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BLOG vom 07.08.2009


Der Ausflug in die Bronzezeit: Schloss Wildegg-Chestenberg
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Zwischen der Stein- und Eisenzeit war die Bronzezeit eingeschoben, ohne viel Aufsehen zu erregen. An mir ist sie ziemlich spurlos vorbeigegangen, abgesehen von einer Blumenvase aus Bronze, die wie ein kleiner Henkelkrug aussieht und sich unter unser Glas- und Porzellanvasen-Sortiment gemischt hat, sowie 2 Plastikfiguren, die meine beiden Naturweiher zusätzlich beleben, wenigstens optisch.
 
Die Bronzezeit wird so genannt, weil damals die Bronze das wichtigste Rohmaterial vor allem für Schmuck und Waffen war. Sie begann am Ende des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung (in Mitteleuropa um 1800) und endete um 800 v. u. Z.
 
Bronze ist eine Legierung aus Kupfer und Zinn und das erste werktüchtige Metall, das zuerst auf Kreta verarbeitet worden sein dürfte. Es ist je nach dem Zinnanteil gelb bis grau.
 
So gut wie wir, die wir in der Neuzeit leben, nicht alle neu sind, so waren nicht alle Menschen der Bronzezeit mit Bronzeschmuck behangen oder mit triangulären Dolchen, Lanzenspitzen oder Vogelgriffschwertern aus Bronze bewaffnet. Sondern sie lebten schlicht und ergreifend in einer Zeit, die wir nach dem Dreiperiodensystem des dänischen Altertumsforschers Christian Jürgensen Thomsen (1788‒1865) eben als Bronzezeit benennen. Unsere Vorfahren, die in der Bronzezeit lebten, konnten also noch nicht wissen, wie die sie umgebende Zeit hiess. Das brauchte sie ja auch nicht zu interessieren.
 
Unterwegs zur bronzezeitlichen Siedlung
Am 01.08.2009, dem 718. Geburtstag der Schweiz, der zu geschichtlichen Betrachtungen Anlass bietet, erlitt ich einen Rückfall in die Bronzezeit: Ich wanderte am späteren Nachmittag vom Schloss Wildegg aus zur bronzezeitlichen Siedlung auf dem Chestenberg (Kestenberg, 647 m), ein in West-Ost-Richtung verlaufender Jura-Ausläufer zwischen Möriken-Wildegg, Holderbank, Birr und Brunegg (im Aargau). Bei der Schlossscheune unterhalb des Schlosses Wildegg, von dessen Südfassade gerade die Schweizer Fahne ins Aaretal hinaus grüsste, gibt es einen grossen Gratisparkplatz. In der Umgebung steht neben anderen der Wanderwegweiser „bronzezeitliche Höhensiedlung“, was bedeutet, dass die Siedlung nicht etwa aus Bronze bestand, sondern nur, dass sie der Bronzezeit zugeordnet wird. Auch andere Wanderziele wären anzulaufen – bis zum Schloss Habsburg, Mellingen und Baden; die Wanderrouten hören ja nie auf.
 
Vor dem Eingang des Schlosses, einer Habsburger-Gründung, standen mehrere Kutschen, vor der einen waren 4 unruhige Schimmel mit einem weissen Kopfputz wie stolze Staubwedel und Scheuklappen vorgespannt. Sie waren voller Tatendrang (wie ich auch), aber am Schlossbrunnen angebunden (ich nicht). So mag es zu der Zeit der landadeligen Familie Kaspar Effinger hier ausgesehen haben. Vor 7 Jahren wurde ich zum festlichen Abschied aus dem Berufsleben in einer solchen Kutsche hierhin getragen. Die wiehernden Pferde weckten Erinnerungen.
 
