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BLOG vom 24.02.2005


Andere Sprachen, andere Sitten und das Übersetzen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London

Ich bin es mir gewohnt, aus Deutschland langatmige deutsche Texte zu erhalten, mit der Bitte, diese ins Englische zu übersetzen. Dabei geht es meistens um Angebote unserer Dienstleistungen im Fachbereich Lebensmittel.

Mein englischer Text ist in der Regel um ein Drittel kürzer. Der Deutsche drückt sich sehr präzise und wortgewaltig aus. Das erdrückt die Aussagekraft. Sprachschablonen und Vorreiter werden eingeschoben – Fossilien aus dem Beamtendeutsch. Denglisch sucht den Text wie eine Seuche heim.

Dazu ein Beispiel: „So darf zweifelsfrei gesehen werden, dass die Akquisition der Unternehmung X durch XX eine sehr konsequente strategische Ausrichtung unterstreicht, welche sowohl den Zugang zum Retailmarkt als auch Foodservicemarkt für XX direkt ermöglicht hat.“ Ich habe diesen Satz beim Wickel genommen und geschrieben: „We refer to the acquisition of X by XX as a particularly effective strategic vehicle to access distribution.” 

Mit etwas Sprachmut übertrifft unsere deutsche Sprache das Englische. Sie ist wendiger im Satzbau. Nicht umsonst ist Deutsch die Sprache der Dichter und Denker. Als Aphoristiker spiele ich gerne, um einen Gedanken zu straffen: „Masse messen mässig – mittelmässig“. Kurzformen, ich nenne sie Kürzel, erlauben uns viele Wortballungen zu entblähen. Die Sprachkuh lässt einen Fladen fallen ...

Als Sprachpapst bin ich ungeeignet. Immer wieder suche ich Rat in Ludwig ReinersStilfibel“, schlage bei Eduard Engel nach und erfreue mich der gediegen gehandhabten Sprache im „Textatelier.com“. Die Schriftsteller haben mein Sprachgarn eingefärbt.

Sprachsitten? Unsitten vielmehr! Die Sprache, gleich welcher Zunge, ist verwahrlost.

Heinz Scholz wirft im Blog vom 24.02.2005 die Frage auf: „Stirbt das Deutsch aus?“

Ich sage dazu: Das Englische ist ebenfalls bedroht. Der verkümmerte Sprachschatz ist auf Dreckausdrücke beschränkt, besonders F... Besseres Englisch erscheint wieder aus ganz unerwarteter Richtung – aus den ethnischen Nischen. Die zweite oder dritte Generation der Einwanderer legt Wert auf Bildung und poliert die Sprache wieder auf. Viele von ihnen sind mehrsprachig. So kommen wir langsam aber sicher wieder auf eine anständige Sprachebene – die Grundlage für die Kunst des Übersetzens.

Jetzt kann ich die losen Gedankenfäden aufgreifen und ins Thema einbringen:

Gepflegte Sprachen teilen die gleichen Sitten, lausige die gleichen Unsitten.

Jede Sprache hat ihre Eigenarten, ist von der Mentalität/Denkart geprägt.

Die Kunst des Übersetzens erfordert zweierlei: vertieftes Verständnis der Mentalität, Beherrschung der eigenen Sprache und der Zielsprache.

Jede Sprache kann straff gehandhabt werden. Das frischt die Aussage auf.

Die Sprache lebt vom Mut über die eng gesetzten Grenzen des „Duden“, „Larousse“ und „Oxford“ hinweg.

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