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BLOG vom 08.11.2009


Der Rummel beginnt: Wie man Weihnachten überlebt
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ich habe nichts gegen das Weihnachtsfest, wie es einst gepflegt wurde. Als Bube schmückte ich den kleinen Tannenbaum. Diesen Brauch haben wir an unsere Söhne weitergegeben. Liebevoll verpackt lagen die Geschenke unterm Baum ausgebreitet, worunter immer wieder viele Bücher, denn für Socken hatte ich wenig übrig. Während vieler  Jahren gehörte Hausmusik mit zum Fest, denn es macht sich schlecht, sich wie die Wilden direkt auf die Geschenke zu stürzen. Sorgfältig wurden die Geschenke aus dem bunten Weihnachtspapier gelöst, dieses wurde gefaltet und gestapelt. Weihnachten blieb und bleibt für uns ein Familienfest.
 
Heute, jedoch unter Merkurs Knute, hat der Einkaufsrummel der Oxford Street entlang ernsthaft, nein unbesonnen, begonnen. Der Konsument steht Schlange vor den Kassen und wird ausfällig gegen das Verkaufspersonal. Heute kaufen die Leute vorwiegend teure „gadgets“, Computerspiele, das neueste Handymodell, Laptops, Fernsehapparate. Polstergruppen ersetzen jene, die vor dem Fernseher ausgesessen wurden. Genug der Aufzählung. Solange es viel kostet … Selbst während der Rezession, oder eben deswegen, wird das Bankkonto heftig überzogen. Geldverschwendung ist zum Ritual, wenn nicht gar zum Racheakt ausgeartet. Das schwache Pfund lockt Touristenströme herbei. Bösartig gesagt, ist Weihnachten zum Katarakt der Massenverdummung geworden.
 
Bin ich zum Spielverderber oder ein Feigling geworden, weil ich die Einkaufsarkaden durchs ganze Jahr meide, die Burlington Arcade ausgenommen? Die Auslagen der Spezialgeschäfte beschaue ich mir recht gern. Allenfalls kaufe ich in einer Schreibwarenhandlung einen Satz Bleistiftminen … Gutes Papier benutze ich zum Ausdruck meiner Texte. Für Entwürfe habe ich einen Stoss Makulatur immer griffbereit neben meinem Pult. Damit will nicht besagt sein, dass ich ein „Scrooge“ (ein Geizhals) bin. Eigentlich habe ich Weihnachten durchs ganze Jahr, wenn immer ich einen guten Druck oder ein antiquarisches Buch kaufe. So ein Egoist: Er beschenkt sich selbst! Ja und nein. Verschiedene Silberschälchen und andere „Nippes“ bezeugen, dass ich auch gern verschenke, Geld mit inbegriffen.
 
Letzteres ersetzt mir die einst von der Panik getriebenen Geschenkeinkäufe im allerletzten Moment. Ich bin zufrieden und meine Familienmitglieder ebenfalls, denn sie wissen viel besser als ich, was ihnen Freude macht.
 
Eher in der Faulheit als im Umweltschutz verankert, kaufe ich seit Jahren keine Weihnachtsbäume mehr, die schon nach wenigen Tagen ihre Nadeln fallen lassen und den Staubsauger in Betrieb setzen. Stattdessen schneide ich etliche Tannenäste und anderes dekorative Immergrün im Garten und stecke sie in grosse Vasen. Dieser Schmuck duftet angenehmen.
 
An Kerzenständern fehlt es in unserem Haushalt nicht. Es macht mir Freude, jedes Jahr einige aus meiner Sammlung zur Ehre des Festes zu wählen. Schallplatten, die Weihnachten klanglich bereichern, liegen auf und werden nach Lust und Laune aufgelegt. Die inzwischen längst erwachsen gewordene Jungmannschaft schiebt dabei immer gern ihre klanglich anders geartete „Wunschkonzerte“ in Form von DVDs vor. Das verarge ich ihnen nicht, ganz im Gegenteil, es freut mich.
 
Als Festmenü geniesse ich am liebsten Hausmannskost, etwa einen Braten, mit Bratkartoffeln und Saisongemüse garniert. Ein Apéritif (für mich ein Campari oder Kir), gefolgt von gutem Wein, gehört mit zum Festschmaus. Und wenn es Not tut, ein Digestif, vielleicht ein Basler oder Zuger Kirsch, nachher. Lily trinkt keinen Alkohol. Als Perserin geniesst sie Obst, das in einer Schale uns allen aufwartet. Nüsse ebenfalls.
 
Manchmal regt sich in mir in der Vorweihnachtszeit ein Fluchtgedanken: Weg von hier in ein Sonnenland. Doch die Vernunft siegt immer wieder. Dort wimmelt es von Touristen. Unterm Regenschirm ist es mir wohler als unterm Sonnenschirm.
 
Und was ist das Allerschönste an Weihnachten? Sie geht vorbei. Nichts übertrifft mein Alltagsleben. Wie ablesbar ist das Thema „Wie man Weihnachten überlebt“ auf mich zugeschnitten. Berate sich jeder selbst, wie er Weihnachten geniessen möge.
 
Was fasele ich da über Weihnachten? Das Thema ist anfangs November viel zu früh aufgegriffen.
 
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