Diesmal nahm ich den Weg vom Schloss, eine Domäne des Schweizerischen Landesmuseums, hinauf auf den Chestenberg unter die eigenen Füsse. Vorerst nach Nordosten verlaufend, begibt sich der Wanderweg in den kühlen Wald. Die Kalksteine am Boden sind von den Wanderern poliert. Wurzeln und zählebiges Buchenlaub, Jahrgang 2008, das neben dem Weg noch intakt, auf dem Weg aber durch Wanderschuh-Belastungen zerbröselt war, gehören zum Bodenbelag. Der Ausdruck, es gehe über Stock und Stein, trifft hier exakt zu. Das viele Moos an Steinbrocken und Baumstämmen liess an die vorausgegangenen nassen Wochen zurückdenken. Im Zickzack erreicht man die Chestenberg-Krete. Der Untergrund wird holperiger, wie auf den Jurakreten üblich (so etwa auf dem Homberg in Küttigen AG, auf der Wasserflue usf.). Die Kalksteinplatten sind schräg gestellt, für Fussgymnastik ist gesorgt.
 
In meinen Ohren traten die Klingelgeräusche auf, wie immer, wenn ich in die Nähe eines Sendemasts komme. Auch auf dem Chestenberg steht jetzt auf 630 Höhenmetern ein solches Ungetüm von 44,5 m Höhe, das dem Radio Argovia (90.3), Kanal K (94.9) und Radio DRS1 (101.3) dient; die alte Betonsäule („OKULI“) hat offenbar ausgedient. In sie wurde eine Öffnung geschlagen, wohl um den Zustand der Eisenarmierung zu begutachten.
 
Der hohe Mast aus einem Stahlskelett macht einen vollkommen neuen Eindruck. Für die Betonfundamente musste viel Aushub gemacht werden. Die hellen Kalksteine (Malm) liegen in einem grossen Haufen neben dem Kretenweg – ich suchte ein angenehm gerundetes, handliches Stück aus und nahm es heim. Wer hat schon einen etwa 150 Millionen Jahre alten Briefbeschwerer? Neben dem Steinhaufen blühte ein verirrter Wiesenbocksbart (Tragopógon praténsis) in leuchtendem Gelb.
 
Nördlich des Kretenwegs fällt das Gelände steil ab. Der Blick aufs Birrfeld und ins untere Aaretal oder zur Lägern ist meistens durch hohe Buchen versperrt; sie überragen die Felswand. Doch plötzlich öffnet sich der Blick über Birr und die industrialisierte Birrfeld-Ebene (das Eigenamt) und weiter zu einer hügeligen, zwischen Wäldern dicht besiedelten Landschaft. Der Kretenweg wird dann wieder durch Bäume abgeschirmt, zwängt sich anschliessend über Felsen, um Steinblöcke herum, fällt ab, steigt an, wird zur Naturtreppe – und dann lehrt eine Orientierungstafel, dass man da ist, wo einst die spätbronzezeitlichen Höhensiedlungen aus dem 11. und 9. Jahrhundert v. u. Z. waren. Ich hatte den Weg in genau 1 Stunde zurückgelegt.
 
Aluminiumspuren über der Bronzesiedlung
Auf der Aluminiumtafel steht geschrieben, dass genau hier der Archäologe Rudolf Laur-Belart (1898‒1972) in den Jahren 1951 und 1953 in 3 Etappen den zentralen Siedlungsbereich dieser Fundstelle ausgegraben habe; Belart war damals Konservator in Augst BL und Präsident der Gesellschaft Pro Vindonissa, eine bekannte und kompetente Persönlichkeit. Er fand auf dem Chestenberg unter anderem Hausreste von 2 Siedlungen aus der Zeit von 1050 und 850 vor unserer Zeitrechnung; die Schutzsiedlung soll während rund 400 Jahren mit Unterbrüchen bewohnt gewesen sein.
 
Von der älteren, vermutlich kleineren Siedlung waren nur 2 Hausstandorte im südöstlichen Teil der Grabung fassbar. Wo die jüngere Siedlung war, konnten total 5 Hausgrundrisse ausgegraben werden, die im Gelände durch kleine Aluminiumplatten, schräg gekappte Quadrate, auf etwa 10 cm hohen Zementpflöcken markiert sind (vielleicht wird man die heutige Zeit einmal als Aluminiumzeit benennen). Ein Plan von der Häuseranordnung ist in Stein gemeisselt.
 
