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BLOG vom 09.08.2009


Grosser Mythen SZ: 500 m steil hinauf und 500 m steil hinab
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Kolossal: In ihrer ganzen riesenhaften Grösse ragen die Kleinen und der Grosse Mythen als isolierte Berggestalten nordöstlich von Schwyz in den blauen oder grauen Himmel auf. Sie sind nicht unmittelbar in eine Gebirgslandschaft eingebunden, sondern stehen frei im Talkessel. Sind es 2 oder 3 Berge? Auf die Zählweise kommt’s an: der Kleine Mythen ist doppelgipfelig – also 1 Berg mit 2 Gipfeln, beziehungsweise neben dem Grossen Berg sind auf jeden Fall 2 Berggipfel.
 
Die Kleinen Mythengipfel sind nur Leuten mit Klettererfahrung zugänglich, der Grosse Mythen (nachfolgend Mythen genannt) aber allen einigermassen strapazierfähigen Wandernaturen. Doch wie kommt man dorthin? Nur ein einziger Weg führt auf den Mythen, will man Gras- und Felsklettereien aus dem Wege gehen, von denen einige wie die schwere „Gelb-Wändli“-Route zu all dem Ungemach auch noch steinschlaggefährdet sind.
 
Durchs Alpthal
Es ist somit ganz anders als bei Rom, wohin viele Wege führen. Der einzige Wanderweg auf den Mythen beginnt entweder in Brunni im Alpthal oder (weiter oben) auf der Holzegg. Ins Alpthal gelangt man von Einsiedeln aus in südlicher Richtung; Wegweiser machen die Orientierung leicht. Auch Postautokurse sind bis zur Seilbahnstation in Brunni vorhanden.
 
Das Alpthal ist eine Tallandschaft und gleichzeitig auch eine politische Gemeinde im Kanton Schwyz. Fährt man von Einsiedeln aus in diese Landschaft hinein, hat man immer die Nordseite des Grossen Mythen vor sich, der sich zunehmend höher auftürmt, je mehr man sich ihm nähert und dann in voller Wucht dasteht. Aber auch die Kleinen Mythen, die von Bergschuttkegeln gestützt zu sein scheinen, sind markante Gestalten.
 
Nachdem man einige Holzverarbeitungsbetriebe hinter sich gelassen hat, nehmen nach Trachslau und nach der Durchfahrt durchs Haufendorf Alpthal die Weiden und Einzelhöfe überhand. Auf unserer Reise vom 06.08.2009 war gerade bestes Heuwetter, sozusagen für eintägiges Heu, und fleissige Bauern nutzten es.
 
In Brunni (ein Ortsteil von Alpthal) ist man den Mythen ganz nah. Auf einem grossen Gratisparkplatz kann man sein Fahrzeug loswerden und zu Fuss vorerst auf die Holzegg wandern (in etwa 1 Std.) oder aber in bequemerer Art mit der 1950 von der Firma Garventa in Goldau erbauten Luftseilbahn BrunniHolzegg über Bäume und Heuwiesen hinwegfliegen, hinwegschaukeln. Für die Auffahrt um 305 Meter auf 1405 m sind bloss 5 Minuten nötig. In den Kabinen haben 15 Personen Platz. Erwachsene zahlen für die Retourfahrt 15, Kinder 7 CHF. Warum der Mann am Schalter einen solch grimmigen Eindruck machte, war mir schleierhaft. Die Geschäfte gingen ja gut, und er dürfte doch bei solchen Ansätzen auf die Rechnung gekommen sein. Wenn jeweils wieder eine Kabine voll ist, geht’s los; der Seilbahnbetrieb ist weitgehend automatisiert und zentral gesteuert. Die Seilbahnkabinen stossen bei der Ankunft gleich das vergitterte Türchen zur Seite.
 
Der Aufstieg
Die Wanderdauer von der Holzegg auf den Mythen (1898,6 m ü. M.) wird auf dem Wanderwegweiser mit 1 Std. 20 Min. angegeben; wir brauchten, wegen vieler Fotohalte und um die zunehmend attraktiver werdende Aussicht zu geniessen, gut 2 Stunden. Der schon lange bestehende Weg ist in den letzten Jahren gut ausgebaut und kürzlich mit Stahlketten gesichert worden, eine vorbildliche Leistung des Vereins der Mythenfreunde Schwyz (100er-Club), dem auch das Mythenhaus auf dem Gipfel gehört, insbesondere seiner Werkgruppe.
 
