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BLOG vom 01.11.2008


Kürbisse: Sensible Giganten, Wonneproppen und Heilmittel
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Gärtners Wonneproppen“ nannte kürzlich Stephan Clauss in der „Badischen Zeitung“ vom 11.10.2008 den Kürbis. In der Tat werden die Kürbisse von den Hobby-Züchtern gehegt und gepflegt. Jeder möchte den geschmackvoll besten, den grössten und schönsten Kürbis heranziehen. Prachtexemplare irgendeiner Pflanze (z. B. Sonnenblumen) sind der Stolz jedes Hobbygärtners. Besonders in den USA werden „züchterische“ Erfolge auf Festivals dem staunenden Publikum vorgestellt und die Mühen mit Preisen bedacht. Es bleibt dann nicht aus, dass manch ein Prachtexemplar im Guinness-Buch der Rekorde Erwähnung findet.
 
Beim Half Moon Bay Pumpkin Festival in der Region San Francisco findet jedes Jahr im Oktober das „Safeway World Championship Pumpkin Weigh off“ statt. Der Sieger bekommt einen gehörigen Anteil vom Preisgeld in Höhe von 15 000 USD. Bei diesem Festival gibt es Wettbewerbe im Kürbisschnitzen und Kürbiskuchenessen, aber auch eine Pumpkin-Parade und Kostümwettbewerbe.
 
Mit dem Kürbis sprechen
Auch bei uns gibt es immer mehr Veranstaltungen rund um den Kürbis. So wurde beispielsweise Anfang Oktober die Bayerische Meisterschaft in Schönebach bei Augsburg veranstaltet. Ich sah mir einen Kurzbericht im Bayerischen Fernsehen an. Die Riesenkürbisse wurden mit Traktoren herangefahren und dann auf eine grosse Waage gehievt. Der Siegerkürbis wog so um die 280 kg. Ein Züchter wurde gefragt, wie er seinen Kürbis behandle. Er betonte, dass er seinen Kürbis mit Kuhmist oder Kompost dünge, und er brauche viel Sonne und vor allem Platz. Auf die Frage, ob er auch mit dem Kürbis spreche, meinte dieser: „Ja, ich spreche ab und zu mit dem Kürbis und streichle ihn auch.“ Aber das nützte ihm und dem Kürbis offenbar nicht allzu viel, da seine präsentierte Frucht knapp unter 200 kg wog; vielleicht wäre er ohne die Zuwendung kleiner ausgefallen. Er wurde Fünfter. Aber er wird sicherlich mit dem Streicheln nie aufhören und im nächsten Jahr wieder sein Glück versuchen.
 
Andere kamen auch schon auf solche Tricks, um kolossale Exemplare heranzuziehen. Vor einigen Jahren wurde in Deutschland ein Riesenkürbis vorgestellt. Die Frau des Züchters bemerkte, ihr Mann habe den Kürbis nicht nur gedüngt, sondern täglich geküsst. Von so einer Liebesbezeugung überwältigt, blieb dem Kürbis nichts anderes übrig, als seine Freude in Form einer Wachstumssteigerung zu äussern.
 
Ein Prachtkerl von 610 kg
Vom 12.09. bis 02.11.2008 fand übrigens die weltweit grösste Kürbisausstellung im Blühenden Barock Ludwigsburg statt. Bei dieser Veranstaltung zeigten Kleingärtner und Gartenkünstler ihre Kreationen. Auch fand bereits die Deutsche Meisterschaft im Kürbiswiegen statt. Das imposante Gewächs von Bernhard Preis brachte 604 kg auf die Waage. Es wurde aber auch der Europameister gekürt. Der Belgier Jos Ghaye wurde mit seinem „Atlantic Gigant“, der 610 kg auf die Waage brachte, Europameister. Er sagte auch, es sei wichtig, dass der Kürbis sein Wasser behält. Als Preis erhielt Ghaye 1500 Euro für seinen Riesenkürbis und noch einmal 1000 Euro für den ersten Kürbis, der in Europa mehr als 600 kg auf die Waage gebracht hatte. Das ist im Vergleich zu den Amerikanern, die anscheinend viel Geld in petto haben, natürlich nicht viel. Die Züchter können jedoch durch den Verkauf von Samen etwas dazuverdienen. Die besten Samen erbringen beispielsweise bei Auktionen in Amerika bis zu 800 Dollar. Für einen Samen aus seinem Riesenkürbis rechnet Ghaye mit etwa 40 Dollar, da seine Sorte noch nicht „unter Beweis gestellt“ ist. Erst wenn wieder ein Riesenkürbis heranwächst, bekommt er mehr (Quelle: „FAZ.NET“ vom 15.10.2008).
 
