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BLOG vom 03.06.2008


Fussball-EM-Blödsinn: Der Asterix von Basel trotzt der UEFA
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 07.06.2008 ist es soweit. Im Basler St.-Jakobs-Park wird um 18 Uhr das drittgrösste Sportereignis der Welt, die Fussball-Europameisterschaft, eröffnet werden. Dann wird sich 4 Wochen lang, bis zum 29.06.2008, alles um den Ball drehen. Basel erwartet insgesamt 750 000 Besucher aus ganz Europa.
 
Die Basler erleben derzeit Ungewöhnliches. So dürfen Anwohner, die in der Fanmeile wohnen, nur mit einem Sonderausweis in ihre Wohnung. Strassen werden gesperrt, 2 Tennisplätze im Umfeld des Stadions werden umgegraben, um 150 Busparkplätze zu schaffen. Der VIP-Bereich ist für 5500 auserwählte Gäste ausgerichtet. Hier können sie parken, vornehm essen, zum grössten Teil auf Kosten der Sponsoren.
 
Sämtliche Kneipen werden wahrscheinlich überfüllt sein. Und der Lärm wird übermächtig werden. Autokorsos werden durch die Strassen fahren und Besoffene durch diese torkeln. Aber das stört nur den Uninteressierten, der es wagt, leise Kritik zu üben. Und was den Baslern sicher nicht passt: Sie müssen in den nächsten Wochen mit dem Euro leben.
 
Aber die Basler werden sicherlich mit den Ausländern fertig werden und ihnen eine gewisse Sympathie entgegenbringen. Die Basler entpuppten sich nämlich besonders weltoffen: Auch sie lehnten am 01.06.2008 eine Initiative der rechten SVP für ein restriktives Einbürgerungsverfahren ab … Jubilierend schrieb Andrea Drescher in der „Badischen Zeitung“ vom 02.06.2008, dass die Schweizer ja auf Ausländer angewiesen seien. Aber das nur nebenbei, konzentrieren wir uns wieder auf die Besonderheiten und Kuriositäten in der Vorbereitungsphase der EM.
 
Blauer Stadthimmel und Fan-Knast
6 km lang ist der Fan-Boulevard zwischen dem Badischen Bahnhof und dem SBB-Bahnhof. In Basel wurde sogar ein blauer Stadthimmel des Künstlers Klaus Littmann über der Freien Strasse aufgehängt. Zwischen Bubendorf und Liestal wurde eine Zeltstadt für 3000 Fans aufgebaut. In der Nähe des SBB-Bahnhofs wurde der „Wette-Park“ neu gestaltet. So entfernte man Parkbänke und Bäume bekamen zum Schutz eine Ummantelung. Und alles wegen der Fans, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen und dieses oder jenes zerstören.
 
Auch ein Fan-Knast wurde eröffnet. Das ehemalige Gefängnis Schällemätteli ist gerüstet und nimmt ungebührliche Fans auf. 350 randalierende Fans finden hier ein neues Zuhause. Sollte es mehr dieser doofen Zeitgenossen geben, dann werden sie ins Untersuchungsgefängnis Waaghof gebracht.
 
Auch für die Medien ist gesorgt. Sie kommen nicht in den Knast, sondern in die St. Jakobshalle. Hier finden die 2500 angemeldeten Journalisten aus aller Welt Platz.
 
Für die Überwachung der Fans wurden 23 zusätzliche Kameras in den Fanzonen und rund um den St. Jakobs-Park montiert. Da wird wohl so mancher Unschuldiger abgelichtet. Aber keine Angst: Laut Kantonspolizei sollen die Aufnahmen nur bei Ausschreitungen ausgewertet werden. Sämtliche Aufzeichnungen erfahren nach 48 Stunden eine Löschung.
 
Obwohl 7 Spiele in Basel ausgetragen werden, dürften die Basler buchstäblich in die Röhre gucken. Es wurden nämlich nur 500 Karten pro Spiel für die Basler reserviert. Dafür dürfen sie dann auf riesigen Leinwänden die Fussballspiele verfolgen. „Public Viewing“ nennt man so die „Form der wohlorganisierten Fanspontaneität und Frustbewältigung“. Auch in Lörrach, Rheinfelden und in Weil am Rhein werden solche Veranstaltungen durchgeführt. In Schopfheim können sogar Fans in der Stadthalle einige Spiele verfolgen. Auch der Bruder des deutschen Bundestrainers, Peter Löw, stellt in seinem Vereinshaus des FC Schönau eine grosse Leinwand auf.
 
