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BLOG vom 15.03.2009


Basler Geschichten: Licht vom Vollmond, Papst in der Hölle
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Bei meinen Recherchen zur Stadtgeschichte von Basel stiess ich auf so manche komische, interessante und bemerkenswerte Anekdote und manch ein historisches Ereignis aus vergangner Zeit. Die Chroniken, aus denen ich die Geschichten immer wieder herauskrame, bieten mir ein Lesevergnügen der besonderen Art. Historisch Interessierte dürften sicherlich auf ihre Kosten kommen.
 
Keine fromme Jungfrau in Sicht
1492 wurde eine getaufte Jüdin für ewig 10 Meilen aus der Stadt verwiesen, weil sie Folgendes sagte: „Es sey keine fromme Jungfrau noch Frau in der Stadt Basel. Und wenn man eine finden wolle, müsse man sie in der Wiege suchen.“ Da sie die Urfehde nicht schwören wollte, wurde sie bei Wasser und Brot und ohne Bett in Gefangenschaft gehalten.
 
Quelle: Zitiert in „Freud und Leid“ von Eugen A. Meier, Birkhäuser Verlag, Basel 1981 und 1983 (1. und 2. Band).
 
Thomas von Aquin (1225–1274), bedeutender Philosoph und Theologe und Schüler von Albertus Magnus, soll gesagt haben, die Prostitution für unverheiratete Männer sei notwendig, weil die männliche Sexualität unvermeidbar und aus ihr ein Überdruck entstehe, der entweichen müsse. Danach entstanden überall in mittelalterlichen Städten offizielle Freudenhäuser. Nach der Reformation und durch das vermehrte Aufkommen der Syphilis wurden die Frauenhäuser 1634 in Basel geschlossen. Die Prostitution wurde, wie die Historikerin Irene Amstutz aus Basel nachwies, jedoch nicht verhindert, sie entwickelte sich zu einem freien und ungeschützten Gewerbe, und es entstanden besonders in katholischen Gemeinden (Binningen BL und Allschwil BL) Bordelle.
 
Quellen: Ausstellung „Leib und Leben Vom Umgang mit dem menschlichen Körper“ im Kantonsmuseum Baselland in Liestal und Ausstellungskatalog, 2001.
 
Lasterstecken und Bussgebet
Aus dem 18. Jahrhundert waren strenge Strafen in Basel an der Tagesordnung. So wurde ein Mann wegen Gotteslästerung zum Tragen des Lastersteckens und zu 100 Gulden Busse verurteilt. Ein anderer musste auf eine Galeere, weil er handgreiflich zu seiner Mutter wurde. 1819 wurde eine 33-jährige Frau, die zum 4. Mal ausserehelich geboren hatte, von Landjägern in die Kirche geführt. Dort musste sie auf einen Schemel niederknien und ein ihr vorgesprochenes Bussgebet nachsprechen. Anschliessend wandte sie sich um und musste, den Kirchenbesuchern zugewandt, Vorgesagtes nachsprechen. Der Inhalt betraf „Warnungen vor dem gerügten Laster“. Während der „Feier“, die manchmal 2 Stunden dauerte, sang die Gemeinde Kirchenlieder aus voller Brust. Anschliessend wurde die „Sünderin“ von der Polizei wieder nach Hause geführt.
 
Quelle: „Geschichte des Dorfes Riehen“ von D.L. Emil Iselin, Verlag von Helbing & Lichtenhahn, Basel 1923.
 
Lustbarkeiten und Quacksalber
1471 wurden anlässlich der Basler Messe etliche „Lustbarkeiten“ geboten. Zur Eröffnung veranstaltete der Rat auf den Wiesen vor dem Steinentor ein Wettlaufen für Männer und Frauen. Die Strecke für Männer betrug 400 Schritt und für die weiblichen Teilnehmer 350 Schritt. Sieger und Siegerin erhielten ein buntes Baumwolltuch. Auch das Losspiel „Glückshafen“ wurde angeboten. Bei diesem Spiel konnte man Geld, Silbergeschirr und Kleinodien gewinnen.
 
1696 trat ein Quacksalber bei dieser Messe auf. Ein Italiener liess sich von 2 Natternschlangen beissen. Er wartete, bis die Wunde blutete und anschwoll, dann strich er sich mit einem Spatel seine Wundersalbe „Thiriac“ auf. Er behauptete, alles Gift würde aus seinem Körper gezogen. Am nächsten Tag war er gesund.
 
