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BLOG vom 19.07.2010


Osteoporose: Kalziummärchen als Milchverkaufsschlager
Autorin: Lislott Pfaff, Schriftstellerin, Liestal BL/CH
 
Milch macht die Knochen stark – davon ist die Organisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) oder, auf gut Deutsch, Swissmilk, überzeugt. Denn Milchprodukte enthalten Kalzium, also braucht es Milchprodukte für gesunde Knochen. Deshalb empfiehlt die SMP den täglichen Konsum von 3 Portionen dieses Getränks und anderer daraus gewonnener Produkte. Auch die Schweizerische Vereinigung gegen die Osteoporose (SVGO) empfiehlt den Bürgerinnen und Bürgern, viele Milchprodukte zu sich zu nehmen, um den vermeintlichen Tagesbedarf von 1000 mg Kalzium zu decken.
 
Hintergrund dieser Propaganda ist viel Geld: Um den Milchsee zu verringern, müssen die Steuerzahler in der Schweiz jedes Jahr grosse Beträge hinblättern; denn der Bund trägt eifrig dazu bei, den Absatz des „weissen Goldes“ zu fördern, vor allem mit den Verkäsungszulagen, die sich im Jahr 2009 auf 294 Mio. Franken beliefen. Ferner spendet Bern Absatzförderungsbeiträge für Milchprodukte, u. a. für Werbeaktionen der umtriebigen Swissmilk. Auch der Marketingverantwortliche bei der Migros gab (laut PULStip 1998) zu: „Kalzium ist ein gutes Verkaufsargument; daraus wollen wir Nutzen ziehen.“ Dieser Logik folgend, verkauft die Migros heute unter dem Markennamen Calcium Milk mit Kalzium angereicherte Milch als lukratives Produkt.
 
Jedoch stehen immer mehr Schulmediziner und Ernährungswissenschafter der Milch kritisch gegenüber. So erfuhr man von Urs Guthauser, Chirurg am Spital la Carità in Locarno: „Milchprodukte zu propagieren, um Knochenschwund vorzubeugen, ist falsch.“ (…) „Milch ist eher ein Luxuslebensmittel, das für gesunde Knochen nicht notwendig ist.“ Zahlreiche Buchautoren sprechen sogar vom „Krankmacher Milch“. Der deutsche Heilpraktiker Wolfgang Spiller behauptet: „Milch und Milchprodukte verhindern nicht die Osteoporose, sondern begünstigen sie.“
 
Es gibt immer mehr Hinweise, die darauf hindeuten, dass ein grosser Milchkonsum vor allem den Produzenten nützt und nicht den Konsumenten: So nimmt in den USA die Bevölkerung besonders viele Milchprodukte zu sich. Trotzdem hat man dort die höchste Osteoporose-Rate der Welt festgestellt. Auch in den europäischen Ländern, in denen die Vieh- bzw. Milchwirtschaft heimisch ist, ist die Osteoporose weit verbreitet. Hingegen trinken die Asiaten kaum Milch, und dennoch tritt diese Krankheit in Asien viel seltener auf als im Westen. Gemäss einer Studie des American Journal of Public Health erlitten Frauen, die mehr als 3 Gläser Milch pro Tag tranken, mehr osteoporosebedingte Knochenbrüche als jene, die wenig oder gar keine Milch tranken.
 
„Man kann sich auch ohne Milch ausreichend mit Kalzium versorgen“, ist Claus Leitzmann, Ernährungsspezialist an der Universität Giessen, überzeugt. Die empfohlenen 3 Portionen pro Tag hielt er im Gespräch mit der Zeitschrift PULStip – wie auch der Tessiner Chirurg Urs Guthauser – eindeutig für zu viel. Der Grund: Milchprodukte enthalten viel tierisches Eiweiss. Wer zusätzlich Fleisch und Eier isst, mutet seinem Körper zu viel Protein zu. Nötig wären 50–60 g Eiweiss pro Tag, sagte Guthauser; die meisten Menschen nähmen aber mindestens 100–120 g zu sich. In der Folge muss der Körper das überschüssige Protein ausscheiden und schwemmt dabei auch viel Kalzium aus. Zudem betonte der Zürcher Arzt und Universitätsdozent Silvio Jenny: „Dass Osteoporose durch Kalziummangel entsteht, stimmt gar nicht.“ Viele andere Faktoren spielten eine weit grössere Rolle, meinte er. Der deutsche Arzt und Buchautor Volker Schmiedel warnte sogar: „Die Zufuhr von Kalzium bei bewegungsarmen Menschen ist nicht nur sinnlos, sondern kann sogar die Nieren unnötig belasten.“
 
Wie man seinen Körper ausreichend mit Kalzium versorgt und zugleich der Osteoporose vorbeugt:
-- viel Bewegung,
-- Sonnenlicht (so bildet der Körper selber Vitamin D, das die Kalziumaufnahme fördert),
-- kalziumreiche Gemüse, wie grüne Blattgemüse (Mangold, Löwenzahn, Lattich), Kohlarten, Lauch; ferner Soja, Nüsse, Mandeln, Sesam, Kresse, getrocknete Feigen und Aprikosen, Kräuter (Petersilie, Schnittlauch, Basilikum usw.), Keimlinge, Getreide, Hülsenfrüchte, Vollkornbrot, kalziumreiche Mineralwasser (Eptinger usw.).
 