In einer Zeitungsbeilage wirbt die Stella Medien GmbH für „Public Viewing“ (für mich eine grausige Bezeichnung) in Lörrach. Auf einer 22 m2 LED-Grossbildwand werden auf dem Kirchplatz beim Burghof die meisten Spiele übertragen. Die Devise lautet: „Wir wollen unsere Jungs gewinnen sehen – Gemeinsam bangen, gemeinsam jubeln, gemeinsam feiern!“
Und wenn die Jungs verlieren? Nun, dann ist gemeinsames Trauern angesagt.
 
Fussball ist sexy
Der Uninteressierte dürfte in ein leichtes Kopfschütteln verfallen, wenn ihm die folgenden Umfrageergebnisse eines britischen Instituts zu Ohren kommen oder vor die Augen flimmern: Die Hälfte der europäischen Fussballfans finden ein wichtiges Fussballspiel wichtiger als Sex. Da wird wohl so manche Frau Däumchen drehen oder sich eine andere Beschäftigung suchen, wenn sie sich nicht für Fussball interessiert. Es gibt ja auch Frauen, die nicht nur dem runden Ball nachsehen, sondern auch in höchste Verzückung geraten, wenn sie nackte Männerbeine erblicken oder sich sogar für den ganzen Kerl erwärmen. Das war schon bei den Gladiatorenspielen der Römer so.
 
Nun zurück zu den Ergebnissen: Spitzenreiter sind die Spanier. 72 % würden lieber dem rollenden Ball zusehen als ihre Liebste zu verwöhnen. Danach folgen die Norweger (67 %), die Niederländer und die Deutschen (64 bzw. 62 %). Eine Überraschung war, dass den Portugiesen (17 %) und den Italienern (22 %) der Fussball nicht so wichtig ist. 60 % der Befragten erklärten, Fussball sei für sie „wie eine Religion“. Da werden die Pfarrer lange Gesichter machen, obschon auch sie über den Fussball gleichnishaft predigen. Es soll auch darunter Geistliche geben, die den Fussball für wichtiger erachten als alles andere. Über das „andere“ möchte ich mich nicht auslassen, denn sonst bekomme ich ein gewaltiges Donnerwetter aus kirchlichen Kreisen.
 
Asterix trotzt der UEFA
Im Vorfeld gab es schon mächtigen Zoff um Sponsoren, Sichtzäune und Biersorten. Unglaublich, welche Macht die UEFA (Europäischer Fussballverband) hat. Da dürfen zum Beispiel nur die Biersorten in den Gasthäusern verkauft werden, die das Ereignis sponsern. Aber es gibt zum Glück auch widerspenstige Schweizer. Michele Parisi ist so einer. Er ist ein kämpferisch-listgier „Asterix“, wie ihn kürzlich die „Badische Zeitung“ titulierte. Er betreibt gemeinsam mit seinem Kompagnon Robert Schroeder das Gasthaus „Zum Schmalen Wurf“, das am Kleinbasler Rheinufer liegt.
 
Parisi hat zusammen mit seinen Nachbarn von den Hotels Krafft und dem Hecht einen Bund geschlossen. Sie wollen auch während der EM in ihren Lokalen das Bier ausschenken, das sie immer aus ihren Zapfhähnen fliessen lassen. Sie wollen das Bier des Hauptsponsors nicht unter die Leute bringen. Das wäre ja noch schöner.
 
Die Verantwortlichen stellten ihn vor die Wahl. Entweder muss er die Getränke der Sponsoren verkaufen, wenn nicht, darf er die Terrasse nicht benutzen. Denn von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Rhein und auf eine Grossbildwand. Wenn er nicht mitmacht, dann müsse man eben einen 2 Meter hohen Zaun um die Terrasse ziehen. Parisi lehnte ab, da er in den Sommermonaten die Hälfte seines Jahresumsatzes macht. Die meisten Leute sitzen dann auf der Terrasse. Nun hat „Asterix“ einen Sieg errungen: Die Terrasse bleibt offen, der Sichtschutz ist nur noch brusthoch. Da können seine Gäste die Hälse recken und die Spiele genüsslich auf der Grossleinwand auf der Rheinbrücke verfolgen und dabei das gewohnte Bier trinken. Da wird nicht nur das Bier schäumen, sondern auch der Sponsor.
 
