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BLOG vom 21.11.2009


Bienenkunde-Museum: Begattungskästen und Strohstülper
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Schützt die Bienen! Bienen sind nützlich!
Sie leisten hochqualifizierte Bestäubungsarbeit.
Dass die Erde blüht und fruchtet, verdanken wir ihnen.
Bienen liefern Honig, Pollen, Propolis und Gelée Royal.
Sie schaffen Milliardenwerte für die Volkswirtschaft.
Bienen bieten wundervolle Einblicke in Naturvorgänge.
Sie helfen mit, eine gesunde Umwelt zu erhalten.“
 
(Inschrift auf einer Tafel des Bienenkunde-Museums Münstertal)
*
Am 14.11.2009 fuhr ich mit meinem Wanderfreund Ewald nach Münstertal, um das dortige Bienenkunde-Museum zu besichtigen. Um dorthin zu kommen, wählte ich nach meiner Ansicht den kürzesten Weg von Schopfheim über Neuenweg nach Münstertal. Nach Neuenweg war jedoch die Abfahrt wegen Strassenarbeiten gesperrt. Wohl oder übel mussten wir 25 km Umweg über Müllheim und Staufen fahren. Wir brauchten für die 65 km lange Strecke etwa 75 Minuten. So schlau wie wir sind, wählten wir den Rückweg über das Wiedner Eck nach Schönau und von dort nach Schopfheim. Aber auch hier war eine Umleitung wegen der Teilvollsperrung von Atzenbach nach Fröhnd. An diesem Wochenende waren nämlich Belagarbeiten auf der B 317 im Gange. Das wussten wir aus der Zeitung, dachten aber, die Umleitung werde wohl nicht so lang sein. Aber auch hier mussten wir eine Irrfahrt über einige Dörfer (Hof, Ittenschwand, Kastel, Oberhepschingen) machen. Zum Glück fuhr an einer Wegkreuzung in Niederhepschingen ein Bus mit dem Leuchtband „Schönau – Zell“ auf der Frontseite in Richtung Tal. Dies war ein Glück für uns, denn den Schleichweg ins Tal hätten wir bei Dunkelheit und strömenden Regen niemals gefunden. Die schmale Strasse war nur für den Linienverkehr freigegeben. Aber wir fuhren hinter dem Bus her. Dort erreichten wir tatsächlich die freie Strecke nach Schopfheim. Die 45 km bewältigten wir in genau 1 Stunde Fahrtzeit.
 
Da es schon bei unserer Ankunft im Münstertal und im gleichnamigen Ort leicht zu regnen anfing, konnten wir nicht viel von einem der schönsten Schwarzwaldtäler sehen. Dieses zauberhafte Tal ist eingebettet zwischen dem Belchen (1414 m  ü. M.) und Freiburgs Hausberg Schauinsland (1284 m ü. M.).
 
In diesem Tal sieht man viele Schwarzwaldhöfe mit ihrem typischen Walmdach und der „Hocheinfahrt“. Markantestes Bauwerk ist die Klosteranlage St. Trudpert. Dieses Kloster entstand um 800 zu Ehren des heilig gesprochenen Trudpert. Bis zur Säkularisierung im Jahr 1806 war dieses Benediktinerkloster nicht nur kultureller Mittelpunkt des Tales, sondern auch Ausgangspunkt der Christianisierung im Südschwarzwald (www.kloster-st-trudpert.de).
 
Weltweit einzigartig
Aber an diesem trüben Tag hatten wir kein Auge für die Schönheiten des Tals, der Berge und des imposanten Klosters. Wir fuhren am Kloster vorbei zum Ortsteil Spielweg. Hier befindet sich das Bienenkunde-Museum, das 1976 anlässlich des 75-Jahre-Jubiläums des Imkervereins Münstertal e. V. gegründet worden war (www.bienenkundemuseum.de). Hauptinitiator und Motor war der in Imkerkreisen sehr bekannte Imkermeister Karl Pfefferle (1918‒2009). Leider verstarb er am 24.10.2009 im 91. Lebensjahr.
 
