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BLOG vom 24.08.2010


111 Jahre BVB: Erinnerungen, Begegnungen, Blues und Blau
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Sobald die grossen Sommerferien in die Vergangenheit eingetreten sind, überziehen Festivitäten aller Art die Schweiz fast flächendeckend. Eine traditionelle Redensart lautet in diesem Zusammenhang, man würde die Schweiz am einfachsten mit einem einzigen grossen Festzelt überdachen. Am Fest-Wochenende vom 21./22.08.2010, dem niemand entgehen konnte, hätten wir solch ein umfassendes Dach als Schattenspender sehr wohl zu schätzen gewusst.
 
Beim Fest aller Feste, dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Frauenfeld TG, waren ausserhalb der Wettkampfarena („Thurgau-Arena“ mit 47 500 Plätzen) immerhin 22 000 gedeckte Sitzplätze eingerichtet worden. Mindestens 250 000 Festbesucher wurden am Wochenende im Thurgauer Hauptort gezählt. Und jetzt hat die Schweiz, diese Sägemehl-Monarchie, endlich einen neuen König, den Schwingerkönig. Seine Majestät heisst Kilian Wenger, ist 20 Jahre alt und stammt aus dem Berner Diemtigtal.
 
Bürgerliche Dorfpolitik
Selbstverständlich hat auch die kleine, im Denken und Handeln schwungvolle Gemeinde Biberstein AG eine Schwinger-Vergangenheit, fand hier doch vom 02. bis zum 06.06.2010 das Aargauer Kantonal-Schwingfest statt. deshalb war die Einwohnerschaft am Sonntag, 22.08.2010, wieder für ein anderes Fest frei: „111 Jahre Bürgerliche Vereinigung Biberstein“ (BVB). Mit genügend Fantasie findet man immer einen Vorwand zum Festen; an sich ist ja bereits jede Zahl interessant (siehe Anhang).
 
Der 111-Jahre-Anlass stand unter der Ägide von Markus Schlienger. Dieser BVB-König (Präsident) musste seine Schirmherrschaft nicht durch ein mehrfaches Wälzen im frisch vermahlenen, harzig duftenden Sägemehl aus entrindetem Fichtenholz erkämpfen, so dass er auch keine hell- oder dunkelbraunen Zwilchhosen trug. Er wurde ehrenvoll gewählt, kleidet sich bürgerlich. Aber eine Parallele zur volksfestartigen Schwingerei ergab sich gleichwohl: „Einen hohen Stellenwert messen wir insbesondere dem zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Aspekt bei; daneben vertritt die BVB ohne Anlehnung an etablierte schweizerische Parteien eine ausgewogene liberale, bürgerliche Politik“, liest man in der präsidialen Adresse im Festführer. Dabei steht selbstredend das Lokale im Vordergrund, ohne dass die grösseren Rahmenbedingungen übersehen werden.
 
Methodik des Fests
Ich schätze, dass etwa 111 Personen zum festlichen Anlass auf dem Vorplatz des Schulhauses Biberstein mit der farbenfrohen Mosaikwand erschienen sind, darunter auch befreundete Sozialdemokraten, und sogar eine Radfahrergruppe aus Münsingen BE, ebenfalls im Aaretal gelegen und ebenfalls mit einem Schloss ausgestattet, das übrigens eine auffallende Ähnlichkeit mit unserem Schloss Biberstein hat. So ergaben sich viele nette Begegnungen bei einem Glas Hasenberger Riesling×Sylvaner, vom Bibersteiner Vizeammann Markus Siegrist zu Speckzopf höchstpersönlich kredenzt. Im betörenden Aroma von Rostbratwürsten, auf dem Grill vor lauter Festfreude aufgesprungenen Cervelats, Bratpoulets aus dem mobilen Chikkeria-Drehgrill und einem Kuchenbuffet nach der Art gehobener, hausfraulicher Bibersteiner Backkünste. Selbst ganze Wespenschwärme gerieten darob in nervöse Verzückung. Dazu entwickelte sich später noch das Aroma von „Kaffee mit Güx“, wobei Güx ein mundartlicher Sammelausdruck für verschiedene Spirituosen wie Kirsch, Williams und dergleichen Konzentriertes ist, das in den Mägen für eine gewisse Ordnung sorgt. Man fühlte sich hier wohl; verschiedene Helferinnen folgten dem Sonnenlauf mit mobilen, vierbeinigen, zusammenklappbaren Zeltdächern, so dass es immer ausreichend Schattenplätze gab.
 
Und als es dann doch zu heiss wurde, veranstaltete die BVB-Jungmannschaft in Begleitung von Gemeinderat René Bircher ein Aareschwimmen von der Kettenbrücke in Aarau bis zur Brücke Biberstein–Rohr.
 
