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BLOG vom 06.12.2008


Kurzgeschichten-Wettbewerb (3. Teil): „Nachtschatten”
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
In einer Oktobernacht wurde ein Bursche vor der Haustüre seiner Freundin ermordet. 2 Jahre später heiratete sie Toms Mörder. 2 Polizisten wachten. Dem verurteilten Mörder wurden 2 Stunden zur Heirat zugebilligt. Ihr Satz, von der Presse aufgeschnappt: „Ich bin so glücklich wie jede andere Braut“, gab zu denken.
 
Irene ist gross und mager. Eigentlich hätte sie glücklich sein sollen, Tom als Freund gewonnen zu haben. Wie andere Paare auch, suchten sie regelmässig ihr Stammlokal auf, tranken etwas ‒ Irene „gin and bitter lemon“, Tom schlicht und einfach „Bier“. Sie tanzten selten miteinander.
 
Tom fiel ihr lästig, weil er Pläne schmiedete, die er immer mit dem Satz „wenn wir einmal verheiratet sind“ einleitete. Ihre Verlobung war auf Weihnachten angekündigt. Tom überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten, die ihm nur Undank eintrugen, auch als er ihr eröffnete, dass er ein Häuschen in der Vorstadt entdeckt habe, das ihr gewiss gefallen werde. „Wozu ein Haus?“ nörgelte sie. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich mit einer Wohnung viel weniger Arbeit hätte. Dazu kommt noch der lange Weg zur Stadt …“ Schroff wandte sie das Gesicht ab, als seine Lippen ihre Wangen streifen wollten. „Benimm dich und trink nicht so viel!“ sagte sie grob.
 
An jenem Abend war das Lokal vollgestopft. Ein derber Kerl stierte sie an. Das schmeichelte ihr, denn sie war keine Augenweide. Tom reichte ihr das nachgefüllte Glas Gin. Sie dankte ihm nicht, sondern schnitt eine Grimasse, die dem grobschlächtigen Kerl, der sich inzwischen näher an ihren Tisch geschlichen hatte, nicht entgangen war. Toms rücksichtsvolle Art ging ihr mehr und mehr auf die Nerven. Hätte er sie nur einmal hart angefasst … grob … So aber glaubte sie, Tom sei zu schlapp und weich. Wo zuvor hatte sie dieses kantige Gesicht mit dem stechenden Blick schon gesehen? grübelte sie. Auf dem Weg zur Arbeit vielleicht?
 
In jener Nacht schlief Irene schlecht. Der Fremde hatte ihr heimlich beim Verlassen des Lokals einen Zettel in die Hand gedrückt, darauf stand dick und schwarz unterstrichen „Bitte telefoniere. Muss dich unbedingt sehen.“ Nein, sie werde ihm ganz gewiss nicht telefonieren. Doch der fremde Kerl liess nicht locker, wartete ihr auf der Strasse auf. Nach und nach gab sie diesem seltsamen Freier nach, was ein Kapitel füllen könnte. Irene war von Nick Flint betört. Im Büro hatte sie einmal einen Gesprächsfetzen aufgeschnappt: „Was sieht er denn (damit war Tom gemeint) in ihr?“ Und was sah Irene in Flint? Er imponierte ihr, als er ihr in einem Café gestand, dass er sie, „wie heisst er schon wieder?“ nicht ausstehen könne, diese geleckten Typen. Dabei plusterte er sich drohend auf: „Vor kurzem habe er einen solchen mickerigen Kerl verprügelt.“
 
Je mehr sich Tom um Irene bemühte, desto widerspenstiger wurde sie. Tom war verzweifelt, weil sie seine Anrufe nicht beantwortete, wiewohl er sie zuhause wusste. Tom setzte sich ins Auto und fuhr vor ihr Elternhaus. Es dunkelte schon. Der Nachtschatten breitete sich aus.
 
Als er dem Auto entstieg, krachten 2 Schüsse aus dem Hintergrund. Tom war tot.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Wettbewerbs-Kurzgeschichten
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