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BLOG vom 21.07.2009


Wandern im Schwarzwald (I): Rehgämse, Gebirgsschrecke
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Mit langem Schritt und krummen Knie – kommst Du bergan und weisst nicht wie!“
(Alte Bergsteigerregel)
„Auf die Berge will ich steigen.“
(Heine, Prolog zur „Harzreise“)
„Willst Du besser sein als wir –, lieber Freund, so wandre!“
(Goethe, Epigramme: „Perfektibilität“)
*
„Herrenschwand – eine Oase der Ruhe in luftiger Höhe“: Dies konnte ich auf der Hompage des „Todtnauer Ferienlands“ (www.todtnauer-ferienland.de) lesen. Herrenschwand, von diversen Wanderungen mir bestens bekannt, ist ein romantisches Bergdorf auf einem sonnigen Hochplateau (1040 m ü. M.). Es ist ein Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Diese Einsamkeit hat jedoch seine Vorzüge: Hier herrscht kein Durchgangsverkehr, die Höhenluft ist erfrischend, nahezu staubfrei und gesund. Die Nachtruhe wird durch keinen Verkehrslärm getrübt. Die Stille kann man regelrecht fühlen. Dies gilt auch für andere Höhenorte des Schwarzwalds. Dazu eine Geschichte: Als einmal in Schopfheim-Gersbach (www.schopfheim.de), das in einer Höhe von 800 bis 1170 m ü. M. liegt, eine Familie aus dem Ruhrgebiet anreiste und mit der Stille konfrontiert wurde, reiste diese bald ab, weil sie die Ruhe nicht ertragen konnte.
 
Herrenschwand wurde vor einigen Jahren mit der Goldmedaille beim Landeswettbewerb Baden-Württemberg „Unser Dorf hat Zukunft – Unser Dorf soll schöner werden“ ausgezeichnet.
 
Übrigens hat Jörg Kachelmann, der bekannte Wetterexperte (www.kachelmannwetter.de bzw. www.meteomedia.de), in Herrenschwand vor Jahren ein Holzhaus gekauft und dort auch eine Wetterstation eingerichtet. Er hat sich deshalb zum Kauf entschlossen, weil er von der schönen und ruhigen Lage des Bergdorfs sehr begeistert war.
 
In Deutschland und der Schweiz gibt es unzählige Wetterstationen. In der Nähe unseres Domizils sind solche in Bernau, Herrischried, Schönau, Todtmoos, an der Krunkelbachhütte und auf dem Feldberg.
 
Männerhaushalt und Schnarcher
Sie werden sich fragen, warum ich in diesem Blog Herrenschwand erwähne. Dies hat seinen besonderen Grund: Auf Anregung von Wanderfreund Toni aus Lörrach verbrachten wir vom 05.07.2009 bis 11.07.2009 einen Wanderurlaub in einem Privatquartier in der genannten Ortschaft. Mit von der Partie waren meine Wanderfreunde Egon, Ewald, Manfred und der erwähnte Toni.
 
Es war eine regelrechte Männerwirtschaft. Wir besorgten uns für das Frühstück und für die „Marschverpflegung“ diverse Lebensmittel und Getränke, brachten Bettwäsche und Kleidungsstücke mit. Unsere Frauen würden sicherlich eine wahre Freude gehabt haben, wenn sie uns beobachtet hätten. Wir bezogen die Kopfkissen und Bettlaken mit der eigenen Bettwäsche, die Koffer und Taschen wurden geleert und die Wäsche in den jeweiligen Kleiderschrank verstaut. Danach unternahmen wir die 1. Wanderung zum Belchen. Darüber werde ich später berichten. An den darauf folgenden Tagen wurde ungewohnte Hausarbeit geleistet: Einer deckte den Frühstückstisch, ein anderer spülte und trocknete ab, ich sorgte für einen frisch aufgebrühten Kaffee. Zu guter Letzt wurden der Staubsauger hervorgeholt und die Brösel am Boden eliminiert. Die Hausarbeit funktionierte tadellos.
 
Ganz amüsant fand ich die Bettenwahl. Zunächst wurden die Zimmer für die Nicht- oder Wenigschnarcher und die Schnarcher eingeteilt. Aber bald stellte sich heraus, dass jeder „Baumsägearbeiten“ in der Nacht verrichtete. Die Folge war, dass dann jeder einzeln in einem Zimmer oder auf einer Matratze in einem Nebenraum nächtigte. Es gab nämlich unter den Schnarchern solche, die gewaltig Holz sägten, und die weniger lauten Schnarcher, die nicht schlafen konnten. Das ist mir passiert. Ich zog aus.
 