Ein Händler namens Teufel
Im Mittelalter waren Kornhändler unterwegs, um billig Korn aufzukaufen und sehr teuer zu veräussern. Derartige Geschäfte waren streng verboten. Aber immer wieder wurde das Gesetz gebrochen. So kaufte dieser Teufel das Korn billig ein und verkaufte dieses zum 10-fachen Preis. Er liess jedoch vom Spekulationsgewinn die St. Oswaldkapelle zu St. Leonhard bauen. Nun hatte er wieder ein reines Gewissen!
 
Im Hungerjahr 1713 wurden ein Ratsherr und ein Gerichtsdiener als Korndiebe entlarvt. Die Bevölkerung war sehr erzürnt; die Leute schlugen die Scheiben an deren Wohnhäusern ein. Nur mit Mühe konnte man verhindern, dass die Häuser gestürmt wurden. Die Schuldigen wurden zu einer Strafe von je 2000 Pfund verurteilt. Drei Viertel der Bussgelder erhielten arme Bürger, der Rest das Spital. Die Schuldigen durften so lange ihren Beruf nicht ausüben, bis sie 800 Säcke Getreide geliefert hatten.
 
Tabak zur Reinigung des Gehirns
Das Rauchen nannte man während des Dreissigjährigen Kriegs „Tabaktrinken“. Es galt als unanständig und als eine schlimme Neuerung. Ein Basler Pfarrer nahm sich des Themas in einer Predigt an und wetterte wie folgt: „Wenn ich Mäuler sehe, die Tabak rauchen, so ist es mir, als sähe ich ebenso viele Kamine der Hölle!“
 
1643 wurde einem „Tabakmacher“ das Bürgerrecht verwehrt, „weil man dieses Handwerk allhie ganz nicht bedürfe“. 1660 erliess der Basler Rat eine scharfe Verordnung wegen des Tabakrauchens. Er sah sich hierzu veranlasst, „da das unordentlich überflüssige Tabaktrinken gar zu sehr eingerissen und überhand genommen, und dabei so vielen mit denen darzu brennenden Lunten in massen ungewahrsam umbgangen worden, dass bereits das ein oder andere Mal, wenn der barmherzige Gott dasselbe nicht sonderlich verhütet und abgewendet hätte, gross Jammer und Unheil daraus erfolgt und entstanden wäre.“
 
Tabak war auch als Heilmittel bei Geschwüren, Brandwunden, Kropf, Tollwut in Gebrauch. Feingepulvertes Tabakkraut wurde zur Reinigung des Gehirns etliche Tage nacheinander nüchtern in beide Nasenlöcher geblasen.
 
Hochzeitsgäste versteckten sich
Die Reformationsordnungen wandten sich gegen üppige Kleiderpracht und aufwändige Hochzeiten. So durften nur bestimmte Weine oder Speisen serviert werden. Auch wurden vom Rat Höchstbeträge für Hochzeitsgeschenke, selbst für Eheringe, festgelegt. Die Zahl der Hochzeitsgäste wurde auf 50 beschränkt. Für jeden weiteren Gast mussten 10 Gulden Strafe bezahlt werden. Die Anzahl wurde vom Ratsdiener kontrolliert. Die Hochzeitsgesellschaft wusste sich zu helfen, sie beauftragte einen Späher, der das Herannahen des Ratsdieners meldete. Dann versteckten sich die überzähligen Gäste, warteten das Verschwinden des ungebetenen Zählers ab und tauchten dann wieder auf.
 
Bei Vollmond keine Beleuchtung
In Basel erleuchteten 1829 einige Ölfunzeln die Strassen. Erst als eine hochrangige Person im Dunkeln an einer Wagendeichsel anstiess und sich verletzte, sorgte der Rat für mehr Licht. Es wurden 240 „schläfrige“ Öllichter installiert. Da die Beleuchtung für die Stadt kostspielig war, wurden die Lichter zwischen 11 und 12 Uhr nachts gelöscht. Bei Vollmond wurden die Lichter nicht angezündet. Die Bevölkerung war ungehalten wegen dieser Sparsamkeit, musste sie doch für Anschaffung, Unterhalt und die Besorgung der Laternen eine Beleuchtungssteuer entrichten.
 
1844 sollten die Ölfunzeln durch 275 Gaslaternen ersetzt werden. Nach einer Probebeleuchtung meinten doch einige, diese Beleuchtung sei für Basel ein Luxus und brauche nicht wie eine Residenz erhellt zu sein. Andere befürchteten einen Anschlag „raubgieriger Nachbarn“ oder eine Sabotage durch eine politische Partei auf das am Rande der Stadt geplante Gaswerk. Und dann würde Basel „in Finsternis“ versetzt werden.
 
