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BLOG vom 11.02.2009


Langsamkeitsvorbild: Erinnerung an meine Schildkröte
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ich mochte 10 Jahre alt gewesen sein, als mir meine Eltern eine griechische Landschildkröte schenkten. „Hansli“ taufte ich sie, und sie lebte auf unserer Terrasse. Zuerst befürchtete ich, sie könnte übers Terrassenende 3 Stockwerke tief stürzen. Am liebsten sonnte sie sich ausgerechnet am Terrassenrand, aber sie wusste genau, wann sie innezuhalten hatte. In wenigen Wochen wurde sie sehr zutraulich und hatte es gern, wenn ich sie am Hals kitzelte. Dabei räkelte sie ihren Hals soweit als möglich aus ihrem Panzer. Kitzelte ich sie auf dem Rücken, begann sie zu laufen, viel schneller als sonst. Da ich kein Terrassenhocker bin, nahm ich sie oft zur nahen Wiese beim Bachgraben mit. Das behagte Hansli sehr. Mit seinem Kinnladen zupfte er ruckartig an Kräutern aller Art und war besonders auf den Löwenzahn erpicht. Zuhause bestand sein Menu aus den äusseren Salatblättern, Tomatenscheiben, Kartoffel- und Apfelschalen. Kurzum Hansli frass alles, was ich ihm auftischte. Ich badete ihn einmal in der Woche in einer flachen, mit lauwarmem Wasser gefüllten Schale.
 
Einmal nahm mich meine Mutter beiseite und bat mich Hanslis „Hinterlass“, den weisslichen Kot, von der Terrasse zu waschen. Dagegen konnte ich nichts einwenden. Ehe der 1. Frost kam, war es Zeit für Hanslis Winterschlaf. Mein Vater füllte eine Kiste mit Laub und Stroh und bettete Hansli in seine Schlummertiefe im Keller. Längst hatte ich Hansli vergessen, als mir mein Vater im Frühjahr sagte, Hansli sei endlich erwacht. Meine Wiedersehensfreude mit Hansli war gross. Leider erkrankte ich in jenem Frühjahr und musste lange das Bett hüten. Während dieser Zeit sah ich wenig von Hansli. Der Hausarzt verschrieb mir einen längeren Kuraufenthalt in den Bergen. „Aber ohne Hansli gehe ich nicht“, beharrte ich. Hansli fuhr mit mir im Zug, in einer Schuhschachtel aufgehoben, nach Andeer GR.
 
Ohne zu wissen, hatte ich damit ein Todesurteil über Hansli verhängt. 2 Tage nach der Ankunft starb Hansli, wohl wegen der dünnen Bergluft. Zuerst hoffte ich, Hansli sei bloss scheintot. Mein Vater hob eine kleine Grube aus, wo wir Hansli beerdigten. Bald hatte ich Hansli vergessen. Wer weiss, vielleicht hat seither jemand Hanslis Überreste gefunden und eine gelehrte Abhandlung über die Verbreitung griechischer Landschildkröten bis in die Bündner Berge geschrieben …
*
Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mir eine neue Schildkröte zu erwerben. Nur weiss ich nicht, ob sie das englische Klima verträgt. Immerhin habe ich heute über die Pflege der Schildkröten nachgelesen. Mit etwas Umsicht sollte es möglich sein, ihr über den Sommer in unserem Garten Kost und Logis zu bieten. An Kräutern wird es ihr gewiss nicht mangeln. Aber um diesen Wunsch zu verwirklichen, muss ich zusätzlich Umsicht walten lassen, um nach und nach Lily für diese Flause zu gewinnen. Wie April und Mai so langsam wie eine Schildkröte kommen, mag ich vielleicht Lily für dieses Unterfangen gewonnen haben. Schliesslich braucht sie nicht hinter Hansli II zu putzen.
*
Die Schildkröten kennen keine Hektik. Dies dürfte einen beruhigenden therapeutischen Einfluss auf mich haben. Ausserdem sind sie vorbildlich gut gepanzert. Die Spezies hat gute 250 Millionen Jahre Erfahrung auf dem Buckel. Vielleicht kann ich ein Gränchen davon für mich abzweigen. Sie sind Einzelgänger, doch keine Einsiedler. Das finde ich ebenfalls sympathisch. Sie sind erst noch langlebig. Nicht zuletzt kommen sie mit wenig aus. Zur Zeit der Wirtschaftskrise sind sie für mich ein gutes Omen.
 
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