Wir lösten die Eintrittskarte für 2,50 Euro und sahen uns die Exponate in den 12 Räumen an. Zurzeit sind in den Räumen auf 800 m2 über 1500 Schaustücke – Originale und Unikate – aus vielen Ländern dieser Erde ausgestellt. Es ist eines der grössten Museen dieser Art auf der Welt. Man kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, was uns hier geboten wird. Hier einige Höhepunkte: In vielen Schautafeln wird die Beziehung des Menschen zum Nutztier Biene von der Steinzeit bis heute dargestellt. Man erfährt auch viele Dinge über die Honiggewinnung und auch über die Wunderwelt der Biene. Aber lassen wir den Rundgang Revue passieren (ich werde mich auf wenige Besonderheiten konzentrieren):
 
Klotzbeuten und Alemannischer Rumpf
In Raum 1 sahen wir Klotzbeuten und einen Alemannischen Rumpf. Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Klotzbeuten sind Baumstämme mit ausgesägten Hohlräumen; sie wurden in Hausnähe aufgestellt. Mit den Klotzbeuten begann die Hausbienenzucht. Später folgten andere Bienenbehausungen wie der Alemannische Rumpf. Es handelt sich hier um einen runden, niedrigen bauchigen Korb („Rumpf“ genannt). Dieser wurde meistens an der Sonnenseite eines Schwarzwaldhauses unter dem vorspringenden, schützenden Dach aufgestellt.
 
Bienenbehausungen wurden in anderen Regionen anders gestaltet. So finden wir Körbe aus biegsamen Ruten (Rutenstülper) oder Stroh (Strohstülper). Zu sehen waren auch Korkeichenröhren, die in Afrika in Bäumen befestigt werden. Bienenbehausungen wurden sogar in Figurenstöcke eingebaut. So wurde in Polen eine Heiligenfigur zweckentfremdet. Das Flugloch befindet sich zwischen den Händen, während man auf der Rückseite Arbeiten am Bienenstock durchführen kann.
 
In einer Glasvitrine ist der „Wildbau“ eines Bienenschwarms ausgestellt. Der Wildbau befand sich im Geäst eines Zwetschgenbaumes. Die Verformungen am Bau entstanden durch Witterungseinflüsse (Sonne, Regen, Hagel, Wind). „Das ungeschützte Volk wurde schliesslich Opfer des hereinbrechenden Winters. Der Honigvorrat den es gesammelt hatte, wäre für eine gute Überwinterung ausreichend gewesen“, war zu lesen.
 
Auf einer grossen Wandtafel im Treppenhaus sind die unterschiedlichen Formen der alten Bienenbehausungen in Mitteleuropa dargestellt. Im Raum 1 ist ferner eine zirka 50 Millionen Jahre alte, in Bernstein eingeschlossene Urbiene unter einer Lupe anzusehen.
 
Bienenstaat ist ein Weibervolk
Wie wir sehen werden, ist der Bienenstaat ein Weibervolk. „Hier schwingen die Frauen das Zepter“, wie in einer Publikation über Imker und Bienen im Dreisamtal und Schwarzwald von Sigrid Umiger zu lesen war. Aber durchschreiten wir zuerst den Raum 2: Hier ist eine lange Portraitgalerie mit den Imker-Persönlichkeiten dargestellt. Zu sehen sind aber auch gemalte Panoramabilder über die Münsterländer Heimatkunde und Fakten zur Betriebsweise des Imkers. Sehr interessant fand ich Hinweise zur Biologie der Biene in Raum 3. So erfuhren wir Wichtiges über die Königin, Arbeitsbienen und Drohnen. Die Königin legt ja die Eier für alle Stockbewohner und wird bis zu 5 Jahre alt. Die rund 50 000 weiblichen Arbeitsbienen, die im Sommer nur etwa 6 Wochen und in der brutlosen Winterzeit etwa 7 Monate alt werden, sind fleissige Blütenbesucher. Bei jedem Anflug sucht die Arbeitsbiene bis 100 Blüten auf. Bei 40 Ausflügen pro Tag sind das 4000 und bei 10 000 Sammlerinnen zirka 40 Millionen Blütenbesuche pro Volk und Tag. Für 1 kg Honig ist die Lebensarbeit von 350 bis 1000 Bienen notwendig. Im Laufe ihres Lebens legt eine Biene etwa 8000 km zurück. Eine unglaubliche Leistung.
 
Und was machen die männlichen Bienen, die Drohnen?
Die einzige Aufgabe der Drohnen ist das Ausfliegen bei schönem Wetter und die Begattung. Wenn sie fliegen, befinden sie sich auf „Brautschau“ und begatten die Königinnen. Im Volksmund wurde der Ausdruck „Drohnendasein“ geboren, was soviel wie süsses Nichtstun bedeutet. Aber Achtung! Die Drohnen sind arm dran: Drohnen, die zur Begattung gelangen, sterben beim Begattungsakt in der Luft. Die Drohnen, die bei der Begattung nicht zum Zuge kamen, werden im Herbst als unnütze Fresser in der „Drohnenschlacht“ erledigt oder aus dem Volk geworfen. Undankbares Weibervolk, dachte ich und war froh, dass ich keine Drohne bin. Leider können sich die Drohnen gegen die grausame Tat der Weibchen nicht wehren. Die Bienen-Männer besitzen keinen Giftstachel. Typisch Mann.
 
