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BLOG vom 04.07.2010


Pharma: Mehr Werbung als Fortschritt trotz blinder Mäuse
Autorin: Lislott Pfaff, Schriftstellerin, Liestal BL/CH
 
Ich habe den nachstehenden Text als gekürzte Fassung eines Artikels von Bojan Stula im „Sonntag“ vom 27.06.10 übernommen und unter dem Zwischentitel „Ausgeblendete Versuchstiere“ meine eigenen Gedanken dazu angefügt.
* 
Gemessen am weltweiten Jahresumsatz der Pharmabranche von rund 800 Milliarden Dollar, so der Mediziner und Fachpublizist Etzel Gysling im schweizerischen „PharmaJournal“, fliesse bei den Basler Pharmariesen nur ein Bruchteil ihres Umsatzes in die Erforschung neuer Wirkstoffe, dafür umso mehr in Werbung und Marketing. Erstaunlich wenig innovative Medikamente seien auf dem Markt lanciert worden, „einige neue Chemotherapeutika, dazu verschiedene Antidiabetika“, für die „noch kein Nutzen“ nachgewiesen werden könne, so Gysling.
 
Gysling weiter: Die meisten übrigen Neueinführungen seien Weiterentwicklungen bekannter Strukturen und Wirkungsprinzipien. Diese dienten „weniger den kranken Menschen als vielmehr dem Erhalt von Marktdominanz“. Angesichts des jährlichen Umsatzzuwachses von 5–12 % müssten die Forschungserfolge von Novartis und Roche als „kleiner Schritt für die Patienten und Riesensprung für die Industrie“ bezeichnet werden.
 
Der „Kassensturz“ zitierte kürzlich eine Studie aus Deutschland, wonach die Pharmabranche systematisch negative Forschungsergebnisse unter Verschluss hält, nur teilweise publiziert (Beispiel: Tamiflu) oder sie beschönigt. Im Buch „Die Spritze zuviel“ (Catherine Riva und Jean-Pierre Spinosa) wird behauptet, dass die Einführung von Gardasil (Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs) von den Herstellern Merck und Sanofi-Aventis als gigantischer Marketing-Coup inszeniert wurde, ohne Nachweis der Wirksamkeit des neuen Impfstoffs. Der Kantonsapotheker von Neuenburg kritisiert im „PharmaJournal“: „Man kann sich fragen, warum neue Produkte auf den Markt gebracht und bei Fachleuten intensiv beworben werden, aber einige Jahre später wegen schwerer Nebenwirkungen wieder aus dem Verkehr gezogen werden. Dies ohne Folgen für die Hersteller, denn diese müssen nicht einmal einen Teil ihrer Einnahmen zurückzahlen.“ So wurde 2009 das Medikament Raptiva gegen Schuppenflechte des US-Herstellers Merck wegen mehrerer Todesfälle von der schweizerischen Zulassungsbehörde Swissmedic vom Markt zurückgezogen.
 
Der Mediziner Gysling findet, Fortbildungs-Veranstaltungen für Apotheker und Ärzte wären ideal, um die unerwünschten Nebenwirkungen neuer Medikamente zu thematisieren. Da aber fast jede dieser Veranstaltungen von der Pharmaindustrie gesponsert sei, werde dort über neue Substanzen vorwiegend positiv berichtet. Auch bestehe ein enger Zusammenhang zwischen Themenauswahl und Markteinführung neuer Medikamente. So werde die für Ärzte vorgeschriebene Fortbildung von den Pharmaunternehmen für die Propagierung neuer Medikamente missbraucht.
 
Ausgeblendete Versuchstiere
Die vorangehende Kritik an der Pharmaindustrie ist zwar aufschlussreich und notwendig. Aber was im obigen Artikel leider verschwiegen wird, ist die Investition von tierischem Leben für die Erforschung nutzloser neuer Medikamente zum „Erhalt der Marktdominanz“, wie der Neuenburger Kantonsapotheker mit Recht sagte. Allein in Basel werden von Novartis, Roche und von der pharmaabhängigen Universität über 200 000 Versuchstiere im Jahr gequält, geängstigt und schliesslich getötet. Für Pillen, Pülverli und Tröpfli, die anschliessend bei den Patienten, die das Zeug schlucken, schwere Nebenwirkungen, ja sogar Todesfälle hervorrufen. Da kann man sich wirklich fragen: Worin liegt der Sinn dieses unaufhörlichen Massakers?
 
Der „Global Animal Welfare Officer“ (was für eine Blasphemie!) von Novartis, Paul Herrling, beantwortete diese Frage in einem Interview wie folgt: „Versuche am lebenden Tier sind für Novartis existenziell, um zu den führenden Pharmakonzernen der Welt zu gehören.“ (live 11/07) Wohlverstanden: Nicht, um den Patienten zu helfen, werden bei Novartis Massen von Labortieren brutal ihres Lebensrechts beraubt, sondern, um die Marktposition des Unternehmens zu halten und wenn möglich zu verbessern. Dabei muss man wissen, dass das Tier im Vergleich beispielsweise zur virtuellen Forschung am Computerbildschirm immer noch das billigste Experimentierobjekt ist. Kein Wunder, fällt das Resultat der Tierversuche ebenso billig aus: erbärmlich und oft sogar gefährlich für den Menschen. Da kann wirklich nur noch viel – betrügerische – Werbung weiterhelfen …
 
„Mäuse sehen wieder“ (Quelle: Basellandschaftliche Zeitung)
Zur Erhellung möge ein aktuelles Beispiel dienen: Eine Forschergruppe des zur Novartis gehörenden Basler Friedrich Miescher Instituts (FMI) habe eine Gentherapie entwickelt, die blinden Mäusen ihr Sehvermögen zurückgibt, steht in einem Pressecommuniqué, das von der „bz“ am 28.06.2010 publiziert wurde. Wohlverstanden: blinden Mäusen, nicht etwa blinden Menschen … Und ihre Blindheit haben diese Labormäuse nicht etwa geerbt, sondern sie wurde ihnen mit toxischen Substanzen zugefügt. Die dadurch entstandene Netzhautablösung ist also ganz anderer Natur als beim Menschen, wo diese Erkrankung meist vererbt wird.
 
Was sollen also solche tierexperimentellen Spielereien, obwohl dieselben Forscher an Zellkulturen, die notabene vom Menschen stammen, nachweisen konnten, dass ihre Gentherapie auch beim Menschen wirksam ist? Ich mag allen Patienten, welche unter Retinitis pigmentosa leiden, eine Heilung mit der neuen Therapie gönnen. Nur ist es mir ein Rätsel, weshalb man dafür Mäuse künstlich blind machen muss, wenn doch eine tierversuchsfreie Forschungsmethode unter Verwendung von Humanzellen verfügbar ist, die dem Patienten erst noch viel näher steht als Labormäuse.
 
Sind denn Forscher so blind? Der Tierversuch sei „eine rein akademische Beschäftigung“, sagte Prof. Bernhard Hirt schon vor 30 Jahren in einem Interview der Zeitschrift „Thema“ der Universität Lausanne (Nr. 11/12-1980). Wie Recht er hatte!
 
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