Die angeblichen Nichtschnarcher entpuppten sich auch als „Säger“. „Man wird halt älter“, war die Meinung eines Freunds, der dann auch noch behauptete, der Alkohol würde das Gaumensegel während der Nacht besonders in Vibration versetzen. Das dürfte wohl stimmen. In geselliger Runde trinkt man doch etwas mehr als gewohnt. Nach der Umquartierung sämtlicher Genossen konnte jeder gut schlafen.
 
Nachdem wir Klar-Schiff in der Wohnung gemacht hatten, packten wir unsere Rucksäcke mit Fressalien aller Art, und los ging es in die Höhen des südlichen Schwarzwalds. Wir absolvierten 7 Wanderungen, die von Toni sehr gut organisiert wurden. Die tägliche Marschzeit betrug zwischen 3 und 5,5 Stunden. Insgesamt liefen wir in der Woche zwischen 100 und 120 km weit. Da dampften nur am Anfang beim Anstieg auf den Belchen die Socken, und der Schweiss rann in Strömen. Es war der heisseste Tag der gesamten Wanderwoche. An den anderen Tagen herrschte eine angenehme Kühle (am Morgen meistens um 9 °C, während des Tages zwischen 14 und 20 °C). Also ein ideales Wanderwetter. Nur einmal wurden wir von einem Regenguss überrascht. Dieser dauerte jedoch nur 10 Minuten.
 
An den Abenden assen wir im „Waldfrieden“ in Herrenschwand (www.hotel-waldfrieden.eu) und je einmal zu Mittag und zu Abend in der „Tanne“ in Ehrsberg. Im „Waldfrieden“ speisten wir vorzüglich. So verzehrte ich einmal Forellenfilet, in Mandelbutter gebraten, mit Kartoffeln (13,80 Euro) und ein anderes Mal Rehgulasch mit Spätzle und Preiselbeeren (12,80 Euro). Die Speisen wurden von der 83-jährigen Seniorchefin exzellent zubereitet. Die Frau zeichnete sich durch eine erstaunliche geistige Fitness aus, wie wir in einem Gespräch feststellen konnten. Ihr Enkel, der gegenwärtig in der Schweiz beruflich unterwegs ist, wird zukünftig in ihrer Küche das Zepter schwingen.
 
Zweimal grillte Ewald Steaks und Klöpfer auf seinem Gas-Grill. Dabei erwies sich Ewald als exzellenter Grillmeister. Der Gasgrill erzeugte von oben die Hitze, so dass kein Fett in die Heizquelle laufen konnte. Es wurden also keine krebserzeugenden Stoffe gebildet.
 
Das Gegrillte schmeckte hervorragend, alle waren zufrieden. Diejenigen, die noch hungrig waren, verputzten den mitgebrachten Emmentaler-Käse am Stück. Vorher wurde ein feiner Tomatensalat und an einem anderen Tag ein Wurstsalat hergestellt. Ich fungierte als Zwiebelschneider. Ewald und Egon schnitten Tomaten und die Wurst und bereiteten eine feine Sosse dazu. Die Salate schmeckten jedermann. Nur Ewald meinte, dass die Salate nicht ganz an diejenigen seiner Frau herankämen. Aber was soll es, die ungeübten Männerhände brachten doch etwas Schmackhaftes zustande.
 
Auf zum Belchengipfel
Der Belchen mit seinen 1414 Höhenmetern ist der schönste Berg des Schwarzwalds. Schon von Weitem sieht man die runde kahle Kuppe. Der Name stammt übrigens von den Kelten und bedeutet „der Strahlende“. Das Panorama ist überwältigend und wird auch schöner empfunden als vom 80 m höheren Feldberg aus. Vom Belchen blickt man ins gesamte südliche Oberrheintal und bei klarer Sicht bis zu den Westalpen.
 
1949 wurde der Belchen unter Naturschutz gestellt. 1993 folgte eine Erweiterung mit einer Fläche von 1600 Hektar. Somit zählt das Naturschutzgebiet zu den grössten in Baden-Württemberg.
 
Wir wanderten am 05.07.2009 oberhalb Schönenberg über den Rabenfelsen, die Obere Stuhlsebene und am Rosenfelsen vorbei zum Belchengipfel. Der Name „Rabenfelsen“ deutet darauf hin, dass sich an diesem Felsen Raben aufgehalten haben. Wahrscheinlich brüteten auf diesem Felsen Kolkraben. Während unseres schweisstreibenden Aufstiegs (550 Höhenmeter!) und auch während des Abstiegs sahen wir viele Weidbuchen, aber auch einige abgestorbene Bäume.
 
