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BLOG vom 20.09.2010


Das Moral-Vakuum: Papst im säkularen Grossbritannien
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Zwar lebe ich nur knapp 5 Minuten von der Apostolischen Nuntiatur (Botschaft des Vatikans) in Wimbledon entfernt, doch die Distanz zwischen mir als Agnostiker und der katholischen Kirche könnte nicht grösser sein.
 
Papst Benedikt XVI. wurde von der britischen Königin zum Staatsbesuch eingeladen. Der Vatikan, auch der Heilige Stuhl (Holy See) genannt, ist ein Kleinststaat, in die Stadt Rom eingebettet. Nebst seinem offiziellen Besuch widmete sich Benedikt als Oberhirte der Kirche auch seiner Herde von Gläubigen und trat zuerst im weitgehend katholischen Schottland auf die Bühne. Nein, dieser Papst ist kein Schauspieler. Er ist zurückhaltend und las seinen „Hirtenbrief“ zögernd und leise vom Blatt, mit markantem deutschem Akzent. Dies geschah während des würdigen Treffens zwischen ihm und dem Oberhaupt der „Church of England“, Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, gefolgt von der ökumenischen Messe in der Westminster Abbey. Das war für meine Augen und Ohren ein pompöses und teils erfreuliches Spektakel, dank des Gesangs und des Orgelspiels, das ich am Fernsehen verfolgte. Mehr nicht. Solchen kirchlichen Pomp ertrage ich nur in kleiner Dosis.
 
Das Christentum und auch der Islam haben der Welt einzigartige Kulturschätze hinterlassen – Kathedralen und Moscheen. Die Patronage der katholischen Kirche hat eine Heerschar von Künstlern inspiriert und beschäftigt, worunter Tizian, Michelangelo, Dante, Bellini, Brunelleschi, Bach und andere Maler, Bildhauer und Komponisten von Weltklasse. Das kostete im wahrsten Sinne ein „Heidengeld“. Ich bin unter den unzähligen Nutzniessern dieses Nachlasses …
 
Der päpstliche Staatsbesuch wurde von allen Medien breitgewalzt, doch es kam nicht zu nennenswerten Protesten der Gegner des Papsts. Der Papst beklagte, bereute und entschuldigte die innerhalb der Kirche an Kindern begangenen Schandtaten. Ob das zur Absolution ausreicht, bleibe dahingestellt. Immerhin gelang es ihm, die gerechtfertigte Empörung etwas zu dämpfen – vorderhand. Das Gute und das Schlechte liegen oft nahe beisammen, auch dort, wo eigentlich das Gute vorherrschen sollte: in der Kirche. Dabei kommt es nicht auf einen Heiligen mehr oder weniger an, das sei am Rande nach der Seligsprechung des Kardinals John Henry Newman bemerkt. Der Papst hat die Missbräuche der Priester von der Sünde zum Verbrechen emporgehoben. Genügt heute das Wort Sünde nicht mehr? Darüber mögen sich die Theologen streiten.
 
Die Welt verändert sich fortzu. Wer als Kind einst in einer religiösen Familie heranwuchs, dem fehlt heute der Halt, ganz besonders im säkularen Grossbritannien mit seinem moralischen Vakuum. Jugendliche erdolchen einander sozusagen am laufenden Band, wie man der Tagespresse entnimmt. In dieser verwilderten Umwelt fehlen echte, nachahmenswerte Vorbilder. Der von der Kirche begangene Vertrauensbruch scheint mir unheilbar zu sein. Sie ist nicht mehr glaubwürdig, versteinert wie sie ist, umzingelt von Doktrinen, Edikten und Dogmen. Ist der Machtbereich des hochgelehrten Papsts derart eingeschränkt, dass er dagegen nichts vermag im orthodoxen Würgegriff von despotischen – und teils senilen – Kardinälen im „Holy See“?
 
Erstaunlich auch (wenigstens für mich) ist, dass die 3 grossen miteinander verwandten Weltreligionen – Judäism, Christentum und Islam – einander so fremd, feindlich und intolerant gegenüberstehen. Die aggressiven Atheisten – sehr im Gegensatz zu den Agnostikern – verdammen gnadenlos die Freiheit des Denkens und des Glaubens. Sie gesellen sich ebenfalls zu den unbelehrbaren, erzkonservativen Fundamentalisten.
 
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