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BLOG vom 18.05.2008


Wirtegeschichten (V): „Walter hat alle abgekocht“, so „Bild“
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Der „Waidhof“ ist ein kleines, anheimelndes und individuelles Restaurant, das eine exzellente Küche mit saisonalen Gerichten anbietet. Der Landgasthof wird seit 3 Generationen geführt (1937 kam der Hof in die Hände von Josef Haas aus Inzlingen). Er gehört zur Gemarkung von Inzlingen und liegt von Rheinfelden kommend auf der rechten Seite der Bundesstrasse 316 nach Lörrach. Der „Waidhof“ hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Viele prominente Gäste stiegen hier ab, speisten vorzüglich und waren immer voll des Lobs.
 
Der Sohn des Vorbesitzers erzählte mir anlässlich eines Besuches einige Anekdoten. Auch durfte ich einen Blick in das umfangreiche Gästebuch werfen. Dabei entdeckte ich Erstaunliches.
 
In den Schlagzeilen
Walter Haas, der frühere Chef des „Waidhofs, hatte am 16. März 1968 seine Schlagzeile in der Boulevard-Zeitung „Bild“. Die mit grossen Lettern versehene Überschrift lautete: „Walter hat alle abgekocht.“ Was war passiert? Er beteiligte sich mit dem Rezept „gefüllte Kalbsröllchen Colonia“, das er am Stammtisch schnell zusammenschrieb, am Wettbewerb „Rezept des Jahres“. Um insgesamt 10 000 Mark kochten Meisterköche und Hausfrauen ein ganzes Jahr um die Wette. Über 1100 Rezepte wurden eingesandt. Jedes einzelne wurde von Preisrichtern genau nach Anweisung zubereitet und probiert. Unter den vielen Einsendungen wurde schliesslich die Kreation von Walter Haas zum „Rezept des Jahres“ erkoren. Der Meisterkoch erhielt eine Prämie von 5000 Mark. ‒ Die kulinarische Köstlichkeit ist übrigens immer noch auf der heutigen Speiskarte zu finden. Wie sein Sohn und derzeitige Inhaber des Landgasthofs, Ulrich Haas, berichtete, verlangen viele Gäste immer wieder dieses schmackhafte und ungewöhnliche Gericht. Persönlich konnte ich mich während eines Besuches an dieser kulinarischen Köstlichkeit erfreuen. Schon bei ihrem Anblick lief mir im wahrsten Sinne des Worts das Wasser im Munde zusammen.
 
Übrigens hat Walter Haas in vielen Ländern die „Deutsche Küche“ mit ihren Spezialitäten präsentiert. Er fand überall Anerkennung. Er hat auch viele Lehrlinge, die später Spitzen- und Fernsehköche (Vincent Klink) wurden, ausgebildet.
 
Was Theodor Heuss auf der Toilette sprach
Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss (1884‒1963) besuchte öfters seinen Sohn, Direktor Ernst Ludwig Heuss, in Tumringen (Lörrach). Der erste Bundespräsident unternahm dann immer wieder ausgiebige Spaziergänge im Adelhauser Wald und kehrte anschliessend im „Waidhof“ ein. Dort genoss er seine Lieblingsspeise, das Waidhofschnitzel. Es war immer wieder ein Genuss, eine leutselige Unterhaltung mit diesem hohen Herrn zu führen, berichteten die Wirtsleute Haas. Heuss frönte auch bei diesen Streifzügen in die nähere Umgebung seinem Hobby, dem Malen.
 
Ulrich Haas war damals noch ein kleiner Pimpf. Immer, wenn Heuss mit seiner Enkelin Bärbel auftauchte, musste er mit ihr spielen. Das tat er sehr ungern. Ein Erlebnis hat er noch in guter Erinnerung. Ulrich Haas war gerade mit seinem Cousin auf der Toilette, als Heuss hereinkam. „Mein Cousin war so verdattert, dass er am hohen Herrn vorbeistürmen wollte.“ Heuss packte ihn am Kragen und sagte zu ihm: „Bübel, erst die Hände waschen!“
 
Auch der ehemalige Bundespräsident Kurt Georg Kiesinger war am 21.09.1969 im „Waidhof“. Im Gästebuch findet sich ein Eintrag mit einem Foto des ranghohen Politikers.
 
Kein Klopapier für die Kronprinzessin?
Der Grossvater von Ulrich Haas war der erste Wirt aus der Familie Haas auf dem Waidhof. An eine Geschichte, die ihm sein Grossvater erzählte, erinnert er sich noch sehr gut: Eines Tages kam das badische Kronprinzenpaar auf einer Reise in die Schweiz in den Waidhof. Als die Kronprinzessin auf die Toilette ging, kam der Wirt gehörig ins Schwitzen. Er lief nervös auf und ab. Auf die Frage, warum er denn so aufgeregt sei, antwortete er: „Ich glaube, wir haben kein Papier auf dem Klo.“ Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er stellte sich vor, die Prinzessin müsste sich ihr zartes Hinterteil mit etwas anderem säubern. Vielleicht dachte der Grossvater auch an das klein geschnittene Zeitungspapier, das sicherlich nicht das richtige für Aristokratinnen war. Er beruhigte sich erst wieder, als ihm bestätigt wurde, dass das Klopapier am Morgen aufgefüllt wurde. Die Prinzessin kam auf jeden Fall erleichtert von der Toilette, und jegliche Beschwerden blieben aus.
 
