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BLOG vom 17.08.2010


Wutachschlucht: Gewaltige Urlandschaft mit Felsgalerien
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„(…) Über einen steinigen Abhang fährt man bis Reiselfingen, dem letzten fürstenbergischen Dorf. Hinter demselben wird der Weg steinig und unfahrbar. Selbst der Fusssteig (denn im Wagen zu bleiben, ist nicht ratsam) ist äusserst unwegsam und an einigen Stellen gefährlich. Alles ist öde, fürchterlich und stumm.“
 
Diese einführenden Zeilen stammen von Friedrich Nicolai (1733‒1811), einem aus Berlin stammenden Publizisten, der 1781 von Hüfingen nach Bonndorf reiste und die Wutachschlucht passierte. Die Schlucht war also in früheren Zeiten wegen ihrer Unwegsamkeit gefürchtet.
 
Heute ist es ganz anders. Die Wege in der Schlucht sind überall abgesichert, und es ist dort keinesfalls öde und stumm. Die Wutachschlucht wird denn auch jedes Jahr von vielen tausend Menschen durchquert. Sie ist Exkursionsziel vieler Studenten- und Schülergruppen, Amateurgeologen und Paläontologen, Wissenschaftlern und Wanderern.
 
Die 200 m tiefe und 50 km lange Schlucht ist etwa 20 000 Jahre alt und somit die jüngste auf dieser Erde. Das Wildflusstal ist ein einzigartiges Naturschutzgebiet. Die Wanderer werden immer auf Schildern und in Texten so ermahnt: „Die Wutachschlucht ist in ihrer Art einmalig auf dieser Welt. Bitte behandeln Sie die Schlucht, als wäre es Ihre eigene und sie wird für immer und für Alle ihren Reiz behalten können!“
 
Das Wildflusstal kannte ich schon von 2 früheren Durchquerungen. Das letzte Mal durchschritten wir das Tal auf dem Querweg Freiburg-Bodensee vor 15 Jahren. Am 04.08.2010 war es wieder soweit: Ewald Greiner, Toni Fitting, Walter Schenk und ich nahmen uns vor, die Schlucht von der Schattenmühle zur Wutachmühle zu durchqueren. An diesem bewölkten und teilweise sonnigen Tag fuhren wir bei angenehmen Temperaturen über den Feldberg, Lenzkirch, Bonndorf und Boll zur Schattenmühle. Dort befinden sich ein grosser Parkplatz mit Infotafeln und eine Wirtschaft.
 
Wie ich mir sagen liess, sind besinders an den Wochenenden viele Wanderer unterwegs. Aber ich hatte mich getäuscht. Wegen der Urlaubszeit waren etliche Wandergruppen, Einzelpersonen, Schulklassen und Pfadfinder auch an einem Werktag unterwegs.
 
Immer wird auf Schildern darauf hingewiesen, dass der Wanderer trittsicher, schwindelfrei sein und festes Schuhwerk (Bergstiefel) anziehen sollte. Aber wir sahen immer wieder solche, die mit Turnschuhen herumliefen. Trotz der regelmässigen Pflege der Wege besteht die Gefahr von Erdrutschen, Steinschlag und Wegabbrüchen.
 
Der Einstieg in die Schlucht befindet sich rechts neben der Schattenmühle. Frohgemut liefen wir um 10:00 Uhr per Pedes los, und schon zu Beginn ging es über Wege, die entweder mit Steinen oder Baumwurzeln versehen waren. Für uns jung gebliebene Wanderburschen sind solche Wege in der Regel leicht zu überwinden. Aber an diesem Tag war alles anders. 2 Tage vorher hatte es kräftig geregnet, und viele Wegabschnitte waren matschig. Wir mussten wegen der Rutschgefahr unser Tempo zurückschrauben. Was wir uns holten, waren dreckige Schuhe und Beinkleider.
 
