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BLOG vom 23.09.2010


Italienreise 4: Im Inneren einer dampfenden Hügellandschaft
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Italien, das ist ein Land am Mittelmeer und mit diesem eng verbunden. Wer von Norden her dorthin reist, möchte vor allem Meer, Sonne und etwas von der lockeren mediterranen Lebensart abbekommen. Darob sollte nicht vergessen werden, dass es dort auch ein ausgedehntes Binnenland gibt, im Norden etwa die Poebene und die lange Halbinsel mit dem Apennin, die 170 bis 200 km breit ist. Nicht umsonst unterteilen Speisekarten in italienischen Restaurant ihr Angebot etwa in „Primi Piatti di Mare“ und ... „di Terra“.
 
Auf unserer Reise in der ersten September-Hälfte 2010 haben wir ausgedehnte Fahrten durch das Berg- und Hügelland des etruskischen Apennins unternommen, und selbstverständlich machte ich einen Abstecher zu den gigantischen Marmorsteinbrüchen bei Carrara und Massa hinauf, worüber ich in seinem speziellen Blog berichten werde.
 
Das Bergland ist weitgehend entwaldet; einige Reste erinnern an die einst ausgedehnten Kastanien- und Eichenwälder auf der Südseite. Buchen- und Tannenwälder sind eher an nördlichen und nordöstlichen Abhängen auszumachen. Jüngere mergelige und tonige Gesteine sind ein labiler Untergrund, so dass es den Wäldern schwer gemacht oder gar verunmöglicht wird, sich nach Abholzungen wieder zu erholen.
 
Im mittelitalienischen Gebiet der Toscana zieht der Apennin einen weiten Bogen nach Osten, was auf seiner Westseite Platz für eine hügelige Landschaft freilässt, an der Reben, Oliven und dergleichen Lustbarkeiten wachsen. Doch bald einmal gelangt der knorrige, verkrümmte und verdrehte Oliven- beziehungsweise Ölbaum an seine Grenzen, denn wenn immer möglich sollten die Temperaturen in der kalten Jahreszeit nicht unter 5 °C fallen, wofür nach Süden ausgerichtete Hänge die besseren Voraussetzungen bieten. Dort finden sich vor allem Mischkulturen, zu denen auch Reben gehören können.
 
Die unteren Hügelabhänge waren schon immer für die Landwirtschaft wesentlich. Hier wurden auf dem Ocker der lehmigen Erde Weizen, Gerste, Reben sowie Oliven angebaut, und Schafe und Ziegen weideten in stattlichen Herden. Auf Meereshöhe, dem Tyrrhenischen Meer entlang, breitet(e) sich die Maremma aus, die den Küstenstreifen begleitende Sumpflandschaft, unter anderem ein besonders wichtiger Lebensraum für mindestens 150 Vogelarten. Die Römer nannten diese Maremma Maritima Regio, woran noch viele Ortsnamen wie Campiglia Marittima oder Rosignano Marittimo bis zu Massa Marittima erinnern. Selbstverständlich wurde das Küstenland schon von den Etruskern, vor allem dann aber im 18. und 19. Jahrhundert durch die Anlage von Kanälen zunehmend entsumpft und der Landwirtschaft und der Überbauung zugänglich gemacht. Die Anlage von Piniengürteln sollte zur Entwässerung beitragen – Pinienwälder sind übrigens reich an Steinpilzen.
 
Die Restbestände der Maremma, südlich von Grosseto gelegen, sind 1975 zu einem 9800 Hektaren umfassenden Naturreservat, dem Parco Naturale della Maremma, erklärt worden. Das Gebiet zwischen Principina a Mare im Norden, Alberese im Osten und Talamone im Süden ist beschränkt zugänglich, hat aber wohl nicht mehr allzu viel mit dem Urzustand zu tun; doch ist der gute Wille auch hinsichtlich von Renaturierungen zu respektieren. Steineichenwälder und die nach Bränden herangewachsene Macchie-Vegetation sind Erscheinungen, welche die Natur wohl zusammen mit der Kulturgeschichte hervorgebracht hat.
 
