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BLOG vom 28.07.2008


Frank Hiepe: Ein versierter Kenner der einheimischen Flora
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Schon lange wollte ich einmal an einer Heilpflanzenexkursion mit dem Apotheker Frank Hiepe aus Zell im Wiesental teilnehmen. Am 23.07.2008 war es soweit. Ich fuhr nach Schopfheim-Gersbach D zum Treffpunkt an der Dorflinde im Zentrum des „Golddorfs“. Dort wartete schon eine kleine Gruppe auf den Experten, der kurz darauf erschien.
 
Gersbach, das Dorf
Bevor ich auf die Besonderheiten der Führung eingehe, einige Fakten zu Gersbach (www.gersbach.info): Die Dorfgemeinschaft hat im Jahre 2004 beim bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft – es soll noch schöner werden“ teilgenommen. Gersbach erreichte unter 4708 Dörfern die höchsten in der Wettbewerbsgeschichte je erreichte Punktzahl und wurde mit Gold ausgezeichnet.
 
Hier schufen die Bauern mit einer Terrassierung der Wiesen und Weiden im Laufe der Jahrhunderte eine einzigartige Kulturlandschaft, für deren Offenhaltung Gersbach grosse Anstrengungen unternimmt.
 
Gersbach hat einige touristische Attraktionen zu bieten. Auf dem 3-stündigen Rundwanderweg auf dem Rinderlehrpfad erfährt der Interessierte auf 12 Tafeln alles über die Kuh und ihre Artverwandten. Von April bis September grasen auf einer 30 ha grossen Viehweide Vorderwälder-Rinder und in einem Wildgehege 5 Waldwisente.
 
Weitere Attraktionen sind das Wald&Glas-Zentrum im Rathaus und die auf einer Anhöhe erst kürzlich errichtete Barock-Schanze. Der Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden liess zwischen 1692 und 1701 ein rein defensives Befestigungssystem in Form von Schanzen über den gesamten Schwarzwald auf 200 km Länge errichten. Nahe der ehemaligen Schanze in Gersbach wurde die jetzige originalgetreu nachgebaut.
 
Die Kräuterwanderung
In dieser landschaftlich schönen Gegend mit den vielen Attraktionen fand die Kräuterwanderung statt. Zu Beginn gab Frank Hiepe eine kurze Einführung in die Kräuterheilkunde und Homöopathie. Als Beispiel, wie die Homöopathie angewandt wird, nannte er die Zwiebel (Allium cepa). Die Zwiebel verursacht beim Schälen so manchen Tränenfluss und wässrige Nasenabsonderungen. Wird die Zwiebel 1:1 Million verdünnt, hilft diese Potenzierung gegen Augenbindehautentzündung, Entzündungen der Nasenschleimhaut, Rachen- und Kehlkopfentzündungen.
 
Der Schöpfer der Homöopathie war Dr. med. Samuel Hahnemann (1755‒1843). Er gelangte zur Erkenntnis, dass eine bestimmte Krankheit mit der Arznei zu heilen ist, die beim Gesunden eine ähnliche Krankheit erzeugen kann. So entdeckte er die Ähnlichkeitsregel „Similia similibus curentur“ (Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden).
 
Hiepe erwähnte auch die Signaturlehre. Bevor man die Wirkstoffe in den Pflanzen analysieren konnte, ging man in der Therapie nach dieser Lehre vor. So wurden rote Früchte (z. B. Weissdorn) bei Herzbeschwerden und Pflanzen mit gelben Blüten und gelbem Milchsaft (z. B. Löwenzahn, Schöllkraut) bei Leber-Galle-Erkrankungen verwendet. Auch die Form von Pflanzenteilen spielte eine Rolle. Man verwendete beispielsweise das Frauenmantelblatt bei Frauenbeschwerden.
 
500 verschiedene Namen für den Löwenzahn
Nach der Einführung ging es auf Wanderschaft rund um und in Gersbach. Es wurden etliche schöne Bauerngärten inspiziert und die Pflanzen auf Wiesen und Wegrändern in Augenschein genommen. Die Teilnehmer der Exkursion erfuhren unglaublich interessante Dinge über die Heilpflanzen.
 
