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BLOG vom 04.10.2008


Unterwegs in Tschechien (IX): 2000 Pfeifen und ein Dirigent
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 7. Tag unserer Streifzüge durch Tschechien und nach einer Besteigung des Altvaters entschlossen wir uns am Nachmittag, das Schloss Jánský Vrch (Johannesberg) in Javorník (Jauernig) zu besuchen. Mit von der Partie waren Jürgen und Toni, während Walter diesmal nicht mitfahren wollte.
 
Javorník liegt ganz im Norden in der Nähe der polnischen Grenze am Fuss des Reichensteiner Gebirges. Es ist eine zauberhafte Stadt mit etwa 3000 Einwohnern. Der Name der Stadt leitet sich von Jawor (slawisch für Ahorn) ab.
 
Sommerresidenz der Bischöfe
Über der Stadt thront das mächtige Schloss auf einer Anhöhe, das bis 1945 die Sommerresidenz der Breslauer Bischöfe war. Wie die früheren Fürsten, hatten auch die Bischöfe passable Unterkünfte in luftigen Höhen. Sie konnten hoch über der Stadt auf ihr gläubiges Volk blicken und sich so ihre Gedanken machen. Dass dabei auch kräftig getafelt wurde, war selbstverständlich.
 
Die erste Erwähnung einer Burg stammt aus dem Jahr 1307. Der Besitzer war Fürst Bolko I. aus Schweidnitz. 1348 erwarb der Bischof Preczlaw die Burg von Bolko II. Im 15. Jahrhundert beschädigten und eroberten die Hussiten die Burg. Bischof Konrad kaufte die Burg 1432 wieder zurück. Später wurde die Burg zu einem Renaissanceschloss umgebaut. Nach dem Umbau waren viele Künstler und Gelehrte als Gäste im Schloss. Auch der Domherr von Thorn (Hansestadt an der Weichsel), Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543), reiste hierher.
 
Carl Ditters von Dittersdorf
Nach einem weiteren Umbau im 18. Jahrhundert war das Schloss ein Anziehungspunkt für Künstler aus dem gesamten Kaiserreich. Auch ein Bischof floh ins Schloss. Es war der Bischof Philipp Gotthard von Schaffgotsch, der aus der preussischen Gefangenschaft entwichen war.
 
Schaffgotsch war es auch, der den Komponisten, Violinvirtuosen und Dirigenten Carl Ditters von Dittersdorf ins Schloss holte und ihn zu seinem Schlosskapellmeister machte.
 
Wir hatten bereits eine Gedenktafel für den Künstler am Burgeingang in Jesenik (Freiwaldau) entdeckt. Auf der Tafel stand Folgendes: „Dem Andenken des Carl Ditters von Dittersdorf, des Schöpfers der deutschen Oper, geboren am 2. November 1739, gestorben am 24. Oktober1799, welcher als fürstbischöflicher Amtshauptmann in diesem Schlosse lebte und wirkte.“
 
Von Beruf war der Künstler Forstmeister. Erst nachdem er 1773 in den Adelsstand erhoben worden war, nannte er sich Ditters von Dittersdorf. In diesem Jahr wurde er zum Amtshauptmann in Freiwaldau ernannt. Er erhielt auch eine besondere Auszeichnung, nämlich den päpstlichen Orden vom Goldenen Sporn. Er wollte sich jedoch nicht wie Gluck als „Ritter“ bezeichnen lassen.
 
Der Komponist der Wiener Klassik schuf ungefähr 50 Opern, Singspiele, diverse Messen und Kammermusik. Sein bekanntestes Werk ist das Singspiel „Doktor und Apotheker“. Es war damals erfolgreicher als Mozarts Figaro.
 
Aber wie es oft im Leben so geht, verbrachte der ehemals gefeierte Künstler seinen Lebensabend mittellos und von Gicht gezeichnet auf dem Neuhof bei Deschna in Südböhmen als Gast des Besitzers Ignaz von Stillfried.
 
Kurz vor seinem Tod diktierte er dem Sohn seine Lebensbeschreibung. Diese wurde 1801 publiziert. Wer sich für diese interessante Autobiografie interessiert, kann diese unter http://books.google.de (Stichwort: „Karl von Dittersdorfs Lebensbeschreibung“) nachlesen. Das ganze Buch wurde von Google digitalisiert.
 