Zwischen den Hügeln
Das Hügelland steigt von Westen nach Osten allmählich an, und die toskanische Landschaft rund um den Feriensitz von Fernand und Ursula Rausser bei Cafaggio unterhalb von Campiglia Marittima, wo wir unsere Unterkunft hatten, ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Der 646 Meter hohe Monte Calvi über dem genannten Dorf ist ein frei stehender Vorbote für das, was weiter landeinwärts erlebt werden kann. In den tieferen Lagen bekleiden noch Olivenhaine die sonnigen Abhänge. Man erreicht das steinerne Landhaus über ausgeschwemmte, holperige Strassen, die den Autofedern zu brutalen Lockerungsübungen verhelfen, Wege, die auf keiner Karte mehr eingezeichnet sind und vor denen auch Navigationssysteme kapitulieren.
 
Je weiter man sich in die Hügellandschaft, die Colline, vorwagt, umso intensiver ist das Gebiet von Erosionsrinnen zerfurcht. Dort oben gibt es neben Möglichkeiten zur Nutzung der Erdwärme, worauf noch zurückzukommen sein wird, Bodenschätze wie Kupfer, Silber, Blei, Zink und Quecksilber. In den Wäldern finden sich noch die immergrünen Steineichen mit ihrer mehrstämmigen Krone und den von einem Becher (Cupula) umgebenen Eicheln. Sogar einzelne entrindete Korkeichen mit ihren rostroten Stämmen sind uns neben Strassenkurven begegnet, ebenso Kiefern und Kastanien mit ihren auffallend grossen lindengrünen Igeln, in denen sich die Früchte befinden. Im Allgemeinen aber sind die ausgedehnten Waldzonen entweder zu den hier vorherrschenden Macchien, diesem immergrünen, niedriges Gehölz (Hartlaubgehölze, Lorbeer, Zistrosen, Dornsträuche, Ginster und Lianen), oder Buschwäldern verkommen. Die dicksten, meist krummen Stämme werden oft als Brennholz genutzt, etwa für die Zubereitung einer Polenta auf dem offenen Feuer. Die Macchie ist die Ersatzvegetation für längst abgeholzte Wälder, die so nicht mehr entstehen konnten.
 
Nach langen, gewundenen Strecken, auf denen es einem auf dem Rücksitz fast den Magen umdreht, erreicht man hin und wieder ein verschlafenes Dorf, dessen Innerortstafel Auskunft darüber gibt, wo man sich denn überhaupt befindet. An vielen Abhängen ist keine Wiederbewaldung mehr möglich; selbst der Obstbau ist im erodierenden Gebiet schwierig. Und die oft baumlosen Feldfluren ihrerseits begünstigen Abschwemmungen.
 
Sich ausdehnende Schluchten haben in geschichtlichen Zeiträumen ganzen Höfen, Klöstern und Dörfern förmlich den Boden unter den Fundamenten weggezogen. Umso eindrücklicher wirkt das Dörfchen Sassetta (bei Castagneto Carducci bzw. Monteverdi Marittomo), das auf einen abgeschrägten und dann steil abfallenden Fels gebaut ist, der offensichtlich standhielt – ein Ausstellungsobjekt auf einem Podest für Schwindelfreie.
 
Die dampfende Erde
Labiler ist die Lage in Zonen, die von erloschenen Vulkanen gekennzeichnet sind, wo es noch aus dem Boden dampft und die Erdwärme auf relativ einfache Weise genutzt werden kann. Diesbezüglich am bekanntesten ist der Landschaftsraum um Larderello, wo geothermische Kraftwerke ihren kleinen Teil zum Energiebedarf der Umgebung und Italiens beitragen. Sie sind gern gesehen, ist das Land Italien doch arm an Rohstoffen, die zur Energiegewinnung genutzt werden können, abgesehen von den Wasserressourcen in den Alpentälern, etwas Naturgas (Methan) und der Sonne.
 
