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BLOG vom 31.10.2008


Der Spazierstock – eine Geschichte für Gross und Klein
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ich musste mir heute, an diesem frostigen, doch sonnigen Londoner Tag mit dieser Geschichte ein bisschen Glück für mich abzweigen – und hoffentlich auch für Sie, lieber Leser und liebe Leserin, und ganz besonders den Kleinen als Bettgeschichte zugeeignet.
Raymond hatte einen wunderschön gedrechselten Spazierstock aus Ebenholz im Schirmständer beim Hauseingang, prächtig mit Elfenbein eingelegt. Das war sein Zierstock, der zu schön war, um ihn zum Spazieren zu gebrauchen.
 
Man kann es diesem Spazierstock nicht verargen, dass er sich im Schirmständer langweilte. „Jeder Regenschirm kommt bei Hudelwetter an die Luft“, haderte er, „und ich bleibe einsam verlassen zurück.“ Wenn er sich doch aus Kummer hätte krümmen können …
 
Raymond hatte einen Hund, einen Pinscher, der gern den Stock beschnupperte, aber stubenrein, wie er war, den Stock nicht wie einen Baum bewässern durfte, wiewohl es ihn oft dazu gelüstete.
 
Raymond spielte gern mit seinem Hund und schleuderte öfters Stecken ins Weite, denen der Pinscher, ein wohltrainierter Hund, nachjagte, und diese, wie es sich gehört, aufschnappte und stolz seinem Meister schwanzwedelnd wieder vor die Füsse legte und auf den nächsten Wurf wartete.
 
Dieser Hund war klug und hiess nicht umsonst Salomon und hatte erst noch einen unersättlichen Spieltrieb. Raymond hatte das Haus verlassen, und die Türe war sperrangelweit offen gelassen. Salomon sah den Stecken und kriegte einen Einfall. Hunde haben Einfälle, genau wie die Menschen, nur meistens bessere. Schwupps schnappte er den Spazierstock aus dem Ständer und entwischte durch die Türe. „Endlich kümmert sich jemand um mich“, dachte der Spazierstock und war froh, an diesem wunderherrlichen Sommertag endlich an die Luft zu kommen.
 
Was tut ein Hund allein, mit einem Stecken in der Schnauze? Er lässt ihn fallen. Mehr noch, Salomon vergrub ihn wie einen Knochen im gut gedüngten Gemüsebeet. Salomon legte sich alsdann auf die Matte vor der Haustüre und döste, auf seinen Meister wartend.
 
Erst 3 Tage später entdeckte Raymond den Verlust seines Zierstocks. Von allein konnte dieser nicht spazieren gegangen sein. Ein Dieb musste sich ins Haus eingeschlichen haben. Er verdächtigte alle Kinder in der Nachbarschaft. Aber der Spazierstock blieb unauffindbar, und Raymond musste sich mit dem Verlust abfinden.
 
Dem Spazierstock war es im Gemüsebeet wohl: Er rekelte und streckte sich und erinnerte sich an die Zeit im Baum, ehe er als Spazierstock zur Welt kam. Er freute sich jedesmal, wenn Raymond spätabends mit der Giesskanne kam.
 
Kaum zu glauben, doch so wahr wie im Märchen, entsprang ihm eine Wurzel um die andere, dem Stecken entlang. Wer das nicht glaubt, stosse einen Stecken in die Erde. Früher oder später treibt er zuerst Wurzeln, dann Knospen, aus denen Blätter entrollen und zuletzt sogar Blüten, solange er von der gefrässigen Ziege verschont bleibt.
 
Raymond, der seinen Garten pflegte und hegte, entdeckte eines Tages schwarze Schösslinge zwischen den Salaten. Das kann kein Unkraut sein, urteilte er und beschloss, abzuwarten, bis das Gewächs gross genug war, um es innerhalb der Pflanzenkunde zu bestimmen. Pfeilgerade schossen die Zweige wie Spargeln hoch, und jeder wuchs nicht über 32 cm hinweg. Eine Tomate wird nicht zum Pflaumenbaum. Warum soll aus einem Ebenholz-Spazierstock etwas anderes werden, als ein Spazierstock aus Ebenholz? Das hat alles mit der Erbmasse zu tun, solange Menschen sie nicht verpfuschen.
 
Dieses Steckengewächs gab Raymond Rätsel auf, wie es sich hoch drechselte, wie von einem unsichtbaren Holzschnitzer bearbeitet. Dem Stängel entsprang keine einzige Knospe. Stattdessen kringelte um den Stock ein weisses Gerank, das haargenau der Elfenbein-Einlage seines Zierstocks glich. Wie das Wunder verlockend hochpoliert glänzte! Ein Dutzend ausgewachsene Zierstöcke erntete Raymond im Spätherbst, jeder genau 32 cm hoch. Diese stellte er allesamt in den Schirmständer.
 
Seither gibt es keinen untröstlich einsamen und vernachlässigten Spazierstock mehr. Und alle waren glücklich: Raymond, Salomon und die Zierstöcke. So sollte es überall auf der Welt sein.
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
01.01.2008: Auftakt 08: Reminiszenzen u. Sentenzen im Bummelzug
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