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BLOG vom 15.11.2009


Londoner Charity Shops: Geschäfte mit der Wohlfahrt
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Jetzt kommt in London wieder die gnadenbringende, doch zeitlich beschränkte Zeit, um die Charity Shops (Wohlfahrtsläden) zu unterstützen. Die vielen Obdachlosen, worunter überraschend viele Jugendliche, kriegen – wiederum zeitlich befristet – Unterkunft, Kleider und Nahrung.
 
An allen Ecken wird für wohltätige Zwecke gesammelt. Mehr und mehr Wohlfahrtsorganisationen entstehen und beziehen vorübergehend und rezessionsbedingt vakant gewordene Läden. Abertausende solcher Läden gibt es in London, von Oxfam, Age Concern, Barnardo’s, British Heart Foundation, Cancer Charities und vielen anderen besetzt. Viele sind kostenaufwendig zu „Boutiques“ umgestaltet worden.
 
Schon seit langem vermutete ich, dass aus der Wohlfahrt ein Riesengeschäft geworden ist. In den Läden werden mehr und mehr billige Ladenhüter abgestossen: Kleider und Schuhe aus 2. Hand, Taschenbücher, Glückwunschkarten, Schallplatten, Videos, Geschirr usw. Aber die von den Spendern geschenkte Ware, worunter hin und wieder Schmuck und Antiquitäten, wird im vornherein aussortiert. Gute Stücke bestücken diese Läden nicht mehr wie einst. Sie werden auf Ganten und Auktionen verflüssigt. Dagegen gibt es gewiss nichts einzuwenden.
 
Kürzlich aber mehrten sich kritische Stimmen in der Presse gegenüber der heutigen, kommerzialisierten Wohlfahrt. Wie viel des Einkommens wird von der Administration aufgezehrt? 6 Pence nur pro Karte zu je £ 1 fliesst den gemeinnützigen Zwecken zu. Mit Sammelbüchsen rempeln Volontäre fortwährend Passanten auf der Strasse an. Sie werden als „charity muggers“ bezeichnet. Viele geben vor, für wohltätige Organisationen zu sammeln, und bereichern sich auf Kosten der Spender, die um diese Jahreszeit willig in die Tasche greifen. Wie viel jene, die wirklich für eine Charity sammeln, abliefern, ist eine offene Frage.
 
Die Leiter mancher der obengenannten Wohlfahrtsorganisation kriegen Spitzengehälter in 6-stelligen Zahlen, also jährlich über £ 100 000! Im krassen Gegensatz bekommt das Verkaufspersonal in den Läden nichts. Als Pensionierte leisten sie die Arbeit freiwillig und sind froh, unter die Leute zu kommen. Ihr Lohn ist, dass sie dort in der Wärme plaudern und sich dann und wann eine Tasse Tee brauen dürfen.
 
Während der Tsunami-Katstrophe wurden Riesensummen spendiert. Wie viel Geld davon erreichten die Katastrophen-Opfer? Die internationale Katastrophen-Hilfe, scheint mir, ist undurchsichtig und bedürfte der Nachforschung.
 
So wird im Grossen und Kleinen, sanft gesagt, viel gemogelt. Natürlich gibt auch die meistens kleineren Wohlfahrtsorganisationen, die viel Not lindern helfen, abseits des kommerziellen Rummels.
 
Tagtäglich bringt uns die Post Bettelbriefe von Charities. Bis auf wenige Ausnahmen gehen sie mit dem Vermerk „return to sender“ – zurück an den Absender. Meine Frau hat ein weiches Herz und gibt immer wieder Almosen an Obdachlose und andere Bedürftige. Meine Gaben gehen meistens an Strassenmusikanten. So kriegen von uns alle etwas, aber auf das Füttern von aufgeblähten Administrationen verzichten wir.
 
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