Im Gebiet darf nicht gejagt werden (Eidgenössisches Jagdbanngebiet), so dass Gämsen, Rothirsche, Rehe, Feldhasen und Murmeltiere ihren Frieden haben. Und auch Wanderer haben Gewähr, dass sie nicht aus Versehen von einem übereifrigen Jäger an- oder abgeschossen werden. Das entstresst.
 
Der Weg, auf dem Wanderer problemlos kreuzen können, gleicht vielerorts einem Bachbett und wird dann zu einem ausgesprochenen Felsweg, wobei die Tritt-Kalksteine von den Wanderern blank gescheuert und etwas glitschig sind. Rund 30 000 Menschen kommen pro Jahr hier vorbei. Besonders im unteren Teil sind die Trittsteine etwas mechanisch aufgeraut, so dass sie etwas griffiger sind. Auf jeden Fall ist bestes Schuhwerk nötig; bei Nässe ist höchste Vorsicht geboten. Und dabei wird man immer zum Umherschauen verleitet, zum Beispiel zum „Köpfli“, eine zerklüftete Gebirgsnadelspitze mit Tannen drauf, die sich selbstständig gemacht hat und auf die man hinunterschaut.
 
Die Route, die manchmal einer Naturtreppe mit verschieden hohen Stufen gleicht, steigt in 47 nummerierten Serpentinen in der Regel steil an; mit gelber Farbe ist an den Felsen gelegentlich die Höhenlage markiert. Neben dem unteren Teil sind herrliche Alpenblumenwiesen mit Gelbem Enzian, Blauem Eisenhut, Bergbaldrian usf. zu bewundern. Aber auch beim weiteren Aufstieg, z. B. über eine Lawinenrinne zwischen Karrenplanggen und dem Ostwand-Turm, sind immer Alpenblumendekorationen inbegriffen, so grüssen die Grosse Bibernelle, Alpen-Steinquendel, Gämswurz-Kreuzkraut und Glockenblumen. Oberhalb der „Rot Felsbarriere“ ist das rustikale „Steinig Bänkli“, das immer gut frequentiert ist. Man ruht sich gern einmal aus, verschnürt die Schuhe neu und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Wir haben gestaunt, wie viele Leute an diesem heissen Sommertag den stotzigen, schroffen Berg bewältigten und auch darüber, dass man sich beim Vorbeigehen immer freundlich grüsst und oft sogar ein nettes Wort wechselt, wie das in Schicksalsgemeinschaften üblich ist.
 
Ein Kapitel Geologie
Auf dem Bergweg lernt man nicht nur Menschen und Pflanzen, sondern auch die Geologie kennen. Im Buch „Die Mythen“ von Hans Steinegger finden sich ausgezeichnete Angaben dazu. Interessant ist, dass der an sich helle Kalkberg im Gipfelbereich eine markante Rotfärbung hat. Es handelt sich um verschieferte Mergelkalke, den so genannten Couches Rouges (rote Schicht) der Oberkreide. Die Rotfärbung geht auf fein verteiltes Eisenoxid (Rost) zurück.
 
Die Mythen stehen auf einer Unterlage von Flysch, das 70 bis 45 Mio. Jahre alt ist. Dieses Flysch besteht aus Schiefertonen, Mergeln und Kalken, entstanden aus Ablagerungsschutt der Alpen. Es neigt bei starker Wasserzufuhr gern zu Hangrutschungen, die an den Mythen oft zu beobachten sind. Die ältesten Schichten der Mythenklippe, bunte Mergel und Dolomite der Trias und dunkle Kieselkalke mit Silexknollen (Feuerstein) des Doggers aus der mittleren Jurazeit, bilden die Basis des Grossen Mythen. Darauf baut sich gegen 400 m hoch der silbergraue Malmriffkalk auf, der vor rund 150 Mio. Jahren im Flachmeer des Oberjura-Zeitalters entstanden ist. Er bildet im gesamten Mythenmassiv den Hauptteil der Masse. Darauf sitzt beim Grossen Mythen der erwähnte rötliche Mergelkalk. Das hat alles nichts mit einer Mythenbildung zu tun. Die bildgestalterische Leistung ist als gewaltig zu werten – und habe nach der Auftürmung auch nur die Erosion die Hand im Spiele gehabt.
 