In Ludwigsburg sind 500 000 Kürbisse (mehr als 450 Sorten) zu besichtigen (Speise-, Zier-, Schnitz- und Kalebassen-Kürbisse). Und dann gibt es dort noch eine Attraktion. Einige der Riesen-Kürbisse werden nach der Prämierung ausgehöhlt und als Boote für die Kürbisregatta zweckentfremdet. Es war ganz lustig, im Fernsehen anzusehen, wie die Ruderer verzweifelt paddelten und sich bemühten über Wasser mit ihrem Kürbis zu bleiben. Einige soffen jedoch ab. Ich muss immer wieder staunen, auf welche Ideen so manche Leute kommen.
 
Beliebt, auch an Halloween
Kürbisse sind bei uns sehr beliebt. Nach Angaben der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen werden derzeit jährlich 19 Millionen Tonnen weltweit geerntet.
 
Bei uns wird der Kürbis in grösseren Mengen seit 15 Jahren angebaut. Wenn wir im Herbst durch das Markgräflerland fahren, bieten Bauern ihre Kürbisse am Strassenrand, vor Scheunen oder in Gärten und auf Wochenmärkten an; auch in anderen Gegenden ist es so. Die gelb bis gelborange leuchtenden Kürbisse haben oft die seltsamsten Formen. Viele sind essbar, andere nur für Dekorationen gedacht.
 
Beliebt ist das Aushöhlen von Rüben und Kürbissen an St. Martin und zu Halloween. Das Gruselfest in der Nacht zum 01.11. kam in den 90er-Jahren zu uns und ist inzwischen zu einem Kultevent aufgestiegen. Es wird gnadenlos vermarktet: Masken, Kostüme und spitze Hüte und vieles mehr. Das für uns neumodische Fest wurde aus den USA importiert. Und die Amerikaner ihrerseits haben diesen Brauch von Iren, die im 19. Jahrhundert in die USA auswanderten, übernommen (Infos unter http://de.wikipedia.org/wiki/Halloween). In seiner heutigen Form ist es ein US-Abklatsch.
 
Alte Kulturpflanze
Der Kürbis ist eine alte Kulturpflanze. Als Heimat der verschiedenen Kürbisarten wird Amerika angegeben. Die indianische Urbevölkerung in Mittel- und Südamerika sollen den Kürbis schon zwischen 5000 und 3000 v. u. Z. angebaut haben. In Ecuador soll der Kürbis schon vor 10 000 Jahren genutzt worden sein, wie neue Ausgrabungen ergaben.
 
Die grossen alten Kräuterexperten Fuchs, Bock und Mathiolus erwähnen in ihren Schriften, dass der Kürbis bereits im 16. Jahrhundert in der Türkei, auf dem Balkan und in Italien angebaut wurde. Fuchs berichtet in seinem Kräuterbuch von einem „Türkischen Cucumer“ und von einem „Meercucumer“. Im 1. Fall meinte er sicherlich den Speise- oder Winterkürbis, im 2. Fall den Garten- oder Ölkürbis. Anfang des 18. Jahrhunderts kam der Kürbis nach Frankreich und England, im 19. Jahrhundert nach Russland.
 
Raten Sie einmal, welcher Kürbis der Beliebteste unter den Sorten ist? Es ist der Rote Hokkaido, eine Züchtung aus Japan. Er hat eine dünne Schale, die mitgegessen werden kann, ein feines, aromatisches Fleisch, das an Kastanien erinnert. Beliebt sind auch Sorten, die einen ganz lustigen Namen haben, wie Butternuss, Muskatkürbis, Moschus- und Spaghettikürbis oder der Gelbe Zehnter.
 
Sonderbarer Brauch
Bevor ich auf die arzneiliche Wirkung des Kürbisses zu sprechen komme, gestatten Sie mir bitte einen vergnüglichen „Ausflug“ in die Welt des Brauchtums: In früheren Zeiten grassierte in der Steiermark ein sonderbarer Brauch. Während der Aussaat von Kürbissamen wurden Vorübergehende tüchtig angelogen. Das Lügen sollte bewirken, dass besonders grosse Exemplare heranwachsen. In Mecklenburg wurden Kürbissamen in einem grossen Eimer während des Abendläutens am Tag vor Christi Himmelfahrt in den Garten gebracht. Die Menschen glaubten, die Früchte würden dann so gross werden wie der Eimer oder die Glocke, mit der geläutet wurde.
 
