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BLOG vom 06.06.2009


Auf dem Hägglinger Meiengrün: Der Überblick von ganz oben
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wer will nicht hoch hinaus? Selbst unsere Bäume verspüren diesen unbändigen Drang nach oben. Wir Menschen bleiben trotz des zunehmenden Höhenwachstums von Generation zu Generation verhältnismässig klein, brauchen oft Leitern und ganze Aussichtstürme, wenn wir die Aussicht verbessern wollen.
 
Solch ein 35 Meter hoher Aussichtsturm steht auf einer Anhöhe (589 m ü. M.) nordwestlich des so genannten Sieben-Hügel-Dorfs Hägglingen im westlichen Teil des aargauischen Bezirks Bremgarten. Die Hügellandschaft trägt den Namen Wagenrain. Dieser Hügel ist 21 km lang. Er erniedrigt sich gegen Süden und geht allmählich in den östlichen Ausläufern des Lindenbergs auf.
 
Vom Dorfkern Hägglingen ist man in nur etwa einer halben Stunde auf dem Meiengrün beim Aussichtsturm. Die abgeplattete Hügelkuppel ist rundum von einem schönen Wald mit vielen Baumriesen und Holzbeigen umgeben. Das Ausflugsrestaurant neben dem Aussichtsturm bietet ein überraschend reiches Speisenangebot. Bei meinem Pfingstausflug (31.05.2009) wurde dort gerade ein Coupe Romanoff aus frischen Erdbeeren aus dem nahen Dottikon angeboten. Die roten, recht aromatischen Früchte ruhten auf einer Vanille- und Erdbeerglacékugel und waren mit Rahm aus dem Rahmbläser (Schlagsahne) dekoriert (10.50 CHF).
 
Das Restaurant ist mitten in einer Waldlichtung und umgeben von Bäumen, die in Bezug auf die Höhe mit dem Turm wetteifern. Im Vergleich zum Turm haben sie den unbestreitbaren Vorteil, ständig zu wachsen, währenddem die Metallkonstruktion mit den 162 eichenhölzernen Treppenstufen exakt in ihren herkömmlichen Massen gefangen bleibt. Aber noch immer hat das Bauwerk gegenüber den meisten Bäumen einen kleinen Höhen-Vorsprung, so dass sich der Einwurf von 1 CHF als bescheidene Eintritts- bzw. Aufstiegsgebühr lohnt. Es ist schon beim Aufsteigen ein angenehmes Erlebnis, die mächtigen Bäume auf allen Höhen auf Augenhöhe zu haben. Zu ihnen gehört eine kolossale Rotbuche (Fagus sylvatica L.) mit noch unreifen Nüsschen (Bucheckern) im braunen, verholzten und weichstacheligen Fruchtbecher (Kupula) und einer trotz des hohen Alters glatten Rinde, garantiert ohne Einsatz von teurer Antifaltencrème von L’Oréal.
 
Die Aussicht von der obersten Turmplattform ist eindrücklich. Sie erstreckt sich über das Bünztal und Reusstal zum Rigi und bis zu den Voralpen und den Zentralalpen, zudem auch gegen das Aaretal und zu den Juraketten. Diese Sicht hat den Meiengrünhügel zum beliebtesten Ausflugsort im Unterfreiamt werden lassen. Auch die Kinder kommen dank des Spielplatzes auf ihre erlebnispädagogische Rechnung, und in einer nahen Waldlichtung campierten und spielten Jugendliche, die mit Velos angereist waren.
 
Hochwacht
Das Gebiet, wo heute der Turm und das Restaurant stehen, heisst „Hochwacht“ – es gehörte also zu einem früheren Melde-, Alarm- und Kommunikationssystem, wobei Feuer, Rauch oder bei ungenügenden Sichtverhältnissen Böllerschüsse zum Einsatz kamen. Möglicherweise sind die traditionellen Höhenfeuer, wie sie am Bundesfeiertag (1. August) noch heute jeweils brennen und ihre Rauchzeichen in den Himmel senden, ein Überrest dieses Systems. Das Hägglinger Hochwachtgebiet gehörte früher dem Kloster Muri AG, wie alte Marchsteine belegen.
 
Im Jahr 1892 erwarb der spätere Gemeindeammann und Grossrat Johann Huber aus Hägglingen verschiedene Grundstücke auf dem Meiengrün. Er baute bereits 1913 einen 13 Meter hohen Aussichtsturm aus Holz, der etwa 100 Meter südlich des heutigen Turms stand und 1929 durch die heutige Stahlkonstruktion ersetzt wurde, die 1936 um 8 Meter auf die jetzige Höhe aufgestockt wurde. Das Restaurant wurde 1930 als kleine Sommerwirtschaft gebaut, wie einer Orientierungstafel zu entnehmen ist.
 