Beim Wandern erlebt man den Wechsel vom roten zum weissen Gestein („Wyss Flue“). Bei der Kurve 37 kamen wir endlich an die schattige Nordflanke (bis Kurve 42 oberhalb „Rot Nollen“ beim Engibergerloch); plötzlich geniesst man die kühlere Luft intensiver als die Geologie. Bald kommt das Gipfelrestaurant mit den rot-weiss wellenförmig gestreiften Fensterläden sozusagen in Reichweite, und am Schluss ist man froh, endlich oben angekommen zu sein.
 
Als wir die zu Stein gewordene Bergmajestät erklommen hatten, war es zwischen 10 und 12 Uhr und damit fürchterlich heiss, so heiss, wie ich es dieser Höhenlage nicht zugetraut hätte, wohl über 25 °C. Die Sonne wollte die Südostwand oberhalb des Hasliwalds und uns offenbar grillieren; erst nach dem Queren des Nordostgrats wurde die Temperatur angenehmer. Zum Glück hatten Eva und ich Kopfbedeckungen aufgesetzt und genügend Tranksame mitgenommen. Ein uns begegnender Wanderer hatte eine Schlauchverbindung vom Mund in den Rucksack und nuckelte an dieser Leitung. Auf dem Gipfel ist ein Restaurant, das unter anderem Währschaftem wie Älplermakkaroni auch Rösti mit 2 Spiegeleiern für 22 CHF zubereitet.
 
Genau zum Zeitpunkt unserer Ankunft landete der blaue Helikopter „Samedan“ zentimetergenau auf einem oben abgeflachten Fels neben dem Toilettengebäude. Nur etwa 20 cm blieben den Landeschuhen des Hubschraubers bis zur Felskante: eine stolze Leistung, hier aufzusetzen.
 
Der Ausblick
Im beflaggten Restaurant-Kiosk mit Solaranlage kaufte ich das aufklappbare, plastifizierte und 3 Meter lange Mythen-Panorama, aufgenommen von Prof. Dr. Albert Heim (1848‒1937) für 26 CHF und hatte nun beim Genuss der leicht verschleierten Umgebung in all den Zweifelsfällen eine gute Bestimmungsgrundlage. Ein Servicemann sagte, man verkaufe das, um nicht immer wieder Touristenfragen nach diesem oder jenem Berg beantworten zu müssen. Rationalisierung ist alles.
 
Das Städtchen Schwyz direkt unter uns, das Vierwaldstättersee-Knie bei Brunnen und den links anschliessenden Urnersee, rechts davon die Rigi und den Pilatus hätte ich auch freihändig erkannt, und der Kettenjura im Hintergrund ist mir auch nicht ganz fremd, zumal ich dort meinen Wohnsitz habe. Lauerzer- und Zugersee kennt man ebenfalls. Doch zwischen diesen Wasserflächen und Erhebungen tauchen Spitzen auf, deren Identifikation mir Mühe machten. Selbst die Hohe Rone hinter den Kleinen Mythen hätte ich nicht ohne Weiteres erkannt, und der Ballon d’Alsace hinter dem Ross hätte ich bei aller Elsass-Begeisterung glatt übersehen. Das Grosse Schreckhorn, Jungfrau, Eiger, die Wallenstöcke, die Schwalmis und der Klevenstock, die zusammen mit einigen anderen von hier oben aus hinter dem Urnersee gelegen sind, hätte ich aus dem Stegreif nicht aufsagen können. Denn diese Fülle aus Spitzen, Rücken und Zwischentälern präsentiert sich je nach Standort immer wieder in anderen Formen und mit geänderten Perspektiven. Selbst die Mythen haben keine regelmässige geometrische Form; jede Seite sieht ganz anders aus.
 