In seinem Buch beschreibt er ungeschönt, stellenweise bitter, aber mit einer gewissen Selbstironie seinen Lebensweg. Man erfährt aber auch ganz erstaunliche Dinge über die damaligen Fürstbischöfe. Die hatten wohl wenig zu tun. So liess sich ein Fürstbischof für die Übersetzung eines Kantatentextes vom Italienischen ins Lateinische 1 Woche Zeit. Damals sprachen nämlich die musikalischen Amateure und Damen und Herren der Gesellschaft kein Italienisch, jedoch Latein.
 
Heute können wir wieder die Werke des Künstlers hören. Mittlerweile gibt es 37 Einträge im CD-Katalog.
 
Und noch ein Berühmter weilte auf dem Schloss. Es war Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 bis 1857), der von 1856 bis 1857 hier dichtete. Er war ein bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik.
 
Die grösste Pfeifensammlung
Gut gerüstet mit diesen Informationen schritten wir zu einer Schlossbesichtigung. Zunächst parkten wir am Fusse der Burg, stiegen eine Unzahl von Treppen hinauf und erreichten durch das schmiedeeiserne Haupttor eine schön gestaltete Rasenfläche mit nach oben spitz zulaufenden Lebensbäumchen. Auf dem Areal befanden sich 2 renovierungsbedürftige Häuschen. Es waren wohl Behausungen für den Verwalter oder für die Gärtner. Vor dem einen Häuschen rechts vom Eingang erblickten wir sogar eine Hundehütte aus Stein, aber ohne Vierbeiner. Im anderen Haus war ein kleines Café eingerichtet.
 
Wir lösten eine Eintrittskarte für 85 Kc pro Person. Dann wollten wir schon in die geheiligten Gemächer der ehemaligen Fürstbischöfe eindringen, wurden jedoch von einer über den unteren Treppenabsatz der Haupttreppe gespannten Kordel gestoppt. Wir erfuhren, dass nur geführte Gruppen hinein dürfen und keine Einzelpersonen. Wir warteten geduldig auf die 1. Führung am Nachmittag, die um 15.00 Uhr stattfand. Eine ganz amüsante, etwas füllige Führerin, die nur tschechisch sprach, drückte uns einige Seiten mit den deutschen Beschreibungen der jeweiligen Säle in die Hand, und ab ging es über die erwähnte Treppe hinauf in die Gemächer. Diese weisen viele historische Bemalungen, Tapeten und Ölgemälde, aber auch Musikinstrumente auf. Besonders wertvoll sind die spätgotischen Plastiken der heilig gesprochenen Barbara, der ebensolchen Helena und der Jungfrau Maria von 1491.
 
Zunächst ging es in den Billardsaal. Hier vertrieben sich die Kirchenobrigkeit und die Gäste ihre freie Zeit. Da kam keine Langeweile auf. Dann durchstreiften wir verschiedene Säle, so den Musiksaal, Speisesaal, Rokokosalon, den Rauchsalon und verschiedene Gästezimmer.
 
Als wir das Musikzimmer betraten, wurden die Besucher mit klassischer Musik empfangen. Auf einem Spinett und einem Cello spielten eine junge Frau und ein junger Mann in einem Vorraum eine Weise von Bach. Der Clou war, dass die Beiden in typischen Kleidern des 18. Jahrhunderts auftraten. Nach dieser Überraschung wurde im Hauptsaal noch ein kurzes Konzert dargeboten.
 
Interessant war der Rauchsalon. In einer Vitrine und auf dem Tisch waren diverse Tabakpfeifen zu sehen. In einer Ecke stand eine Wasserpfeife. In diesen Salon begab sich die Gesellschaft nach dem Essen regelmässig. Hier konnten sie in angenehmer Atmosphäre rauchen.
 
Die Gästezimmer waren mit Möbeln im Biedermeier- und Rokokostil eingerichtet. In 2 Zimmer durften wir einen Blick werfen. Der Raum für den hohen Gast war sehr pompös ausgestattet, während jener des Dieners äusserst spartanisch und auch sehr eng war. Darin konnte sich ein fülliger Diener kaum umdrehen.
 
In einem weiteren Raum befand sich die grösste registrierte Pfeifensammlung in Mitteleuropa. 2000 Tabakpfeifen sollen sich hier versammelt haben. Da konnte ich als Nichtraucher nur so staunen über die schönen Porzellan- und Schaumpfeifen (Pfeifen aus Meerschaum, Sepiolith und Aphrodit). Einige der Schaumpfeifen waren mit Schnitzereien versehen.
 
