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BLOG vom 17.08.2008


Anatole France: Le livre de mon ami – Lob der Kindheit
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Mein Ritual vor der Lektüre
Ich mag dieses autobiographisch angehauchte Meisterwerk dieses französischen Schriftstellers  – Mitglied der „Académie Française“ – vor vielen Jahren auf dem Basler Flohmarkt auf dem Petersplatz aufgestöbert haben. Das Buch wurde vom Basler Buchbinder H. Kündig sehr dekorativ in hellgrüne Leinen gebunden. Im Buchdeckel war das schmucke „Ex libris“ von Anna Sarasin von der Mühle, von Pietro v. Salis 03 eingeklebt. In zügiger handschriftlicher  Widmung steht vermerkt: „Tout Ami de mon Livre/ J’en fait le livre de mon amie:/ J’adore le „Livre de mon ami/ Mais bien plus l’amie de mon livre.“
 
Dieses Buch hat wohl ein Verehrer der Anna Sarasin gewidmet und geschenkt, wie dies aus der wortspielerischen Verwandlung von „ami“ (Freund) und „amie“ (Freundin) angedeutet ist. Die Initialen der Unterschrift deuten darauf hin, dass diese Widmung aus der Hand des Ex-Libris-Entwerfers von Salis stammt. Es kommt öfters vor, dass ich erst nach einem ähnlichem Ritual, wie eine Katze um den Brei, ein mir unbekanntes Buch beschnuppere, ehe ich es lese.
 
Ich hatte dieses Werk ungelesen in meine Büchersammlung eingereiht und erst letzte Woche wieder entdeckt, angeblättert und dann mit wachsendem Interesse gelesen. Auch Anna Sarasin hat es eingehend durchgearbeitet, wie aus den behutsam mit Bleistift unterstrichenen Stellen und Anmerkungen hervorgeht. So versteckt sich wohl eine Geschichte hinter der Geschichte über Anatole Frances Jugendzeit. Sein Text hat auch meine eigenen Empfindungen im Herzen getroffen.
 
Anatole France (1844‒1925), Sohn eines Buchhändlers, hatte zeitlebens als Bibliothekar beruflich mit Büchern zu tun. Er hatte somit viel Zeit zum Lesen und zum Schreiben. Als Poet, Novellist und Journalist hat er ein reichhaltiges Œuvre hinterlassen, worunter „Le Crime de Sylvestre Bonnard“, „Le Lys Rouge“, „L’étui de nacre“, „Thaïs“. Im Gegensatz zu vielen anderen „Académiciens“ fliessen seine Sätze, schlicht und locker geschrieben, leicht ins Verständnis des Lesers. Als weiteres Plus aus meiner Sicht merke ich an, dass er 1920 ins päpstliche Ehrenregister der „libri prohibiti“ aufgenommen wurde.
*
Der Wert der Kindheit
Genug um den Brei herum geschnuppert, „läppele" ich jetzt mit viel Genuss in seinem Livre de son ami. Er selbst, also Anatole France, war sein eigener Freund, und er trat unter dem Pseudonym Pierre Nozière auf. Seine Erzählung ist eine Mischform mit autobiographischem Einschlag und deckt seine Gedankenwelt und Empfindungen auf, auf Kindererlebnisse abgestützt. Anatole France gehört zu den glücklichen Menschen, die ihre Kindheit nicht verloren haben. Jeder namhafte Dichter oder Schriftsteller zehrt von ihr. In ihr ist die Kunst verankert, welche Ausdrucksformen sie auch annehmen mögen. Die kindliche Neugier bleibt unversehrt durchs ganze Leben erhalten, einerlei wie hart oder sanft das Schicksal mit uns umgeht.
 
Als Vorspeise zitiere ich kreuz und quer einige Sätze/Auszüge aus seinem Werk, die meiner eigenen Kindheit zuwinken, hier ziemlich frei verdeutscht:
 
Leute, die mir sagten, dass sie sich nicht an ihre ersten Kinderjahre erinnern, überraschen mich sehr. Ich selbst habe viele bewahrt – seien es bloss Schnappschüsse aus mysteriös verschwommenem Hintergrund.
Ich war 5 Jahre alt und hatte eine Vorstellung von der Welt, die ich seither ändern musste; das ist schade, denn sie war charmant.
 
Pierre Nozière spazierte einst als Erwachsener anfangs Oktober durch den Jardin de Luxembourg und erinnerte sich dabei an seine Schulzeit, sah sich wieder als der kleiner Mann auf dem gleichen Weg zur Schule:
 
Mit den Händen in den Taschen und mit seinem Ranzen auf dem Rücken hüpfte er wie ein Spatz voran. Er war der Schatten von mir damals. Wirklich er interessierte mich, dieser Kleine von einst. Damals kümmerte ich mich kaum um ihn, aber jetzt, da ich mehr als 25 Jahre älter geworden bin, mag ich ihn sehr. Er war mir mehr wert als alle meine anderen „Ich“, die ich seither gehabt habe, nachdem ich dieses damalige Ich verloren habe. Er war recht leichtsinnig; aber er war nicht bösartig, und ich muss ihm zugestehen, dass er mir keinen schlechten Eindruck hinterlassen hat; er war ein Unschuldiger, den ich verloren habe: Natürlich vermisse ich ihn; aber wenn ich ihn in meinen Gedanken sehe, amüsiert er mich und lebt wieder auf.
 