Als ungeheuerlich wurde auch das Aufbrechen der gepflasterten Strassen für das Legen der Leitungen angesehen. Es dauerte noch 8 Jahre, bis alle Unstimmigkeiten beigelegt waren. 1852 wurde die Gasbeleuchtung eingerichtet. Die alten plumpen Öllaternen hatten ausgedient. Im Jahre 1900 erstrahlte die erste elektrische Bogenlampe in Basel. 1929 erhellten bereits 3200 Glühlampen Basler Strassen und Plätze.
 
Quelle der letzten 5 Episoden: „Anno dazumal – Ein Basler Heimatbuch“ von Paul Kölner, Lehrmittelverlag des Erziehungsdepartements Basel-Stadt 1929.
 
Der Basler Adel
In Sachen Lebenslust konnte dem Basler Adel im 13. Jahrhundert – es war die Blütezeit des feudalen Lebens – niemand etwas vormachen. In jener Zeit grassierte ein mittelalterlicher Merkspruch, der so lautete: „Von den rheinischen Bistümern ist Konstanz das grösste, Köln das heiligste, Strassburg das edelste, Basel aber das lustigste.“ Dann wurde auch das noch von den Jungfrauen behauptet (siehe 1. Absatz).
 
Keine Ferien, aber viele Feiertage
Im Mittelalter kannte man keine Ferien, aber auf Grund des Glaubens und der religiösen Rituale kannte man viele Feiertage. Im Bistum Basel gab es 90 Feiertage im Jahr! Die Menschen hatten dann nicht wirklich frei, um sich zu vergnügen oder Urlaubsreisen zu machen, wie heute, nein, sie mussten Messen besuchen und an Prozessionen teilnehmen. In Basel hielten sich unzählige Geistliche auf, manchmal waren es 10 % der Bevölkerung. Sie hatten auch genug zu tun, denn sie waren für das Seelenheil aller zuständig. „Man war der Überzeugung, dass das Gebet eines Priesters oder eines Mönches 10 Mal mehr Gewicht habe als dasjenige eines ,Normalsterblichen’“, führte Peter Habicht in seinem Buch an.
 
Die selbstbewussten Frauen in den Klöstern waren den Dominikanern ein Dorn im Auge. Sie wollten im 15. Jahrhundert die Nonnen aus dem Kloster Klingental hinausekeln. Was taten die Burschen? Sie streuten Gerüchte in die Welt. Sie behaupteten, die Frauen würden sich nicht an die Klosterzucht halten, nackt im Rhein baden usw. 1480 wurden sie vertrieben, kehrten aber bald darauf im Triumph zurück.
 
Juden und die Pest
Als die Pest in Europa ausbrach, wurden die Juden beschuldigt, sie hätten die Brunnen vergiftet. Das war auch in Basel so. Geständnisse wurden durch Folter erpresst. Der Mob forderte die Hinrichtung aller Juden. Der Basler Rat zögerte zunächst, aber 1349 wurden die Juden auf einer Sandbank im Rhein verbrannt. Das nützte nichts. Die Pest erreichte nämlich nach der Hinrichtung der bedauernswerten Menschen 5 Monate später die Stadt. Die Juden konnten also nicht schuld am Schwarzen Tod sein. Ein Chronist bemerkte, wenn die Juden arm gewesen wären, hätten sie überlebt.
 
Die Juden durften keiner Zunft angehören, sondern mussten sich mit dem Geldverleih über Wasser halten. Sie durften auch Schutzgelder einziehen. Nach Meinung vieler Zeitgenossen waren die Juden Wucherer und deshalb unbeliebt. Der Antisemitismus war überall weit verbreitet.
 
Bis 1351 waren in Europa ungefähr 20 Millionen Menschen an der Pest verstorben. Dies war ein Drittel der europäischen Bevölkerung.
 
Der Papst in der „Hölle“
Wer schon einmal in Basel war und den schönen Innenhof des Rathauses besichtigt hat, der wird das wahrscheinlich von Hans Franck geschaffene Wandgemälde „Das Jüngste Gericht“ erblickt haben. Wer genau hinschaut, sieht den Papst im Höllenfeuer schmoren. Der Papst mit seiner dreifachen Krone, der Tiara, ist gut zu erkennen. Die protestantischen Basler hatten Freude an diesem um 1510 geschaffenen Werk. Aber 1815 liess der Rat die Tiara überpinseln. Die Basler wollten die Katholiken nicht brüskieren, da Basel am Wiener Kongress das katholische Birseck zugesprochen bekam. Auch wurde im Vereinigungsvertrag den Bewohnern die freie Ausübung der römisch-katholischen Religion garantiert.
 