Überblick über den Ausklang des 2. Villmergerkriegs
Das Meiengrün spielte im 2. Villmergerkrieg von 1712 („Zwölferkrieg“) zwischen Katholiken und Reformierten als Beobachtungspunkt eine bedeutende Rolle: Als die (reformierten) Berner und die sie unterstützenden Zürcher im Siegestaumel bei Kriegsende bereits am Plündern waren und die Struktur des Heers zerfiel, ergab sich für sie nochmals eine gefährliche Lage: Die Innerschweizer gaben sich nicht geschlagen und sammelten sich noch einmal. Sie wurden durch Freiämter Truppen verstärkt und starteten einen neuen Angriff. Ein welscher Major, der von Baden her angekommen war und vom Maiengrün aus die gefährliche Lage erkannte, ritt mit seinen Dragonern zu den Bernern, wo für Ordnung gesorgt wurde. Es kam dann zwischen den Bernern und den verstärkten Innerschweizern zur sechsstündigen Entscheidungsschlacht bei Villmergen, die zugunsten der 8000 kämpfenden Berner ausging, welchen 10 000 Mann aus den Inneren Orten gegenüber gestanden hatten.
 
Die Umgebung
Die Hügellandschaft rund um den Meienberg, von wo aus viele Dörfer, Weiler, Einzelgehöfte, Verkehrsanlagen sowie wuchtige Industrie- und Silobauten und Lagerhäuser zu sehen sind, erweckt einen friedlichen, aber geschäftigen Eindruck. Vor allem die Moränenhügel laden zum Wandern und Schauen ein.
 
Die Geschichte hat hier ihre Spuren hinterlassen. Hägglingen ist zum Beispiel zuerst durch die Römer im Zusammenhang mit dem Militärlager in Vindonissa (Windisch) besiedelt worden. Der Ortsname ist alemannischen Ursprungs und bedeutet „bei den Leuten des Haccilo“. Nacheinander machten sich die Lenzburger, Kyburger und Hallwyler breit, und die Klöster Beromünster und Muri weiteten ihre Macht bis hierhin aus. Mit der Eroberung der Freien Ämter durch die Eidgenossen kam Hägglingen 1415 unter deren Herrschaft. Nach dem 2. Villmergerkrieg unterstand die Gemeinde zusammen mit dem ganzen Freiamt den Vögten von Zürich, Bern und Glarus. 1798 marschierten die Franzosen ein, und 1803 entstand dann der Kanton Aargau.
 
Heute ist das am Südabhang des Meiengrüns (Maiengrün) gelegene, noch immer bäuerlich geprägte Bauerndorf dank seiner reizvollen Lage ein begehrtes Wohngebiet in der Nähe des A1-Anschlusses Lenzburg.
 
Das „Echo vom Maiengrün“
Als Publizist bringe ich den Namen Maiengrün (diesmal mit A geschrieben) vor allem mit dem „Echo von Maiengrün“ („Wöchentlicher Anzeiger für das Unterfreiamt, Bünz- und Reusstal“) in Verbindung, das in der Hochstrasser Druck, CH-5605 Dottikon, erscheint. Mit einer ehemaligen Auflage von unter 1000 Exemplaren galt das „Echo“ als kleinste Zeitung der Schweiz. Aber nicht dieser Superlativ war aus meiner Sicht die Besonderheit, sondern die hohe Eigenleistung. Immer fanden sich in Hägglingen schreibgewandte Leute wie Dichter, Gemeindeschreiber und Vereinsaktuare, die das Weltgeschehen und was so auf nationalen und kantonalen Ebenen geschah aus Hägglinger Sicht darstellten und kommentierten.
 
Diese originelle und extrem lokal angepasste Zeitung liess sich niemals in den Mainstream einbinden, sich niemals im publizistischen Einheitsbrei vermanschen, und die Folge war, dass das Zeitungssterben an diesem Kleinorgan, das ohne den oft verheerenden Einfluss von Marketingberatern auskam, vorüberging. Die Schrift wurde zwar einmal modernisiert, doch sonst wurde kaum am Layout herumgedoktert. Die Hägglinger waren froh, wenn das vertraute Erscheinungsbild erhalten blieb – ein Stück Heimatgefühl, immer am Donnerstag. So legte das Blatt ununterbrochen Bekenntnisse zur Subjektivität ab, schrieb frisch von der Leber und genau so, wie es die Leute von Hägglingen und Umgebung empfanden – und wohl auch die vielen Heimweh-Hägglinger, die sich das „Echo“ in alle Welt hinaus nachsenden liessen, auch wenn sie die „Gottesdienstordnung“ dort nicht sonderlich interessiert haben dürfte.
 
Wer ein garantiert erfolgreiches Zeitungsmodell sucht, findet es in Hägglingen. Dort, und insbesondere auf dem Meiengrün oben, hat man die Übersicht nach wie vor. Und wenn man andernorts vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, dann baut man auf der Hochwacht eben einen Turm, um auf die Bäume herunterschauen zu können und sich von abgehobener Warte aus seine eigenen Gedanken über Gott und die Welt zu machen.
 
Das ist schon etwas.
 
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