Der letzte Absatz unter diesem Kapitel lasse ich als Refrain auf Französisch nachklingen:
 
Mais le soir tombe sur les platanes du Luxembourg et le petit fantôme que j’avais évoqué se perd dans l’ombre. Adieu, petit moi que j’ai perdu et que je regretterais à jamais, si je ne te retrouvais embelli dans mon fils!
*
Sein Töchterchen Suzanne und ihre Vorliebe für Gringalet
Jetzt sind wir beim 2. Teil seines Buches angekommen mit dem Titel „Livre de Suzanne“. Hier widmet sich Pierre Nozière seiner Tochter Suzanne.
 
Ich möchte das Kapitel „Guignol“ (Kasperlitheater) hervorheben. Zusammen mit seiner kleinen Tochter hatten sie ihr Gaudium am Guignol und seinem Sohn Gringalet. Grigolet, der Nichtsnutz, haut mit dem Stecken auf seinen Vater ein. Auch Polizisten schlägt er.
 
Mit 6 Jahren hatte Mademoiselle Suzanne ihre feste Vorliebe für Gringalet geäussert. „Mir ist Guignol lieber“, gestand ihr Vater. Im Verlauf des Theaterspiels erscheint der Teufel. „Nein, das ist ein Neger“ widersprach sie ihm. Gringalet erschlug den Teufel. „Adieu le péché!“ (Weg mit der Sünde!).
 
Das Spiel war vorbei. In Gedanken verloren blieben sie sitzen. Pierre Nozière bedauerte den Verlust der Sünde und überliess sich seinem Gedankengang: „...Gringalet hat nicht ausreichend erfasst, dass das Böse dem Guten unerlässlich ist, und wie der Schatten und Licht einander bedingen, dass die Tugend der Anstrengung bedarf; und wenn es keinen Teufel mehr zu bekämpfen gibt, den Heiligen die Sünder fehlen. Man wird sich tödlich langweilen. Mit dem Sieg über den Teufel hat Gringalet eine schwere Dummheit begangen", folgerte Pierre Nozière.
 
Mademoiselle Suzanne dachte, ihr Vater sei traurig. Mit einem Mitleid sondergleichen umarmte sie ihn und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich will dir etwas sagen: Gringalet hat den Neger getötet, aber er hat ihn nicht zum Guten erschlagen („ … Gringalet a tué le nègre, mais il ne l’a tué pour de bon“).
 
„Ihr Zuspruch beruhigte mich, und ich sagte mir, der Teufel ist nicht tot“, und wir verliessen das Theater zufrieden.
*
Der Märchenglaube muss erhalten bleiben
Der letzte Teil seines Buches ist betitelt mit „La Bibliothèqe de Suzanne“ und könnte den Untertitel tragen: „Weder Träume noch Märchen sind Schäume: Sie sind wahr.“ Eigens von Erwachsene für Kinder zurecht gezimmerte Märchen fesseln sie nicht, werden von ihnen rasch als „fadenscheinig“ durchschaut und verschmäht. In solchen Märchen wollen sich die Erwachsenen den Kindern gleichstellen. Solche Erwachsene werden zu Kindern, denen Unschuld und Anmut fehlen. Märchen und Sagen erschliessen den Kindern die Welt, und Anatole France verweist dabei auf die Odyssee und den Don Quichotte, Robinson Crusoe usf.
 
Spitz äusserte sich Anatole France in seinem Diskurs: „Gestern zeigte man mir das Buch ,L’Alphabet des Merveilles de l’Industrie’ (Das Alphabet der Industrie-Wunder). In 10 Jahren werden wir alle Elektriker sein … wettert er gegen solchen Raubzug auf Kosten des Kindergemüts.“ Am gleichen Tag wie obiges Buch erhielt Anatole France zum Trost ein Buch mit dem Titel „Monde enchanté“ (Zauberhafte Welt) eine Sammlung von 12 Feengeschichten.
 
Ehe Anatole France zum Schlusskapitel „Dialogue sur les Conte de Fée“ ansetzte, schrieb er (hier auf Französisch zitiert, damit mir kein Fehler unterläuft) – also:
 
“Hélas! Notre société est pleine de pharmaciens qui craignent l’imagination. Et ils on bien tort. C’est elle, avec ses mensonges, qui sème toute beauté et toute vertu dans le monde. On n’est grand que par elle. O mères! n’ ayez pas peur qu’elle perde vos entfants: elle les gardera, auch contraire, des fautes vulgaires et des erreurs faciles.”
 
Rettet die Märchen, schützt die Träume den Kindern zuliebe und für jene, die ein Stück ihrer Kindheit im Herzen aufbewahren!
 
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