensmittel nicht nur wohlschmeckend, sondern auch „sauber und gerecht (fair)“ sein. Darin ist also eine ethische Komponente enthalten, die sich auf den Schutz der Biosphäre mit ihrer Vielfalt aus Pflanzenarten und Tierrassen erstreckt. Unter diesem Firmament segelt u. a. die „Arche des Geschmacks“ wie ein Rettungsboot im Meer der vereinheitlichten Industriekost (Fast Food), die immer mehr Menschen zum Halse heraushängt. Zum genüsslichen Essen gehört die Rettung der kleingewerblichen Lebensmittelherstellung aus Produkten, die in der Region herangewachsen sind. Und die Komponente der Fairness – die gerechte Bezahlung aller Produktionsanstrengungen – ist ebenfalls ein Bestandteil davon.
 
Slow Food ist eine ideelle internationale Vereinigung (www.slowfood.com oder www.slowfood.ch), die 1986 in Italien gegründet worden ist. Insgesamt gibt es inzwischen weltweit etwa 850 Convivien (Sektionen oder Tafelrunden) mit total rund 85 000 Mitgliedern. In der Schweiz haben sich 15 solcher Regionalgruppen mit zusammen rund 2300 Mitgliedern (lauter natürliche Personen) etabliert. Die Mitglieder-Jahresbeiträge betragen 120 CHF für Einzelmitglieder, 150 CHF für Familienmitglieder und 50 CHF für Junioren bis 25 Jahre.
 
Präsident von Slow Food Schweiz ist der gebürtige Spanier (Madrider) Rafael Pérez, Weinhändler in CH-8037 Zürich. Er denkt in grossen Zusammenhängen, fühlt sich dem ethisch-solidarischen Weltbürgertum verpflichtet; das Kleinkrämerische liegt ihm nicht. Und wie er zu mir im persönlichen Gespräch sagte, sollte man sich nicht einfach vom Klimageschehen ablenken lassen, denn – er zeigte mit betonter Gestik nach unten – auf dem Boden passiere das Wesentliche, das entscheidend sei.
 
Diese Begegnung mit Rafael Pérez, einem kraftvollen südländischen Typ mit wetterfestem, gleichzeitig strengem und gütigem Gesicht, das von kühn geschwungenen, schwarzen Augenbrauen betont wird, kam an der Delegiertenversammlung vom 01.03.2008 im Hotel „Metropol“ in Arbon TG am Bodensee zustande. Pérez hat mich mit seiner holistischen Betrachtungsweise überzeugt: Aus der Betrachtung der Lebenserscheinungen aus einem ganzheitlichen Prinzip heraus steht er auch zur Zusammenarbeit mit Coop, weil es dadurch möglich geworden sei, nicht nur darüber zu sprechen, was getan werden müsste, sondern Produkte tatsächlich zu retten, also etwas zu tun. Und so habe die SF-Organisation im Jahr 2007 angefangen, sich zu professionalisieren.
 
Händler der Nachhaltigkeit
Über die Zusammenarbeit von Coop mit SF referierte die zierliche Simona Matt, die ein volles Engagement spüren liess, als sie über das „wunderbare, abwechslungsreiche Slow-Food-Sortiment“ berichtete (der Renner ist offenbar die Mortadella Classica) und sich darüber freute, dass Coop vom WWF Schweiz zum „nachhaltigsten Detailhändler der Schweiz“ erklärt worden war. Die Gesellschaft der Konsumenten müsse zu einem verantwortungsbewussten Konsum angeregt werden und die Möglichkeit dazu erhalten. Zu diesem Zweck bietet Coop neben Max-Havelaar-, „naturaplan“-, „naturaline“- und „oecoplan“-Produkten etwa 70 Slow-Food-Artikel in 126 Supermärkten an, die von den so genannten Förderkreisen (die sich jeweils mit der Erhaltung einer bestimmten regionalen Spezialität befassen) ausgewählt wurden – so z. B. das Walliser Roggenbrot, das Münstertalerbrot, das Mehl „Farina bóna“ oder das Mürbteiggebäck Pastefrolle aus dem Bedrettotal im Tessin.
 