War das Reh eine Gämse?
Auf einem schmalen Waldweg äste in etwa 30 Meter Entfernung ein Reh. Erst als wir uns vorsichtig anpirschten, nahm das Reh die Witterung auf und verschwand flugs in einem bewaldeten Steilhang. Einige von unserer Wandergruppe meinten, das Reh sei eine Gämse gewesen. Aber ich konnte keine Krucken, wie der Kopfschmuck der Gämsen genannt wird, ausmachen. Schliesslich fanden wir einen Kompromiss und einigten uns auf die Bezeichnung „Rehgämse“.
 
Als ich dieses Blog verfasste, las ich in der „Badischen Zeitung“ am 14.07.2009 einen Bericht über Gämsen. Da staunte ich nur so: Erstens leben jetzt schon grössere Bestände von Gämsen in der Region Feldberg-Belchen und am Kandel. Diese Tiere lassen sich besonders gut morgens auf Waldgrenzgebieten, Lichtungen und Wiesen beobachten. Die Gämsen leben in Gruppen. Schon aus diesem Grund kann das beobachtete Tier wohl keine Gämse gewesen sein. Zweitens las ich, dass die abstehenden Haare auf dem Rücken des Beckens der Gämse als „Gamsbart“ bezeichnet werden. Da wird wohl ein uninformierter Zeitgenosse den Bart ganz wo anders suchen! So auch ich. Man lernt nie aus.
 
Die Alpine Gebirgsschrecke
Nun, wir sahen die Alpine Gebirgsschrecke nicht life, sondern auf einer Infotafel auf dem Belchengipfel, den wir nach einer Rast am Rosenfelsen nach etwas steilem Aufstieg mühelos erreichten.
 
Die Alpine Gebirgsschrecke, die in den Alpen und im Alpenvorland in einer Höhe von 1000 bis 3000 Metern anzutreffen ist, gehört zur Ordnung der Heuschrecken und zur Familie der Knarrschrecken. Sie ist eine Vegetarierin. Sie liebt besonders die Blätter von Heidelbeeren, verschmäht aber auch Wildgräser nicht. Übrigens kommt die Alpine Gebirgsschrecke in keinem anderen deutschen Mittelgebirge vor.
 
Vogelfreunde werden dies interessiert lesen: Auf dem Belchengipfel ist auch der Bergpieper zu Hause. Er baut sein Nest zwischen Heidelbeersträuchern versteckt auf offenen Weideflächen. Freilaufende Hunde sind für die Jungvögel eine grosse Gefahr. Hunde sollten deshalb an der Leine geführt werden.
 
Auf dem Belchengipfel hatten wir einen grandiosen Blick, obwohl es bewölkt war. Nur ab und zu lugte die Sonne aus einem unglaublich interessanten Wolkengebilde hervor. Es wehte ein erfrischender Wind.
 
Auf dem Weidbuchenweg zurück
Nach dem Genuss der schönen Aussicht und einer kurzen Rast machten wir uns wieder auf den Rückweg. Wir lustwandelten auf dem Weidbuchenweg. Ich war von der bizarren Schönheit der Weidbuchen beeindruckt. Beim genauen Hinschauen entdeckten wir an besonders alten Weidbuchen Phantasiegestalten in den Stämmen. So war auf einem Baum ein Reh- und Schweinskopf zu sehen. Wir sahen jedoch keine Heiligenfigur, wie kürzlich der irische Holzfäller Anthony Reddin am Stamm einer Weide. Der erblickte in einem Baumstumpf die Jungfrau Maria. Und schon strömten die Gläubigen herbei, fielen auf die Knie und beteten. Und bald werden auch Wunder geschehen. Ein Rentner, der auf dem Weg zum Arzt einen Zwischenstopp einlegte und dort betete, fühlte sich schon besser. Nun, er wird wohl lieber an mögliche Wunder glauben, als an die Heilung durch den Arzt.
 
Für den in der Nähe liegenden Ort Rathkeale ist dieser Ansturm von Touristen und Gläubigen in der Wirtschaftskrise Gold wert. Die Geschäfte florieren.
 
Die mächtigen vom Wind zerzausten Weidbuchen sind eine besondere Wuchsform der Buche. Die eigenartige Wuchsform wird durch den Verbiss durch das Vieh ausgelöst. Wie in Infos des Naturparks Südschwarzwald (www.naturpark-suedschwarzwald.de) nachzulesen ist, schmücken die Weidbuchen die alten Weidfelder des Südschwarzwalds. Es ist erstaunlich, wie diese Buchen den jahrelangen Verbiss und die Tritte des Viehs, aber auch Schnee, Kälte und Hitze überstanden haben. Dies zeugt von einem zähen Überlebenskampf der Bäume. Alte Weidbuchen haben ein Alter von 200 bis 250 Jahren auf dem Kerbholz. Im hohen Alter brechen die Weidbuchen zusammen und verrotten. In diesen Stämmen finden Käfer, Holzwespen, Spechte und der Zunderschwamm ihre Nahrung.
 
Fortsetzung folgt
 
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