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BLOG vom 27.08.2008


Jemine! Noch 1431 Tage bis zur Londoner Olympiade!
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Die Nachwirkungen der Olympiade in China dauern an und übertragen sich mit dem Fahnenwechsel wie ein Lauffeuer von Peking nach London, meisterlich ungelenk vom Fahnenschwinger Boris Johnson (Mayor of London) ausgeführt. Das Olympiade-Virus entwickelt sich noch virulenter. Ob ich ihm entrinnen kann? Ich kann nur hoffen, dass ich hartgesotten genug bin, um dieser Sottise des bis zum Platzen – wenn nicht zum Kotzen – aufgeblasenen Spektakels des Nationaldünkels zu entkommen, da ich im 0lympia-besessenen London lebe.
 
Am 16. Oktober 2008 werden 312 Sportshelden und ihr Anhang bei einer Parade wie Kriegshelden gefeiert werden. Nichts gegen ihre sportlichen Leistungen. Aber im Gegensatz zu Kriegshelden werden sie für ihren Erfolg reichlich mit Werbeaufträgen (promotions) aller Art belohnt und reihen sich unter die „Celebs“ ein. Wohl bekomme es ihnen.
Jetzt drücke ich mich etwas vorsichtiger aus, denn gegen den Sport habe ich nichts. Jeder Aktivsportler ist lobenswert und verdient Respekt. Ein lokaler Fussballmatch ist so gut wie der Auftritt eines Amateurorchesters. Jedem ist es freigestellt, das zu wählen, was ihm Freude macht. Auch diese Spiele und Darbietungen erfordern Ausführende und Zuschauer. Aber gegen die Massenhysterie im Schausport in den heutigen Amphitheatern, dagegen habe ich persönlich etwas. Denn es geht und alles dreht sich ums Geld hinter den Kulissen. Die besten Spieler werden wie beim Kuhhandel von einem Besitzer zum andern ersteigert. Die Neureichen erwerben sich für ein Heidengeld diesen oder jenen Fussballclub. Es geht ihnen dabei einzig ums Renommée. Ihre Ankäufe dämmen vorübergehend ihre Machtgelüste ein, bis sie erneut entflammen, sobald ein anderer Protz ihnen den Rang auf der Richterskala der entzündeten Ego-Furunkel streitig macht.
 
Auch ich bin nicht immer und allezeit gegen den Massensport gefeit. Dieses Jahr habe ich die letzten Spiele der Tennisweltmeisterschaft in Wimbledon verfolgt, zusammen mit meinen beiden Söhnen. Mein Schweizer Nationaldünkel war von Roger Federer soweit aufgeputscht, dass ich froh gewesen wäre, wenn Rafael Nadal dank eines Wespenstichs verloren hätte. Um nicht als Spielverderber zu gelten, gesellte ich mich dieses Jahr ein- oder zweimal zu ihnen hinterm Fernsehschrein, zeigte mich interessiert und stellte dumme Fragen zu den Regeln eines Fussballmatchs. Wer gegen wen gespielt hatte, das habe ich längst vergessen.
 
Während der Olympiade verblasste das Kriegsgeschehen in Afghanistan, im Irak und in und rund um Georgia. Der Menschenrechtler George W. Bush rügte Chinas Aneignung des Tibets: „People deserve the fundamental liberty that is the natural right of all human beings” – Guantánamo Bay hin oder her. Ein Nato-Stützpunkt in Polen, vor der Türe des russischen Bärs? Verständlich, dass dieser Bär rumort. Die Amerikaner waren ja ebenfalls erbost, als sich die Russen auf Kuba einnisten wollten … Nun will ich kein Blog im Blog schreiben und finde mich wieder ins Thema zurück:
 
Noch 1431 Tage bis zur Londoner Olympiade. Ich frage mich: Werden sich die Medien tagtäglich derart spaltenverschlingend mit diesem für mich so intensiv langweiligen Rummel beschäftigen, wie zum Beispiel in der Evening Standard Ausgabe vom 26. August 2008, beginnend mit dem Artikel auf der Titelseite „Boris (Johnson) reveals his 2012 vision“? Darin verspricht er „tens of millions of pounds“ fürs Sporttraining für viel versprechende junge Leute (damit wird wohl der potenzielle Nachwuchs für Olympiaden gesichert). Doppelseitig wird dieser Artikel fortgesetzt. Die Konservative Partei will zusätzliche £ 58 Millionen für den Sport abzweigen, worunter über £ 11 Millionen aus den Lotto-Einnahmen auf Kosten kultureller Unterstützung.
 
Gewiss gehört Sport mit zur Erziehung, aber andere und wichtigere Anliegen, etwa innerhalb des angeschlagenen britischen Erziehungswesens, kommen zu kurz. Boris Johnson will – am Rande bemerkt – untersuchen lassen, wie weit „Olympic Car Lanes“ ‒ also Autofahrbahnen ‒ eigens für den Schnelltransport von Olympia-Sportlern und anderer Prominenz vorbehalten werden sollten. Eine weitere halbe Seite gilt der Planung einer „Academy“ (neues Schulsystem für 3- bis 18-Jährige nach finnischem Vorbild) innerhalb des Olympia-Stadions. Ein weiterer Artikel teilt den Lesern mit, dass eine „Olympic Games Party“ annulliert werden musste, nachdem ein 18-Jähriger erdolcht wurde (das 25. Todesopfer dieses Jahr von Messerstechereien unter Jugendlichen in London). Der Journalist Will Self, „bless him“, befindet, dass „wir bessere Spiele haben werden, ohne all dem ,Ballyhoo’ (Tamtam) wie in Peking“.
 
Ein weiterer Höhenflug ist die doppelseitige Luftaufnahme der riesigen Olympia-Baustelle, die ein Riesenloch in die Staatskasse frisst. Zuletzt lese und würdige ich 3 kritische Leserzuschriften unter dem Titel „Cut our Games down to size“ ‒ grob übersetzt: „entbläht die Spiele“.
 
Daran anknüpfend plädiere ich für mich und gleichempfindende Leute Olympia-freie Zonen in den Medien. Während der nächsten 1431 Tage werde ich mich keinesfalls von der Olympiade  ins Bockshorn jagen lassen.
 
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