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BLOG vom 08.04.2008


Stein am Rhein (2): Hoch klingt das Lied von Hohenklingen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Zwar führt eine steile, schmale, asphaltierte Strasse mit vielen Ausweichstellen von Stein am Rhein SH hinauf zur Burg Hohenklingen. Doch wollte ich auf den Spuren der Kastenvögte des Benediktinerklosters St. Georgen am rechten Rheinufer (das früher in Hohentwiel war), den Freiherren von Klingen, folgen. Sie hatten noch kein Auto, wenn ich die historischen Abläufe richtig einordne. Der Name „von der hohen Clingen ob Stein“ tauchte 1327 auf. Und selbst als der letzte Burgvogt starb (1837), war der Otto-Motor noch nicht erfunden.
 
Es führen viele Wege nach Hohenklingen. Ich wanderte an der katholischen Kirche und dem Pfarrhaus sowie an der Bergtrotte im Norden des Städtchens Stein am Rhein vorbei, den gelben Wanderwegweisern folgend, durch die zunehmend verbauten Rebberge, wo die Steiner die Grundlagen für ihren „Blauröckler“, „Chlingenhalder, „Guldifüssler“ und „Käfersteiner“ legen. Die Rebstöcke waren sorgfältig auf 2 Triebe zurückgeschnitten. Der Aufstieg am Klingenhang erwies sich als etwas mühsam, denn die Neigung hat dazu geführt, dass die Treppenstufen meist zu wenig tief für 2 Schritte, aber zu tief für einen Schritt sind. Das mandelförmige Städtchen am Wasser und der Rheinauslauf aus dem Untersee (des Bodensees) auf der Ostseite lagen am 1. April 2008 um die Mittagszeit noch unter einem schwachen Dunstschleier, waren aber doch deutlich einsehbar: die geschlossen wirkende Altstadt, die Brückenkopf-Vorstadt, die Ringzone, Industrieansiedlungen, Villen- und Wohnquartiere, die prächtige Flusslandschaft mit dem Inselchen Werd. Gegen Süden hat die Landwirtschaft mit gleissenden Plastikfolien ihre Ungeduld überwunden.
 
Beim Höhersteigen weitet sich die Aussicht, bis man denn in den oberen, bewaldeten Teil des Hügels kommt und vor lauter Bäumen das Städtchen Stein und Umgebung kaum noch sieht. Die Treppe mit den Stirnseiten aus Granitstreifen, die mit Beton hinterfüllt sind, windet sich im oberen Teil wie ein Pass im Schmalformat. Dafür lohnt sich der Blick nach oben, wo die bis 2,55 m mächtige Ringmauer der etwa 70 m langen Burg stark angewachsen zu sein scheint. In rund 30 bis 35 Minuten schafft man den Aufstieg von Stein am Rhein (413 m ü. M.) auf den Hügel des Klingens (590 m ü. M.) locker.
 
Die Burg
Auffallend an der im 13. Jahrhundert zur heutigen Anlage ausgebauten und frisch restaurierten (2005/07) Burg auf dem Felssporn, der gegen Süden und Westen steil abfällt, ist der beinahe quadratische Wohnturm mit einer Seitenlänge von rund 10 m aus Felsblöcken, Bollen- und Bruchsteinen. Manchmal wurden noch Ziegelsteinstückchen in die Mauer verarbeitet. Diese Anlage hat die anderweitig übliche Entwicklung von der Wehrburg zum Schloss nicht mitgemacht und wurde – ein Wunder in dieser Grenzlage – nicht durch Kriege und die dazugehörigen US-Irrflieger zerstört. Die eher spartanische Ausstattung erklärt sich aus dem beständigen Burg-Charakter, zu dem das spartanische Leben gehört.
 
Der zu einem verstärkten Atmen angeregte Wanderer betritt die Anlage durchs Burgtor mit dem vorkragenden „Roten Laden“, wo ab 1644 der Wächter die Wacht anblasen musste, wenn in der Stadt drunten die Wachtglocke läutete. Unter einem Hirschgeweih wünscht der Hohenklingenverein auf einer Schrifttafel dem Gast „vergnügten Sinn und sanfte Rast“. Im Eingangsbereich befindet sich der vorgebaute, zweiteilige Zwinger (Raum zwischen Mauer und Graben) mit seinen gezinnten Mauern und vielen Schiessscharten, die zum Teil die Form von vergrösserten Schlüssellöchern haben. Und vor dem Turm ist eine wohnliche Laube, neuerdings durch eine vorspringende Metallkonstruktion auf die doppelte Grösse angewachsen. Dort oben ist ein schöner Aussichtspunkt.
 
