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BLOG vom 23.09.2008


Schloss Wildegg: Ein Prachtobjekt für adlige Selbstversorger
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wer die mittelalterliche, barockisierte Schlossanlage in Wildegg, eine Gründung der Habsburger aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, auf Hinweise zum Thema „Essen und Genuss“ absucht, wird vor allem im Schlosslädeli fündig. Dieser Bio-Hofladen, der von Silvia und Alois Huber betrieben wird, bietet viel am Ort Gewachsenes und auch Zugekauftes wie Gemüse, Früchte, Getreideprodukte, Fleisch, Wein, und sogar vollmundige Glacen aus Schafmilch habe ich dort entdeckt.
 
Garten mit Raritäten
Das Schloss ist rundum von einem Landwirtschaftsbetrieb mit vielen weidenden Schafen und einem 3300 Quadratmeter umfassenden Nutz- und Lustgarten umgeben, wo das Nützliche und Schöne zusammenwachsen. In ihrer heutigen Ausgestaltung geht die Gartenanlage mit dem 250 m langen, schnurgeraden Treppenweg vor allem auf Bernhard von Effinger (1658‒1725) zurück. Hier hatte also die Familie von Effinger, die das Schloss zwischen 1483 bis 1912, also über 400 Jahre lang, besass, ihr Gemüse in einer unwahrscheinlichen Vielfalt sowie ihre Beeren und Küchenkräuter angebaut. Heute wird der Garten zusammen mit ProSpecieRara (www.prospecierara.ch) betrieben. So ist zum Beispiel ein Teil den Rüben und Räben gewidmet, und der Besucher kann lernen, den Knopf der Verwirrung hinsichtlich deren Unterschiede zu lösen: Wie dem aktuellen Gartenplan des Schlosses Wildegg zu entnehmen ist, gibt es einerseits Kohlrabi, auch Rutabaga genannt, oder Chourave (Brassica napus) und anderseits die Mai- und Herbstrüben (Brassica rapa), auch Navets, Steckrübe oder weisse Rübe genannt. Beide gehören zur umfangreichen Familie der Kohlgewächse. Die Formen- und Sortenvielfalt war hier seinerzeit sehr gross, und viele Sorten sind leider verschwunden. Herbsträben wurden oft eingesäuert. Zur Familie der Gänsefussgewächse gehören die Zuckerrüben, Runkelrüben und Randen (Rote Rüben, Beta vulgaris).
 
Zum Schloss gehörten neben den Gärten auch andere Liegenschaften, Ackerland, Wald, Wiesen sowie Reb- und Baumgärten mit den entsprechenden Jagd- und Fischereirechten. Man versorgte sich weitgehend selber. Um 1720 hatte die Schlossdomäne ihre maximale Grösse von 120 Hektaren erreicht, wie auf einer Orientierungstafel zu lesen ist. Mit der Schlossdomäne hatte die Effinger-Familie auch die Herrschaftsrechte samt Zinsen und die niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer Möriken und Holderbank in ihrem Eigentum.
 
Das Schloss ist seit 1912 ein Annexbetrieb des Schweizerischen Landesmuseums mit seinem Hauptsitz beim Hauptbahnhof Zürich, wie das Schloss Prangins auch; dass die Wildegg in sicheren Gewahrsam kam, ist der letzten Schlossherrin Julie von Effinger (1837‒1912) zu verdanken. Danke, liebe Julie. Sie, weitsichtig, wie sie war, wollte sie durch die Schenkung des Schlosses und ihres Vermögens an die Eidgenossenschaft verhindern, dass alles in alle Winde zerstreut wurde, zumal keine Nachkommen vorhanden waren und der Familienzweig 1912 erlosch.
 
Bei jedem Besuch entdeckt man in dieser Anlage, an der während Jahrhunderten neu- und umgebaut und die um 1700 unter Bernhard von Effinger von ihren Verteidigungselementen befreit wurde, und in deren Umgebung wieder Neues. So besuchte ich diesmal erstmals den Marstall, den ehemaligen ritterlichen Pferdestall, dessen eine Mauer aus gewachsenem Fels besteht. Er wurde gerade mit einstimmigen, geistlichen Gesängen der Mystikerin Hildegard von Bingen (1089‒1179) beschallt, wie „O quam pretiosa“, was wohl etwa mit „Oh, wie prächtig!“ zu übersetzen wäre. Das darf man mit Fug und Recht auf das Schloss Wildegg beziehen.
 