Was die Kalziumaufnahme des Körpers verschlechtert:
-- hoher Eiweisskonsum (in Fleisch, Fisch, Eiern),
-- viel Phosphat (in Fleisch- und Wurstwaren, Fisch, Fertigprodukten, Schmelzkäse, Cola- und Süssgetränken),
-- Oxalat (in Schokolade, Spinat, Rhabarber, Randen),
-- hoher Fettkonsum,
-- rauchen, viel Alkohol, viel Kaffee.
 
Milch und ihre Produzentinnen
Nicht nur die Menschen würden von einem reduzierten Milchkonsum profitieren, sondern auch die 350 000 Kühe, die in unserm Land Schweiz immer noch angebunden im Stall ausharren müssen, mit keinem oder nur minimalem Auslauf ins Freie. Denn es bestünde dann doch die Chance, dass landwirtschaftliche Betriebe die unrentable Milchproduktion und damit die unannehmbaren Missstände bei der Haltung ihrer Kühe aufgeben müssten. Ganz zu schweigen von den Steuergeldern, die der Bund heute noch an die Milchwirtschaft verteilt. Neben den erwähnten Verkäsungszulagen erhält auch die Organisation Schweizer Milchproduzenten SMP immer wieder einen Batzen aus Bern, um den Milchkonsum effizient fördern zu können. Selbstredend lehnt sie auch jeglichen Abbau von Subventionen des Bundes an die Bauernschaft vehement ab. In diesem Zusammenhang muss man sich vergegenwärtigen, dass im Jahr 2009 die Direktzahlungen, welche die ausgebildeten Landwirte aus Bern erhalten, insgesamt 2,7 Milliarden Franken betrugen.
 
Die Schweiz nimmt innerhalb von Europa beim Konsum von Milch und Milchprodukten eine Spitzenposition ein. Während die pro schweizerischem Betrieb produzierte Milchmenge in den Jahren 1990/92 rund 60 000 kg betrug, erhöhte sich die Produktion in den Jahren 2008/09 auf mehr als das Doppelte – auf über 120 000 kg. Dass so Milchseen entstehen und Butterberge sich erheben, ist nicht verwunderlich.
 
In der Öffentlichkeit weiss man nur wenig oder nichts über die Vorschriften des schweizerischen Tierschutzgesetzes betreffend Stallhaltung von Milchkühen. Gemäss diesen Vorschriften müssen die Tiere lediglich 90 Mal im Jahr für einige Stunden ins Freie hinaus gelassen werden. Leider wird von den zuständigen Behörden nicht einmal über diese armselige gesetzliche Regelung eine genügende Kontrolle ausgeübt. Erst kürzlich sagte mir ein Landwirt aus Wegenstetten (AG), er könne seine 7 Milchkühe das ganze Jahr nie aus dem Stall herauslassen, da er das dafür nötige Land nicht besitze. Trotzdem hält dieser Bauer Hochleistungskühe, aus deren Eutern mehr Milch als normal herausgepresst wird. Überdies müssen die Tiere ihre naturwidrige Existenz bis zum Schlachtalter von etwa 6 Jahren in einem alten, fensterlosen Stall verbringen. Diese einzelne Gesetzesübertretung mag als Beispiel für die unerträglichen Bedingungen dienen, unter welchen diese gutmütigen Geschöpfe uns im Überfluss mit Milch, Butter, Käse, Joghurt usw. versorgen. Sie hätten wahrlich ein besseres Schicksal verdient.
 
Anhang
Die Werbe-Hörner
Die Schweizer TV-Milchwerbekuh „Lovely“ kann fast alles, zum Beispiel Bälle kicken. Und sie hat schöne Hörner – aber nur virtuelle. Im echten Kuhleben ist die schwarzweiss gefleckte Werbekuh von Swissmilk hornlos. Für ihre verkaufsfördernden Auftritte in Fernsehspots werden der in England (!) lebenden Holsteindame computergrafisch Hörner aufgesetzt. „Der Konsument möchte eine Kuh mit Hörnern sehen“, meinte Martin Rüst von der Werbeabteilung bei Swissmilk auf Anfrage (Quelle: Journal Franz Weber April/Mai/Juni 2010).
 
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