Begegnungen
Die Sonnenenergie, die sich auch unter den Stoffdächern breitmachte, hielt bis in den tiefen Abend hinein an, ohne Unterbruch. So konnte sich auch Hans-Rudolf Schwarz, Bibersteiner Einwohner und Inhaber der Statron AG in Mägenwil, entspannt zurücklehnen. Die Anlagen, die in seinem auch bautechnisch durchgestylten Werk mit dem bewachsenen Flachdach produziert werden, das ich kürzlich besuchen durfte, garantieren unter schwierigsten Bedingungen in aller Welt, dass die Elektrizitätszufuhr auch keinen Sekundenbruchteil lang ausfällt, weil solch ein Ausfall für die Rechenzentren in Spitälern, Banken, bei der Luftfahrt, in Kraftwerken usf. verheerend wäre. Als ich ihn fragte, was denn für ihn das Herausragende an diesem Festchen sei, sagte er spontan, die vielen Begegnungen im Zeichen der Harmonie, der Verbundenheit, der Nähe. Er hat einen Sinn fürs Menschliche, auch als Unternehmer.
 
Den Wert von Neu- und Wiederbegegnungen habe ich ebenfalls deutlich empfunden. So traf ich beim Jubiläumsanlass nach vielen Jahren wieder einmal Heinz Bächinger, ehemaliger Direktor des „Aargauer Tagblatts“ (AT), und den damaligen AT-Zeitschriftenverlagsleiter Herbert Schatzmann, mit denen ich gern zusammenarbeitete – ob das umgekehrt auch der Fall war, kann ich nicht beurteilen. Ich erinnere mich daran, dass Heinz Bächinger Ende der 1980er-Jahre einmal in meinem „Natürlich“-Büro im Estrichgeschoss des alten AT-Hauses an der Bahnhofstrasse 39 in Aarau erschien; das Gebäude mit den schönen Proportionen, welches die alte Aarauer Beständigkeit, Stabilität darstellte, wurde inzwischen durch einen luftigen Glasbau ersetzt.
 
Direktor Bächinger hatte sich zur Aufgabe gemacht, mich, der ich dem Natürlichen zugetan war, vom Nutzen eines durchtechnisierten Computers zu überzeugen. Ich sagte ihm, mir fehle die Zeit (und die Lust), mich maschinell neu zu orientieren; und solch ein Gerät passe ja auch nicht zur „Natürlich“-Philosophie. Jeder andere Manager hätte nun das nötige Machtwort gesprochen, nicht aber Heinz Bächinger. Er sagte einfach, der Computer sei schon bestellt, werde in den nächsten Tagen angeliefert, und so montiere man ihn einfach einmal in meinem Büro. Was geschah. Und bald meldete sich ein Spezialist, um mir das Einschalten und die Grundbegriffe zu erklären, und irgendwann erkannte ich gewisse Rationalisierungsmöglichkeiten, vor allem auch Erleichterungen beim Schreiben. Die Schreibmaschine wurde überflüssig.
 
Heute führt das Duo Bächinger/Schatzmann die Robe-Verlag AG (Kürzel von Rosenberg, nach dem Namen einer Ruine im benachbarten Küttigen, die heute meistens „Horen“ genannt wird). Der Verlag umfasst verschiedene Bauzeitschriften wie das „Schweizer Baujournal“, „Real Estate. Immobilien & Anlagen“, „Spektrum. Gebäudetechnik“ und „Umneubau“.
 
Heinz Bächinger und seine zurückhaltende, mit mütterlichem Charme ausstaffierte Frau Irène haben vor einigen Jahren im Dorfzentrum Biberstein die „Rebstube“ (im Volksmund „die Obere“ genannt) gekauft, die heute La Pergola heisst, geschmackvoll renoviert ist, durch einen Wandspiegel neue Dimensionen erhalten hat und italienische Spezialitäten über Pizzen hinaus anbietet – wir haben am Festtagsabend das Restaurant im Beisein des Besitzer-Ehepaars sozusagen als Spectacle terminé getestet; Mario zeigte sich dem unerwarteten Ansturm gewachsen.
 
Blues unter blauem Himmel
Beim Ausklang des Tages hatte man noch die Blues (was blau oder traurig bedeutet), Boogie-Woogies und die Rock’n’Roll-Klänge und -Rhythmen im Ohr, welche die Band „Rutishuser & Co“ (www.rutishuser.ch) auf dem Schulhausplatz um die Mittagszeit in professioneller, mitreissender Geschmeidigkeit dargeboten hat, was viele Bürgerliche zum improvisierenden Mittanzen bewegte, zur spielerischen, fantasievollen Bewegung. An den Instrumenten leisteten 2 Gründungsmitglieder der heute 35 Jahre alten Band, Willi Rüegsegger (Gitarre) und Thomi Fritschi (Piano), ganze Arbeit, schweisstreibende Schwerarbeit sozusagen. Mit ihnen spielten Rolf Nyffeler (Saxofon), Heinz Reinhard (Bass) und Jan Baechinger, der in Biberstein wohnt; seine Frau Prisca leistete eine grosse organisatorische Arbeit im Hinblick auf die Jubelfeier.
 