Im Juni 2002 wurde ich mit einem grossen, von der AZ-Medien AG organisierten Fest auf der Wildegg in die Pensionierungsphase verabschiedet, zu dem zu meiner grossen Freude die treuesten der „Natürlich“-Abonnenten eingeladen waren – und wir alle haben dort gut gegessen und getrunken, so dass ich etwas befangen bin, wenn ich begeistert über dieses Schloss berichte. Schöne Erinnerungen wirken nach.
 
Die Ernährung im Schloss
Eine gute Gelegenheit zur detaillierten Erkundung der Wildegger Prachtanlage bot der Europäische Tag des Denkmals der NIKE (1988 gegründete Nationale Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung) www.nike-culture.ch. Eines der zahlreichen Wallfahrtsorte war am 14.09.2008 das Schloss unter dem Motto „Der Tisch ist gedeckt“.
 
Auch wenn ich genau gleich hungrig heimfuhr wie ich gekommen war, so hatte ich doch wieder viel neues Wissen getankt, was in meinem Fall zugegebenermassen nötiger als eine zusätzliche Kalorienzufuhr war. Die auf der Wildegg tätige Schlossreferentin Barbara Küng-Schafroth war eine kundige Wanderleiterin durch das Bauwerk, in dem auch das Essen und Geniessen ihren wichtigen Platz hatten. Diesbezüglich war die direkt neben dem Treppenturm angesiedelte Küche im 1. Obergeschoss das zentrale Ereignis, die in den Zustand zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert zurückversetzt worden und mit einer Zisterne zum Einsammeln des Regenwassers, einem grossen Holzherd (geschlossener „Sparherd“) mit Pfannen aus Kupfer oder Messing und einem Holzkäfig für das Frischgeflügel als Bestandteil des Küchenbuffets versehen ist.
 
Alles ist in dieser wohnlich-anmutigen Küche auf Bequemlichkeit (Convenience …) ausgerichtet. So drehte sich der Bratspiess mit Hilfe einer Uhrwerk-ähnlichen Konstruktion zum Aufziehen, und vor dem Küchenfenster hängt noch immer eine Glocke, die durch Ziehen an einer Schnur in Bewegung versetzt werden kann und die hungrigen Dienstboten einst davon in Kenntnis setzte, dass das Essen bereit war. Aus den Backöfen kamen oft die besonders beliebten Pizza-Vorgänger-Gerichte wie Eier-Kraut-Zwiebel-Kuchen oder Kümmelkuchen zum Frühstück. Die Töpferwaren stammten vorwiegend aus ländlichen Hafnerwerkstätten oder aus bernischen Töpfereibetrieben in der Region Heimberg. Hinter der Küche liegt im Bergfried die Speisekammer (Vorratsraum).
 
Ein Speisezimmer und ein daran anstossendes Cabinet zum täglichen Gebrauch wurden 1773 eingerichtet, wie der Burgchronik von Sophie von Erlach (1766‒1840) zu entnehmen ist. Diese detaillierte Beschreibung ermöglichte es, die Inneneinrichtung wieder so herzurichten, wie sie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert war; auch die Küche konnte mit der alten Einrichtung und den Kaminen wieder hergestellt werden.
 
Im erwähnten, von Albrecht Niklaus (1735‒1803) auf halber Höhe zwischen dem Erdgeschoss und dem 1. Obergeschoss eingerichteten Neuen Esszimmer ist einer der ältesten der zahlreichen Öfen des Schlosses, und es ist zudem mit Berner Fauteuils und Stühlen aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts möbliert. In einem Schrank mit Glastüren wurde das Porzellangeschirr, so etwa Meissen-Porzellan (um 1750) oder das Streublümchengeschirr aus Nyon VD (Marke Fisch, um 1800), zur Geltung gebracht - = quam pretiosa! Oft begnügte man sich mit preisgünstigerem Steingutgeschirr aus England. Das Aufkommen von Kaffee, Kakao und Tee erforderte wieder neues, an diese edlen Getränke angepasstes Porzellan. Und überall hängen ovale Ahnengemälde im Goldrahmen an der Wand, welche ihr Regime noch über den Tod hinaus zu erfüllen scheinen und wohl auch befragt werden konnten: Wie hätten unsere Vorfahren dieses Problem angegangen? Die Bilder sind Verbindungen zurück zur vornehmen Familiengeschichte, die auf Bewahrung ausgerichtet war.
 