Durch ein schweres Eisentor betritt man das Innere und wird gleich mit einer Ausstellung von Hausrat und Abfall von Burgvögten, Rittern und Touristen konfrontiert: Arzneien, Parfüms, Crèmes, Flaschen, Zigarettenschachteln, andere Raucherwaren, Rüstungsgegenstände usf.– das heisst, wenn der Abfall alt genug ist, wird er zum Ausstellungsgut … (Neapel dürfte somit eine 2. Berühmtheit erhalten …). Zeichnungen stellen die Baugeschichte dar.
 
Zu diesem Bau gehört auch eine Filterzisterne neben dem Turm, die bis zum Bau einer Wasserleitung (1909) das Wasser für die Schlossbewohner lieferte: In einer 4,5 m tiefen Grube befindet sich eine Filterpackung aus Bollensteinen und einer Lehmabdeckung. In diese wurde das Regenwasser von den Dächern geleitet und filtriert. Das Wasser wurde mit einem Kübel wie aus einem Sodbrunnen geschöpft – es konnten 10 bis 15 m3 gespeichert werden. Über eine Treppe erreicht der Besucher den Wehrgang, vorbei an einer Ritterrüstung mit 3 Lanzen.
 
Im Mittelbau, 1401 im Auftrag von Walter VII. von Hohenklingen als Erweiterung eines Holzbaus (Wehrerker) entstanden, befanden sich Schlafräume, Küche und eine mit einem Kachelofen beheizte Bohlenstube – die Sache wurde nun also komfortabler, besonders auch im Vergleich zu den Verhältnissen im Wohnturm.
 
Die Burg wurde zwischen 1863 und 1891 als Kuranstalt und Gasthof benützt, und auch heute findet sich an erhöhter Lage ein Restaurant. Hier belebte ich meine Lebensgeister bei einem guten Kaffee (3.90 CHF).
 
Anschliessend begab ich mich zum dreifach beflaggten Verkehrskreisel östlich des Schlosses und stieg, eine komfortable, gedeckte Feuerstelle mit einem Gebäude aus Gittersteinpackungen passierend, hinauf zum Aussichtspunkt bei der Spitzebni (610 m) auf dem Klingen, etwa 5 Minuten von der Burg entfernt, genoss die Bilder bei wechselndem Licht. Die Wolken bewegten sich, liessen wieder Fenster für die Sonne frei.
 
Zurück via Ölberg
Als Rückweg wählte ich einen weit ausladenden Wanderweg gegen Osten, um nicht noch einmal den Treppenweg begehen zu müssen. Der Wanderweg schwingt sich angenehm durch den eben erwachenden Frühlingswald, in dem das Laubholz überwiegt. Und man erreicht beim Grenzübergang Ölberg (590 m ü. M.) kurz deutsches Gebiet mit einem Grenzstein von 1839 mit den Buchstaben GB = das bezeichnet nicht etwa Grossbritannien, sondern das Grossherzogtum Baden, aus dem dann Baden-Württemberg wurde, und das Ö hat keinen Bezug zu Österreich, sondern zu Öhningen D, der grössten Gemeinde der Halbinsel Höri und der östlichen Nachbargemeinde von Stein am Rhein. Im Wald, der zwischen Naturwald und bewirtschaftetem Försterwald schwankt, ist der Verlauf der Landesgrenze als Schneise zu erkennen. Beim Hof Bleiki, 2,2 km von der Altstadt entfernt, erreicht man wieder schweizerisches Gebiet. Die Reben begleiten den Wanderer, der auf einer asphaltierten Strasse neben Bäumen, auf denen üppige Mistelbüsche sitzen, sich bald in der Altstadt von Stein zurückfindet.
 
In der Metzgerei zum Pelikan erstand ich mir einen Knoblauchsalami und in der Bäckerei „Zum Steinenen Trauben“ am Rathausplatz 11 fand ich je 1 Stück Spinat- und Gemüsewähe, was ich als Abendessen mit nach Hause in den Aargau nahm, wo es von Burgen und Schlössern nur so wimmelt. Aber dennoch hat mich Hohenklingen beeindruckt, die um 1350 Sitz des Minnesängers Walther von Klingen war und in dessen Lobgesang ich hoffentlich hinreichend eingestimmt habe.
 
Quellen
Guisolan, Michel: „Stein am Rhein“, Schweizerischer Kunstführer GSK (Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte), Bern 2003.
Rippmann, Ernst: «Stein am Rhein», Schweizer Heimatbücher, Verlag Paul Haupt, Bern 1955.
Heusser, Sibylle, und Rieger, Hans Jörg: „ISOS. Kanton Schaffhausen“, Inventar der geschützten Ortsbilder der Schweiz, herausgegeben vom Eidgenössischen Departement des Innern, Bern 1986.
Urner, Hildegard; Stiefel, Otto; Rippmann, Ernst, und Rippmann, Fritz: „Geschichte der Stadt Stein am Rhein“, Verlag Paul Haupt, Bern 1957.
 
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