Diese Musik, die sich aus afrikanischen und europäischen Elementen zusammensetzt, die in frühen und mittleren 20. Jahrhundert in den US-amerikanischen Ghettos der Schwarzen, etwa in Harlem (Stadtteil von New York), New Orleans, Chicago durch die Verschmelzung entstand und in dergestalt verarbeiteter Form in alle Welt hinaus posaunt und saxofoniert wurde, ist bereits Musikgeschichte. Ich habe mich ausgiebig mit Jan, Musiklehrer/Berufsmusiker, darüber unterhalten. Wir stellten fest, dass diese temperamentvolle Musik bereits klassisch ist und eine grosse Liebhaberschaft gefunden hat, so dass selbst ich ein gewisses Verständnis für solche beinahe anheimelnden Klänge bekunden darf.
 
Bemerkenswert ist am Rutishuser-Repertoire, dass es sich da nicht einfach um einen US-Import handelt, sondern es sind viele Eigenkompositionen dabei, so etwa der beliebte „Holzwurm im Klavier“ im Boogie-Woogie-Stil (komponiert von Willi Rüegsegger, Thomi Fritschi, Tino Fotsch), ferner „Sex And Rock’n’Roll“ im Stil des Rhythm & Blues (Komponist: Willi Rüegsegger); „Jack Daniels“, ein Slow Blues von Rüegsegger und Fritschi (mir auch als Whiskey bekannt) sowie „S’ Paradies“, ebenfalls ein Slow Blues aus Rüegseggers Tonküche.
 
Mit dem Stichwort Paradies könnte man das Blog über das Bibersteiner Fest und ober Biberstein als Wohngemeinde elegant abrundend zum guten und fälligen Ende bringen. So billig will ich es mir nicht machen. Zumindest sei noch der Hinweis erlaubt, dass zu einem regelkonformen Paradies auch Menschen gehören, die sich gelegentlich auch eine währschafte Sünde erlauben. Ein Paradies ohne Sünder wäre nahe bei der Hölle.
*
Anhang
Für das Programmheft zur Jubiläums-Matinée durfte ich das Geleitwort schreiben. Da es einige klärende Bemerkungen enthält und präsidial abgesegnet ist, führe ich es hier an:
 
Wofür 111 steht: Interesse, Individualität, Impulse
111 – diese Zahl trieft vor Symbolik. Sie gilt zusammen mit der Taube als Sinnbild des Friedens und als kosmische Lichtzahl, verbunden mit dem Streben nach der höchsten Entwicklungsstufe. Doch hier geht es nicht um Numerologie, sondern um die 111 Jahre BVB. Die Altersangabe ist ein zwar nicht runder, aber elegant daher kommender Mengenbegriff aus einem Dreiergespann aus 1. Zerlegt man ihn in 3 × 37, erhält man eine Ahnung von der Anzahl Lebensjahre der Bürgerlichen Vereinigung, die sich nicht alt fühlt, aber reif genug, um weiterhin kompetent am Gedeihen der Gemeinde mitzuwirken.
 
Die Vereinigung führt Einwohner zusammen, die sich für ihren Lebensraum interessieren. Die damit einhergehende Gemeindepolitik lässt sich nicht in ein Links-Rechts-Schema einordnen. Jedermann hat seinen eigenen politischen Standort, je nach Herkunft und Interessenlage, der sich beim Beurteilen von Sachfragen entsprechend manifestiert. Die BVB, ohne statutarisch fixiertes Programm, liegt für Bibersteinerinnen und Bibersteiner richtig, welche der politischen und persönlichen Freiheit bzw. Unabhängigkeit zugetan sind, sich nicht parteipolitische binden und unterordnen wollen, die der Eigenverantwortung einen hohen Stellenwert beimessen und die Öffentliche Hand eher als Dienstleistung im Interesse eines funktionierenden Ganzen denn als bestimmende Übermacht empfinden.
 
Die BVB ist keine Partei im herkömmlichen Sinn. Das ist ihre Stärke und entspricht einer modernen Auffassung von Selbst- und Mitbestimmung. Es geht nicht darum, die Nummer 1 oder sogar 3 × die 1 = 111 zu sein. Der Sinn der BVB ist ein konstruktives, Impulse vermittelndes Mitwirken an einer selbstbewussten Gemeinde an einzigartiger, aussichtsreicher Südlage, die ihre Geschäfte so weit als immer möglich selber einvernehmlich regeln und dafür sorgen will, dass alles weiterhin einen guten Verlauf nimmt ...
 
... damit die BVB auch beim 222-Jahre-Jubiläum mit Genugtuung auf eine ständige Höherentwicklung hinsichtlich der Gemeinde und sich selber zurückblicken können wird.
 
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