Später wurde die Übermalung entfernt, und der Papst sass wieder in der „Hölle“. Nun erfreuen sich nicht nur die Protestanten daran.
 
Zusammengepfercht
Wie Peter Habicht berichtete, lebten 1779 in Basel um die 15 000 Menschen in 2030 Häusern. Als die Bevölkerungszahl rasant anwuchs – 1854 wurden schon doppelt so viele gezählt – gab es nur 200 Häuser mehr. Ganz schlimm wurde es mit der Unterbringung so vieler Menschen. 1889 waren Inspektoren unterwegs, um die Lage in Augenschein zu nehmen. Die Leute wurden in engen Räumen zusammengepfercht. So wohnten 4- bis 5-köpfige Familien auf einer Wohnfläche von 18 Quadratmetern. Da haben wir es heute schon besser, zumal allein das Wohnzimmer in vielen Familien grösser ist. Unser Wohnzimmer hat eine Fläche von 24 Quadratmetern.
 
Die Lage besserte sich als neue Wohnbezirke ausserhalb der Kernstadt entstanden.
 
Quelle der letzten 5 Episoden: „Basel – Mittendrin am Rande“ (Eine Stadtgeschichte) von Peter Habicht, Christoph Merian Verlag, Basel 2008.
 
Himmlische Freuden
Friedrich Schneider (1886–1966) war früher einer der profiliertesten Politiker der Basler Sozialdemokraten. Er war Freidenker und äusserte sich nie für oder wider die Kirche. Als er auf dem Friedhof sich von einem guten Kameraden verabschiedete und der Pfarrer in seiner Ansprache dem Verstorbenen himmlische Freuden in Aussicht stellte, sagte Schneider zu Martin Stohler sen.: “I möchte en frooge, öb er glaubt, was er sait.“
 
Weinsortiment war begrenzt
Im 15. Jahrhundert gab es Wirtschaften, die nur eine begrenzte Anzahl verschiedener Weine ausschenken durften. So durfte der Wirt vom „swartze Sternen“ 3 verschiedene Weine anbieten. Die „Mittelwirte“ durften nur 2 und die „Kochwirte“ nur eine Sorte verkaufen. Die „Schenkwirte“ mussten ihr Weinfass in der Schenkstube aufstellen.
 
Basler Bürgerrecht erschlichen
Im 19. Jahrhundert gab es einen Niederländer, der sich das Basler Bürgerrecht erschlichen hatte. Als reicher Mann erwarb er mehrere schöne Häuser, darunter den Spiesshof und das Binninger Schlössli. Er galt als vornehmer Bürger, und als Glied der Basler Kirche wurde er mit allen Ehren zu St. Leonhard bestattet. Dann wurde bekannt, dass er in Holland schon vor Jahren zum Tode verurteilt worden war. Es handelte sich um den Irrlehrer David Joris. Und was machten die pikierten Basler? Sie machten kurzen Prozess und gruben den Verblichenen aus. Dann wurde er mit all seinen Schriften vor dem Steinentor verbrannt. Es blieb nicht aus, dass sich die Basler den Spott zuzogen. Publik wurde folgender Spruch, den die Basler nicht gerne hörten: „An andern Orten verbrennt man die lebenden Ketzer, ihr verbrennt die toten.“
 
Dreckige Hotels
Nach Eröffnung der 1. Mustermesse 1917 und auch in den darauf folgenden Jahren kamen immer mehr Messegäste nach Basel und nächtigten in diversen Hotels. Die Hotels hatten damals keinen guten Ruf. Die Verantwortlichen im Hotel „Bayrischer Hof“ und im „Europäischen Hof“ (beide Hotels existieren heute nicht mehr) hatten wohl noch nie etwas von Sauberkeit gehört. So war im „Europäischen Hof“ die Bettwäsche verschmutzt. Ein Gast markierte die schmutzigen Stellen mit einem Bleistift. In einem anderen Hotel lag auf den Möbeln fingerdick Staub und die Fensterscheiben waren wohl noch nie gereinigt worden. Ein anderer Gast stellte das penetrant riechende Nachttischchen vor die Türe.
 
Quelle der letzten 4 Episoden: „Basler Stadtbuch 1967“, Jahrbuch für Kultur und Geschichte, Herausgeber: Fritz Grieder, Valentin Lötscher und Adolf Portmann, Verlag von Helbig & Lichtenhahn, Basel.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog mit Basler Geschichten
(u. a. mit Geschichten aus Basel)
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