Larderello (850 Einwohner, Gemeinde Pomerance, Provinz Pisa), wo es ein Geothermie-Museum gibt, liegt nördlich von Castelnuovo di Val Cécina und Bagno al Morbo, wo dieColline Metallifere sind. Das Elektrizitätsunternehmen ENEL (Ente Nazionale per l'Energia eLettrica) hat hier ein riesiges geothermisches Kraftwerk erstellt („San Martino“) und wirbt mit „Green Power“, begrüsst Interessierte freundlich und hat rund um die Anlage einen ausserordentlich informativen Parcours mit Schautafeln und Modellen eingerichtet. Die lehrreichen Kombinationen von Bildern und Texten auf Italienisch führen vor, was in dieser Landschaft abgeht. Sie ist nicht allein mit Elektrizitätsleitungen bestückt, sondern hauptsächlich mit isolierten, aufgebockten Chromstahlrohren, welche die kostbare Energie in flüssiger oder dampfförmiger Version zum Verbrauchern führen.
 
Bis in einen Umkreis von etwa 50 km beziehen die Häuser ihre Energie von hier. Dementsprechend sieht die muldenförmige Gegend wie ein grobmaschiges Spinnennetz aus, zwischen dem hier und dort postvulkanische Dampfschwaden (Soffioni, Fumarole) aufsteigen, in denen Bor und Schwefel enthalten sind. Das Bor wurde, wie eine Informationstafel lehrt, im 19. Jahrhundert vom französischen Industriellen François Jacques de Larderel  genutzt, aufgrund der Studien von Uberto Francesco Hoefer, der von toskanischen Apotheken als Patronatsherr verehrt wird. Bereits 1904 wurde in diesem brodelnden „Tal des Teufels“ (Valle del diavolo) ein geothermisches Kraftwerk erstellt, und die Stromerzeugung funktioniert seit 1913. Inzwischen wurde daraus eines der umfangreichsten Erdwärmekraftwerke Europas mit 3 niedrigen Kühltürmen, in dem der Naturdampf direkt in die Turbinen geleitet wird. In der Landschaft dampfen weitere Kühltürme, und obschon der Schwefel tunlichst zurückgehalten wird, rostet Eisen schneller als anderswo. Landesweit fällt der hier erzeugte Strom kaum ins Gewicht; denn die Erdwärme, die auch in Travale und am Monte Animata erzeugt wird, macht nur etwa 2 Prozent der italienischen Elektrizitätsproduktion aus.
 
Die Rückseite des grossen Werks ist mit haushohen, leicht fabrikwärts gekrümmten, leiterähnlichen, bauchigen rostroten Stelen eingefasst, Kunst neben dem Bau, für den die Italiener einen ausgeprägten Sinn haben.
 
Rund um die Teufelsküche
Der ortskundige Fernand Rausser, der hier einst Ameisen fotografiert hatte, fuhr in dieser Teufelsküche mit dem Naturpark „La Biancane“ bei Monterotondo gegen Sasso Pisanound umrundete sie über Montecerboli und Serrazzano (Ortsteil von Pomarance). Wir interessierten uns merkwürdigerweise weniger für etruskische Hinterlassenschaften und die Ausläufer der Colline Metallifere als vielmehr für kühle Getränke, die wir in der Bar „Il Bersagliere“ von Marco Pieretti (nicht: Bieretti) auffanden. Die Kühlschränke, wahrscheinlich mit den vulkanischen Gasen betrieben, stehen neben der Eingangstür. Der austretende Dampf hatte auf unserer Exkursion nicht ausgereicht, unsere Schleimhäute mit genügend Feuchtigkeit zu versorgen. Die Heimfahrt aus der Zone des Feuers gegen das Tyrrhenische Meer unter schattigen Pinienalleen war anschliessend leicht zu überstehen.
 
Die Kombination von Feuer und Wasser ergibt Dampf, den man verwerten oder einfach nur ablassen und damit verschwenden kann. Wir hatten keinerlei Anlass dazu.
 
Hinweis auf die vorangegangenen Blogs über die Italienreise
 
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