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BLOG vom 24.02.2009


Die deutschen Typen im Simplicissimus-Kalender 1911
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Dieser populäre satirische Kalender aus dem Jahr 1911 kostete 1 Mark. Im Vorfrühling krame ich jeweils in meinen Büchergestellen und will etwas Ordnung schaffen. Leichter gesagt als getan. Ich habe einen Stapel von Schriften aller Art in meine Leseecke im 1. Stock getragen und wurde sofort von diesem illustrierten Kalender abgelenkt.
 
Deutsche Typen
Die meisten Illustratoren sind heute unbekannt, ausser O. Gulbransson und seine beflügelt humoristischen Federzeichnungen, eingeschoben unter dem Titel „Rückblick“ von Ludwig Thoma in Verse gesetzt, wovon ich diesen Vers zitiere:
Ja, früher war’s mit Ernst verbunden,
Wo sie gerädert und verbrannt,
Wo sie geköpft, gespiesst, geschunden,
Da war noch Glauben rings im Land. 
Auch Emil Preetorius ist in meinem Gedächtnis haften geblieben. Im „Simplicissimus“ entdeckte ich seine Zeichnung eines deutschen Typen, „das Maikalb“ genannt, mit dem Begleittext: „Glücklich allein ist die Seele, die liebt …“
 
Ja, deutsche Typen, die konnte auch Karl Arnold treffend skizzieren, wie etwa die Leute am Stammtisch beim „Maibock“ oder „Des Künstlers Erdenwallen“. Dieser Künstler sass auf einer Bank, beide Hände in den Hosentaschen vergraben, mit Pfeife im Mund und Schlapphut und sinnierte: „Wie klein ist der Mensch! Gott hat die ganze Welt in sechs Tagen kreiert – ich brauche sechs Wochen zu einer Landschaft.“
 
Eine Legende von Hermann Hesse
Ganz unerwartet fand ich im Kalender Hermann Hesses „Legende von den beiden Sündern“. Er musste damals 34 Jahre alt gewesen sein, also im besten Sündenalter, als er diese Legende schrieb. Ein Sünder hiess Basilius und war der ältere Bruder von Justinus. „Es liebte nämlich Basilius“, schrieb Hesse, „das Würfelspiel und Trinkgelage, während hingegen Justinus eine angeborene Neigung zu Weibern und Liebeslust besass.“ Die Brüder sahen ein, dass es so nicht weiter gehen konnte und kasteiten sich „in einem verborgenen Orte in der Thebais“ und wurden zu Eremiten.
 
Rückfälle bei einstigen Sündern sind nicht selten, nein, kommen häufig vor. Die Brüder trugen Körbe, die sie geflochten hatten, in die Stadt. Justinus erhielt 2 Silberlinge für seine Körbe. In einer Spelunke trug ihm eine schöne Magd das Essen auf. Hesse darf als Kenner weiblicher Schönheit (und Tücken) gelten, weshalb er Justinus folgende Worte in den Mund legte: „Und er sah eine volle, runde Gestalt, schwarzes Haar, einen braunen Nacken von schwarzem Gekräusel umspielt, auch ein paar kräftige runde Arme, wohlbeschaffene, im Schreiten gespannte Hüften und zierliche, hübsch beschuhte Füsse.“ Die Liebesgunst dieser Dirne kostete ihn seine 2 Silberlinge. Auch Basilius kam auf Abwege, wurde verprügelt und aus dem Wirtshaus auf die Strasse geworfen.
 
Reumütig kehrten die Brüder in ihre Klause zurück und legten das Gelübde ab, solche Sünden nie wieder zu begehen. „Sie wurden alt und vergassen der Welt, nicht aber ihres Gelübdes. Und Gott hatte ein Wohlgefallen an ihrem Leben.“
 
PS: Ich konnte den Text im Internet nicht auffinden. Ist er in seinem Gesamtwerk auffindbar? frage ich mich. Wenn nicht, möge diese Legenden-Perle dort Aufnahme finden.
 
Wundermittel und Ratschläge aller Art
Vielversprechende Werbeanzeigen fehlten damals keineswegs. Eine kleine Auswahl der im Kalender enthaltenen Annoncen füge ich hier zur Erheiterung ein:
 
Jugend verleiht ein zartes, reines Gesicht, rosiges, jugendfrisches Aussehen, weisse, sammetweiche Haut und ein blendend schöner Teint. Alles dies erzeugt die echte Steckenpferd-Lilienmilch-Seife …
 
Mehr verdienen ist bei der jetzigen Teuerung für jeden angenehm, für viele eine Lebensfrage. Wie kann man das erreichen? (Dabei geht es um Poehlmann’s mit Preisen, worunter 1 Ehrenkreuz, ausgezeichnete Gedächtnislehre).
 
Bruch geheilt durch eine einfache HAUSKUR – Behandlung und Ratschläge kostenlos. Kostenlos? Bitte lesen Sie weiter: „Falls Sie an einem Bruch leiden und gerne schnell und schmerzlos geheilt sein möchten, so schreiben Sie an mich und ich sende Ihnen postwendend ein Fläschchen eines neuen, wunderbaren Präparates.“
 
IHRE ZUKUNFT – AUFKLÄRUNGReiben Sie etwas Russ oder Tinte auf Ihre Daumen, machen Sie einen Abdruck auf weisses Papier und senden Sie mir es mit Angabe Ihres Geburtsdatums und Zeit (falls bekannt). (Dieses Inserat hat Prof. Zazra, 90 New Bond Street, London aufgegeben.)
 
Korpulenz Fettleibigkeit beseitigt D. Steiner & Co., Berlin, mit der Tonnola-Zehrkur. Gleich im Inserat nebenan verspricht der gleiche Mann, diesmal unter Hygien. Institut auftretend, unter dem Titel Magerkeit: schöne, volle Körperformen durch unser orientalisches Kraftpulver. (Das ist ein gewiegter Geschäftsmann, der sich beider Extreme annimmt …).
 
Ich war grau ‒ „und nach zweitägigem Gebrauch von Grolichs Haarmilch Framydol, zeigt mein Haar eine wunderbar schöne braune Färbung, welche nicht abfärbt. Durch Waschungen mit Seife tritt die Färbung nur umso schöner hervor“.
 
Die Engel-Drogerie von Joh. Grolich in Brünn vertrieb ausserdem ein „Rosentau“, das blassen Damen und Herren zart angehauchte Wangenröte schenkt – mit wenigen Tropfen über die Wangen verrieben.
 
Bei Magen- und Verdauungsbeschwerden, Verstopfung, Hämorroïd u.s.w. wirkt sicher, mild und nachhaltig Tamarinden-Likör.
*
Jetzt habe ich genug Zeit vertrödelt, arbeite weiter, bis ich auf die nächste Ablenkung stosse.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Kalender von Emil Baschnonga
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