In einem Stock können mehrere Hundert bis Tausend von Drohnen  ihr Dasein fristen. Aber die Bienenfrauen und die Königin haben es auch nicht leicht. „Bienenfrauen haben nur die Wahl zwischen Sklavenarbeit und massenhafter Eiablage“, gab Sigrid Umiger bekannt.
 
Im Raum 4 befindet sich das Raritätenkabinett Antike und Mittelmeer (griechische Honigtöpfe, Rauchfangstöcke, Tonröhrenbeuten von den Kykladen und aus Griechenland, Ägypten und Marokko, verschiedene Rauchgeräte). Raum 5 ist dem Imker Wilhelm Wankler (1855-1929) und seiner Königinnenzucht gewidmet. Er gründete zusammen mit Karl Pfefferle (1861-1934) den Imkerverein Münstertal.
 
In dem Raum ist ein Beobachtungsstock mit lebenden Bienen zu sehen. Mittels Riegel konnten die Besucher die Klappen auf beiden Seiten öffnen und die herumkrabbelnden Bienen und die Bienenkönigin, die mit einem grünen Markierungspunkt versehen war, beobachten. Ein Schild am Stock wies die Besucher daraufhin, dass man die Klappen nicht zu lange geöffnet halten und gleich wieder veschliessen solle, um den Wärmehaushalt in der Bienenbehausung nicht zu verändern.
 
Begattungskästen
Der Raum 6 bietet einen guten Einblick in die moderne Königinnenzucht. Da waren Begattungskisten wie zum Beispiel das „Badner Hochzeitskastl“, das Begattungs- und Jungvolkkästchen „Ruck-Zuck“ nach Pfefferle zu sehen. Sensationelle Fotos von „Hochzeitsflügen“ der Königin und dem Paarungsakt waren über den Kästen zu bewundern. Solche Fotos sah ich zum ersten Mal.
 
Eine Tafel informierte, was aus den befruchteten und unbefruchteten Eiern geschieht. Aus den befruchteten Eiern (aus den Eiern schlüpfen Larven, die aussehen wie kleine Würmchen) wachsen stets weibliche Wesen heran, während aus den unbefruchteten die Drohnen schlüpfen. Aus den weiblichen Eiern entstehen Arbeitsbienen. Setzt man ein solches Ei in ein Weiselzäpfchen, entsteht eine „Schwarmzelle“ in der eine junge Königin heranwächst.
 
Im „Museumsführer“ (an der Kasse für 2 Euro erhältlich) ist dies zu lesen: „Ebenso können die Bienen beim Verlust der Stockmutter aus jeder weiblichen Larve eine Königin nachziehen, wenn diese nicht älter als 3 Tage ist. Die ausgewählte Larven bekommen reichlich Futtersaft (Gelee Royale), und die Zelle wird aus der Brutfläche heraus nach unten gezogen. Man nennt sie daher ,Nachschaffungszelle’. Die Erkenntnis, dass aus jedem weiblichen Ei auch eine Königin erzeugt werden kann, ist die Grundlage der modernen künstlichen Königinnenzucht. Sie ist notwendig, weil der Imker das Schwärmen verhindert und die Königinnen meistens nur 2 Lebensjahre voll leistungsfähig sind. Der Imker bettet daher jüngste Larven zum Zwecke der Aufzucht von Königinnen in künstliche Weiselnäpfchen um. Diesen Vorgang nennt man das „Umlarven“.
 
In Raum 7 waren ältere Kastentypen zu sehen, und in Raum 8 konnte sich der wissbegierige Besucher Infos über den Honig besorgen. Der Raum 9 war den weiteren Honigprodukten Pollen, Propolis, Gelee Royale und Bienengift gewidmet. Über diese Produkte werde ich in einem weiteren Blog berichten. In den letzten Räumen wurde das Imkerjahr vorgestellt und in einem Videoraum ein Film über das Bienenleben gezeigt.
 