Was enthält der Kürbis?
Man kann es kaum glauben. Aber der Kürbis weist 91 g Wasser je 100 g auf, daneben 4,6 g Kohlenhydrate, 1,1 g Eiweiss, 0,1 g Fett, 0,2 g organische Säuren, 2,2 g Ballaststoffe und 0,8 g Mineralstoffe je 100 g essbaren Anteil auf.
 
Der Kürbis zählt zu den kaliumreichsten und natriumärmsten Früchten. Auch einige Vitamine sind im Kürbis vorhanden, so zum Beispiel 12 mg Vitamin C pro 100 g. Kürbiskerne enthalten 1 % Steroide, besonders Sterole und die Spurenelemente Selen, Kupfer, Mangan und Zink.
 
„Knabberkerne“ und Kernöl
Reisende, die sich in südlichen Gefilden aufhalten, können immer wieder folgende Beobachtung machen: Auf Märkten und Festen werden anstelle von Süssigkeiten Haselnüsse, Mandeln, Pinienkerne, Pistazien und „hartschalige“ Kürbiskerne angeboten (dies sah ich auf Sizilien). Besonders die Kürbiskerne erfreuen sich als „Knabberkerne“ bei jung und alt grosser Beliebtheit. Auch bei uns finden sich immer mehr Liebhaber für diese angenehm nussartig schmeckenden Samen. Wer jedoch seinen Bauchumfang nicht erweitern möchte, sollte beachten, dass die Kerne „Kalorienbomben“ sind. 100 g entsprechen 610 kcal bzw. 2580 kJ.
 
Auch das tiefbraunrote und nussartig schmeckende Kürbiskernöl – in der Steiermark als „Bauernkernöl“ bekannt – findet immer mehr Anhänger. Erst kürzlich entdeckte ich in der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“ in Zell im Wiesental Salate mit Kürbiskernöl. Auch mein Wanderfreund Walter von Steinen bezieht regelmässig das Öl aus der Steiermark. Vor einiger Zeit kaufte ich ihm eine kleine Menge Öl ab und verfeinere damit Salate aller Art.
 
Das Öl besitzt einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren (78 %; davon 54 % mehrfach ungesättigte Fettsäuren) und ist reich an Vitamin E und Beta-Karotin. Es erwies sich als gutes Diätetikum bei zu hohen Blutfettwerten und wirkt möglicherweise einer Arteriosklerose entgegen.
 
Kürbis nicht nur hilfreich bei Reizblase
Kürbiskerne des Arzneikürbisses (Cucurbita pepo) erwiesen sich als ein gutes Mittel bei Reizblase und Prostatabeschwerden im frühen Stadium.
 
Früher gab es auch eine Kürbiskern-Wurmkur. Patienten, die Spul-, Maden- und Bandwurmbefall hatten, mussten allerdings 200 g (Kinder) bis 400 g (Erwachsene) Kürbiskerne verzehren. Heute gibt es wirksamere Mittel.
 
Das Kürbisfleisch wird besonders von Herz- und Nierenkranken wegen der harntreibenden Wirkung sehr geschätzt. Einen Vorteil besitzt der Kürbis: Er wirkt keinesfalls auf die Nieren reizend. Schwangere berichten immer wieder von einer Linderung des lästigen Schwangerschaftserbrechens nach Kürbisgenuss.
 
Das Fruchtfleisch diente früher als Wundauflagemittel. Man erhoffte sich eine schnelle Heilung. Diese wird sicherlich nicht erzielt, jedoch eine Kühlung und Schmerzlinderung.
 
Verwendung in der Küche
Inzwischen gibt es unzählige Rezepte mit Kürbis. Das Fruchtfleisch eignet sich hervorragend für Marmelade, Ragouts, Chutneys, Suppen und als Gemüsebeilage. Es gibt aber auch Kürbiskuchen (in Amerika wird dieser Pumpkin Pie genannt). Eine Verwendungsform kenne ich noch von meiner Mutter. Sie legte Kürbisstücke süss-sauer unter Zusatz von Essig, Zucker und Nelken ein. Das köstlich schmeckende Dessert stand uns dann den ganzen Winter zur Verfügung.
 
Auf der erwähnten Veranstaltung in Ludwigsburg gibt es noch ganz andere Dinge: Kürbis-Maultaschen, Kürbissekt, Kürbisstrudel, Kürbisnudeln, Kürbiskern-Pesto und Kürbisliköre.
 
Internet
Weitere Rezepte mit Kürbis finden Sie unter www.kochrezepte.de
www.bigpumkins.de (Tipps und Tricks für die Kultur von Riesenkürbissen und andere interessant Infos über Kürbisse)
www.kuerbistreff.net (Kürbisfest auf Burg Konradsheim)
www.blueba.de (Infos zur Veranstaltung in Ludwigsburg)
 
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