Die vom Zahn der Zeit zernagten Häuserfragmente, die man längst nicht mehr sieht, wurden archäologisch untersucht. Sie waren, zum Felskamm hin gestaffelt, an den ausgehauenen Fels gebaut worden. Wahrscheinlich gehörten weitere, tiefer am Hang liegende Häuser ebenfalls zur Siedlung. Laur vermutete im Bereich zwischen den untersuchten Häusern und dem markanten Felskamm weitere Häuser. Eine im ganzen Grabungsareal angetroffene Brandschicht bezeugt, dass diese Siedlung um 800 v. u. Z. einer grossen Brandkatastrophe zum Opfer fiel. Die Feuerwehr Chestenberg mit ihrem geländegängigen Toyota-Löschfahrzeug würde selbst heute Mühe bekunden, dort oben, wo das Wasser sowieso abläuft, zu löschen.
 
Was der Nachwelt noch erhalten blieb, sind verkohlte Holzbalken, die immerhin darauf hinweisen, dass die Häuser in Blockbautechnik gebaut wurden und Holzböden mit Unterzügen besassen. Die über den Hang hinausragenden Hausteile waren entweder mit Trockenmauern oder möglicherweise mit Pfosten abgestützt; man weiss nichts Genaueres mehr, zumal die talseitigen Partien abrutschten.
 
In 3 Häusern befanden sich Herdstellen und ein Backofen aus Lehm. Neben unzähligen Keramikfragmenten kamen in diesen Häusern Fadenspulen aus Ton, Spinnwirtel, Tongewichte eines Webstuhls sowie ein Gusslöffelchen zur Metallherstellung, ein Hammer, Beile und Pfeilspitzen aus Bronze zum Vorschein. Die Fundstücke lagen in der Asche aus sehr viel verbranntem Getreide. Der Schluss lag nahe: Es handelte sich um Wohnhäuser, in denen die spätbronzezeitlichen Bewohner des Chestenbergs lebten, Handwerk betrieben und gleichzeitig ihre Vorräte aufbewahrten. Eines der Häuser, zu dem ein mit Steinplatten ausgelegter Weg führte, mag ein Speicherbau gewesen sein.
 
Auf der Fundstelle ist eine Feuerstelle für heutige Besucher, die von einem Kranz aus Steinen eingegrenzt ist. Wie sich spätere Archäologen darüber verbreiten werden, werde ich nicht mehr erleben. Wahrscheinlich werden sie gewisse Schlüsse über die Grillwurstqualitäten ziehen.
 
Die bronzezeitlichen Bewohner betätigten sich als Ackerbauern und Viehzüchter, wenn ihre Hinterlassenschaften richtig interpretiert werden. Sie bewirtschafteten die Brunegg zugewandten östlichen Hänge des Chestenbergs. Vermutlich wählten sie diesen exponierten Standort, weil der Siedlungsdruck im flachen und fruchtbaren Mittelland schon damals zu gross war und/oder um sich besser verteidigen zu können. Nach Angaben der Aargauischen Kantonsarchäologie, von der diese Angaben stammen, gab es auch in der Neuzeit vergleichbare Siedlungslagen, so das Dorf Pinsec im Val d’Anniviers.
*
Auf dem Rückweg fragte ich mich, wie denn die bronzezeitlichen Gegenstände aus Bronze und Keramik und die Bronze überhaupt auf den Chestenberg gekommen sein mögen – sie sind jetzt im Museum Burghalde in Lenzburg ausgestellt. Die bekanntesten bronzezeitlichen Bergbaue befinden sich in den österreichischen Alpen (Salzburg und Tirol): Kupfer. Woher aber das Zinn genommen wurde, ist auch heute noch nicht hinreichend geklärt. So bleibt noch vieles im Dunkel der Vergangenheit verborgen.
 
Als ich mich wieder Möriken und Wildegg näherte, fühlte ich mich wegen der Einzelschüsse und des Serienfeuers wie in Afghanistan – es war der Schweizer Bundesfeiertag mit seinem Feuerwerkgetöse. Wer diesen belästigenden und umweltverpestenden Unfug mitmacht, verdient sicher keine Bronzemedaille.
 
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