Auch für Mineralienfreunde bietet das Museum etwas. In einem Raum ist eine Sammlung von Mineralien aus den früheren Bergwerken der Umgebung zu sehen.
 
Riesentanne und ein Wanderwagen
Im Freigelände vor dem Museum sind einige interessante Objekte zu sehen. Wenn man das Museum verlässt, ist auf der linken Seite des Vorplatzes ein 3 Tonnen schwerer alter Bienen-Wanderwagen von 1895 abgestellt. Der eisenbereifte Wagen war für die Bespannung mit 2 und 4 Pferden eingerichtet. Später wurde er umgerüstet zum Vorspannen einer Zugmaschine. Auf diesem Wagen konnten bis zu 42 Völker (oder 28 Grossvölker) in Kästen untergebracht werden. Mit diesem Wagen fuhren die Imker zu den blütenreichen Plätzen zwischen Rheintal, Vorbergzone und Schwarzwald und stellten ihn dort auf. Der Wagen wurde von Adolf Sütterlin aus Wollbach gestiftet.
 
In der Mitte des Vorplatzes steht eine Baumscheibe einer Riesen-Tanne aus dem Schwarzwald. Sie wuchs schon zu Napoleons Zeiten. Ein Blitzschlag beendete nach fast 200 Jahren ihr Wachstum. Die 42 m hohe Tanne musste 1980 gefällt werden. Sie brachte rund 25 Kubikmeter Nutzholz. Es ist eine Spende von Heiner Reichenbach vom Bürlehof im Glottertal.
 
Der mächtige Stamm einer etwa 700 Jahre alten Linde war rechts auf dem Vorplatz zu sehen. Der mächtige Baum musste im Jahre 2000 gefällt werden. Die Äste der Linde wurden unter dem Einfluss der Benediktinermönche der Abtei St. Trudpert in Kreuzform gezogen.
 
Der Imkerverein Münstertal hat sich sehr bemüht, den unteren Teil des Stamms, der mit seinen Hohlräumen als Schutz- und Nistplatz von Bienenschwärmen genutzt wurde, zu erhalten. Der Stamm ist russgeschwärzt. Es war ein Feuer in der Nacht am 27.03.2003, welches das überdachte Naturdenkmal mit dem Lindenstock zerstörte bzw. ansengte.
 
Kleines Fazit
Es war für mich ein sehr informativer und interessanter Rundgang durch das einmalige Museum mit seinen vielen Exponaten aus aller Welt. Es vermittelte mir tiefe Einblicke ins Leben der Bienen und in komplizierte Naturvorgänge.
 
Dies wurde mir klar: Die Biene leistet nicht nur einen wertvollen Beitrag für die Volkswirtschaft als Blütenbefruchterin und Honigerzeugerin, sondern hilft auch mit, eine gesunde Umwelt zu erhalten.
 
„Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch 4 Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“
(Albert Einstein)
 
Anmerkung: Verhungern würden wir jedoch nicht, da viele Nutzpflanzen wie Weizen, Reis und Mais, nicht auf Insektenbestäubung angewiesen sind. Der französische Bienenforscher Bernard de Vaissière hat 2005 berechnet, dass die Bienen 153 Milliarden Euro, das ist 9,5 % der Weltagrarproduktion an Lebensmitteln, jährlich erarbeiten.
 
Anhang: Schlaue Sprüche über Bienen
 
Wer den Honig liebt, darf den Stachel nicht scheuen.
 
Die Bienen sind gar nicht so fleissig, wie wir glauben. Sie können nur nicht langsamer fliegen.
 
Die Geizigen sind mit den Bienen zu vergleichen. Sie arbeiten, als ob sie ewig leben würden. (Dies könnte man auch auf bestimmte Menschen beziehen!)
 
Bevor Du den Pfeil der Wahrheit abschiesst, tauche die Spitze in Honig.
 
Alte Zeiten waren selten Honigschlecken.
 
Freundliche Worte sind wie Honig: Süss für den Gaumen und gesund für den ganzen Körper.
 
Weitere Sprüche unter www.taurachsoft.at  und www.immenkorf.de/humor.htm
 
Öffnungszeiten des Museums
Das Museum ist ganzjährig geöffnet.
Mittwoch, Samstag und Sonntag und an allen Feiertagen von 14 bis 17 Uhr. Ausser diesen Zeiten können für Vereine, Gruppen und Schulen Sonderführungen vereinbart werden.
Anmeldungen an die Kurverwaltung D-79244 Münstertal, Tel. 07636 707-30 oder 40.
 
Internet
 
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