Noch immer weiss ich nicht genau, ob man das Panorama einigermassen kennen muss, um es genüsslich überblicken zu können. Sicher verbessert eine Groborientierung im Gelände das Schauvergnügen. Wenn man weiss, dass man den Alpstein, den Glärnisch und bis zum Schwarzwald alles vor sich hat, dann erscheinen die Dimensionen grösser. Ein gutes erdkundliches Wissen verbessert eine umfassende Landschaftsbetrachtung um mehr als 26 CHF. Solch ein Erleben ist einem Kind oder einer unreifen Person nicht möglich. Sie sind auf die Nähe fixiert und verlieren sich im grossen Rahmen.
 
Ich habe mich an diesem Rundblick förmlich gesuhlt. Aus dem Talkessel zogen einige Quellwolken auf und an uns vorbei, die den blauen Himmel mit ausfransenden weissen Feldern anreicherten. Um bei dieser Lust den mythischen Kulminationspunkt zu erreichen, stieg ich, gefolgt von Eva, die vielleicht 3 bis 4 Meter noch ganz hinauf zum Gipfelkreuz mit seinen Blitzableitern, die einzige kleine Kletterpartie übrigens, die wir an diesem Tag zu bewältigen hatten. Während meine Frau als Bündnerin zwischen und auf den Gesteinsbrocken mit den Schründen eine Kostprobe ihrer Technik im federleichten Begehen schwierigen Geländes gab, die sie mit der Muttermilch in der Gegend des Parpaner Rothorns literweise eingesaugt hatte, machte ich mir die Sache wegen der herumbaumelnden Nikon-Kamera doch etwas komplizierter. Das trug mir dann den Spott ein, vom Grenadier sei auch nicht mehr viel zurückgeblieben. Ich trug den Tiefschlag in dieser Höhe mit Fassung. Doch wurde mir bewusst, dass man mit zunehmendem Alter – und jedes Alter ist eigentlich zunehmend, wie ich selber auch – schon etwas vorsichtiger wird.
 
Der Abstieg
Selbst beim Abstieg zur Holzegg, für den der Wanderwegweiser bescheidene 55 Minuten vorgibt, zog ich zur Erhöhung der Sicherheit die Handbremse an und brauchte anderthalb Stunden. Inbegriffen waren einige Aussichtshalte, die genauere Betrachtung u. a. des Gebiets Zwüschet Mythen (1356 m) und des Alpthals bis nach Einsiedeln SZ mit den scheusslichen Schanzen, die sich vom Konkurs wieder erholt zu haben scheinen und wo Skispringer wie Simon Ammann und Andreas Küttel üben können – nichts gegen diese liebenswürdigen Flieger. Die Anlage steht wie eine Seelenabschussrampe in der Landschaft. Sie weist nach oben und führt nach unten.
 
Auf dem sonnenbeschirmten Vorplatz des Berggasthauses bei der oberen Seilbahnstation Holzegg kühlten wir uns mit einem Eiskaffee ab. Dem Kellner war es offenbar lästig, bei dieser Hitze Gästewünsche erfüllen zu müssen, und er achtete darauf, dass ihm seine schlechte Laune erhalten blieb und nicht durch eine lockere Bemerkung zerstört wurde.
 
Wir statteten noch der heimeligen, auf ein Steinfundament gebauten, hölzernen Bruder-Klaus-Kapelle Holzegg einen Besuch ab. Sie war verriegelt. Nicht einmal der Ländlermusiker Carlo Brunner war da, der uns sein Stück „Bim Domintsch uf de Holzegg“ hätte vorspielen können – auch ein Domintsch (Name) war weit und breit nicht aufzutreiben (dafür habe ich kurz darauf in Schwyz den Sepp Trütsch getroffen, worüber noch zu berichten sein wird). Immerhin genossen wir die gegebene Einsiedler-Stimmung auf einer zwischen Felsbrocken eingeklemmten und abgestützten Bank unter einer Schatten werfenden Tanne, eine würdevolle Ruhe.
 
Über Einsiedeln und Rothenthurm fuhren wir nach Schwyz, um die Mythen, die uns von hier aus noch viel höher erschienen, noch einmal von unten zu betrachten, stolz auf unsere alpinistische Wanderleistung. In Schwyz sollten wir die denkbar freundlichsten Menschen kennen lernen.
 
Ein Bericht dazu folgt.
 
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