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BLOG vom 11.06.2008


Tödliche Saat Clothianidin: Das massenhafte Bienensterben
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„... das Bewahren wilder Lebewesen und ihrer Lebensräume bedeutet auch eine Bewahrung der natürlichen Ressourcen, auf die der Mensch nicht weniger als Tiere angewiesen ist, um überleben zu können. Tier- und Pflanzenwelt, Wasser, Wald und Prärie sind alle Bestandteile einer für den Menschen essentiellen Umwelt…“
(Rachel Louise Carson)
*
„Clothianidin ist hochtoxisch. Da können Sie noch so vorsichtig vorgehen, die Bienen werden davon immer in Mitleidenschaft gezogen.“
(Manfred Raff, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands Badischer Imker)
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„Tote Bienen machen keinen Honig“
(Sprichwort)
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Im April/Mai 2008 kam es im Rheintal (Ortenau, Kreis Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald, vereinzelt auch im Kreis Lörrach) zu einem massenhaften Bienensterben. Insgesamt sollen in den betroffenen Gegenden mehr als 1000 Völker eingegangen sein. Laut dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) dürften etwa 5000 Bienenvölker geschädigt worden sein. Es handelt sich um das grösste Bienenmassensterben seit 30 Jahren. Als Ursache wurde das Insektizid Clothianidin ausgemacht. Dieses Nervengift wird den Maiskörnern zugesetzt (das behandelte bzw. gebeizte Korn ist dann rot gefärbt), um den Maiswurzelbohrer zu bekämpfen. Der Stoff wird über die Wurzeln, aber auch über die Blätter, aufgenommen und dann in der ganzen Pflanze verteilt. Das Gift tötet nicht nur den Westlichen Maiswurzelbohrer, sondern auch Blattläuse, Thripse und die Weisse Fliege.
 
Vollmundig verkündete der Hersteller, die Bayer AG, das Insektizid schädige keine Wasserpflanzen und Fische. Auch soll es für Bienen ungefährlich sein. Laut Bayer Crop Science beträgt die Halbwertszeit von „Poncho Pro“ mit dem Wirkstoff Clothianidin 120 Tage.
 
Utz Klages von Bayer Crop Science erklärte völlig ruhig: „Das Mittel an sich ist nicht das eigentliche Problem.“ Vielmehr kam es zu einer Verkettung gleich mehrerer unglücklicher Umstände. So wurden das trockene Wetter, die Winde, technisch unzureichend ausgestattete Sämaschinen, der Abrieb des Insektizids vom Maiskorn (es wurde angeblich ein zu geringer Haftstoff verwendet) und andere Dinge verantwortlich gemacht. Es fehlte nur noch, dass die Bienen selbst beschuldigt werden …. Warum fliegen sie nicht um die Giftwolke herum, und warum nehmen sie die vergifteten Pollen und den Nektar auf? Haben sie keinen natürlichen Sensor zum Erkennen von Giftstoffen? Oder man beschuldigt letztendlich die Imker, die auf die Idee kamen, in Maisanbaugebieten ihre Bienenstöcke aufzustellen. Die sollen doch in die Berge gehen. Das haben einige Imker denn auch schon in Erwägung gezogen, denn in den Bergen gibt es keine Maisfelder.
 
Nun, Bayer hat grosses Interesse, dass die Wirkstoffe Imidacloprid (Chinook) und Clothianidin (Poncho Pro) weiterhin verkauft werden können. Schliesslich fuhr die Firma mit diesen Mitteln im letzten Jahr etwa 800 Millionen Euro ein. Das sind gewaltige Summen. Dass es so bleibt, dafür werden die Lobbyisten von Bayer schon sorgen.
 