Die Furt benutzten schon die Römer
Wir erreichten bald die „Dietfurt“, überquerten die Wutach auf einer Brücke und gingen dann Richtung ehemaliges Bad Boll. Dieser alte Übergang wurde durch den heutigen bei der Schattenmühle ersetzt. Den uralten Fernweg, der aus dem Neckarraum über Reiselfingen nach Bonndorf zum Hochrhein führte, benutzten schon die alten Römer und Alamannen. Es war eine „freie Furt“; man musste also keinen Wegzoll bezahlen. Der Weg zur Furt hatte ein Gefälle von 18 bis 24 % und wurde von Zugtieren immer seltener benutzt. Im Jahr 1873 zählte man nur noch 50 Wagen mit Zugtieren. Der alte Übergang wurde 1875 durch den Bau der Brücke an der Schattenmühle ersetzt.
 
Ein ehemals renommiertes Bad
Nach etwa 1 Stunde erreichten wir das ehemalige Bad Boll (vom Dorf Boll könnte man ebenfalls in die Schlucht einsteigen). Vom ehemaligen renommierten Kurhotel Bad Boll war nichts mehr zu sehen, nur eine Infotafel, die über die Geschichte des Kurbetriebs informiert. Voraussetzung für die Errichtung eines Badebetriebes war eine Mineralquelle. Ärzte im 19. Jahrhundert empfahlen Bad Boll bei Hautkrankheiten (u. a. bei Krätze), Rheuma, Brustleiden, Neuralgien und Nervenkrankheiten. Das erste Badehaus wurde 1840 von Anton Kromer errichtet. 1852 wurden hier 900 Bäder und Molkenkuren verabreicht.
 
1887 erwarb der Freiburger Oberbürgermeister Karl Schuster Bad Boll und baute es zu einem Kurbetrieb für gehobene Ansprüche aus. Es gab hier ein Ökonomiegebäude, ein Kurhaus mit Gastronomie, einen Kurpark mit 2 Seen und das Badehaus. Bald darauf übernahm der englische Fischerclub (Fishing Club Limited London) das Haus. Die Engländer waren deshalb so scharf auf die Anlage, weil sie hier günstige Voraussetzungen für das Sportangeln hatten. Hier gab es angeblich das beste Forellengewässer Mitteleuropas.
 
Der Fischerclub setzte sich auch für die Erschliessung der Schlucht für Wanderer ein. Später verloren die Engländer ihr Interesse. Der Fischreichtum ging nämlich durch die Verschlechterung der Gewässergüte drastisch zurück. Nach der Errichtung einer Papierfabrik in Neustadt wurden die Abwässer in die Wutach geleitet. 1913 gab es zudem noch deutsch-englische Spannungen. 1913 erwarb der langjährige Pächter die Anlage. Im Ersten Weltkrieg kam der Badbetrieb zum Erliegen. Nach dem Krieg diente die Anlage bis 1960 als Erholungsheim und von 1972 bis 1975 als Klinik. Dann war alles aus: Das Hauptgebäude brannte nieder, die anderen Gebäude wurden später abgetragen.
 
Unweit davon entdeckten wir im ehemaligen Kurpark eine stark verwitterte Kapelle mit zugemauerten Fenstern und einem schönen Glockentürmchen. Nach einer kurzen Trinkpause ging es auf dem Zeichen des Querweges (weiss-roter Rhombus auf gelbem Feld) weiter.
 
Pestwurz und Springkraut
Im oberen und mittleren Teil der Wutachschlucht sah ich grosse Areale der Pestwurz. Sogar auf kleinen Inseln im fliessenden Wasser haben sie sich breit gemacht. Aber noch etwas anderes fiel mir auf: An den Uferbereichen waren zwischen den Pestwurzpflanzen und an anderen Stellen Pflanzen des Indischen Springkrauts zu sehen. Vor 15 Jahren waren hier kaum Springwurzpflanzen angesiedelt. Bei uns im Kleinen Wiesental und auch anderswo werden regelmässig Springkrautaktionen, die vom BUND oder vom Schwarzwaldverein ins Leben gerufen wurden, durchgeführt. Freiwillige Helfer rupfen dann die Springkrautpflanzen an den Bächen heraus. Darnach werden die Pflanzen auf Ästen zum Trocknen aufgehängt, da diese sonst bei feuchter Witterung wieder Wurzeln schlagen. Die aus dem Himalaja stammenden Neophyten sind sehr vital. Eine einzige Pflanze produziert mindestens 2000 Samen und schleudert diese in einem Umkreis von 7 Metern weg. Das Fatale ist, dass dieser Neophyt die einheimischen Pflanzen verdrängt. Im südlichen Schwarzwald wächst und gedeiht das Springkraut bis auf 1400 Höhenmeter hinauf.
 