Bei den Meerschaumpfeifen entdeckte ich weisse (also ungerauchte) und etliche verfärbte Exemplare. Die Verfärbung wird durch den teerhaltigen Rauch verursacht.
 
Die Meerschaumpfeife besteht aus einem Tonmineral (Magnesiumsilikat) und hat also nichts mit dem Meer zu tun. Diese Pfeife hat Vorteile gegenüber einer Holzpfeife. Sie braucht nicht eingeraucht zu werden, ist geschmacksneutral, und das Material ist feuerbeständig. Aber es gibt auch einen Nachteil: Die Pfeife ist leicht zerbrechlich.
 
Nach dem Rundgang schritten wir frohen Muts auf die Aussichtsterrasse. Von hier hatten wir einen phänomenalen Blick auf Javorník und die weite polnische Ebene. Da dachte ich mir, da möchte ich einmal hin, ich meinte nach Polen. Aber meine Wanderfreunde hatten kein Interesse für einen Abstecher.
 
Fazit über die Reise nach Tschechien
„Da reise ich wohl nie hin“, dachte ich mir immer wieder. Meine Abneigung war wohl durch Vorurteile meiner Eltern und Verwandten geprägt. Immer wieder hörte ich, dass uns die Tschechen vertrieben und an den Flüchtenden Gräueltaten verübt hätten. Aber von den Taten der Deutschen wurde uns nichts erzählt. Die waren die Gutmenschen.
 
Immer, wenn ich Tschechen auf das Verhältnis zu den Russen oder Deutschen ansprach, bekam ich bemerkenswerte Antworten: In jedem Volk gibt es gute und weniger gute Menschen. Schuld an den Kriegen, Vertreibungen und anderen Widrigkeiten waren nicht die Bewohner eines Volkes, sondern die Regierungen. Die Kriegstreiber sassen und sitzen ganz oben in den Machtzentralen. Das Volk muss dann wohl oder übel alles ausbaden. Ich bin ganz dieser Ansicht. Jeder Einzelne sollte sich bemühen, den Frieden in die Herzen aller hineinzubringen.
 
Die Reise nach Tschechien war für mich sehr wertvoll. So konnte ich sämtliche Vorurteile zu Grabe tragen. Wir lernten überwiegend sehr freundliche Menschen kennen, die die Vergangenheit sehr objektiv beurteilen und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Nur eines sehen sie skeptisch: Die Euro-Einführung in einigen Jahren. Dann ist Teuerung so sicher wie das Amen in der Kirche. Wir haben ja schon die leidige Erfahrung diesbezüglich gemacht.
 
Die inzwischen verstorbene Tante von Walter hatte zum Thema Aussöhnung eine interessante Meinung. Sie war der Ansicht, dass endlich eine Aussöhnung erfolgen sollte, da wir Deutschen uns auch nicht immer fein gegenüber den Tschechen benommen haben.
 
Walter von Steinen zog folgendes Resümee: „Es war abenteuerlich, abwechslungsreich und auch bedenklich. Als Wanderurlaub vornehmlich erklärt und geplant, waren neben den erstürmten (höchsten) Gipfeln des Altvatergebirgs die Wanderungen in die eigene Vergangenheit im Land unserer Väter und deren grossartigen Vergangenheit die emotionalen Höhepunkte. Die Wandlungsfähigkeit des Wetters wurde durch unsere Anpassungsfähigkeit im Programmablauf übertroffen.“
 
Jürgen von Rümmingen nach der Tour: „Ich schwärme noch immer über die netten Menschen und über die wunderbare Bergwelt im Altvatergebirge. Unsere Ausflüge waren wunderbar. Ich bin im Nachhinein tief bewegt darüber, was dieser letzte Krieg alles verdorben hat. Wir Deutschen haben sehr viel verloren. Schade.“
 
Auch Toni von Lörrach war sehr zufrieden und zeigte seine Begeisterung immer wieder. Für ihn war die Tschechienreise ein grossartiges Erlebnis. Wir müssen ihm grossen Dank zollen, da er uns mit seinem Auto in die alte Heimat sicher hin- und zurückfuhr. Auch die Fahrten zu unseren ehemaligen Geburtsorten unternahm er sehr gern.
 
Internet
http://parapluie.de/archiv/zeitenwenden/ausgegraben/ (Infos über Carl Ditters von Dittersdorf)
 
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