So lernten die wissbegierigen Gäste, dass es 2 Lindenarten gibt. Es sind die Sommer- und Winterlinde, die arzneilich genutzt werden. Die Winterlinde hat kleinere Blätter; an der Unterseite der Laubblätter sitzen rotgelbe Haarbüschel. Die Sommerlinde hat grössere Blätter, und an der Unterseite entdecken wir weissliche Härchen. Ein stattlicher Lindenbaum hat etwa 60 000 Blätter! Auch über den Löwenzahn wusste Hiepe neben den Heilwirkungen eine Besonderheit zu berichten. Im deutschen Sprachgebrauch soll es 500 verschiedene Namen für den Löwenzahn geben.
 
Auch die Malve, die jetzt in vielen Gärten ihre Pracht entfaltet, hat eine arzneiliche Wirkung. Der Hauptwirkstoff ist der Pflanzenschleim. Da dieser reizlindernd und einhüllend wirkt, wird die Pflanze bei Reizhusten und Magenschleimhautentzündungen gebraucht. Interessant sind die Volksnamen. So wird die Malve als Käslikraut, Käspappel, Kaskraut, Katzenkäse, Nüsserli, Rosspappel bezeichnet. Der Samen der Malve sieht in der Tat wie ein Käselaib aus.
 
In einem blühenden Vorgarten bzw. Steingarten waren sehr schöne Anpflanzungen von Lavendel zu sehen. Der Lavendel ist mit seinen blauvioletten Blüten ein schöner Blickfang. Ich streiche gerne mit der Hand über die Blüten und atme den aromatischen Duft ein. Der Lavendel wirkt beruhigend auf das Zentralnervensystem.
 
Labkraut, Männertreu und natürliches Viagra
Das Labkraut (Bettstroh, Gelbes Käselab, Magerkraut, Gelber Butterstil) wirkt wassertreibend. Es ist Bestandteil von so genannten „Blutreinigungstees“. Kräuterpfarrer Johann Künzle verordnete das Labkraut zur Stärkung der Nieren, Leber und Milz. Die Pflanze wurde früher von den Sennen bei der Käsebereitung als Labferment verwendet.
 
Der Eisenhut („Aconitum“) wird in der Homöopathie ab D4 bei fieberhaften Erkältungskrankheiten, Neuralgien, Ischias und anderen Schmerzzuständen verordnet.
 
Interessant für mich war die Erklärung des Namens Eisenkraut: Früher versteckten Soldaten das Pflänzchen in ihre Uniform. Das Eisenkraut sollte vor den eisernen Geschossen schützen. Heute ist dieses Brauchtum wohl passé. Man verwendet die gerbstoffhaltige Bitterstoffdroge bei leichten Magenbeschwerden, Durchfällen und Appetitmangel. Das Homöopathikum „Verbena“ ist u. a. hilfreich bei Schlaflosigkeit und Nervenleiden.
 
Der Ehrenpreis hat auch die schönen Namen Männertreu und Veronika. „Beim Ehrenpreis fallen die Blätter so schnell ab, wie die Männer untreu werden“, so eine humorvolle Erklärung des Namens Männertreu durch Frank Hiepe. Aber heute sind wohl auch viele Frauen untreu.
 
Man findet in diversen älteren Kräuterbüchern Hinweise, dass die Pflanze eine stärkende Wirkung auf die Manneskraft hat. „Man könnte ihn als Viagra der Volksheilkunde bezeichnen“, betonte Dr. med. univ. Petra Orina Zizenbacher in ihrem Heilpflanzenbuch. Auch der Brennnesselsamen und die Walnuss sollen eine solche Wirkung entfalten.
 
Die Online-Ausgabe der „Welt“ (www.welt.de) berichtete am 05.06.2007 über ein malayisches Forscherteam, das eine Pille entwickelt hat, das Arginin aus der Walnuss enthält. Diese Aminosäure soll die Gefässe erweitern und die Butzufuhr im Penis regulieren. Die Forscher sprechen nach den ersten Studien schon von einer natürlichen Alternative zum künstlichen Viagra.
 
Der Ehrenpreis ist Bestandteil von Teezubereitungen, die gegen Lungen- und Leberleiden verwendet werden. In der Volksmedizin verwendete man das „Allerweltsheil“, wie der Ehrenpreis auch bezeichnet wird, bei Husten und Erkältungskrankheiten.
 