Durch das Insektizid könnten aber auch Wildbienen geschädigt worden sein. Laut Nabu gibt es 460 Arten von Wildbienen und Hummeln. 80 % dieser Wildbienen kommen in der Rheinebene vor. Diese Wildbienen sind für die Bestäubung von eminenter Bedeutung. Da 80 % der Nutzpflanzen von Bienen bestäubt werden, befürchten Obstanbauer Ernteeinbussen. Die Nabu hat jetzt ein Institut beauftragt, um die Auswirkungen der Insektizide auf Wildbienen zu untersuchen. Die Naturschützer fordern jetzt die Landesregierung auf, einen Entschädigungsfonds einzurichten. Damit sollen Verluste an der biologischen Vielfalt abgefedert werden. Ich meine, man sollte die Ursache bekämpfen, also die Giftaussetzung in der Natur verhindern.
 
Nicht nur im Rheintal, sondern auch in Frankreich und Italien wurden inzwischen das Clothianidin und andere zur selben Wirkstoffgruppe gehörende Insektizide in Bienen nachgewiesen, aber auch in Pollen und Bienenwachs.
 
Wahrscheinlich wurde Clothianidin, das nicht gut am Maiskorn haftete, bei der Aussaat aufgewirbelt. Der Staub setzte sich dann auf Blütenpflanzen nieder. Für die Bienen war die Aufnahme der Pollen und des Nektars dann tödlich. Es könnte aber auch sein, dass die überlebenden Bienen später Maispollen zu sich nehmen und sich eventuell auch vergiften. Vielleicht hat dann auch die Varroamilbe leichtes Spiel, wenn sie die vorgeschädigten Bienen befällt.
 
Das deutsche BLV hat jetzt den Verkauf und die Anwendung sowie Zulassungen von 8 Saatgut-Behandlungsmitteln gestoppt. Die Entscheidung kam für dieses Jahr zu spät. Überall wurde ja das behandelte Saatgut schon ausgesät.
 
Der deutsche Imkerverband veröffentliche bereits im September 2004 folgende Stellungnahme: „Die Wirkstoffe Imidacloprid, Thiaclopid und Clothianidin stehen in dringendem Verdacht, für das Bienensterben verantwortlich zu sein. In einer gemeinsamen Stellungnahme rufen der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund, der Naturschutzbund (NABU), die Coordination gegen Bayer-Gefahren sowie die österreichische Umweltorganisation GLOBAL 2000 die deutsche Bundesregierung dazu auf, diesen Pestiziden bis zur Klärung aller aktuellen Erkenntnisse die Zulassung zu entziehen. Die heftige Kritik folgt einer Untersuchung der französischen Regierung durch das Comite Scientifique et Technique, die bewiesen hat, dass Imidacloprid für das weiträumige Bienensterben mitverantwortlich ist.“
 
Und was passierte? Nichts! Erst das jetzige Massensterben weckte die Verantwortlichen aus dem Tiefschlaf.
 
Als ich zum ersten Mal vom Bienensterben hörte, wurde ich ans Buch „Der stumme Frühling“ („The Silent Spring“) von Rachel Louise Carson (1907‒1964) erinnert, das ich in den 1960er-Jahren mit grosser Aufmerksamkeit las. Die US-amerikanische Zoologin, Biologin und Wissenschaftsjournalistin beschrieb in diesem Werk sehr eindrücklich die Auswirkungen eines rigorosen Pestizid-Einsatzes auf Ökosysteme. Sie sammelte umfangreiches Recherchematerial, aus dem hervorging, dass Pestizide zu Erkrankungen beim Menschen und zu massiven ökologischen Schäden führen. Die Hersteller der Pestizide wiegelten ab und malten Schreckensbilder an die Wand. Sie behaupteten, ohne Pestizide würden wir von Invasionen von Schädlingen bedroht werden. Später kam es nach hitzigen Diskussionen zu einem DDT-Verbot.
 