Der Schwarzwaldverein Bonndorf (www.swv-bonndorf.de) hat Aktionen zur Eindämmung des Indischen Springkrauts gestartet. Der sehr rührige Verein pflegt nicht nur die Wege, sondern veranstaltet eine jährliche Abfallbeseitigung in der Wutachschlucht (Schluchtputzete). Es werden auch in diesem Jahr freiwillige Helfer zur Pflege einer Streuobstwiese in der Wutachschlucht gesucht (der Verein erhielt 2001 den Umweltschutzpreis des Landkreises Waldshut). Auch ein Projekt zur Förderung von Wildobst und Eibe steht auf dem Programm des Vereins.
 
In der Schlucht gedeihen aber auch noch ganz andere Pflanzen wie der Seidelbast, das Silberblatt, Nelkengewächse, Waldmeister, Hirschzunge, Türkenbund, Mondviolen, Thymian, Haselwurz und einige Orchideen. Von den insgesamt in Mitteleuropa vorkommenden 2500 Pflanzenarten sind 1200 in der Wutachschlucht zu Hause.
 
200 Schmetterlingsarten wie der seltene Apollofalter sind hier gezählt worden. Auch die Fauna ist hier stark vertreten. Wer gute Augen und Geduld hat, kann hier diese bewundern: Zaunkönige, Goldhähnchen, Kleiber, Baumläufer, Bunt- und Schwarzspechte, Wasseramsel (die mit ihren Flügeln sogar unter Wasser rudern kann), den seltenen Eisvogel, das Haselhuhn, Auerhahn, Wanderfalke, Sperber, Gabelweihe, Roter und Schwarzer Milan. Auch der Berglaubsänger, der sonst im Mittelmeerraum zu Hause ist, hat sich hierher „verirrt“. Da das Wasser heute sehr sauber ist, fühlen sich hier Forellen, Äschen und Elritzen wohl. Die Wutachschlucht ist also ein Eldorado für Pflanzen und Tiere.
 
Felsstürze und Stegzerstörungen
Nach Bad Boll ging es über einige Stege einmal auf die rechte, dann wieder auf die linke Seite der Wutach. Wir passierten sehr schöne Felsgalerien, kamen an einem Wasserfall vorbei, stiegen mal in die Höhe zu einem Aussichtspunkt. Von dort oben hatten wir einen schönen Blick zur tief unten dahinfliessenden Wutach.
 
An einer Stelle sah ich Gesteine, die von einem Felsabsturz herrührten. Wie ich mir sagen liess, gab es in der Vergangenheit etliche Felsabbrüche. So stürzten im Winter 1980/81 massive Gesteine vom Kanzelfelsen herab. 1953 erreichte einer den Rümmelesteg, der die damalige Versickerungsstelle offenbar verstopfte. Auch das sich immer wieder bildende Hochwasser zerstörte so manchen Steg. In jüngster Zeit wurde der Rümmelesteg 2 Mal zerstört. Heute gibt es einen neuen Steg, der 1995/96 vom Schwarzwaldverein errichtet wurde. 70 m flussabwärts sieht man den historischen Rümmelesteg und dahinter die steile Wand des Rümmelefelsens. Der Steg ist als einziger im Originalzustand erhalten. Lediglich der linke Auflagepfeiler fiel dem Hochwasser zum Opfer. Planer und Bauleiter des Steges, der 1903/04 errichtet wurde, war der Bahnbauinspektor Karl Rümmele.
 
Vor dem Rümmelesteg versickert die Wutach. Das Phänomen ist nur bei trockenem Sommerwetter sichtbar. Mir fiel jedoch auf, dass in diesem Bereich, also von der Versickerung bis zum Wiederaustritt, die Wassermenge erheblich reduziert war.
 