Blick in einen Bauerngarten
Als wir einen vielleicht 10×25 Meter grossen Bauerngarten inspizierten, tauchte die Besitzerin mit einer Katze auf dem Arm auf und beobachtete interessiert die neugierigen Gäste. Als Blogger war ich besonders neugierig. Während die Gruppe weiterwanderte, befragte ich die Hobbygärtnerin. Ich wollte gern Näheres zum Garten und zur Person wissen. Bereitwillig gab sie mir Auskunft. Sie heisst Lina Schmidt und hat mit ihren 80 Jahren immer noch Freude an einem schönen Garten. „Früher hatte ich 3 Gärten, heute nur noch einen“, betonte sie. Wahrscheinlich interessieren sich die Nachkommen nicht für einen schönen Garten. Auf die Frage, wie alt denn ihre Katze sei, antwortete sie: „20 Jahre, die Katze ist mir zugelaufen.“ Da staunte ich wieder, denn eine so alte und gut aussehende betagte Katze habe ich vorher noch nie erblickt.
 
In dem Garten waren folgende Pflanzen zu sehen: Kapuzinerkresse, Schwertlilie, Ringelblume, Meerrettich, Kartoffel, Himbeeren, Rettich, Rote Bete, Petersilie, Kohl, Pfefferminze, Nachtkerze, Mutterkraut, Bohnen, Erdbeeren, Schöllkraut, Königskerze, Stiefmütterchen, Mohn und Borretsch.
 
Zum Mutterkraut wusste Frank Hiepe dies zu berichten: Der Tee hilft bei Migräne und Kopfschmerzen. Hiepe betreut eine Kopfschmerzgruppe und die Betroffenen äussern sich immer positiv über die gute Wirkung. Ihre Schmerzen werden mit dem Mutterkrauttee abgemildert.
 
Am Zaun des Bauerngartens wuchs eine stattliche Wermutpflanze in die Höhe. Da ich früher schon einmal mit Frank Hiepe um Gersbach wanderte, und er auf Wermutpflanzen hinwies, schrieb ich mir einen Ausspruch von Johann Künzle auf, den ich dann den Gästen vortrug. Er lautete: „Ist einer grün wie ein Laubfrosch, mager wie eine Pappel, nimmt täglich ab an Gewicht und Humor und wirft keinen Schatten mehr, der probiere es mit einem Teelöffel voll Wermuttee alle 2 Stunden.“
 
Auch Sebastian Kneipp war voll des Lobes über den Wermut. Er schrieb in seiner „Wasserkur“ Folgendes: „Wermut zählt zu den bekanntesten Magenmitteln.“ Er betonte, die Pflanze würde die Magensaftproduktion verbessern. Dadurch würde der Appetit steigen und „gute Verdauung bereiten“.
 
Nach einer neuen Studie wirkt Wermut unterstützend bei Patienten mit Morbus Crohn („Zeitschrift für Phytotherapie“ 2007; 28:233‒234). Besonders geeignet ist die Kombination Wermut und Schafgarbe. Diese eignet sich vorzüglich bei nervösen Magen- und Darmbeschwerden.
 
Das Zipperleinkraut
Der Gewöhnliche Geissfuss oder Giersch wird auch als Zipperleinkraut bezeichnet. Die Pflanze wurde früher bei Gicht gebraucht. Er ist aber auch als Wildgemüse und Salat beliebt. In vielen Kräuterbüchern wird der Giersch nicht erwähnt, vielleicht deshalb, weil der Doldenblütler giftige Verwandte hat. Dr. Petra Orina Zizenbacher gibt in ihrem Heilpflanzenbuch eine genaue Beschreibung der Pflanze, um Verwechslungen zu vermeiden. Der Blattstiel ist im Querschnitt dreieckig. Die Blätter, die die Form eines Ziegenfusses haben, riechen angenehm würzig. Der Geruch erinnert an Petersilie. „Wenn man einmal den Geschmack des Geissfusses am Gaumen gespürt hat, wird man ihn nie wieder vergessen.“
 
Auch die Sternmiere wird wegen des milden Geschmacks in Suppen, als Gemüse oder als Salat gebraucht. Die Sternmiere ist auch Bestandteil von medizinischen Hautsalben (Panavulsin).
 
Die Nelkenwurz wird auch „Benediktenkraut“ genannt. Heute gehört die Nelkenwurz zu den vergessenen Volksheilmitteln. Hildegard von Bingen sah in dieser Pflanze das ideale Mittel bei Schwächezuständen nach einer Krankheit. Die Wurzel diente früher als Nelkenersatz.
 
Pferd hatte Asthma
Am Schluss der kleinen Wanderung zeigte uns Frank Hiepe, wie bei jeder Kräuterexkursion, eine kleine Sammlung von Kräutern, die er in seinem Auto parat hatte. Er präsentierte uns nicht nur die bereits inspizierten, sondern auch noch einige andere Heilkräuter, so auch die „Jungfrau im Grünen“, den Schwarzkümmel. Im arabischen Raum wird der Samen dieser Pflanze bei Verdauungsbeschwerden, Bronchialleiden, Husten und Verschleimung verwendet.
 