„Schweizerpsalm fürs Örtli“
Unter dieser Überschrift wurde in der Zeitung „Der Sonntag“ am 01.06.2008 über eine schier unglaubliche Erfindung zur EM berichtet. Der Schweizer Roger Weisskopf aus CH-8820 Wädenswil (ZH) erfand einen besonderen Klodeckel. Wer ihn öffnet, wird sein blaues Wunder erleben. Es ertönt die Schweizer Nationalhymne, der so genannte Schweizerpsalm. Dabei wird der Patriotismus gestärkt, wie der 39-jährige Erfinder betonte. Zum Glück gibt es einen Abschaltknopf, um Lärmbelästigungen in der Nacht zu verhindern. Die Herren der Schöpfung werden auch dazu animiert, den Deckel nach dem „Geschäft“ zu schliessen. Dann ist es nämlich aus mit der Hymne.
 
Ganz lustig fand ich eine Abbildung in der erwähnten Zeitung. Da hält der Erfinder den Klodeckel in die Höhe. Auf dem Deckel befindet sich ein weisses Kreuz auf rotem Grund. Darum herum sind Fussbälle platziert. Da wird sicherlich jeder Schweizer Fan verrückt vor Freude. Aber aufgepasst: Weisskopf will jetzt weitere Nationalhymnen auf seinen Deckel integrieren, so dass auch andere Bewohner von Europa in den Genuss der Klänge kommen. Ob ein entsprechender Deckel auch für die US-Bürger geschaffen wird, ist noch offen. Stellen Sie sich vor, die sehr patriotischen Amerikaner würden stramm stehen und ihre Hand ans Herz legen. Die würden glatt ihr „Geschäft“ vergessen, in die Hose pinkeln oder während der Sitzung aufspringen und den Patriotismus zelebrieren (das wäre doch eine gute Idee, wenn erst während der Sitzung die Klänge ertönen würden!).
 
Der Erfinder war vor 15 Jahren bei der Swissair als Lackierer tätig. Als er einmal 250 WC-Deckel in uni-beige lackieren sollte, kam ihm die Idee, man könnte die Klodeckel auch farbig gestalten. Inzwischen hat er die Idee verwirklicht. Es gibt Deckel mit einem Sonnenuntergang und Palmen, herzigen Affen (Charley), der frech hervorlugt. „Das ist der absolute Renner, den haben wir schon 250 000 Mal verkauft. Aber auch die Kuh läuft gut und der Formel-1-Deckel“, so der Produzent.
 
Ganz lustig finde ich die Werbung auf der Hompage www.kloart68.com, die so lautet:
„Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 80 Jahren verbringt ein Mensch über 2500 Stunden auf dem Klo. Schluss jetzt mit ,langweiligen’ Sitzungen. Farbe und Design bringen Abwechslung in Ihren Alltag. Jedes ,Geschäft’ wird zum unvergesslichen Erlebnis.“
 
Die Vorfreude hält sich in Grenzen
Wenig euphorisch sind derzeit noch die Österreicher, die ja bekanntlich mit den Schweizern die EM ausrichten. Das Team hat in der Vorbereitungszeit schwache Leistungen geboten und einige Niederlagen einstecken müssen. Jetzt tun sie so, als sei bei der EM ihr Schicksal schon besiegelt. Auf die Frage, wer denn am 29.06.2008 Europameister werde, antwortete Hans Krankl: „Österreich wird´s ned, des steht leider heut´ scho fest.“
 
Warten wir ab, denn der Fussballkenner weiss dies: Gegen einen Turnier-Gastgeber ist immer schwer zu gewinnen.
 
Bei uns in Deutschland ist vom Fussballfieber noch wenig zu bemerken. Nur einige Fahrer kutschieren mit fahnengeschmückten Vehikeln durch die Gegend. Meist überwiegen deutsche, italienische und türkische Fahnen. Dabei sind diese Fahnen Spritfresser. Sie können, wie der ÖAMTC berechnete, bei Überlandfahrten zu einem Mehrverbrauch von 0,5 Liter pro 100 km führen. Je schneller man fährt, umso höher ist der Mehrverbrauch.
 
Gregor Hoppe schrieb in der Online-Ausgabe des Bayerischen Rundfunks am 30.05.2008 dies: „Da wir vom Titelgewinn unserer Jungs ausgehen dürfen, hier schon die Bitte an die Bundeskanzlerin: Verzichten Sie bei der Fahrt zum Finale in Wien unbedingt auf den Stander auf der Kühlerhaube der Staatskarosse. Er wäre derzeit das falsche politische Signal.“
 
Als Kenner der Fussballszene weiss ich, dass das Fieber schon vor dem 1. Spiel ansteigen wird. In welcher Höhe sich die Temperatur in den nächsten Wochen bewegt, hängt von den Kickern der jeweiligen Ländermannschaft ab. Wir wollen hoffen, dass es ein friedliches Fest wird und keiner in den Schweizer Fan-Knast interniert wird.
 
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