Nun haben wir eine kleine Vorstellung, was passiert, wenn der Frühling stumm bleibt. In den betroffenen Gebieten ist das Summen der Bienen schon verschwunden. Insbesondere in der Einflugschneise von Bienenstöcken hört man kaum noch etwas. Deshalb haben der Imker und der Bauer wegen der zu erwartenden Ernteeinbussen nichts zu lachen. Aus ist es mit der frohen Aussage der folgenden Bauernregel: „Wenn im Mai die Bienen schwärmen, kann der Bauer vor Freude lärmen.“
 
Dümmer, als die Natur erlaubt
Alexander Huber, Redakteur bei „Der Sonntag“, schrieb am 18.05.2008, dass man den Maiswurzelbohrer auch mit konventionellen Methoden bekämpfen kann, indem man nicht jedes Jahr auf demselben Feld den Mais anbaut. „Doch das bedeutet mehr Aufwand für die Bauern und damit steigende Preise. So aber zahlen wir Lehrgeld in Form einer vergifteten Umwelt. Und dieses Lehrgeld werden wir noch oft zahlen müssen, wenn wir meinen, wir könnten in den hochkomplexen Abläufen der Natur künstlich herumdoktern. Das Bienensterben zeigt mal wieder: Auch die schlausten Agrarexperten in Industrie und Politik sind immer noch dümmer, als es die Natur erlaubt.“
 
Nun müssen wir den Preis für die hochtechnisierte und auf Massenproduktion ausgerichtete Landwirtschaft zahlen. Dabei muss laut EU der von den USA eingeschleppte Maiswurzelbohrer mit allen Mittel bekämpft werden, da er bei uns keine natürlichen Feinde hat. Und das jeweilige Regierungspräsidium bzw. Landwirtschaftsministerium muss nach der Pfeife der EU tanzen und die Massnahmen weitergeben. Und der Landwirt muss gehorchen.
 
Imker entsorgen belastete Waben
Da die Pollen mit Clothianidin stark belastet sind, wurden die Imker Ende Mai aufgefordert, die Pollenwaben aus den Stöcken herauszunehmen (die überlebenden Bienen füttern ihre Brut damit) und diese zu zentralen Sammelstellen in Achern, Eschbach und Kenzingen zu bringen. 190 Imker aus dem Rheintal brachten die Bienenwaben zu diesen Sammelstellen. Die Waben wurden in einer Müllverbrennungsanlage vernichtet.
 
Zum Glück ist bisher der Honig nicht belastet. Dazu der Vorsitzende des Landesverbands Badischer Imker, Ekkehard Hülsmann: „Der Honig wird intensiv überwacht. Wäre das Massensterben nicht gekommen, hätten die Imker ein ganz wunderbares Honigjahr erlebt.“
 
Es bleibt abzuwarten, ob sich die Bienenvölker erholen. Zurzeit wird auch beobachtet, dass die jungen Königinnen nicht schlüpfen und auch die männlichen Bienen, die Drohnen, nicht herumschwirren. „Es gibt jeden Tag neue Hiobsbotschaften, auch bei der Aufarbeitung der Ereignisse“, so Hülsmann.
 
Die Ausfälle für die Imker sind enorm. Sie sollen ihnen entschädigt werden.
 
Wechsel in der Fruchtfolge?
Richard Bruskowski vom badischen Bauernverband (BLHV) ist für eine Verbesserung der Sätechnik oder für die Verwendung eines Ersatzmittels zur Bekämpfung des Maiswurzelbohrers. „Schlecht wäre, wenn ein Wechsel in der Fruchtfolge angeordnet würde.“
(Quelle: „Badische Zeitung“ vom 28.05.2008).
 
Die Schweiz hat damit ja gute Erfolge zu verzeichnen. Der BLHV jammert herum und verweist auf die wirtschaftlichen Verluste der Landwirte. Getreide bringe weniger Ertrag, ausserdem müssten andere Geräte eingesetzt werden.
 