Dazu erzählte er uns eine Episode. Ein Immunologe hatte ein Pferd, das mit Asthma zu tun hatte. Er schrieb an einen befreundeten ägyptischen Pflanzenkenner, was er tun solle, da kein Mittel bisher half. Der Ägypter sandte daraufhin eine Portion Schwarzkümmel. Das Pferd wurde dann mit diesem Kümmel behandelt und bald darauf besserte sich das Asthma.
 
Frank Hiepe, der in Vorträgen auch die Heilpflanzen der Bibel vorstellte, wollte einmal wissen, ob der Schwarzkümmel in der Luther-Bibel aufgeführt ist. Er fand die Stelle. Da Luther den Schwarzkümmel nicht kannte, bezeichnete er diesen als Kümmel in der Übersetzung. Neben dem Kümmel wird in Jesaja 28:25,27 eine Pflanze erwähnt, die im Hebräischen mit „Dill“ übersetzt worden ist, aber auch mit „Wicke“ und „Schwarzkümmel“ (hebr. qézach). Wenn man den Zusammenhang und auch die entsprechenden Namen im Arabischen (qizcha) berücksichtigt, scheint die Bezeichnung Schwarzkümmel richtig zu sein.
 
Achtung vor Verwechslungen!
Frank Hiepe brachte auch zum Ausdruck, dass man die Heilkräuter, die man sammeln möchte, auch kennen muss. In der Vergangenheit gab es ja nicht nur bei Pilzen, sondern auch mit giftigen Pflanzen Verwechslungen. So wurden die Bärlauchblätter mit den Blättern des Maiglöckchens und der Herbstzeitlosen verwechselt.
 
Er schilderte uns einen weiteren Fall: Hiepe unterrichtete früher an einer Heilpraktikerschule die Phytotherapie. Ein Schüler wandte sich eines Tages mit einer Bitte an ihn. Er sagte: „Ich habe Probleme mit meiner Frau. Sie hat kaum Appetit und leidet unter einem chronischen Brechreiz.“ Dann betonte er noch, dass er dies nicht verstehe, da seine Frau sich gesund ernähre und regelmässig einen Tee aus selbst gesammelten Heilkräutern trinke. „Bringen Sie mir mal die Heilpflanzen mit, die Sie verwenden“, forderte der Pflanzenkenner ihn auf. Er brachte daraufhin die Pflanzen. Hiepe sah sie sich an und erschrak, als er den giftigen Schierling entdeckte.
 
Aus dem Schierling stellten die Griechen im Altertum einen Gifttrunk her, den zum Tode verurteilte Staatsfeinde trinken mussten. Auch Sokrates starb durch den „Schierlingstrunk“.
 
Noch einige Worte zu Frank Hiepe: Er hält laufend Vorträge über Heilpflanzen (nach Erscheinen unseres gemeinsamen Heilpflanzenbuches hielt ich mit ihm zusammen vor Jahren etliche Vorträge), führt Exkursionen in der Umgebung von Gersbach, Schopfheim, Zell, Bürchau, im Botanischen Garten in Basel-Brüglingen und auf dem Weissenstein (Schweiz) durch. Innerhalb von 15 Jahren hat er es auf etwa 100 Exkursionen gebracht.
 
Im vergangenen Sommer führte er die Bundestagsabgeordnete und Staatssekretärin im Gesundheitsministerium Marion Caspers-Merk auf deren Wunsch hin in und um Gersbach herum. Innerhalb von 2 Stunden zeigte er ihr nahezu 100 Heilpflanzen. Beim anschliessenden Hock im Rathaus hat er mit ihr eingehend die Probleme im Gesundheitswesen diskutiert.
 
Es war eine sehr informative und interessante Führung. Die Teilnehmer waren hochzufrieden, und sie staunten über die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Kräuter in Therapie und Küche. Sie fanden die Worte von Paracelsus bestätigt, der einst dies gesagt hatte: „Alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel sind Apotheken.“
 
Literatur
Heinz Scholz und Frank Hiepe: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Vaihingen 2002.
Petra Orina Zizenbacher: „Heilpflanzen – Apotheke aus Feld und Flur“, Freya Verlag, Unterweitersdorf 2003.
 
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