Eine Augenweide ist selbst der Fichtenholzboden mit Nussbaumfriesen im Speiseraum, der früher mit Sand gescheuert wurde und eine schöne Lebendigkeit ausstrahlt. Solche prächtige Böden sind auch in anderen Zimmern zu finden. Zudem begegnet man im 3. Obergeschoss einem roten Boden aus alten, flachen Dachziegeln aus der schlosseigenen Ziegelei. Er diente im Roten Estrich – nach dem Boden so geheissen – und den darunter liegenden Räumen als Brandschutzmassnahme nach Blitzschlägen oder zur Verhinderung von Wasserschäden. Die Böden würden einen eigenen Denkmal-Tag verdienen.
 
Zur Gastronomie-Geschichte der Wildegg gehört die Tatsache, dass die Frau von Vizeobervogt Johann Bernhard Effinger (1701‒1772), Maria Katharina von Diesbach (1686‒1761), eine Schüssel Kartoffeln in die Ehe einbrachte, womit sie vorerst allerdings keine allzu grosse Begeisterung ausgelöst haben dürfte. Denn die Kartoffel war damals noch kein allgemein akzeptiertes Lebensmittel. Weil sie nicht auf Bäumen, sondern unter dem Boden wächst, traute man ihr noch nicht so richtig über den Weg. Doch in den Jahren der Hungersnöte (1770/71), ausgelöst durch Getreide-Missernten, Konjunktureinbrüche in der Textilindustrie und die damit verbundene Arbeitslosigkeit, wuchs die Einsicht, dass die Kartoffeln eine gute Nahrungsgrundlage war und über manch ein Hungergefühl hinweg helfen konnte.
 
Die Welt des Genusses
Der Genuss spielte bei den Effingers eine wesentliche Rolle. Mit den vielfältigsten Gewürzen wurde nicht gespart – vom Anis, Franzosenholz über Kreuzbeeren bis zu Safran und Zimt. Auch dem Wein wurde gern zugesprochen, wie ein ebenerdiger Weinkeller beweist. Der Wein war laut Barbara Küng nicht nur ein Grundnahrungsmittel, sondern auch ein Zahlungsmittel. Und auch das Tabaktrinken, das Rauchen, liess man sich nicht nehmen. Im Alten Bern war es, wie auch das Schnupfen, streng verboten, weil es als gesundheitsschädigend erachtet wurde. Doch das Verbot liess sich nicht durchsetzen, so dass 1710 die erste Tabaksteuer eingeführt wurde. Und da man diese Steuergelder am Abwandern hindern wollte, begann man mit dem eigenen Tabakanbau.
 
So wiederholt sich also alles, auch die Hatz auf die Tabaktrinker, die in dieser modernen Zeit gerade wieder eine neue Blüte erlangt; dafür dürfen die Menschen Chemikalien nach Lust und Laune konsumieren, ob als Nahrungsmittelzusätze oder Medikamenten in Begleitung von Warnhinweisen, und elektromagnetische Strahlungen auf ihre Gehirne loslassen. „Es wiederholt sich im Prinzip alles“, sagte die Historikerin Küng zu mir beim Treppensteigen.
 
Ich hatte gerade das Ölgemälde im Eckzimmer studiert, das Ludwig Albrecht („Albert“) von Effinger (1773‒1853) mit schlohweissem Haar und klaren Augen zeigt. Die Bilddiagonale bildet eine ausserordentlich lange Tonpfeife, die er im Mund hat und mit der rechten Hand stützt. Ich habe selber solche Pfeifen und weiss, wie herrlich kühl der Rauch aus diesem langen Rohr, das als Kühler wirkt, ist. Ein Rauchgenuss für Kenner.
 
Der Wunsch, mich in einen der Stühle mit zungenförmiger Lehne zu setzen und es ihm in dieser Atmosphäre gleich zu tun, ist verständlich. Aber das genüssliche Rauchen und Philosophieren über Sinn und Unsinn der Rauchverbote hat eben schon seine Grenzen. Ich werde die Gelegenheit dazu im eigenen Wintergarten wieder zu nutzen wissen. Das kann mir niemand verbieten.
 
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