Alles abbauen und ab nach Amerika
Ulrich Haas war früher ein leidenschaftlicher Porschefahrer. Und so war es nicht ungewöhnlich, dass sich Porschefans in seiner Wirtschaft trafen. Auch Mitglieder eines Porscheclubs aus der Schweiz trafen sich hier zu Sitzungen. Just als der Präsident des Schweizer Clubs eines Tages eine Rede hielt, tauchte ein Deutschamerikaner und Porschefahrer im Waidhof auf und erklärte, er sei der Präsident des Porscheclubs von Illinois. Er sei auf einem Europatrip und besuche die „Porsche-freundlichen“ Wirtschaften. Als er hörte, der Vereinspräsident aus der Schweiz sei da, wollte er ihn unbedingt kennen lernen. Sie begrüssten sich stürmisch und tauschten anschliessend ihre Erfahrungen aus. Dem Amerikaner gefiel die Atmosphäre im Waidhof so gut, dass er jedes Jahr zu einer Stippvisite kam. 4 Jahre nach dem ersten Treffen ‒ mittlerweile war er mit Ulrich Haas per Du ‒ machte er ihm ein unglaubliches Angebot. „Komme doch nach Amerika, nehme alles mit. Bei uns wird alles wieder aufgebaut. Du hast jeden Tage eine volle Bude und nach 10 Jahren hast Du genügend verdient, um aufzuhören.“ Ulrich Haas lehnte das Angebot ab. Er hatte damals kleine Kinder und wollte das Wagnis nicht eingehen.
 
Was Willy Millowitsch ins Gästebuch schrieb
Im Gästebuch findet man Widmungen zahlreicher prominenter und nicht prominenter Gäste. Am 10. Oktober 1962 schrieb ein Gast: 
„Der Fromme lebt gesünder,
aber schöner lebt der Sünder!
Wenn alle Künste untergehen,
die edle Kochkunst bleibt bestehen.“ 
Willi Millowitsch verewigte sich am 27.08.1966 mit folgendem Spruch:
„Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht und gut gegessen hat.“
 
Und die Schauspielerin und Ärztin Marianne Koch war so begeistert von den Kochkünsten, dass sie den Zweizeiler niederschrieb:
„Das Wildschwein war ein Götterfrass.
Ein dreimal Hoch dem Meister Haas.“ 
Die Schauspielerin Hanne Wieder schrieb ins Buch:
„Es ist erstaunlich, wie viel entzückende Restaurants es in Deutschland gibt! Ein bisschen vom Weg ab, aber exzellent! Hier werde ich immer gerne zurückkommen.“
 
Johannes Rau, damals noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, schrieb am 23.03.84 die Bemerkung ins Buch: „Bei einem viel zu kurzen Besuch habe ich eine exzellente Gastronomie kennen gelernt. Ich komme gerne wieder!“
 
Im Buch sind weitere Prominente aufgeführt. So Hermann Burte, Alexander Prinz von Preussen, Hans Richter, Kammersängerin Erika Köth, Helmut Zacharias, Bernd Herzsprung, Lys Assia und Friedrich Schönfelder.
 
1993 war die Badische Weinkönigin von 1992/1993 hier zu Gast. Die bezaubernde Anja Hurst aus Heitersheim-Gallenweiler ist im Buch mit Bild und Text vertreten. Sie schrieb einen schönen Spruch ins Buch. Er lautete:
„Jede Tag e Gläsle Wii,
soll Medizin für d` Mensche sii.
Wer sich do 100 Johr drahalt,
dem glaubt mer’s –
sunscht wär er nit so alt.“ 
Hermann Burte war am 07.02.1952 mit dem ehemaligen Medimachef Scheurer im Waidhof. Dort plauschten die beiden sehr angeregt. Als Walter Haas den Dichter bat, doch eine Widmung zu verfassen, liess sich das Burte nicht zweimal sagen und dichtete in weinseliger Stimmung: 
„Wenn ich aus dem Keller hole,
Hügelheimer Sonnenhole,
scheint die Sonne goldenblank,
aus dem wahren Göttertrank.“ 
Der eingerahmte Spruch hat heute einen Ehrenplatz in der alten Gaststube.
 
Und wenn der Gast die schöne alte Stube vom „Waidhof“ verlässt, wird er einen Zettel an der Tür entdecken, auf dem geschrieben steht: „Die Gäste haben sich so zu verhalten, dass der Wirt sich wohlfühlt.“ Und er fühlt sich wohl. Die Gäste aber auch!
 
Rezept des Jahres: Kalbsröllchen Colonia
Das folgende Rezept stammt von Walter Haas:
Zutaten: Dünne Kalbsschnitzel, frischer Blattspinat, frische Morcheln, Geflügelknochen, Eier, Mehl, Salz, Pfeffer, Muskat, Tomaten, Tomatenmark, Rahm, Schalotten, Estragon, Butter, Zitrone, Petersilie, Lauch und Karotten.
Zubereitung: In einem kräftigen Sud aus den Geflügelknochen werden die Morcheln, Tomaten, Schalotten, Lauch, Karotten und Kräuter mit Butter, fein gehackten Zwiebeln angekocht und mit Salz, Mehl und Rahm eingedickt. Den Sud kalt werden lassen. Die Schnitzel auf beiden Seiten salzen, mit Blattspinat belegen und würzen. Den kalten Sud drauf streichen, Schnitzel zusammenrollen, mit Mehl und Ei panieren und in Butter 15 bis 20 Minuten backen.
 
Guten Appetit!
 
Literatur
Hermann Stiefvater: „Heimatbuch Inzlingen“, Verlag W. Lutz, Lörrach 1989.
 
Adresse
Landgasthaus Waidhof
79594 Inzlingen
Tel.: + 49 (0)7621 2629
Fax: + 49 (0)7621 166265
 
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