Ein kompetenter Schwerarbeiter ist der Vizepräsident von SF Schweiz, Giuseppe Domeniconi, Exportberater im Lebensmittelbereich und obendrein ein Glücksfall für Slow Food. Er leitete die fünfstündige Delegiertenversammlung mit Sachwissen und -verstand und vermittelte im Rahmen des Berichts über die Tätigkeit der Stiftung für die biologische Vielfalt Angaben über das stattliche Coop-Sponsoring. Die Stiftung ist der operative Arm von SF, aber ein selbstständiger Organismus. Zu ihren Aufgaben gehört das Sammeln von Mitteln, um Projekte für den Schutz und die Valorisierung zu finanzieren (die Förderkreise, die Arche des Geschmacks usw.).
 
Eine neue Zeitschrift
Die vorbereitenden Handlungen schlagen sich also nicht in den oft recht hoch anmutenden Verkaufspreisen der Slow-Food-Produkte nieder, die sich aus dem handwerklichen Herstellungsaufwand rechtfertigen. Deshalb bleibt auf jeden Fall ein Erklärungsbedarf zu leisten, der wiederum mit Kosten verbunden ist. So liegt jedem SF-Produkt eine kleine, mehrsprachige Beschreibung bei; denn zum bewussten Essen gehört auch, dass man sich Gedanken über Herkunft und Philosophie eines Produkts macht.
 
Unter anderem diesem Ziel soll eine neue, von Ursula Hasler, Professorin für Kommunikation an der ZHAW in Winterthur, geleitete neue Zeitschrift dienen: „slow.ch“ (Arbeitstitel), die im Herbst 2008 erstmals erscheinen soll. Sie wird die bisherige Mitgliederzeitschrift „Adagio“ (was ebenfalls „langsam“ heisst) ersetzen und nicht mehr drei-, sondern nur noch einsprachig sein.
 
Das vorliegende Konzept sieht die Zeitschrift als gehobenes Publikumsmagazin vor, das auch die Mitgliederaspekte berücksichtigt. Sie wird auch ein Wissensmagazin mit jeweils einem Themenschwerpunkt sein, also keinesfalls eine nach allen Seiten verfilzte Lifestyle-Zeitschrift, an denen ohnehin keinerlei Mangel besteht. Die Auflage soll mindestens 10 000 Exemplare betragen. Ein grosser Teil der Kosten soll durch 20 Inserateseiten aufgebracht werden; und der bisherige Aufwand für die „Adagio“-Produktion wird auf das neue Projekt, das auch ästhetische Genüsse bieten soll, umgeleitet.
 
Im Umfeld von „Emma“
Es war ein Versammlungsmarathon am Bodensee, der vom Frühjahresstürmchen „Emma“ (meteorologisch: Sturmtief) und dem „Blütenquell“-Tafelwasser „flauder“ mit Holunderblüten- und Melissenaroma aus CH-9108 Gonten begleitet war. An den sich biegenden Pappeln, über die Wasseroberfläche eilenden Wellenmuster bei ständig wechselnden Lichtverhältnissen und Farben ‒ manchmal durchbrach ein Sonnenstahl die ostwärts wandernden Wolken ‒ und einem beim Metropol in Arbon umgeworfenen „20-Minuten-Zeitungsständer“ war Emmas Aufrüttelungsarbeit vom Arbon-Saal des Hotels aus, wo wir tagten, abzulesen. An der windgeschützten Delegiertenversammlung war es verhältnismässig ruhig, und es ging durch und durch einvernehmlich zu. Paolo Di Croce, Leiter des internationalen Büros von SF in Bra (Italien), setzte Wachstumsimpulse und sagte mit Bodenhaftung, Slow Food sei kein Traum ohne Bezug zur Realität.
 
So wurde an einer guten Sache hart und minuziös gearbeitet. Der Statutenentwurf für die Vereinigung Slow Food Schweiz vermochte selbst den Vorstand nicht vollkommen zu befriedigen, so dass er zur weiteren Gärung und Reifung zurückgestellt wurde.
 
Vollständig abgearbeitet wurde demgegenüber das von Rita Frehner von der Sektion Ostschweiz mit Geschick zusammengestellte kulinarische Programm, das anschliessend an die DV  teilweise im Schloss Arbon zu erledigen war und über das ich, einige weitere Arbon-Eindrücke einbringend, in einem nächsten Blog berichten werde.
 
Fortsetzung folgt.
 
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