Die Wege entlang der Felsgalerien waren teilweise sehr schmal, so dass man auf den „Gegenverkehr“ der Wanderer achten musste. Des Öfteren blieben wir stehen und liessen den einen oder anderen Wanderer vorbei. Einmal kam auf einem schmalen Weg eine Frau meinem Wanderkollegen Ewald gefährlich nahe. Es waren keine Annäherungsversuche, sondern es verhakte sich bei beiden etwas ineinander. Wahrscheinlich war es ein Rucksackteil, denn beide trugen ihren Rucksack auf dem Buckel. Die Frau fühlte sich wohl verantwortlich für das kleine Missgeschick und entschuldigte sich sehr aufrichtig mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Ich musste schmunzeln, denn ich dachte mir: Was hätte passieren können, wenn die beiden nicht mehr auseinander gekommen wären? Aber nach einem Ruck waren beide Rucksäcke und ihre Transporteure wieder frei.
 
Nach dieser Befreiung wanderten wir weiter entlang der Felsgalerie. Dann führte uns der Pfad abwärts zur Wutach zwischen den steilen Muschelkalkwänden. Für mich ist diese eingekerbte Zone mit der ruhig dahinfliessenden Wutach einer der schönsten Stellen des Wanderwegs.
 
Ein Kläffer bei der letzten Rast
3,5 km von unserem Wanderziel Wutachmühle entfernt, legten wir noch eine letzte Rast ein. Die vorhandene Bank war schon von einer Familie besetzt. Was tun? Wir suchten in der Umgebung Baumstämme und einen Brunnen als Sitzgelegenheit aus. Ewald und ich setzten uns rittlings auf einen schräg am Hang liegenden Stamm, während sich Toni in einer Distanz von 10 m davon auf der Holzumrandung eines Brunnen niederliess. Toni hatte fliessendes Wasser, und ich dachte mir, er werde sicherlich eine nasse Hose bekommen, zumal der ausgehöhlte Baumstamm mit Wasser gefüllt war. Aber er passte auf und konnte später unbenetzt weitergehen.
 
Gegenüber von uns hatte sich bereits ein Pärchen mit 2 Hunden niedergelassen. Als die Familie die Sitzbank verliess – Walter fand dort vorher schon einen Sitzplatz –, war das Pärchen schneller als wir und sie setzte sich auf diese. Der eine Hund gehörte einem Mann, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Der andere, ein junger Spitz, den wohl die junge Frau auf Wanderschaft mitgenommen hatte, entpuppte sich als ein gewaltiger Kläffer. Jedes Mal, wenn ein fremder Hund vorbei kam, bellte er mit einer hohen Schallfrequenz, so dass einem fast die Ohren abfielen. Der männliche Begleiter der Frau hatte sich wohl schon ans Kläffen des vierbeinigen Freundes seiner Angebetenen gewöhnt, denn er sass mit ungerührter Miene da. Vielleicht war er schon schwerhörig. Die Frau versuchte immer wieder, das ungezogene Tier zu beruhigen – es gelang ihr aber nicht. Toni drängte uns bald darauf zum Aufbruch.
 
Nach 4 Stunden reiner Wanderzeit kamen wir glücklich, etwas abgekämpft und verdreckt an unserem Ziel Wutachmühle (Sägewerk) an. Wir mussten uns leider etwas beeilen, um den Bus um 14:50 Uhr zu erreichen (der nächste Bus wäre erst um 16:13 Uhr gefahren). Dann fuhren wir zu unserem Parkplatz an der Schattenmühle zurück.
 
Es war eine sehr schöne Wanderung durch die Urgesteinsschlucht. Leider war die Zeit zu kurz, um ausgiebig zu fotografieren und längere Pausen einzulegen. Vielleicht hätten wir den späteren Bus nehmen sollen. Aber wir kommen wieder, um den oberen Teil der Schlucht mit der Lotenbachklamm in Augenschein zu nehmen. Es gibt noch viel zu entdecken.
 
Internet
 
Literatur
Falk, Herbert: „Freude am Wandern“, Band IV, Der Hochschwarzwald, Altasco Verlag, Dreieich (ohne Datumsangabe).
Fletscher, Samuel: „Der Kurort Bad Boll“, Druck von J. A. Binder, 1879 (es ist die einzige Monographie über Bad Boll)
Kohlhepp, Dieter: „Die Wutachschlucht – Bild einer Urlandschaft“, Verlag Rombach, Freiburg 1981.
 
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