Werner Thomann, Wehr-Öflingen, schrieb in einem Leserbrief an die „Badische Zeitung“ am 28.05.2008 u. a. dies: „Wird Mais in zweigliedriger Fruchtfolge angebaut, ist die Gefahr des Auftretens vom Maiswurzelbohrer sehr gering. In dreigliedriger Fruchtfolge ist keine dauerhafte Etablierung möglich. In Mais mit weitgestellter Fruchtfolge wird es keine wirtschaftlich bedeutenden Schäden geben. In Monomais-Gebieten aber ist mit gravierenden Problemen zu rechnen. Agrarminister Peter Hauk behauptet dagegen, ein Wechsel der Fruchtfolge sei keine Alternative zur Chemie. Weiss hier die rechte Hand nicht, was die linke tut?“
 
John Matthewson aus Heitersheim prangert ebenfalls die falsche Landwirtschaftspolitik an. Er schrieb in derselben Zeitung: „Spätestens aber, wenn der Agrarminister von Baden-Württemberg verkündet, dass der Maisanbau am Oberrhein sogar ,umweltfreundlich’, dass Mais nach Mais nach Mais nach Mais … eine ,Fruchtfolge’ darstelle und das Ganze als ,Fortschritt’ zu verbuchen sei, wird die verbrämte Verlogenheit erkennbar. Der peinliche Versuch, den monokulturellen Maisanbau zu rechtfertigen, weil er in grossen Mengen Sauerstoff produziere, ist einfach lächerlich. Dieses weit hergeholte Argument zeigt uns Bürgern allerdings, wie verzweifelt die schlauen Köpfe in Stuttgart sind. Wenn gut ausgebildete Landwirtschaftsberater nicht fähig sind, die Folgen einer einseitigen Landwirtschaft verständlich zu erklären, wäre der Minister gut beraten, sich öfter auf einen Maisacker zu begeben und tief einzuatmen. Der angebliche Überfluss an Sauerstoff könnte ihm dann helfen, selbst auf klare Gedanken zu kommen.“
 
Ich bin ebenfalls der Meinung, dass sich in der Landwirtschaftspolitik etwas ändern muss. Bei den Recherchen für mein Buch Richtig gut einkaufen – Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag“ (Verlag Textatelier.com) erhielt ich von Hildebrand Jost, der seinen landwirtschaftlichen Hof nach ökologischen Richtlinien betreibt, auch Fakten zum Maisanbau. Jost betonte, dass sich mit Mais wunderbar mästen lasse, und schnelle Gewichtszuwächse sind ja heute beim Vieh gefragt. Das geht aber auf Kosten der Fleischqualität.
 
Jost ist ein entschiedener Gegner des Maisanbaus. Der Maisanbau fördert nämlich die Bodenerosion, benötigt mehr Spritzmittel, die nicht gerade billig sind, mehr Düngemittel und einen hohen Maschineneinsatz. Als Alternative empfiehlt Jost Kleegras. Das Kleegras kann 3-mal im Jahr geschnitten werden und eignet sich auch für die Silage. Warum stellen die Bauern nicht um? Nun, der Maisanbau wurde früher von der EU viel höher bezuschusst als der Anbau von Kleegras. Nun wurden die Gelder zum Glück, wie Jost mir am 08.06.2008 telefonisch mitteilte, für Mais etwas zurückgestuft. Die Zuschüsse für Getreide und Kleegras sind jetzt gleich.
 
Wir wollen jetzt nur hoffen, dass die Verantwortlichen eine Lehre aus den Vorfällen ziehen und dass sich immer mehr Landwirte für eine ökologische Anbauweise erwärmen. Dann würden die Lobbyisten der Pestizidhersteller lange Gesichter machen und in Schranken gewiesen werden.
 
Infos im Internet
www.bayercropscience.de (Infos von Bayer CropScience)
www.cbgnetwork.org (Coordination gegen Bayer-Gefahren)
 
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